Die Sommerzeit bleibt!

Am Wochenende ist es wieder soweit: Die Sommerzeit beginnt. In der Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren um 02.00 Uhr um eine Stunde auf 03.00 Uhr vorgestellt – die Nacht ist damit um eine Stunde verkürzt. Die Sommerzeit endet dann wieder am 25. Oktober.

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Bei Funkuhren geschieht die Zeitumstellung automatisch. Taktgeber dafür ist in Deutschland die Atomuhr der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Über einen Sender werden die Signale übertragen, durch die sich die Funkuhren automatisch der neuen Zeit anpassen.

Eine ewige Diskussion

Wie jedes Jahr gibt es auch dieses Mal natürlich wieder viele Diskussionen wegen der Umstellung – gefolgt von den immer gleichen Erklärungen. „Die Einrichtung einer gemeinsamen Sommerzeit durch die Europäische Gemeinschaft 1981 zielte darauf ab, den gemeinsamen Binnenmarkt funktionsfähig zu machen“, heißt es in einer Erklärung der EU-Kommission. 2001 trat dann die EU-Richtlinie in Kraft, die die Sommerzeit-Regelung dauerhaft festlegt.  Vor allem die Industrie habe sich für die Sommerzeit und damit einer harmonisierten Zeitzonenregelung stark gemacht.

Zu den Forderungen nach einer Abschaffung der Sommerzeit sagt Reinhard Hönighaus, Sprecher der Europäischen Kommission in Deutschland: „Diese Kommission kümmert sich um die wesentlichen Dinge für Europa und hält sich in den weniger wichtigen Dingen zurück. Die immer wiederkehrende Debatte um die Sommerzeit, so interessant sie sein mag, gehört für die Kommission nicht zu den wesentlichen Dingen.“

Die Sommerzeit macht Sinn

Dass die Sommerzeit-Regelung Sinn macht, zeigen nach Angaben der EU-Kommission zwei Studien von 2007 und 2014: Bei unterschiedlichen Sommerzeitregelungen der Mitgliedstaaten würden die Kosten zum Beispiel der Energieversorger steigen. Aber auch für die Bürger ist die Sommerzeit laut dieser Studien von Vorteil. Sie sorge nicht nur für – wenn auch überschaubare – Energiesparnisse im Privathaushalt, auch die Freizeitmöglichkeiten seien für jeden Einzelnen durch die zusätzliche helle Abendstunde vielfältiger.

Die Geschichte der Sommerzeit

Die Geschichte der Sommerzeit in Europa geht bis auf den Ersten Weltkrieg zurück. Europäische Staaten stellten während des Ersten Weltkriegs probeweise die Uhr vor – um Kohle zu sparen. In der Ölkrise in den 70er Jahren gewann die Idee erneut an Popularität. Das Resultat waren verschiedene Sommerzeitregelungen in der Europäischen Gemeinschaft, da nicht alle Mitgliedstaaten parallel an der Uhr drehten – ganz im Gegensatz zu heute.

Hier der Link zum Europa-Blog in der Stuttgarter Zeitung

Die verhängnisvolle Falle der atemlosen Berichterstattung

Die Berichterstattung zum Absturz der Germanwings-Maschine sorgt für große Diskussionen. Hier einige Gedanken zum Thema.

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Wir sind also entsetzt. In diesem Fall nicht nur über die Tragödie um den Germanwings-Absturz. Wir sind auch entsetzt darüber, wie „die Medien“ darauf reagieren und damit umgehen. Aber können wir wirklich erstaunt sein, dass Blätter wie die „Bild-Zeitung“ oder Sender wie „RTL“ so arbeitet wie sie arbeitet. Dass Namen und Bilder veröffentlicht werden? Dass Reporter vor Ort in Montabaur oder den französischen Alpen jeden Stein umdrehen? Sicher nicht.

Das heißt allerdings nicht, dass wir das akzeptieren müssen oder dürfen. In diesem Sinne ist die Aufregung über diese Art der Berichterstattung richtig – sie ist ein Korrektiv, auch für den Boulevard. Und dass dieses Korrektiv funktioniert, zeigen die vielen Rechtfertigungsversuche – auch von Seiten der „Bild-Zeitung“.

Wie reagieren die seriösen Medien?

Die Frage ist eher: wie arbeiten und reagieren die „seriösen“ Medien? In deren Berichterstattung wird in der Regel das Bemühen deutlich, allen Betroffenen  ihre Würde zu lassen. Natürlich sind auch die „seriösen“ Reporter vor Ort. Auch sie fragen die Bäckereifachverkäuferin aus oder den Leiter der Flugschule. Sie machen ihre Arbeit als Journalisten, sie sammeln erst einmal Fakten, Stimmen, Eindrücke. Dafür sind die Reporter nicht zu geißeln, solange sie dies in dem gegebenen Rahmen machen und nicht die Grenze von der Recherche zum „Witwenschütteln“ überschreiten. Bei aller Kritik ist zu bedenken, dass diese Reporter unter großem Druck arbeiten – sei es durch die Zeit oder durch den erwarteten Erfolg bei der Recherche.

Entscheidend ist allerdings, was in den Redaktionen aus diesen Informationen gemacht wird. Dort müssen die Texte der Leute vor Ort mit Sorgfalt redigiert werden. Da muss nicht nur sprachlich gefeilt werden, sondern an vielen Ecken auch „das Gas rausgenommen werden“. Dann nämlich, wenn die Reporter im Eifer der Recherche zu weit gegangen sind und dabei die Grenzen der Pietät überschritten haben.

Was machen die Onliner?

Das funktioniert bei den meisten seriösen Zeitungen in Deutschland ganz gut. Manche dieser Zeitungsmacher schielen im Moment wohl etwas neidisch in den angelsächsischen Raum, wo es „normal“ ist, dass Bilder von Tätern und Opfern unverpixelt veröffentlicht und Namen genannt werden – auch von den „seriösen“ Medien. Das zeigte sich auch bei der Berichterstattung über den Germanwings-Absturz.

Schwieriger wird die Sache mit der Zurückhaltung bei den Online-Medien. Dort herrscht ein unheimlicher Zeitdruck, unter dem bisweilen alle Grenzen ignoriert werden. Zu diesem Thema hat Alice Bota in der Zeit einen klugen Text geschrieben.

Sie schreibt: Hier der Link zum ganzen Text 

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„(…) Die Nachricht vom Unglück wird überspült von der Flut der darauffolgenden Meldungen. Es gibt keine Hierarchisierung, keine Einordnung, keine Erklärung, im Live-Ticker erscheint alles gleich wichtig: die Zahl der Opfer und die Nachrichten über den Copiloten Andreas L. ebenso wie Ann-Kristin G., die fast mitgeflogen wäre oder welche Politiker nun welche Kontrollen fordern. Medien folgen so der Logik von Twitter und Facebook. Aber sie sind nicht Twitter, auch nicht Facebook. Das Berichten in Echtzeit verstümmelt jede Wirklichkeit, wenn gerade nichts passiert. Es wird zum Selbstzweck. (…)“

Allerdings zeigt gerade der Aufmacher in der Wochenzeitung „Die Zeit“, dass das Problem nicht nur ein Problem der Live-Ticker ist.

Die atemlose Berichterstattung

Tatsache aber ist: Mit der atemlosen Berichterstattung, wie sie im Fall des Germanwings-Absturzes auch von manchen „seriösen“ Medien an den Tag gelegt wurde, zerstören eben diese Medien das Fundament auf dem sie stehen. Sie verlieren die Glaubwürdigkeit – das höchste Gut im Journalismus.

Im Gegensatz zu Blogs dürfen sie keinen Betroffenheitsjournalismus betreiben, sie dürfen nicht einfach nur Informationen in die Welt blasen. Ihre Aufgabe ist es, Informationen zu sammeln, zu sichten und zu hierarchisieren. In der unendlichen Flut der Meldungen müssen sie den Leser die Richtung vorgeben: was ist wichtig oder unwichtig. Und manchmal müssen sie auch erklären, was richtig und was falsch ist.

Leuchtturm im tosenden Meer der Informationen

Das ist die Zukunft der seriösen und unabhängigen Medien im Zeitalter des Internets. Sie sind Leuchttürme im Meer der Informationen. Das bedeutet, dass die Redakteure standhalten müssen, auch wenn die scheinbar wichtigen Nachrichten ihnen in unglaublichen Massen entgegenbranden. Das verlangt nicht nur ein großes Maß an Gelassenheit und Professionalität, sondern auch an Mut. Aber der zahlt sich langfristig aus.

Hier noch einige Lesehinweise zum Thema:

– Text in Meedia über den heftig kritisierten Titel bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ 

– “Wer es ernst meint mit seinem Job, hat die Pflicht zur Aufklärung”: Mathias Müller von Blumencron über den Umgang mit    der Täteridentität 

– „Schwelgen im Leid der Betroffenen“ aus Deutschlandradio Kultur.

– Trauer in Live-Tickern? Wie Medien mit dem Flugzeugabsturz umgehen. 

Was lernen die Medien aus dem Germanwings-Absturz?

Der Umgang der Medien mit der Germanwings-Katastrophe in Frankreich hat zu einer großen Kontroverse geführt. Vor allem im Internet tun sich Abgründe auf. Mit diesen Gedanken erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielleicht können sie aber helfen, sich dem Kern des Themas zu nähern.  

Twitter-Nutzer „Volker“ bringt es auf den Punkt: Twitter sei im Angesicht solcher Katastrophen ein Fluch und ein Segen.

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Fakt ist: der Nachrichtendienst ist eine gute Sache, wenn es darum geht, Informationen zu verbreiten. Es ist ein sehr gutes Recherche-Instrument für Journalisten – gerade im Fall von Unglücken, weil es viele Informationen aus erster Hand gibt, von Augenzeugen, die ihr Handy zücken, Fotos machen, ihre Eindrücke schildern.

Die Plicht der Journalisten

Allerdings muss mit diesen Informationen von Journalisten professionell umgegangen werden – gerade im Fall von Katastrophen. Es sind in den meisten Fällen sehr subjektive Eindrücke, die über Twitter oder Facebook verbreitet werden. Das bedeutet, dass die Informationen aus den sozialen Netzwerken mit besonderer Sorgfalt ausgesucht und bewertet werden müssen. Dann kann Twitter tatsächlich ein Segen für Journalisten und den Journalismus sein.

Im Fall des Absturzes der Germanwings-Maschine war Twitter – zumindest in den ersten Stunden – aber ein Fluch. Schnell wurde deutlich, dass es kaum gesicherte Informationen zu dem Crash gab, dennoch stieg die Zahl der Kommentare in den sozialen Netzwerken steil an. Vor allem wilde Spekulationen und Beileidsbekundungen machten die Runde. Von Tokio Hotel über Oliver Pocher bis Boris Becker drückten auch zahlreiche Stars ihr Beileid aus. Wollen wir das wissen? Wohl eher nicht. Ist es zu verurteilen – was viele Nutzer in wütenden Kommentaren tun? Nein! Keinem kann vorgeschrieben werden, wie er mit seiner Trauer umzugehen hat. Die sozialen Netzwerke haben sich für viele Nutzer zu einer Wie-fühle-ich-mich-heute-Plattform entwickelt. Da gehört die Trauer auch dazu. Unter anderem dazu schreibt auch Sascha Lobo. Hier der Link zu Sascha Lobo. 

Einfach mal die Klappe halten

Auf einem anderen Blatt aber steht, was Informationsprofis im Netz treiben. Der Twitter-Nutzer „myquestion“ weist darauf hin, dass  die Medienvertreter  manche Dinge auch einfach einmal unkommentiert lassen sollten.

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Das ist ein frommer Wunsch, wird sich allerdings nie erfüllen. Gerade seit der „Erfolg“ der Berichterstattung im Internet über die Klickzahl sehr einfach zu messen ist, werden die üblichen Verdächtigen sich nicht zurückhalten, auch Grenzen zu überschreiten. Denn Klicks bedeuten nicht nur Aufmerksamkeit, sie bringen auch bares Geld. Im „Bildblog“ sind die leider oft erwartbaren  Reaktionen vieler Medien zusammengefasst. Hier der Link zu Bild-Blog

Einen Totalausfall hatten offensichtlich die Verantwortlichen bei  „RP Online“. Dort war  eine 14-teilige Klickstrecke von trauernden – wenigstens verpixelten – Angehörigen der Absturzopfer  veröffentlicht. Nach einem Sturm der Entrüstung wurde die Strecke dann wieder aus dem Netz genommen. An solchen Bilder von trauenden Angehörigen nahmen viele Internet-Nutzer zurecht Anstoß. Der Informationswert solcher Fotos tendiert gegen Null. Natürlich haben alle Zeitungen und Online-Portale solche Bilder gezeigt – auch aus dem Grund, das ganze Bild der Katastrophe zu zeigen. Allerdings gibt es auch hier die Möglichkeit, das menschliche Drama zum Ausdruck zu bringen, aber nicht voyeuristisch zu sein.

Großes Interesse an „Nicht-Meldungen“

Bisweilen scheint es müßig, solche Auswüchse zu geißeln. Keines der Krawallmedien wird deshalb von seiner Strategie abweichen. Zu groß ist das Interesse an den Dingen, die viele von uns als „Nicht-Meldungen“ bezeichnen würden.  Jens Schröder analysierte auf Meedia.de, dass vor allem auch  Nichtigkeiten geklickt werden.   RP Online erreichte mit einem Bericht darüber, dass „TV total“ ausfallen würde, über 9.000 Flies. Focus Online mit einem Text über den weitgehend unbekannten Rapper Moneyboy und dessen geschmacklosen Witzen auf Kosten der Unglücksopfer 8.000 Flies. Hier der Link zu Meedia 

Allerdings ist es notwendig, immer wieder zu betonen, dass es gewisse Standards in der Berichterstattung gibt.  Dass auf dem Boulevard noch ein gewisses Unrechtsbewusstsein herrscht, zeigen in solchen Situationen immer wieder die Rechtfertigungsversuche der Macher von Bild-Zeitung und Co.

Ein existenzielles Problem der Journalisten

Zweifelhaft ist aber nicht nur der voyeuristische Blick auf die Katastrophe. Mehr als problematisch ist auch das Beteiligen an Spekulationen – oder die Verbreitung von offensichtlichen Unsinnsmeldungen. So twitterte ein Bild-Reporter, dass ein Gewitter Grund für den Absturz des Airbus sein könne. Eine Ein-Minuten-Recherche hätte gezeigt, dass diese Vermutung Unfug ist. Mit solchen Dingen untergraben die Journalisten nicht nur ihre eigene Glaubwürdigkeit, sondern auch die der hart und seriös arbeitenden Kollegen. Das ist ein existenzielles Problem, denn die Glaubwürdigkeit ist das letzte Pfund, mit dem die seriösen Medien noch punkten können.

Auch seriöse Medien straucheln

Als positive Beispiele werden im Fall des Absturzes der Germanwings-Maschine im Moment immer wieder zeit.de und sueddeutsche.de genannt. Diese beiden Portale haben sich tatsächlich bemüht, sich nicht an Spekulationen zu beteiligen und sich auf gesicherte Fakten zu konzentrieren. Exemplarisch steht hier der Artikel „Was wir wissen und Was wir nicht wissen“.

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Dass allerdings auch diese Qualitätsmedien unter diesen hektischen Bedingungen nicht immer ganz stilsicher sind zeigt ein Text darüber, dass eines der Opfer aus Bayern kommt. Titel: „Das Unglück erreicht Bayern“. Eine Umdrehung weniger hätte es in der Überschrift auch getan.

Auch die Wochenzeitung „Die Zeit“ liegt mit ihrem aktuellen Titel ziemlich daneben. Hier wurde offensichtlich unter Zeitdruck schnell etwas zusammengezimmert, was auf wenig Fakten beruhte und aus diesem Grund auch ebenso wenig Bestand hatte.

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Dafür hat sich die stellvertretende Chefredakteurin Sabine Rückert auf Twitter schnell entschuldigt. Hier der Link zum Tweet von Sabine Rückert. 

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NACHTRAG:

Inzwischen hat sich B.Z.-Chefredakteur Peter Huth zu Wort gemeldet. Er hält die Debatte, ob man grundsätzlich Angehörige der Opfer des verunglückten Germanwings-Fluges zeigen darf, für „nicht zielführend und realitätsfern“. Wenn Journalismus seiner Aufgabe nachkommen soll, die Dinge, so wie sie sind, zu zeigen und zu erklären, brauche es einfach Emotionen. Und diese würden nun mal über Menschen transportiert. “Nur über Emotionalität kann man eine solche Katastrophe vermitteln. Wenn ein Medium nur Pressemitteilungen drucken würde, wäre es dem Leser unmöglich, eine solche Tragödie zu verstehen.“, erklärt Huth gegenüber MEEDIA. Schließlich sei es “unsere Aufgabe, die Wirklichkeit abzubilden, und die ist leider nicht immer nur schön.“ Hier der Link zum Artikel in Meedia

Zweiter Nachtrag:

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat die große Zahl von Experten kritisiert, die in der Berichterstattung über den Flugzeugabsturz in Frankreich über mögliche Ursachen spekulieren. Die zahlreichen Mutmaßungen von Fachleuten verwirrten die Öffentlichkeit eher, sagte der Vorsitzende Michael Konken am Donnerstag im Radiosender WDR 5: „Da sollte man sich ein bisschen mehr zurückhalten.“ Zugleich appellierte die nordrhein-westfälische Landesregierung an die Medien, sensibel mit den Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes umzugehen.
Ethische Grenzen wurden nach Konkens Einschätzung in der bisherigen Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen eingehalten. Nur in Einzelfällen seien in Online-Medien unverpixelte Bilder von Angehörigen gezeigt worden. Im Großen und Ganzen hätten die Journalisten aber Respekt vor den Angehörigen gehabt, sagte der DJV-Vorsitzende.
Aus der Stadt Haltern, wo 16 ums Leben gekommene Schüler und zwei Lehrerinnen lebten, habe man natürlich berichten müssen. „Auch da hat man den Abstand gewahrt“, sagte der DJV-Vorsitzende. Nur einzelne Fragen wie die nach der „Stimmung in der Schule“ hätten ihn geärgert. Auf der anderen Seite müsse man auch Verständnis für Kollegen haben, die in solchen Situationen schnell Meldungen absetzen müssten. Konken regte an, in der Journalistenausbildung künftig stärker auf schwierige Situationen in der Berichterstattung vorzubereiten.
Die nordrhein-westfälische Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien, Angelica Schwall-Düren (SPD) kritisierte, es gebe immer wieder einzelne Vertreter, die Angehörige bedrängten oder in der Nachbarschaft und im Freundeskreis der Opfer versuchten, an Informationen oder Fotos zu kommen. „Das ist genau das, was die Menschen jetzt nicht gebrauchen können“, mahnte sie. Die Hinterbliebenen bräuchten Respekt und Schutz für ihre Trauer. Schwall-Düren sagte, das Entsetzen über das Unglück nehme mit den Tagen eher zu als ab. Die Ministerin berichtete, dass Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) für Donnerstag weitere Gespräche mit Betroffenen in Nordrhein-Westfalen geplant hat.
Der Deutsche Presserat hat am Mittwoch an die Medien appelliert, in der Berichterstattung über den Flugzeugabsturz den Schutz der Persönlichkeit der Opfer und ihrer Angehörigen zu achten. Nach den Richtlinien des Pressekodexes haben Opfer von Unglücksfällen einen Anspruch auf besonderen Schutz ihrer Identität. „Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen“, heißt es im Pressekodex. „Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.“ Dem Selbstkontrollgremium liegen nach eigenen Angaben bereits mehrere Beschwerden gegen Medienberichte zum Thema vor.
Dritter Nachtrag
Und hier noch ein Lesetipp aus Meedia, wie die verschiedenen Zeitungen mit dem Bild des Germanwings-Piloten umgehen, der wahrscheinlich die Maschine zum Absturz gebracht hat. Hier ist der Link auf den Text 

Statistiken trösten nicht

Bei einer der schlimmsten Katastrophen für die deutsche Luftfahrt sind am Dienstag offenbar alle 150 Insassen einer Germanwings-Maschine in Frankreich ums Leben gekommen.Unter den Opfern sind nach Angaben der Lufthansa-Tochter Germanwings vermutlich 67 Deutsche. Die Ursache für den Absturz des Airbus A320 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf blieb zunächst unklar.

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Hier mein Kommentar aus der Stuttgarter Zeitung:

Die deutsche Luftfahrt  steht vor der größten  Katastrophe  ihrer jüngeren Geschichte. Früh hatten sich die  schlimmsten Befürchtungen  bestätigt: keiner der 150 Passagiere an Bord des  Germanwings-Fluges hat den Absturz in Frankreich überlebt.Der Schock für die  Angehörigen kann kaum beschrieben werden. Sie haben  Eltern, Geschwister oder die eigenen Kinder verloren. Manche werden mit diesem schrecklichen Verlust für den Rest ihres Lebens zu kämpfen haben.

Die Trauer dieser Menschen ist nicht abhängig davon, wie viele Passagiere bei dem Crash den Tod gefunden haben. Die Tragik der großen Zahl empfinden eher jene, die gar nicht unmittelbar von dem Absturz betroffen sind. Es ist nicht nur die hohe Zahl der Toten, es ist auch die  Nähe des Unglücks, die dieses Mal  zum Nachdenken zwingt. Die meisten Flugreisenden sind in ihrem Leben wahrscheinlich schon einmal mit Germanwings geflogen, viele auch nach Spanien und mit Sicherheit saßen sie dabei in einem Airbus A320. Und hatte man sich bei deutschen Fluggesellschaften insgeheim nicht etwas sicherer gefühlt als bei anderen Airlines?

Die Statistik sagt: Fliegen ist sicher

Und dennoch: Fliegen ist so sicher wie nie zuvor.  Diesen Satz nach solch einer Katastrophe zu schreiben scheint zynisch, ja unmenschlich. Er ist aber eine Tatsache. Bei mehr als vier Milliarden Fluggästen jährlich liegt das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz zu sterben, bei rund 0,00001Prozent. Eine solche Zahl klingt viel zu niedrig, als dass Nichtmathematiker sie rational einordnen könnten. Das Gefährlichste an einer ganzen Reise ist folglich  die Anfahrt zum Flughaben.  Der Absturz der Maschine führt aber erneut   vor Augen, dass es keine hundertprozentige Sicherheit im Flugverkehr geben kann  – das ist eine andere, weniger beruhigende Aussage der Absturzstatistiken. Jeder Bolzen kann brechen, jedes Instrument aussetzen und jeder Pilot in einer Stresssituation falsche Entscheidungen treffen. Ein Flugzeug besitzt hunderte von Fehlerquellen. Das Ziel der Luftfahrt der vergangenen 100 Jahre war es, die Zahl der Probleme zu minimieren – am meisten gelernt haben die Ingenieure dabei aus den Fehlern.

Aus Abstürzen lernen

So gesehen ist die Geschichte des technischen Fortschritts auch eine Geschichte der Unglücke und Katastrophen. Das gilt für die Dampfmaschinen wie für Autos, Elektrogeräte, Kernkraftwerke oder eben auch Passagierjets. So makaber es klingen mag – aber praktisch jeder Absturz in der Luftfahrt hat das Fliegen sicherer gemacht. Einzelne mechanische Probleme, die einst verhängnisvolle Katastrophen auslösen konnten, stellen heute kein Problem mehr dar. Zweistrahlige Passagierjets können sich inzwischen auch mit einem ausgefallenen Triebwerk mehr oder weniger problemlos in der Luft halten und landen. Die Systeme an Bord der Flugzeuge sind doppelt und dreifach abgesichert.

Die Ursachen suchen

Aus diesem Grund ist es umso wichtiger zu klären, was zu dem Crash des A320 in Frankreich geführt hat. Verfehlt und völlig unverantwortlich wäre es, schon zum jetzigen Zeitpunkt über mögliche Absturzursachen zu spekulieren. Natürlich werden nun wieder die Probleme und Schwierigkeiten zitiert, die es gerade bei Billigfluglinien wie Germanwings immer wieder geben soll. Da ist vom Spardruck bei Sicherheitsüberprüfungen die Rede oder von gehetzten und übermüdeten Piloten. Aller Kritik zum Trotz belegen Unfallforscher aber, dass Billig-Airlines nicht weniger sicher sind als die anderen, teureren Linien.

Ziel muss es also nun sein, die Ursachen für die Katastrophe zu finden. Sehr wahrscheinlich werden die Ingenieure nach der akribischen  Auswertung der Blackbox erklären können, was den Airbus zum Absturz brachte – und damit wird das Fliegen in Zukunft wieder etwas sicherer werden. Für die Hinterbliebenen der Opfer wird das allerdings kein  Trost sein.

Europa auf dem Weg zu sich selbst

Die Krisen, die Europa zu schaffen machen, sind nicht nur eine Gefahr. Aus ihnen hat sich auch Positives entwickelt.

15.03.23-donbass In der Ukraine wird gekämpft, Europa muss sich positionieren.

Krise, wohin das Auge blickt. Wann war Europa zuletzt mit so vielen existenziellen Problemen konfrontiert? Griechenland, Ukraine, islamistischer Terror und Flüchtlinge sind nur einige  Schlagworte. Europa kämpfe ums Überleben, warnen die Pessimisten und finden  Widerhall in Bewegungen wie Pegida. Doch trifft diese Warnung zu, liegt der Kontinent tatsächlich in seinen letzten Zügen? Oder ist nicht das genaue Gegenteil der Fall, dass Europa nicht seinem Ende entgegentreibt, sondern sich am Anfang einer  schmerz­haften, aber überlebensnotwendigen Neuorientierung befindet?

Viel gelernt aus der Krise

Tatsache ist, dass Europa während dieser  Krisenjahre vieles gelernt hat – auch über sich selbst. So ist es gelungen, den Euro bisher vor dem Kollaps zu retten. Zugegeben, da wurde der Wortlaut mancher Verträge  verbogen,  Rettungsschirme für Staaten und Banken  zusammengeflickt, deren Klebstoff oft Halbwahrheiten und vage Versprechungen waren. Der Euro ist noch nicht endgültig gerettet, aber er hat bis jetzt überlebt. Und: Europa ist enger zusammengerückt, hat sich vertieft – auch ohne Reform der Brüsseler Institutionen. Die  Technokraten der Macht mussten erkennen, dass Europa mehr ist als nur das rigide Umsetzen von Vorschriften. Das autoritäre Auftreten der Troika in Athen hatte die Probleme verschärft. Dem haben sich die Griechen auf friedliche Weise widersetzt und eine neue Regierung gewählt. Sie sind nicht nur wütend über das „Spardiktat“, sie wollen auch ein Ende der Korruption im Land. Das ist ein Sieg der Demokratie, den es zu nutzen gilt. Athen und die EU haben die Chance, einen Kompromiss zu erarbeiten, der Griechenland das wirtschaftliche Überleben sichert, aber so schmerzhaft sein muss, dass kein  Staat je wieder auf die  Idee kommt, den einstigen Athener Schlendrian zum Vorbild zu nehmen. Das kann der Anfang einer ehrlicheren EU-Politik sein.

Ehrlichkeit ist gefordert

Ehrlichkeit ist auch in der  Außenpolitik gefordert. In der Ukraine-Krise kämpft eine ökonomische Weltmacht  gegen die militärische Supermacht Russland. Europa zeigt dabei, wo seine Stärken liegen und wie es sein Potenzial gegen eine direkte Bedrohung einsetzen kann. Nicht Säbelrasseln, sondern Diplomatie und die Ökonomisierung der Auseinandersetzung heißt der Weg. Das dauert quälend lange, ist wenig spektakulär und konnte nicht verhindern, dass Tausende Menschen gestorben sind. Europa aber hat erkannt, dass dieser Konflikt nicht mit Waffen geführt werden darf – und ist damit auf dem besten Weg, sich außenpolitisch dauerhaft von den USA zu emanzipieren.

Neue Rolle Europas

Auch im Kampf gegen den Islamismus hat sich Europa zu lange auf die USA verlassen. Fast blindwütig hat Washington den Mittleren Osten mit dem „Krieg gegen den Terror“ überzogen und sich dabei strategisch und militärisch verrannt. Plötzlich sieht sich Europa immer stärker in der Rolle des Gestalters. Deutschland etwa engagiert sich in den Kurdengebieten im Nordirak besonders stark. Diese Aufgabe ist nicht schön, liegt aber in unserem ureigenen Interesse, schließlich  ist die Region Europas Nachbarschaft.

Von Gewohnheiten verabschieden

In dieser Zeit der Konflikte muss sich Europa  von vielen lieb gewonnenen Gewohnheiten verabschieden. Zu lange haben wir  die Augen vor Problemen verschlossen, uns versteckt oder die Drecksarbeit von ­anderen erledigen lassen. Die Krise zerrt Europa  aus dem Ungefähren heraus. Sie hat das Zusammenwachsen des Kontinents beschleunigt, in der Auseinandersetzung mit dem Islam wurde eine Wertediskussion begonnen, wir sind auf dem Weg zur Emanzipation von den übermächtigen USA, und das Verhältnis zu Russland ist  realistischer geworden. Wir stehen erst am Anfang eines langen, schmerzvollen Prozesses. Das ist  aber die Chance, dass das ewig zweifelnde Europa am Ende zu sich selber findet.

Eine Chance für die Türkei

Der Einfluss des inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalans ist ungebrochen. Wer daran gezweifelt hatte, wurde durch die Feiern zum kurdischen Neujahrsfest Newroz eines besseren belehrt.

15.03.22-newrozNewroz-Feier in Diyabakir

Die zentrale Newroz-Feier in Diyarbakir mit wahrscheinlich über einer Million Teilnehmern Die Menschenmenge erstreckt sich bis zum Horizont. Über den Köpfen ein Meer an Flaggen, die meisten davon sind in der Türkei illegal: Sie zeigen etwa das Konterfei Öcalans oder das PKK-Symbol, einen grünen Stern in gelbem Kreis auf rotem Grund. Linke Kampflieder werden gespielt, die Internationale dröhnt aus den Boxen.

Hoffnung auf Frieden

Die Feierlaune der Kurden wird auch genährt durch die Hoffnung, dass der Konflikt mit der türkischen Regierung in Ankara endlich beigelegt werden könnte. Die Hoffnung schürte Öcalan selbst. In einer Botschaft zum Neujahrsfest rief er seine Bewegung auf, einen Kongress zu organisieren, „um den 40 Jahre langen Kampf gegen die Türkische Republik zu beenden“. Zudem verzichtet er auf einen eigenen Kurdenstaat.

Das Ende des Kampfes

Das Ende des bewaffneten Kampfes der kurdischen Arbeiterpartei PKK scheint also zum Greifen nahe. Auf beiden Seiten aber ist das Misstrauen nach dem jahrzehntelangen Kampf riesengroß. Die Nationalisten unter den Türken halten Öcalan noch immer für den größten Staatsfeind in der Republik. Viele Kurden verdächtigen Präsident Erdogan, sie nur als Stimmvieh für die nächste Wahl im Juni missbrauchen zu wollen. Auch seine langanhaltende Weigerung, Unterstützung für die vom IS bedrängten Kämpfer in Kobane zuzulassen, hat sein Image bei den Kurden in der Türkei ruiniert.

Zweifel gegenüber Erdogan

Der Verdacht gegenüber Erdogan ist nicht unbegründet. Denn tatsächlich braucht er die Stimmen der Kurden für seine geplante Verfassungsänderung, mit der er sich noch mehr Macht verschaffen will. Der türkische Präsident wäre aber gut beraten, das größere Bild zu sehen. Der Konflikt mit den Kurden ist für die Türkei eine schwere Bürde. Er bindet militärische Kräfte, die das Land zur Abwehr äußerer Gefahren dringend braucht. In den Nachbarländern Irak und Syrien toben blutige Bürgerkriege. Die IS-Terrormiliz könnte früher oder später versuchen, auch die Türkei ins Fadenkreuz zu nehmen. Nur eine Türkei, die ihre inneren Konflikte löst, wird stark genug sein, einer solchen Bedrohung standzuhalten. Deshalb liegt es auch im Interesse der EU und der Nato, dass die Türkei und ihre Kurden endlich Frieden schließen.

HINTERGRUND zu den Kurden:

Der gewaltsame Konflikt der türkischen Regierung mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK dauert schon 30 Jahre. Dabei kamen bislang rund 40 000 Menschen ums Leben.

Die Türkei, die Europäische Union und die USA stufen die PKK als Terrororganisation ein. PKK-Führer Abdullah Öcalan sitzt seit 1999 auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali in Haft. Das Hauptquartier der Organisation liegt in den irakischen Kandil-Bergen.

Die türkische Regierung und die PKK bemühen sich um einen Friedensprozess. Im März 2013 erklärte die PKK eine Waffenruhe. Bald darauf begann die PKK, ihre Kämpfer aus der Türkei abzuziehen. Im September setzte sie den Abzug allerdings aus, weil sie mangelndes Entgegenkommen der türkischen Regierung beklagte.

Ende Februar kam wieder Bewegung in die Friedensverhandlungen: Kurdenführer Öcalan rief seine Anhänger dazu auf, eine Niederlegung der Waffen zu beschließen.

Etwa 24 Millionen Kurden leben über die Länder Türkei, Irak, Iran und Syrien verteilt. Sie bezeichnen sich als größtes Volk ohne eigenen Staat. In der Türkei machen die Kurden etwa 18 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Der Islam kann modernisiert werden

Ercan Karakoyun, Vorsitzender der Gülen-nahen Stiftung Dialog und Bildung, verlangt mehr Engagement von den Muslimen in Deutschland

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Frage: Herr Karakoyun, das Bundesverfassungsgericht hat vor einigen Tagen das Kopftuch-Verbot aufgehoben. Ist das eine gute oder eine schlechte Entscheidung?

Antwort: Eine gute Entscheidung! Es ist ein wichtiger Schritt für die Akzeptanz von Muslimen in Deutschland. Der Spruch hat auch mein Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht gestärkt, weil ich sehe, dass die Religionsfreiheit in Deutschland einen großen Wert hat.

Frage: Können Sie die Ängste von Eltern verstehen, die nicht wollen, dass ihr Kind von einer Lehrerin mit Kopftuch unterrichtet wird?

Antwort: Die kann ich natürlich verstehen. Ich bin aber überzeugt, dass wir uns dem Thema offen nähern und darüber diskutieren müssen. Das Urteil ist ein Schritt in Richtung Normalisierung. Das wird mittel- bis langfristig dazu führen, dass das Kopftuch als Teil dieser Gesellschaft anerkannt wird.

Frage: Das Kopftuch-Urteil fällt in eine Zeit, in der heftige Diskussionen über die Rolle des Islam geführt werden. Die Anschläge in Paris auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ und das blutige Wüten des Islamischen Staates zeichnen ein dunkles Bild. Ist der Islam eine gewalttätige Religion?

Antwort: Wenn Sie mich fragen, ob die Anschläge in Paris und die IS-Terroristen etwas mit dem Islam zu tun haben, sage ich: Nein, das hat nichts mit dem Islam zu tun! Aber die Bluttaten haben etwas mit den Muslimen zu tun. Der Islam ist eine Religion, die die Menschenrechte und die individuellen Werte schützt. Aber dass solche Dinge im Namen des Islam passieren, zeigt uns als Muslime, dass wir in der muslimischen Gemeinschaft eine Diskussion in Gang setzten müssen, die wir bisher versucht haben zu vermeiden.

Frage: Das heißt, es muss auch darüber geredet werden, dass viele junge Muslime aus Deutschland nach Syrien in den Krieg ziehen. Was läuft da schief?

Antwort: Um solche Entwicklungen zu verhindern, muss mehr in die Bildung und den Dialog investiert werden. Nur durch Bildung kann man die Menschen dazu bringen, differenziert und bewusst zu handeln. Und nur durch den Dialog kann man erreichen, dass sich Menschen begegnen und Vorurteile abbauen. Wir als Muslime müssen da viel mehr Verantwortung übernehmen.

Frage: Von den Spitzen der muslimischen Verbände werden diese Probleme immer wieder öffentlich angesprochen. Aber reicht das? Was geschieht an der Basis, was machen die Imame in den Moscheen?

Antwort: Tatsache ist, dass es eine Elite gibt in der türkischen Gemeinschaft, die sich mit diesen Problemen auseinandersetzt und sie diskutiert. Das alles wird aber nicht bis hinunter in die Gemeinden und die Moscheen kommuniziert. Daran müssen wir arbeiten.

Frage: Dem Islam wird vorgeworfen, dass er noch immer interpretiert wird, wie er vor vielen Jahrhunderten niedergeschrieben worden ist. Wie kann das verändert werden?

Antwort: Das passiert eigentlich ständig. Der Religionsgelehrte Fethullah Gülen sagt, dass der Islam immer in seiner ganz speziellen Zeit verstanden werden muss. Es gibt in der muslimischen Religion das Prinzip des Idschtihad. Das heißt, der Koran kann interpretiert und der Islam den modernen Zeiten angepasst werden.

Frage: Wieso dann aber der Vorwurf des Stillstandes?

Antwort: Das Prinzip des Idschtihad wird in unserer Zeit zu selten angewandt, weil es zu wenige Menschen gibt, die das notwendige Wissen dazu haben. Zu viele Muslime berufen sich auf den Koran und ignorieren, in welchem Zusammenhang, unter welchen Umständen und in welchem historischen Zusammenhang ein Vers offenbart worden ist.

Frage: Das heißt, auch eine Trennung von Staat und Kirche ist im Islam möglich?

Antwort: Die Trennung von Staat und Religion ist sogar erforderlich. Diese Trennung hat es in der Geschichte des Islam zudem schon oft gegeben. Und sie ist erforderlich, da sonst die Religion zu einer bloßen politischen Ideologie verkommt und von der Politik instrumentalisiert werden kann – wie das im Moment der ‚Islamische Staat’ demonstriert.

Frage: Glauben Sie an einen europäischen Islam?

Antwort: Ich glaube, wir brauchen europäische Muslime. Also Muslime, die versuchen, den Islam in Europa zu leben und so zu interpretieren, dass er der heutigen Zeit gerecht wird.

Informationen über Hizmet:

Wohl keine islamische Bewegung wird in Deutschland so gegensätzlich beurteilt wie „Hizmet“ (Der Dienst). Sie beruft sich auf den türkischen Prediger Fethullah Gülen und ist die am schnellsten wachsende Strömung unter Bürgern mit türkischen Wurzeln. Rund 300 Vereine betreiben 24 staatlich anerkannte Privatschulen und etwa 150 außerschulische Nachhilfeeinrichtungen. Offiziell gibt es in keiner dieser Einrichtungen eine islamische Unterweisung. Die Absolventen dieser Schulen bilden eine neue, in sozialmoralischer Hinsicht konservative Bildungselite, die den Kontakt zur Politik, zur Verwaltung und zur Öffentlichkeit sucht. Dazu wurde die Stiftung Bildung und Dialog ins Leben gerufen.

Der Gülen-Bewegung wird vom Verfassungsschutz in Baden-Württemberg vorgeworfen, dass einige Schriften, die Fethullah Gülen in der Vergangenheit publiziert hat, „inhaltlich zu einzelnen Bestandteilen der freiheitlich demokratischen Grundordnung im Widerspruch stehen“. Dennoch wird die Bewegung nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Denn es gebe „keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür, dass die ‚Gülen-Bewegung‘ gezielt Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung verfolgt“.