Das ist kein Krieg der Religionen

Der Schriftsteller Sherko Fatah und der Philosoph Julian Nida-Rümelin begeben sich auf die Suche nach den Wurzeln des religiösen Terrorismus. Beide sehen eine Trennung von Politik und Kirche als essenziell an.

15.06.28-schauspielhaus

Kampf gegen westliche Werte

Radikale Islamisten haben dem Westen den Kampf angesagt. Erst am Freitag haben Terroristen in einem Hotel in Tunesien und einer Moschee in Kuwait im Namen Allahs Menschen grausam niedergemetzelt. „Ich wusste, dass die Welt von dieser Entwicklung eingeholt wird“, sagte Sherko Fatah zum Einstieg in eine Diskussion im Schauspielhaus Stuttgart. Der Schriftsteller mit Wurzeln im Irak erinnerte daran, dass die radikalen Islamisten schon vor etwa zehn Jahren mit Entführungen und Enthauptungen für Schrecken in der ganzen Welt gesorgt haben. Fatah: „Wir haben das ganze einfach verdrängt“, sagte er.

Wie steht es mit der Religion?

Im Raum stand aber schließlich die Frage: „Wie sehr geht es um Macht, wie sehr um Religion?“ Natürlich gehe es bei dieser Auseinandersetzung auch um Werte, erklärte der Philosoph Julian Nida-Rümelin. Die Werte des Westens seien durch Menschen herausgefordert, die sich mit ihrem Tun auf den Koran berufen. Er weigert sich aber, alles auf einen Krieg zwischen den Religionen zu reduzieren. „Was hier in Frage steht, sind die Grundlagen einer menschlichen Weltordnung“, unterstrich Nida-Rümelin.

Der überhebliche Westen

Im selben Atemzug warnte er den Westen vor allzu großer Überheblichkeit angesichts des Chaos im arabischen Raum. „Es lohnt sich, einen Blick auf unsere eigenen Geschichte“, sagte er. Die Religionskriege im 17. Jahrhundert hätten Europa an den Abgrund der Existenz geführt. „Die religiöse und weltanschauliche Überhöhung machte diese Konflikte so unendlich grausam“, erinnerte der Philosoph. Erst als der Einfluss des Religiösen und damit der Kirchen zurückgedrängt worden ist, sei eine Lösung des 30jährigen Krieges möglich geworden. Seine Forderung: „Wir sollten nicht über den Koran oder Bibelstellen diskutieren. Die Herausforderung ist die Zivilisierung der Religion, indem man sie auf ihre Aufgaben zurückführt.“

Die Trennung von Kirche und Staat

Sherko Fatah konnte ihm in dieser Analyse nur zustimmen und auch er hofft auf eine Trennung von Politik und Kirche. „Das ist das zentrale Versäumnis des Islam“, sagte der Schriftsteller. Doch wollte er den Westen nicht aus der Verantwortung entlassen. Grund für den Aufstieg der Islamisten sei auch die schwache Staatlichkeit der Länder in der Region – woran auch die modernen Industrieländer Schuld hätten. So erinnerte Fatah an die Verstrickungen der USA in den Krieg zwischen dem Irak und dem Iran oder die jahrelange Unterstützung der Taliban in Afghanistan durch Washington. „Die Diktaturen, die es überall in der Region gab, das waren für die meisten Menschen der Westen“, erklärte Sherko Fatah. Nach deren Zusammenbruch hätten die radikalen Islamisten leichtes Spiel gehabt, das Vakuum mit ihren Ideen zu füllen.

Kein Vorbild: die USA

Man müsse sich in die Situation der Menschen vor Ort im Irak oder in Syrien versetzen, wand Sherko Fatah ein. „Die USA erklären, sie wollen im Irak, Syrien oder Afghanistan die Menschenrechte verankern, töten dann aber Menschen gezielt mit Drohnen.“ Das Kriegsziel sei für die Menschen vor Ort eine sehr abstrakte Sache, das andere aber erlebten sie als gezielte Mordaktionen. Die großen Worte passten nicht mit dem Geschehen auf dem Boden zusammen, so der Schriftsteller.

Die Geschichtsklitterung des Westens

An dieser Stelle schaltete sich Julian Nida-Rümelin in die Diskussion ein. Er warnte davor, den Westen als den „Erfinder“ der allgemein gültigen Menschenrechte zu sehen. „Eine solche Darstellung ist eine Geschichtsklitterung.“ So habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg etwa Großbritannien gegen eine Erklärung der Menschenrechte gewehrt, weil London sein Weltreich vor dem Zusammenbruch retten wollte – dabei hätten Menschenrechte nur gestört. Die Erkenntnis, dass Menschen eine Würde haben, sei sehr alt, auch viel älter als das Christentum.

Warnung vor dem Hochmut

Und erneut warnte der Philosoph den Westen vor Hochmut und garnierte seine Aussage mit einem anschaulichen Beispiel aus der Geschichte. Im Grundgesetzt der Bundesrepublik sei 1948 gegen sehr große Widerstände die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau festgeschrieben worden – und war damit nicht mit dem deutschen Familienrecht vereinbar, das erste nach Jahrzehnten geändert wurde. Damals durften Frauen viele Verträge nicht selbst abschließen. Nida-Rümelins Vorschlag: „Wenn nun jemand sagt, die Menschenrechte seien nicht mit dem Koran vereinbar, dann behandeln wir das einfach ebenso.“

Der Link zur Stuttgarter Zeitung

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