Die Toten kommen!

Die Berliner Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ will nach eigenen Angaben im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge in der Bundeshauptstadt bestatten. Die sterblichen Überreste der Toten sollen am Dienstag (16. Juni) auf dem Muslimischen Friedhof Berlin-Gatow beerdigt werden, kündigte die Künstlergruppe in Berlin an. Am Sonntag (21. Juni) sollen zudem vor dem Kanzleramt die Grundsteine für einen neuen Flüchtlings-Gedenkfriedhof aufgestemmt werden. Mit beiden Aktionen will die Künstlergruppe gegen die europäische Flüchtlingspolitik protestieren.

15.06.15-dietotenkommen

Die Aktion der Gruppe führt zu teilweise sehr hefig geführten Diskussionen. Hier der lesenswerte Beitrag von Katja Bauer zu dem Thema. Sie ist Berlin-Korrespondentin der Stuttgarter Zeitung. 

Darf man zehn tote Menschen aus der sizilianischen Erde ausgraben,  durch Europa nach Berlin karren  und  einige zum Zweck einer  Demonstration vor dem Kanzleramt aufbahren? Darf man Leichen für einen politischen Protest benutzen? Darf man das Leid der Hinterbliebenen auf diese Weise ausbeuten, darf man sich anmaßen, diese allerletzten Dinge als künstlerisches Happening zu benutzen – und sei der Zweck auch noch so legitim?

„Zentrum für politische Schönheit“

Die  Berliner Aktionskünstlergruppe, die sich  „Zentrum für politische Schönheit“ nennt und die es in den vergangenen Jahren mit ihrem  Protest gegen die Flüchtlingspolitik der EU zu einiger Berühmtheit gebracht hat, tut genau dies  nach eigenen Angaben seit Montag.  Zehn Menschen, die auf der Flucht nach Europa im Mittelmeer ertranken, wurden mit Billigung der Angehörigen exhumiert.  Am Dienstag soll der Leib einer Syrerin  auf einem muslimischen Friedhof in Berlin – O-Ton: der Stadt „ihrer bürokratischen Mörder“ – bestattet werden. Die Mutter und ihr zweijähriges Kind seien Anfang März auf einem Schiff nach Italien unterwegs gewesen, der Körper des Kindes ist verschollen. Das Schiff kenterte  im Mittelmeer. Rund 40 Flüchtlinge seien an Bord gewesen, viele seien dabei ertrunken. Dramaturgisch effektiv will man dann die Woche über weitere – noch geheim gehaltene – Beerdigungen abhalten. Der radikale Protest soll am Sonntag in  einer Demonstration vor dem Kanzleramt kulminieren, bei der weitere Tote aufgebahrt werden und ein temporäres Denkmal entsteht, dessen Simulation auf der Website der Aktionskünstler auffällig an das Holocaustmahnmal erinnert. Im Internet wird parallel per crowdfunding Geld für die Überführungen und Bestattungen der Leichen  gesammelt, man kann T-Shirts oder Plakate bestellen und kaufen.

Eine Aktion, die Populismus verströmt

Ist das alles geschmacklos? Mein erster Reflex war ein heftiger Widerwille  gegen den Populismus, den die Aktion verströmt – mitsamt der unerträglichen und  grundfalschen Anlehnung an den Holocaust, mit der groupiehaften Untestützerszene im Internet, die alles  haltlos bejubelt.  Weil sich hier Leute so sehr auf der richtigen Seite wähnen, dass sie sich jede Anmaßung zutrauen und in 140 Zeichen auf Twitter die ganze Welt erklären. Weil die Aktion zwar sehr  ausgeklügelt wirkt und die Angehörigen der Opfer beteiligt wurden – aber niemand seriös abschätzen kann, welche Traumata der initiierte  öffentliche Prozess   bei   Hinterbliebenen auslöst, was er ihnen  damit antun wird und wo diese Geschichte für den Einzelnen endet, wenn der ganze Rummel vorüber ist.  Weil das Handeln der Künstler zwar radikal ist, aber trotzdem kein winziges Bisschen dazu beiträgt, dass Europa einer Lösung der Flüchtlingsfrage näher kommt.

Dutzende von Leichen

Aber dann kam da dieser Würgereiz – bei Ansehen des Videos, das die Künstler gedreht haben: von Dutzenden Leichen, die so rumliegen. Namenlos in Plastiktüten, in Kühlkammern, in Hallen oder unter irgendeiner Erde, simultan von christlichen Pfarrern und muslimischen Imamen bestattet. Die Frau aus Syrien zum Beispiel, so sagen es die Künstler, ist so eine Tote. Niemand kannte sie, niemand bemühte sich, ihr einen Namen zu geben. Die Gruppe fand ihre Identität heraus. Ihr Mann und die anderen Kinder der Frau hätten überlebt.

Wie weit muss Protest gehen, damit er aufrührt?

„Unbekannte Nummer zwei“ wird nun an diesem Dienstag in Berlin bestattet. Die Aktivisten wollen den Toten die Würde zurückgeben, die ihnen genommen wurde. Wer kann das falsch finden? Die  Aktionskünstler eskalieren ihre Proteste immer mehr.  2013 erfanden sie Flüchtlingskinder, die vom Familienministerium vermittelt werden sollten. 2014 stahlen sie die Mauerkreuze und entführten sie an die EU-Grenzen. Nun kommen die Toten. Was darf   Kunst, die politisch ist und radikal? Vielleicht muss man die Frage  andersherum stellen: Wie weit muss eine Provokation gehen, damit sie die  nötige Aufmerksamkeit erreicht? Die Aktion „Die Toten kommen“ lenkt den Blick darauf, wie pietätlos die Europäische Union mit den Menschen umgeht, die an den tödlichen Außengrenzen sterben, weil sich das reiche Europa abschottet. Sie wirft die Frage auf, was eigentlich aus diesen tausenden Leichen wird, bei denen es sich um  Menschen handelt, die von anderen Menschen betrauert werden. Sie erinnert uns an das, was wir gern vergessen: dass hier unendliches Leid entsteht, weil wir in Ruhe gelassen werden wollen.

Wann ist Kunst explosiv

Wir sind gewöhnt an die Unerträglichkeit der Flüchtlingsfrage, ans kurze Aufregen und ans Wegsehen. „Wir machen Stress. Wir sammeln keine harmlosen Unterschriften“, sagt er „Eskalationsbeauftragte“ des Kollektivs. Hätten sich zum selben Thema dieselben  paar Leute  samstagmorgens mit einem empörten Transparent vors Brandenburger Tor gestellt, sie wären nicht mal bemerkt worden.   Kunst  ist dann explosiv, wenn sie   uns und unsere Wahrnehmung vorführt.  Ob man diese jüngste Aktion auf der Skala der eigenen Erregung als  gelungen, grenzwertig oder geschmacklos einordnen wird, ist vielleicht nicht das Entscheidende. Es sagt dagegen viel  über unser Dasein in unserer sedierten Wohlstandsrealität, dass  die Mittel, derer sich die Aktionskünstler  bedienen, immer schriller werden. Was brauchen wir als nächstes um aufzuhorchen?

Das ist der Facebook-Link zum Zentrum für politische Schönheit

Das ist der Link zum Bericht über die Aktion „Die Toten kommen“ 

Das ist der Link zur Kolumne in der Stuttgarter Zeitung

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