Die verhängnisvolle Falle der atemlosen Berichterstattung

Die Berichterstattung zum Absturz der Germanwings-Maschine sorgt für große Diskussionen. Hier einige Gedanken zum Thema.

15.03.27-warum

Wir sind also entsetzt. In diesem Fall nicht nur über die Tragödie um den Germanwings-Absturz. Wir sind auch entsetzt darüber, wie „die Medien“ darauf reagieren und damit umgehen. Aber können wir wirklich erstaunt sein, dass Blätter wie die „Bild-Zeitung“ oder Sender wie „RTL“ so arbeitet wie sie arbeitet. Dass Namen und Bilder veröffentlicht werden? Dass Reporter vor Ort in Montabaur oder den französischen Alpen jeden Stein umdrehen? Sicher nicht.

Das heißt allerdings nicht, dass wir das akzeptieren müssen oder dürfen. In diesem Sinne ist die Aufregung über diese Art der Berichterstattung richtig – sie ist ein Korrektiv, auch für den Boulevard. Und dass dieses Korrektiv funktioniert, zeigen die vielen Rechtfertigungsversuche – auch von Seiten der „Bild-Zeitung“.

Wie reagieren die seriösen Medien?

Die Frage ist eher: wie arbeiten und reagieren die „seriösen“ Medien? In deren Berichterstattung wird in der Regel das Bemühen deutlich, allen Betroffenen  ihre Würde zu lassen. Natürlich sind auch die „seriösen“ Reporter vor Ort. Auch sie fragen die Bäckereifachverkäuferin aus oder den Leiter der Flugschule. Sie machen ihre Arbeit als Journalisten, sie sammeln erst einmal Fakten, Stimmen, Eindrücke. Dafür sind die Reporter nicht zu geißeln, solange sie dies in dem gegebenen Rahmen machen und nicht die Grenze von der Recherche zum „Witwenschütteln“ überschreiten. Bei aller Kritik ist zu bedenken, dass diese Reporter unter großem Druck arbeiten – sei es durch die Zeit oder durch den erwarteten Erfolg bei der Recherche.

Entscheidend ist allerdings, was in den Redaktionen aus diesen Informationen gemacht wird. Dort müssen die Texte der Leute vor Ort mit Sorgfalt redigiert werden. Da muss nicht nur sprachlich gefeilt werden, sondern an vielen Ecken auch „das Gas rausgenommen werden“. Dann nämlich, wenn die Reporter im Eifer der Recherche zu weit gegangen sind und dabei die Grenzen der Pietät überschritten haben.

Was machen die Onliner?

Das funktioniert bei den meisten seriösen Zeitungen in Deutschland ganz gut. Manche dieser Zeitungsmacher schielen im Moment wohl etwas neidisch in den angelsächsischen Raum, wo es „normal“ ist, dass Bilder von Tätern und Opfern unverpixelt veröffentlicht und Namen genannt werden – auch von den „seriösen“ Medien. Das zeigte sich auch bei der Berichterstattung über den Germanwings-Absturz.

Schwieriger wird die Sache mit der Zurückhaltung bei den Online-Medien. Dort herrscht ein unheimlicher Zeitdruck, unter dem bisweilen alle Grenzen ignoriert werden. Zu diesem Thema hat Alice Bota in der Zeit einen klugen Text geschrieben.

Sie schreibt: Hier der Link zum ganzen Text 

15.03.27-Bota

„(…) Die Nachricht vom Unglück wird überspült von der Flut der darauffolgenden Meldungen. Es gibt keine Hierarchisierung, keine Einordnung, keine Erklärung, im Live-Ticker erscheint alles gleich wichtig: die Zahl der Opfer und die Nachrichten über den Copiloten Andreas L. ebenso wie Ann-Kristin G., die fast mitgeflogen wäre oder welche Politiker nun welche Kontrollen fordern. Medien folgen so der Logik von Twitter und Facebook. Aber sie sind nicht Twitter, auch nicht Facebook. Das Berichten in Echtzeit verstümmelt jede Wirklichkeit, wenn gerade nichts passiert. Es wird zum Selbstzweck. (…)“

Allerdings zeigt gerade der Aufmacher in der Wochenzeitung „Die Zeit“, dass das Problem nicht nur ein Problem der Live-Ticker ist.

Die atemlose Berichterstattung

Tatsache aber ist: Mit der atemlosen Berichterstattung, wie sie im Fall des Germanwings-Absturzes auch von manchen „seriösen“ Medien an den Tag gelegt wurde, zerstören eben diese Medien das Fundament auf dem sie stehen. Sie verlieren die Glaubwürdigkeit – das höchste Gut im Journalismus.

Im Gegensatz zu Blogs dürfen sie keinen Betroffenheitsjournalismus betreiben, sie dürfen nicht einfach nur Informationen in die Welt blasen. Ihre Aufgabe ist es, Informationen zu sammeln, zu sichten und zu hierarchisieren. In der unendlichen Flut der Meldungen müssen sie den Leser die Richtung vorgeben: was ist wichtig oder unwichtig. Und manchmal müssen sie auch erklären, was richtig und was falsch ist.

Leuchtturm im tosenden Meer der Informationen

Das ist die Zukunft der seriösen und unabhängigen Medien im Zeitalter des Internets. Sie sind Leuchttürme im Meer der Informationen. Das bedeutet, dass die Redakteure standhalten müssen, auch wenn die scheinbar wichtigen Nachrichten ihnen in unglaublichen Massen entgegenbranden. Das verlangt nicht nur ein großes Maß an Gelassenheit und Professionalität, sondern auch an Mut. Aber der zahlt sich langfristig aus.

Hier noch einige Lesehinweise zum Thema:

– Text in Meedia über den heftig kritisierten Titel bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ 

– “Wer es ernst meint mit seinem Job, hat die Pflicht zur Aufklärung”: Mathias Müller von Blumencron über den Umgang mit    der Täteridentität 

– „Schwelgen im Leid der Betroffenen“ aus Deutschlandradio Kultur.

– Trauer in Live-Tickern? Wie Medien mit dem Flugzeugabsturz umgehen. 

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