Das Ende von Erdogans neo-osmanischem Traum

Luftangriffe auf den IS in Syrien, Razzien in fast allen Landesteilen und Starterlaubnis für US-Kampfflugzeuge für Angriffe auf die Terrormiliz. Ankaras Reaktion auf jüngste Anschläge ist eine sicherheitspolitischen Kehrtwende. Davon profitiert die Türkei, die Nato und auch Europa. Ein Kommentar:

15.04.08-Erdogan

Ein riesiger Scherbenhaufen

Recep Tayyip Erdogan steht vor einem riesigen Scherbenhaufen. Die Türkei sollte nach seinem Willen zur Führungsmacht in der Region werden.  Dem türkischen Präsidenten schwebte eine Art neo-osmanisches Reich vor. Doch von diesen hochtrabenden Plänen ist nicht viel übrig geblieben. Der blutige Terroranschlag in der kleinen türkischen Grenzstadt Suruc, bei dem 32 Menschen starben, hat Erdogan auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt. Der Präsident hat darauf reagiert und  einen atemberaubenden politischen Schwenk vollzogen. Am Freitag haben türkische Kampfjets Stellungen des Islamischen Staates (IS) bombardiert. Das Land befindet sich jetzt im Krieg mit der Terrormiliz.

Eine Bedrohung für Europa

Es ist allerhöchste Zeit, dass sich die Türkei in den Kampf gegen den IS einschaltet. Der ist nicht nur eine Bedrohung für die Regime in der Region, sondern für den Frieden in ganz Europa. Die bisherige Rolle Erdogans bei der Bekämpfung der Islamisten als passiv zu bezeichnen, wäre eine völlig verfehlte Darstellung der Realität. Lange ließ er den IS gewähren. Kämpfer und Waffen wanderten über die türkische Grenze nach Syrien und  viele Terroristen konnten in der Türkei untertauchen. Der Nato hatte der Staatschef  verboten, im Kampf gegen den IS die Luftwaffenbasis Incirlik im Süden der Türkei zu benutzen.

Erdogans Ziele

Mit dieser Strategie verfolgte Erdogan ein außenpolitisches und ein innenpolitisches Ziel. Zum einen wollte er einen Regimewechsel in Damaskus. Der ihm verhasste syrische Diktator Baschar al-Assad sollte weg. Zum anderen wollte Erdogan die Kurden schwächen, die seit Jahren ziemlich erfolgreich daran arbeiten, im Nachbarland Irak eine eigene autonome Region aufzubauen und sich anschickten, in Syrien dasselbe zu tun. Erdogan fürchtete, dass sich die Kurden in der Türkei ein Beispiel daran nehmen könnten.

Der Feind meines Feindes

Also handelte er nach dem Motto, der Feind meines Feindes ist mein Freund und  machte sich  zum Partner des IS. Gleichzeitig hoffte er, dass die Türkei von der Gewalt verschont bleibt, wenn er den Kämpfern Unterschlupf bietet. Doch es war ein Pakt mit dem Teufel. Denn wer so fanatisch eine Ideologie verfolgt wie die verblendeten Anhänger des Islamischen Staates, der ist nicht auf Dauer zu besänftigen.

Verwundbare Türkei

Schmerzhaft musste Erdogan erkennen, dass die Türkei verwundbar ist. Also hat er sich entschlossen, das Monster zu bekämpfen, das er zuvor lange aufgepäppelt hat. Wahrscheinlich wird er den Krieg gegen die Islamisten mit derselben Härte und Konsequenz führen, mit der er alle seine Feinde bekämpft. Auch das hat innenpolitische Gründe. Erdogans Partei AKP hat bei den Wahlen im Juni die absolute Mehrheit verloren und die Regierungsbildung kommt nicht voran. Das heißt, dass das Land auf Neuwahlen zusteuert. Erdogan wird die kommenden Wochen also nutzen, sich einmal mehr als starker Mann zu präsentieren. Das Volk soll sehen, dass nur er und seine AKP wirklich hart gegen den IS durchgreifen können.

Kleinlauter Erdogan

Natürlich zieht Erdogan  mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein gegen den IS. Die Türkei wird diesen Krieg aber nicht  im Alleingang führen können. Ziemlich kleinlaut hat Staatschef Erdogan deshalb am Freitag bekannt gegeben, dass die Basis in Incirlik für US-Luftschläge jetzt wieder genutzt werden darf. Für die Abwehr von Raketenangriffen aus Syrien auf türkische Städte sorgen sowieso seit Jahren die Nato-Partner –  unter anderem eine Bundeswehreinheit.  Die Türkei ist also mehr denn je auf die Hilfe des Westens angewiesen. Ankara wird sich folglich wieder stärker in die Strukturen der Nato einbinden müssen. Das bedeutet zwar das Ende von Erdogans hochtrabenden Träumen der außenpolitischen Eigenständigkeit seines Landes. Für die Sicherheit der Türkei und auch Europas kann das aber nur von Vorteil sein.

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