Was lernen die Medien aus dem Germanwings-Absturz?

Der Umgang der Medien mit der Germanwings-Katastrophe in Frankreich hat zu einer großen Kontroverse geführt. Vor allem im Internet tun sich Abgründe auf. Mit diesen Gedanken erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielleicht können sie aber helfen, sich dem Kern des Themas zu nähern.  

Twitter-Nutzer „Volker“ bringt es auf den Punkt: Twitter sei im Angesicht solcher Katastrophen ein Fluch und ein Segen.

15.03.26-volker-tweet

Fakt ist: der Nachrichtendienst ist eine gute Sache, wenn es darum geht, Informationen zu verbreiten. Es ist ein sehr gutes Recherche-Instrument für Journalisten – gerade im Fall von Unglücken, weil es viele Informationen aus erster Hand gibt, von Augenzeugen, die ihr Handy zücken, Fotos machen, ihre Eindrücke schildern.

Die Plicht der Journalisten

Allerdings muss mit diesen Informationen von Journalisten professionell umgegangen werden – gerade im Fall von Katastrophen. Es sind in den meisten Fällen sehr subjektive Eindrücke, die über Twitter oder Facebook verbreitet werden. Das bedeutet, dass die Informationen aus den sozialen Netzwerken mit besonderer Sorgfalt ausgesucht und bewertet werden müssen. Dann kann Twitter tatsächlich ein Segen für Journalisten und den Journalismus sein.

Im Fall des Absturzes der Germanwings-Maschine war Twitter – zumindest in den ersten Stunden – aber ein Fluch. Schnell wurde deutlich, dass es kaum gesicherte Informationen zu dem Crash gab, dennoch stieg die Zahl der Kommentare in den sozialen Netzwerken steil an. Vor allem wilde Spekulationen und Beileidsbekundungen machten die Runde. Von Tokio Hotel über Oliver Pocher bis Boris Becker drückten auch zahlreiche Stars ihr Beileid aus. Wollen wir das wissen? Wohl eher nicht. Ist es zu verurteilen – was viele Nutzer in wütenden Kommentaren tun? Nein! Keinem kann vorgeschrieben werden, wie er mit seiner Trauer umzugehen hat. Die sozialen Netzwerke haben sich für viele Nutzer zu einer Wie-fühle-ich-mich-heute-Plattform entwickelt. Da gehört die Trauer auch dazu. Unter anderem dazu schreibt auch Sascha Lobo. Hier der Link zu Sascha Lobo. 

Einfach mal die Klappe halten

Auf einem anderen Blatt aber steht, was Informationsprofis im Netz treiben. Der Twitter-Nutzer „myquestion“ weist darauf hin, dass  die Medienvertreter  manche Dinge auch einfach einmal unkommentiert lassen sollten.

15.03.26-tweet-question

Das ist ein frommer Wunsch, wird sich allerdings nie erfüllen. Gerade seit der „Erfolg“ der Berichterstattung im Internet über die Klickzahl sehr einfach zu messen ist, werden die üblichen Verdächtigen sich nicht zurückhalten, auch Grenzen zu überschreiten. Denn Klicks bedeuten nicht nur Aufmerksamkeit, sie bringen auch bares Geld. Im „Bildblog“ sind die leider oft erwartbaren  Reaktionen vieler Medien zusammengefasst. Hier der Link zu Bild-Blog

Einen Totalausfall hatten offensichtlich die Verantwortlichen bei  „RP Online“. Dort war  eine 14-teilige Klickstrecke von trauernden – wenigstens verpixelten – Angehörigen der Absturzopfer  veröffentlicht. Nach einem Sturm der Entrüstung wurde die Strecke dann wieder aus dem Netz genommen. An solchen Bilder von trauenden Angehörigen nahmen viele Internet-Nutzer zurecht Anstoß. Der Informationswert solcher Fotos tendiert gegen Null. Natürlich haben alle Zeitungen und Online-Portale solche Bilder gezeigt – auch aus dem Grund, das ganze Bild der Katastrophe zu zeigen. Allerdings gibt es auch hier die Möglichkeit, das menschliche Drama zum Ausdruck zu bringen, aber nicht voyeuristisch zu sein.

Großes Interesse an „Nicht-Meldungen“

Bisweilen scheint es müßig, solche Auswüchse zu geißeln. Keines der Krawallmedien wird deshalb von seiner Strategie abweichen. Zu groß ist das Interesse an den Dingen, die viele von uns als „Nicht-Meldungen“ bezeichnen würden.  Jens Schröder analysierte auf Meedia.de, dass vor allem auch  Nichtigkeiten geklickt werden.   RP Online erreichte mit einem Bericht darüber, dass „TV total“ ausfallen würde, über 9.000 Flies. Focus Online mit einem Text über den weitgehend unbekannten Rapper Moneyboy und dessen geschmacklosen Witzen auf Kosten der Unglücksopfer 8.000 Flies. Hier der Link zu Meedia 

Allerdings ist es notwendig, immer wieder zu betonen, dass es gewisse Standards in der Berichterstattung gibt.  Dass auf dem Boulevard noch ein gewisses Unrechtsbewusstsein herrscht, zeigen in solchen Situationen immer wieder die Rechtfertigungsversuche der Macher von Bild-Zeitung und Co.

Ein existenzielles Problem der Journalisten

Zweifelhaft ist aber nicht nur der voyeuristische Blick auf die Katastrophe. Mehr als problematisch ist auch das Beteiligen an Spekulationen – oder die Verbreitung von offensichtlichen Unsinnsmeldungen. So twitterte ein Bild-Reporter, dass ein Gewitter Grund für den Absturz des Airbus sein könne. Eine Ein-Minuten-Recherche hätte gezeigt, dass diese Vermutung Unfug ist. Mit solchen Dingen untergraben die Journalisten nicht nur ihre eigene Glaubwürdigkeit, sondern auch die der hart und seriös arbeitenden Kollegen. Das ist ein existenzielles Problem, denn die Glaubwürdigkeit ist das letzte Pfund, mit dem die seriösen Medien noch punkten können.

Auch seriöse Medien straucheln

Als positive Beispiele werden im Fall des Absturzes der Germanwings-Maschine im Moment immer wieder zeit.de und sueddeutsche.de genannt. Diese beiden Portale haben sich tatsächlich bemüht, sich nicht an Spekulationen zu beteiligen und sich auf gesicherte Fakten zu konzentrieren. Exemplarisch steht hier der Artikel „Was wir wissen und Was wir nicht wissen“.

15.03.26-SZ-absturz

Dass allerdings auch diese Qualitätsmedien unter diesen hektischen Bedingungen nicht immer ganz stilsicher sind zeigt ein Text darüber, dass eines der Opfer aus Bayern kommt. Titel: „Das Unglück erreicht Bayern“. Eine Umdrehung weniger hätte es in der Überschrift auch getan.

Auch die Wochenzeitung „Die Zeit“ liegt mit ihrem aktuellen Titel ziemlich daneben. Hier wurde offensichtlich unter Zeitdruck schnell etwas zusammengezimmert, was auf wenig Fakten beruhte und aus diesem Grund auch ebenso wenig Bestand hatte.

15.03.26-ZEIT-Titel

Dafür hat sich die stellvertretende Chefredakteurin Sabine Rückert auf Twitter schnell entschuldigt. Hier der Link zum Tweet von Sabine Rückert. 

15.03.26-Zeit

NACHTRAG:

Inzwischen hat sich B.Z.-Chefredakteur Peter Huth zu Wort gemeldet. Er hält die Debatte, ob man grundsätzlich Angehörige der Opfer des verunglückten Germanwings-Fluges zeigen darf, für „nicht zielführend und realitätsfern“. Wenn Journalismus seiner Aufgabe nachkommen soll, die Dinge, so wie sie sind, zu zeigen und zu erklären, brauche es einfach Emotionen. Und diese würden nun mal über Menschen transportiert. “Nur über Emotionalität kann man eine solche Katastrophe vermitteln. Wenn ein Medium nur Pressemitteilungen drucken würde, wäre es dem Leser unmöglich, eine solche Tragödie zu verstehen.“, erklärt Huth gegenüber MEEDIA. Schließlich sei es “unsere Aufgabe, die Wirklichkeit abzubilden, und die ist leider nicht immer nur schön.“ Hier der Link zum Artikel in Meedia

Zweiter Nachtrag:

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat die große Zahl von Experten kritisiert, die in der Berichterstattung über den Flugzeugabsturz in Frankreich über mögliche Ursachen spekulieren. Die zahlreichen Mutmaßungen von Fachleuten verwirrten die Öffentlichkeit eher, sagte der Vorsitzende Michael Konken am Donnerstag im Radiosender WDR 5: „Da sollte man sich ein bisschen mehr zurückhalten.“ Zugleich appellierte die nordrhein-westfälische Landesregierung an die Medien, sensibel mit den Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes umzugehen.
Ethische Grenzen wurden nach Konkens Einschätzung in der bisherigen Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen eingehalten. Nur in Einzelfällen seien in Online-Medien unverpixelte Bilder von Angehörigen gezeigt worden. Im Großen und Ganzen hätten die Journalisten aber Respekt vor den Angehörigen gehabt, sagte der DJV-Vorsitzende.
Aus der Stadt Haltern, wo 16 ums Leben gekommene Schüler und zwei Lehrerinnen lebten, habe man natürlich berichten müssen. „Auch da hat man den Abstand gewahrt“, sagte der DJV-Vorsitzende. Nur einzelne Fragen wie die nach der „Stimmung in der Schule“ hätten ihn geärgert. Auf der anderen Seite müsse man auch Verständnis für Kollegen haben, die in solchen Situationen schnell Meldungen absetzen müssten. Konken regte an, in der Journalistenausbildung künftig stärker auf schwierige Situationen in der Berichterstattung vorzubereiten.
Die nordrhein-westfälische Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien, Angelica Schwall-Düren (SPD) kritisierte, es gebe immer wieder einzelne Vertreter, die Angehörige bedrängten oder in der Nachbarschaft und im Freundeskreis der Opfer versuchten, an Informationen oder Fotos zu kommen. „Das ist genau das, was die Menschen jetzt nicht gebrauchen können“, mahnte sie. Die Hinterbliebenen bräuchten Respekt und Schutz für ihre Trauer. Schwall-Düren sagte, das Entsetzen über das Unglück nehme mit den Tagen eher zu als ab. Die Ministerin berichtete, dass Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) für Donnerstag weitere Gespräche mit Betroffenen in Nordrhein-Westfalen geplant hat.
Der Deutsche Presserat hat am Mittwoch an die Medien appelliert, in der Berichterstattung über den Flugzeugabsturz den Schutz der Persönlichkeit der Opfer und ihrer Angehörigen zu achten. Nach den Richtlinien des Pressekodexes haben Opfer von Unglücksfällen einen Anspruch auf besonderen Schutz ihrer Identität. „Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen“, heißt es im Pressekodex. „Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.“ Dem Selbstkontrollgremium liegen nach eigenen Angaben bereits mehrere Beschwerden gegen Medienberichte zum Thema vor.
Dritter Nachtrag
Und hier noch ein Lesetipp aus Meedia, wie die verschiedenen Zeitungen mit dem Bild des Germanwings-Piloten umgehen, der wahrscheinlich die Maschine zum Absturz gebracht hat. Hier ist der Link auf den Text 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s