Verteidiger der deutschen Werte?

Mehrere tausend Russlanddeutsche haben in mehreren Städten Bayerns und Baden-Württembergs gegen eine aus ihrer Sicht ausufernde Gewalt von Ausländern demonstriert. Anlass war die angebliche Vergewaltigung eines Mädchens in Berlin – eine Tat, die es nach Auskunft der Berliner Polizei gar nicht gegeben hat, über die jedoch in russischen Medien berichtet worden war. Die Demonstranten waren scheinbar einem im Internet verbreiteten Aufruf gefolgt. Zur Vorgeschichte hier klicken.

 

16.01.26-russ02

Auch in Bayern gab viele Demos von Russlanddeutschen

Nur wenig Diskussionsbedarf

Für die meisten Redner war die Sache klar. Deutschland übertreibe es mit seiner Toleranz und die Russlanddeutschen seien gefordert, die deutschen und christlichen Eigenschaften gegen die muslimischen Zuwanderer zu beschützen. Auch das Urteil über die ankommenden Flüchtlinge ist gefällt: Die könnten sich nicht integrieren und akzeptierten hiesige Werte nicht.

Auch für Argumente waren die meisten Teilnehmer der Demos nicht zugänglich. Dass die Polizei die angebliche Vergewaltigung  bereits mehrfach dementiert hat, interessierte kaum jemanden. Auffallend ist, dass viele der Teilnehmer erklärten, ihre Informationen aus russischen Medien zu ziehen. Dass dort nur gefilterte Nachrichten über die Kanäle gehen, wird abgestritten.

„Ich habe Angst“

In Baden-Württemberg zählte die Polizei bei Protestzügen insgesamt fast 3000 Teilnehmer. Bundesweit sollen es rund 10.000 gewesen sein. In Villingen-Schwenningen demonstrierten rund 1300 Russlanddeutsche unter dem Motto „Gegen Gewalt und für mehr Sicherheit in Deutschland“. Die Menschen trugen Transparente mit folgenden Sprüchen: „Ich habe Angst um meine Enkel“ oder: „Respekt für deutsche Kultur“. In Rastatt trafen sich etwa 400 Menschen vor dem Rathaus. Auch in Lahr kamen laut Polizei vorwiegend Spätaussiedler auf dem Rathausplatz zusammen. Hitzige Diskussionen gab es dort mit dem Oberbürgermeister, der sich den Fragen der 350 Demonstranten rund um die Flüchtlingsthematik stellte.

Auch der Revierleiter der Polizei von Lahr, Felix Neulinger, stellte sich auf dem Rathausplatz den Demonstranten und erklärte wiederholt, dass es keine Vertuschungen gebe – aber er stieß bei den Demonstranten auf taube Ohren. Auch Neulingers Aussage, dass es in Lahr nach dem Stand aller Ermittlungen keine Straftaten vonseiten der Flüchtlinge gebe, wurde mit Pfiffen und Buhrufen quittiert.

Alexander Marker, der als Aussiedler und Sozialarbeiter der Stadt am Kanadaring eine gewichtige Figur ist, bot den Demonstranten an, dass sie ihn gern begleiten könnten, um den „Unsinn der Behauptungen“ zu überprüfen. Auch seine Worte gingen im Lärm unter. Hier ein Link zur Berichterstattung über die Demo

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Zusammen mit Pro-Köln

Auch in Köln gab es eine Demo von Russlanddeutschen, die sich am Hauptbahnhof formiert. Wie die Kölner Rundschau berichtet, hatte sich die Gruppe aus Russen und Russland-Deutschen bereits seit Samstag in der Stadt aufgehalten und sich am Mittag einer kleinen Pro-Köln-Demonstration mit 50 Personen angeschlossen. Die Pro-Köln Demo war gegen Flüchtlinge gerichtet und stand unter der Überschrift „Refugees not welcome“, sie führte vom Rathaus bis zum Bahnhofsvorplatz und war bereits nach 20 Minuten beendet. Gegen 16 Uhr plante die russische Gruppe nach Polizeiangaben einen Gang durch die Altstadt. Dies verhinderten die Beamten, indem sie die Demonstranten mit zahlreichen Einsatzwagen auf dem Bahnhofsvorplatz festsetzten. Hier ist der Link zur Berichterstattung in Köln 

 

Info: Russlanddeutsche

Russlanddeutsche“ werden Aussiedler aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion genannt – also nicht nur aus dem heutigen Russland, sondern etwa auch aus Kasachstan oder Litauen. Aussiedler müssen laut Bundesvertriebenengesetz belegen, dass sie aufgrund ihrer Abstammung, Kultur oder Sprache „deutsche Volkszugehörige“ sind.
Die Tradition der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion reicht weit in die Vergangenheit zurück. Die älteste Gruppe deutscher Siedler in Russland bilden die Wolgadeutschen, die sich Mitte des 18. Jahrhunderts an der unteren Wolga ansiedelten. Ende des 19. Jahrhunderts lebten dann rund zwei Millionen Deutsche im Zarenreich. Im Zweiten Weltkrieg, nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941, ließ der sowjetische Diktator Josef Stalin Hunderttausende Deutsche nach Sibirien und Zentralasien deportieren.
Seit 1950 wurden Aussiedler in Deutschland offiziell aufgenommen und registriert. Seither siedelten fast 2,4 Millionen Menschen aus Russland und den alten Sowjetrepubliken nach Deutschland über, vor allem in den 1950ern und nach dem Ende der Sowjetunion 1991. Aussiedler, die seit 1993 nach Deutschland kamen, nennt man Spätaussiedler. Nach dem historischen Tiefststand 2012 kommen wieder mehr Aussiedler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Deutschland: Im Jahr 2014 waren es 5649.
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