Anschlag mit Handgranate

Nach dem Angriff mit einer Handgranate auf eine Asylunterkunft in Villingen-Schwenningen ermitteln 75 Beamte der Sonderkommission „Container“ mit Nachdruck in alle Richtungen.  Spuren zu den Tätern gibt es allerdings wenige.

 

Ein Ermittler informiert in Villingen über den Stand der Dinge

Ratlosigkeit bei den Flüchtlingen

Unentschlossen steht Ahmet vor dem weiß-roten Absperrband. In den Händen hält der junge Iraker ein zerfleddertes Schreibheft, aber er wird heute nicht zur Schule gehen. „Heute hat uns der Hass eingeholt“, sagt er. Ahmet wohnt mit rund 100 anderen Flüchtlingen in den ehemaligen französischen Kasernen in Villingen, einer beschaulichen Stadt am Rand des Schwarzwaldes. „In der Nacht hat ein Freund angerufen, dass er und seine Familie wegen der Granate ihre Zimmer verlassen müssen“, erzählt Ahmet noch sichtlich verstört. Der Grund: auf dem Gelände des Flüchtlingsheimes war kurz nach ein Uhr nachts eine Handgranate gefunden worden. Zwölf Bewohner der Einrichtung wurden daraufhin evakuiert und in einen anderen Bereich der ehemaligen Kaserne verlegt. .

In Ahmet weckt der Vorfall die schlimmsten Erinnerungen. „Es ist kaum zu glauben, wir sind vor den Bomben des Islamischen Staates geflüchtet und nun sind wir wieder in Gefahr.“ Allerdings, so versichert er fast trotzig, hätten er und seine Freunde großes Vertrauen in die deutsche Polizei. „Hier funktioniert der Staat, das ist anders als im Irak“, sagt er. Angst auf die Straße zu gehen hätten sie deshalb nicht. „Im Irak hatten wir Angst, weil immer die Gefahr bestand, entführt oder getötet zu werden, aber hier in Deutschland herrscht Frieden.

Hier wurde die Handgranate kontrolliert gesprengt

Der Frieden hat Risse bekommen

Dieser Frieden bekommt aber offensichtlich Risse, denn der mögliche Angriff mit einer Handgranate hat eine neue Qualität. „Wir sind zutiefst erschüttert, dass ein solches Ereignis stattgefunden hat“, sagt Clemens Ficht, Vizepräsident des Regierungspräsidiums Freiburg, auf einer Pressekonferenz in Villingen. Und er ergänzt: Das sei ein Angriff mit einer gefährlichen Waffe gewesen, wie sie im Krieg verwendet wird. „Ein Angriff auf Menschen, die vor dem Krieg geflüchtet sind und bei uns Schutz suchen!“ Bestürzt sind die Verantwortlichen auch, weil es in Villingen – außer einigen kleinen privaten Reibereien – nie Probleme unter den Flüchtlingen gegeben habe. Ficht: „Das ist eine Einrichtung, die für uns völlig unproblematisch ist.“

Die Faktenlage scheint trotz vieler Fragen klar. Aber der leitende Staatsanwalt Johannes-Georg Roth warnt immer wieder vor vorschnellen Schlüssen. Sicher sei nur, dass die Handgranate mit Sprengstoff gefüllt war. Eine der wichtigen Fragen ist, ob die Waffe mit einem Zünder versehen war – oder nicht. „Hat die Granate keinen Zünder, müssen wir von einer vorgetäuschten Straftat ausgehen“, erklärt Roth. Wäre die Granate allerdings voll funktionsfähig gewesen, wäre das ein schwerer Angriff auf Leib und Leben von Menschen. Dieser Sachverhalt müsse nun in den nächsten Stunden durch kriminaltechnische Untersuchungen genau geklärt werden. Auch Roth unterstrich, dass im Moment in alle Richtungen ermittelt werde.

 Suche im rechten Spektrum

Dazu gehört natürlich nach Aussagen aller Verantworlichen auch die Suche nach den Tätern in der Reihen von Rechtsradikalen. Dieser Verdacht drängt sich auf, da es nach den Worten von Dietmar Schönherr, Leiter der zuständigen Kriminaldirektion Rottweil, im Schwarzwald-Baar-Kreis seit Jahren eine „gewachsene Szene“ zu beobachten sei. Erst am Donnerstag provozierten einige Neonazis mit einem kleinen Aufmarsch in Villingen. Grund war die Verhaftung eines Rechtsradikalen im unweit von Villingen gelegenen Schwarzwaldstädtchen St. Georgen. Ihm wird vorgeworfen, eine kriminelle Vereinigung gebildet und volksverhetzende Inhalte verbreitet zu haben

„Uns war natürlich schnell klar, dass ein fremdenfeindlicher Hintergrund nicht auszuschließen ist“, sagt Schönherr. „Wir haben dann sofort die ‚Soko Container’ eingerichtet.“ Zu dieser Truppen gehören 75 Leuten, die nach Angaben der Verantwortlichen mit Hochdruck an der Lösung des versuchten Anschlags arbeiten. „Und natürlich haben wir auch Verbindungen zum Verfassungsschutz aufgenommen, um da mögliche Hintergründe ausleuchten zu können“, versichert der Staatsanwalt. Aber er wird nicht müde zu betonen, dass es keine vorschnellen Urteile gefällt werden sollten. Schönherr: „Wir ermitteln in alle Richtungen!“ In Betracht müsse zum Beispiel auch gezogen werden, dass der Angriff nicht den Flüchtlingen, sondern einem oder mehreren Mitgliedern der Security-Firma geholten hat, die in der Einrichtung für die Sicherheit sorgen soll. Schließlich sei die Handgranate direkt neben dem Container gefunden worden, wo die drei Sicherheitsleute sich in der Nacht aufgehalten haben.

Großer Druck der Öffentlichkeit

Rolf Straub, Leiter der „Sonderkommission Container“ unterstrich bei der Pressekonferenz in Villingen, dass die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und damit die Erwartungshaltung, schnell Ergebnisse zu liefern, enorm hoch sei. Er räumte ein, dass die Ermittlungen natürlich den „Schwerpunkt fremdenfeindliche Tat“ hätten. Straub darf natürlich nicht viel verraten, aber er erklärte, dass „die Nachbarschaftsbefragung einige Hinweise erbracht hat, denen wir nachgehen können“. Allerdings sei es noch zu wenig, um gezielt auf Gruppen oder einzelne Personen zuzugehen. Aber, so gab er zu bedenken, befinde man sich schließlich erst ganz am Anfang der Ermittlungen.

Die meisten Anwohner haben von dem versuchten Anschlag auf die Flüchtlinge offensichtlich nichts mitbekommen. „Erst als ich heute am Morgen die Absperrungen und die vielen Polizisten gesehen habe, war mir klar, dass etwas passiert sein muss“, sagt ein alter Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Wie er sagt, wohnen rund um die ehemalige französische Kaserne viele Aussiedler aus Russland und der Ukraine. „Wir wissen, wie schlimm es ist, seine Heimat zu verlieren“, fährt der Greis fort, erklärt dann aber im selben Atemzug, dass „das mit den vielen Flüchtlingen so nicht weiter gehen kann“. Was das heißt, kann oder will er nicht sagen, gibt dann aber zu, dass es bisher in Villingen mit den Flüchtlingen überhaupt keine Probleme gegeben habe.

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