Wie viel „Charlie“ verträgt die Türkei?

Tuncay Akgün zu Gast im Literaturhaus Stuttgart. Der türkische Karikaturist erzählt von seiner Arbeit, den Beschränkungen, den Schwierigkeiten, dem Kampf gegen die Mächtigen in der Türkei und auch den kleinen Erfolgen.


Besonders bedrückend sind seine Erinnerungen an den Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Er selbst ist Chefredakteur beim türkischen Satiremagazin Leman, die schon seit Jahren immer wieder enge Kooperationen mit den Kollegen von Charlie Hebdo hatten. Dabei wurden nicht nur Karikaturen ausgetauscht, immer wieder diskutierten die Zeichner über die eigene Arbeit – dass sie lebensgefährlich sein könnte, ahnte niemand. Deutlich wurde, dass Tuncay Akgün es noch immer nicht fassen kann, dass an jenem Tag in Paris seine Freunde kaltblütig ermordet wurden. Die Zukunft von Charlie Hebdo sieht er skeptisch. „Sie haben Charlie Hebdo ermordet“, sagt der Karikaturist. Dann fügt er aber leise hinzu: „Aber was sollen wir jetzt tun? Wir müssen weitermachen!“


Zu Gast war Tuncay Akgün auf Einladung des Deutsch-Türkischen Forums und des Literaturhauses Stuttgart. Im Zentrum des Abends stand die Frage: Wie viel Charlie verträgt die Türkei? Die Veranstaltung stand in der Reihe „BAKIŞ – Die Türkei im europäischen Dialog“.

Anlass für den Abend war die Lage der Medien in der Türkei. Einerseits bieten sie ein breites Meinungsspektrum, auch Karikaturen haben eine lange Tradition und es wird inzwischen sogar auf Kurdisch publiziert. Und doch muss ein entschiedenes Andererseits hinzugefügt werden: in diesem Land der Widersprüche sitzen Journalisten im Gefängnis, werden Webseiten gesperrt, kann die Justiz auf ein Arsenal von Gesetzen zurückgreifen, mit denen sich die Pressefreiheit einschränken lässt. Die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen, die seit einiger Zeit eine Rangliste der Pressefreiheit publiziert, vergleicht die Situation in 180 Staaten. Sie weist darauf hin, dass sich die Medienfreiheit in Europa weiter verschlechtert habe, etwa in Ländern Südosteuropas. Auch die Türkei ist in der Liste abgesackt: auf Platz 154.

  
Hier noch einige Informationen zu Tuncay Akgün. Er wurde 1962 in Istanbul geboren, begann 1981 für die Satirezeitschrift Gırgır zu arbeiten. Akgün wirkte als Zeichner und Redakteur für die Zeitschriften Fırt, Limon und Leman mit und ist besonders für die von ihm gezeichnete Figur „Bezgin Bekir“ bekannt. Heute ist er leitender Chefredakteur der Leman, der türkischen wöchentlichen Satirezeitschrift (Auflage 100.000 Stück).

Hier der Link zum Bericht im Literaturhaus

Hier der Link zum Beitrag auf Facebook

Hier der Link zu BAKIŞ auf Facebook

Und hier noch ein Nachtrag zur Pressefreiheit in der Türkei:

Ein Gericht in der türkischen Hauptstadt Ankara hat die Zeitung „Hürriyet“ wegen Beleidigung von Präsident Recep Tayyip Erdogan zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Gericht entschied am Donnerstag, die Zeitung habe in einer Kolumne Erdogans „persönliche Rechte“ angegriffen. Es verurteilte den Verfasser Mehmet Yilmaz sowie die „Hürriyet“-Vorsitzende Vuslat Dogan Sabanci deshalb zur Zahlung von 20.000 türkischen Lira (knapp 7000 Euro) Schmerzensgeld an den Präsidenten, wie die Nachrichtenagentur Anatolia berichtete.
Die Kolumne war am 25. August 2014 und damit zwei Wochen nach Erdogans Sieg bei der Präsidentschaftswahl erschienen. Yilmaz rief seinen Lesern darin die Korruptionsvorwürfe gegen Erdogan und andere türkische Spitzenpolitiker ins Gedächtnis. Erdogans Anwälte hatten dafür eine Strafe von 100.000 Lira (35.000 Euro) gefordert. In jüngster Zeit mehren sich in der Türkei die Fälle, in denen der Präsident wegen angeblicher Beleidigungen gegen Journalisten, Blogger und andere vorgeht. Am 7. Juni wird ein neues Parlament gewählt. Nicht zuletzt deshalb nahmen die Spannungen zwischen Erdogan und der Dogan Media Group, Eigentümer der viel gelesenen „Hürriyet“, in den vergangenen Wochen zu.
„Hürriyet“ hatte sich am Dienstag heftig gegen die jüngsten Attacken des Staatschefs gewehrt. „Was willst Du von uns? Warum hast Du es auf uns abgesehen?“, hieß es im Leitartikel, in dem Erdogan offenkundige Ungerechtigkeit, Verzerrung und selektive Darstellung von Fakten vorgeworfen wurde.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s