Ist das die neue Völkerwanderung?

Über eine Million Flüchtlinge werden in diesem Jahr nach Deutschland kommen.  Das hat Folgen für die Gesellschaft. Wer die Geschichte Europas kennt,  sieht diese Entwicklung als Chance für das Land.

15.09.04-flucht-budapest Flüchtlinge warten auf ihre Registrierung

Vom Wohl der Vielfalt

Ist Stuttgart eine deutsche Stadt? Der Blick ins örtliche Telefonbuch könnte Zweifel aufkommen lassen: Rakezic, Kim, Selvaggio, Arslan, Lopez, Koslowski. Und doch wird jeder die Frage ohne zu zögern mit „Ja“ beantworten: Stuttgart ist eine deutsche Stadt! Seit Jahrzehnten ziehen Ausländer nach Baden-Württemberg und sind im Laufe der Zeit – politisch korrekt ausgedrückt – Einwohner mit Migrationshintergrund geworden. Rund 40 Prozent ist ihr Anteil in der Landeshauptstadt, bei den Kindern ist es weit über die Hälfte.

Diese Menschen haben Stuttgart verändert, ebenso wie sie Deutschland, ja ganz Europa verändert haben. Und dennoch liegt die Idee fern, in diesem Fall von einer Völkerwanderung zu reden – obwohl viele Millionen Menschen gekommen sind, aus Italien, Portugal, Spanien, der Türkei oder den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Die meisten von ihnen haben in Deutschland Arbeit und vielleicht auch ein besseres Leben gefunden.

Kein neues Phänomen

Die Wanderbewegung in Europa ist aber kein neues Phänomen. Der 30jährige Krieg setzte im 17. Jahrhundert nicht nur Heere in Bewegung, sondern auch die Zivilbevölkerung. Katharina die Große lockte schwäbische Handwerker in Richtung Osten. Und im 19. Jahrhundert verließen Millionen Menschen die alte Welt in Richtung Amerika. Nicht zu vergessen die Flüchtlingstrecks durch ganz Europa, ausgelöst durch die Kriege im vergangenen Jahrhundert.

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Deutschland, das Land in der Mitte des Kontinents, kennt sich sehr gut  aus mit Einwanderung und Flüchtlingsströmen. Doch was in diesen Monaten auf das Land zukommt, hat eine neue Dimension. Aus der ganzen Welt scheinen die Menschen nach Europa zu drängen, in immer schnellerem Rhythmus müssen die Zahlen nach oben korrigiert werden. Und in dieser Stimmung zwischen Angst, Zweifel, Chaos und Hilfsbereitschaft fällt immer wieder das Wort Völkerwanderung.

Die Völkerwanderung war das Ende Roms

Es ist eine Bezeichnung, die nichts Gutes verheißt, denn die Epoche der Völkerwanderung bedeutete einst das Ende Roms. Der modernste und leistungsfähigste Staatsapparat seiner Zeit hielt damals dem Ansturm der „Barbaren“ nicht stand. 1600 Jahre ist das her, doch scheint diese Geschichte so aktuell wie nie zuvor. Die bange Frage lautet: Wird Europa unter dem aktuellen Strom von Millionen Menschen zusammenbrechen?

Es lohnt ein Blick in die Historie, zumal die grundsätzlichen Parallelen zur Völkerwanderung bisweilen tatsächlich verblüffend sind. Denn damals wie heute waren die Auslöser der Wanderung verheerende Kriege und die Hoffnung  auf ein besseres Leben. Aus der zentralasiatischen Steppe drangen im 4. Jahrhundert nach Christus die Hunnen nach Westen vor und trieben dabei die Goten vor sich her. Die Westgoten flohen aus ihren Siedlungsgebieten,  und es folgte eine Art Dominoeffekt. Kelten, Germanen und Slawen wurden von der Wanderungsbewegung erfasst und drangen in fremde Landstriche vor – manchmal friedlich, oft aber auch brandschatzend und plündernd.

Kampf bis aufs Blut

Was in den folgenden Jahrzehnten ablief, war ein kompliziertes Spiel aus Allianzen mit und gegen Rom, Eroberungsfeldzügen und friedlichen Übernahmen durch die Besiedelung verlassener Landstriche. Bisweilen wurden die eindringenden Völker im Imperium willkommen geheißen, andere wurden von den römischen Söldnern bis aufs Blut bekämpft. Nicht immer war die Haltung Roms gegenüber den „Barbaren“ wirklich konsistent. Zumindest entfernt erinnert das an die wankelmütig anmutende aktuelle Politik der Europäischen Union – etwa das Drängen der Balkanstaaten auf der einen Seite, das Lavieren in Brüssel auf der anderen. Die Parallelen aber enden, wenn die aktuellen Flüchtlingsströme mit jenen der Völkerwanderung verglichen werden. Heute sind die Flüchtlinge Individualisten. Eine Familie in Somalia oder Eritrea schickt ihren Sohn auf den Weg, der es nach Europa schaffen soll, um von dort für das Überleben der Sippe zu sorgen. Andere fliehen, weil sie wegen ihrer Religion verfolgt werden wie in Syrien von Assads Geheimdienst. Wieder andere machen sich auf den Weg, weil sie es satt haben,  jung und hoffnungslos in einem Flüchtlingslager im Libanon, der Türkei oder in Jordanien vor sich hin zu vegetieren. Nicht nur die Gründe der Flucht sind vielfältig, auch scheinen die Menschen in ihrer ganz individuellen Not aus allen Winkeln der Erde auf uns zuzustreben. Es ist gerade dieses scheinbar Entgrenzte, was Angst machen kann.

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Die Flüchtlinge werden aber nicht nur getrieben durch Krieg oder Armut, sie werden auch gelockt von den Verheißungen Europas. In der modernen, globalisierten Welt zirkulieren nicht nur die Waren, sondern auch vage Informationen, bunte Bilder und verlockende Illusionen. Smartphones werden zum Schaufenster in eine vermeintlich bessere Welt – und damit auch zur letzten Hoffnung für Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben.

Das ist keine Völkerwanderung

Was wir im Moment erleben ist keine Völkerwanderung, es ist etwas Neues, noch nie Dagewesenes. Aber ähnlich wie die Völkerwanderung auf Rom wird der Zustrom der Hilfesuchenden nach Europa Auswirkungen auf unser tägliches Leben haben, die noch nicht abzusehen sind. Aus unserer jüngsten deutschen Geschichte – von der Aufnahme der Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen  nach dem Zweiten Weltkrieg, über die Zuwanderung der „Gastarbeiter“ bis hin zur Ankunft der Flüchtlinge während der Balkankriege –  wissen wir, dass die Integration nicht reibungslos verläuft, dass es von allen Seiten Zeit und Kraft erfordert. Wir wissen aber auch, dass das Zusammenleben vieler Nationen gelingen kann. Das Telefonbuch von Stuttgart ist der beste Beweis, dass Europa nicht untergehen wird. Aber das Zusammenleben wird in Zukunft anders, vielfältiger werden – das allerdings muss nicht unbedingt zu Europas Nachteil  sein.

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