Ljudmila Alexejewa – eine kämpferische Dame

Ljudmila Alexejewa polarisiert. Viele Russen verachten sie als Verräterin. Manche aber verehren die 88-Jährige als Kämpferin für die Demokratie in Russland. Im Ausland gilt Ljudmila Alexejewa als Ikone der Bügerrechtsbewegung – weshalb sie nun vom Bundespräsidenten Joachim Gauck empfangen wird. Das ist ein deutliches Zeichen, inmitten der schwersten Ost-West-Krise seit dem Kalten Krieg.

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Nach fast dreijähriger Pause wird Ljudmila Alexejawa wieder Mitglied des Menschenrechtsrates in Russland

Eine wortstarke Frau

Schweigen ist ihre Sache nicht. Immer wieder schaltet sich die 88-jährige Leiterin der Moskauer Helsinki-Gruppe wortstark in aktuelle Diskussionen ein – sei es über den Konflikt in der Ukraine oder über die Beschränkung von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Zumindest im Ausland wird ihr Einsatz gewürdigt. 2009 erhielt sie das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland als „herausragende moralische Autorität“, den Sacharow-Preis des EU-Parlaments oder auch den Václav-Havel-Menschenrechtspreis.

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Geboren wurde Ljudmila Alexejewa am 20. Juli 1927 in Jewpatorija auf der Schwarzmeerhalbinsel Krim, die sich Russland 2014 gegen internationalen Protest und den Widerstand der Ukraine nach einem Referendum einverleibt hatte. Während zahlreiche Russen die Annexion als „Wiedervereinigung“ begrüßen, verurteilt die Menschenrechtlerin den Schritt. Sie sei erschüttert, dass der Bruch des Völkerrechts vielen Landsleuten egal sei, sagte sie einmal im Interview. „Ich habe 2007 gesagt, in zehn Jahren werde Russland eine Demokratie sein. Es wird länger dauern.“

Im Visier des KGB

Als Initialzündung für ihr politisches Handeln nennt die Grande Dame der russischen Menschenrechtsbewegung die Entstalinisierung in der Sowjetunion der 1950er Jahre. Die schonungslosen Schilderungen der Gräuel in den Arbeitslagern (Gulag) unter dem Diktator Josef Stalin (1878-1953) hätten sie und viele andere schockiert, sagt Alexejewa. Die damalige Geschichtslehrerin traf immer öfter mit Dissidenten zusammen und geriet in Moskau ins Visier des berüchtigten Geheimdienstes KGB.

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Es folgten Hausdurchsuchungen, Berufsverbot und schließlich 1977 die Ausbürgerung, weil sie angeblich als Agentin ihrem Land schade. Nach Jahren im US-Exil kehrte sie 1993 nach Moskau zurück. Ihren Sitz im Menschenrechtsrat des Präsidenten Wladimir Putin gab die aufrechte Dame 2012 aus Protest gegen demokratische Rückschritte ab. Die Zusammenarbeit hat sie mittlerweile wieder aufgenommen. „Man kann als Mitglied mehr für die Bürgerrechte tun“, begründet sie den Schritt.

Kritik am Westen

Dem Westen wirft Alexejewa vor, sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 nicht genug um Russland gekümmert zu haben. „Es hätte Gelegenheiten gegeben, uns klarer zu zeigen: Wir erkennen euch als europäisches Volk an“, sagte sie einmal.

In Russland nimmt die Repression der liberalen Opposition durch die Staatsmacht wieder zu. Grund ist wohl auch die Parlamentswahl Mitte September. Ljudmila Alexejewa gibt sich aber kämpferisch: „Die sowjetische Machtführung hat uns Angst und Schrecken eingejagt, aber wo ist sie jetzt? Wir arbeiten weiter!“

Hier noch ein Lesetip aus der Süddeutschen Zeitung. Alexejawa über Russland und sein imperiales Gehabe.

 

Gauland und der „Nachbar“ Boateng

Die AfD sorgt wieder einmal für Schlagzeilen. Ihr Vize Alexander Gauland äußert sich abfällig über den Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng. Die Empörung ist groß – und die AfD reagiert nach bekanntem Muster.

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Der verbale Ausfall Gaulands gegen Boateng ist ein großer Aufreger.

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Frauke Petry reagiert sofort. Ihr kommt die verbale Entgleisung Gaulands wie gerufen. Seit Monaten steht die AfD-Chefin  in der eigenen Partei unter Druck. Auf Twitter schreibt sie: „Jerome Boateng ist ein Klasse-Fußballer und zu Recht Teil der deutschen Nationalmannschaft. Ich freue mich auf die EM.“
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In der „Bild“-Zeitung springt sie ihrem Vize dann noch einmal zur Seite – und ihn damit gleichzeitig zu kritisieren.

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„Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat. Ich entschuldige mich unabhängig davon bei Herrn Boateng für den Eindruck, der entstanden ist.“

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Auslöser für die Aufregung ist ein Bericht in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS), die  Gauland mit folgendem Satz zitiert:

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„Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen Boateng nicht als Nachbarn haben.“

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Frauke Petry kommt es gelegen, dass die graue Eminenz der Partei nun rechtsaußen im Abseits steht. Petry war zuletzt in der AfD für ihr Treffen mit dem Zentralrat der Muslime angegangen worden – an vorderster Front: Alexander Gauland.

Die meisten Beobachter glauben aber nicht an einen Ausrutscher des 75-Jährigen. „Typisches Muster AfD: beleidigen, provozieren – später dann relativieren“, erklärt CDU-Vize Julia Klöckner dazu. Auch der SPD-Politiker Ralf Stegner erkennt dahinter eine Strategie:

„Goldene Rechtspopulistenregel: Provokation, Debatte, Rückzug, ‚War nicht so gemeint’.“

Auch Gaulands eigene Reaktion scheint dieses Schema zu bestätigen. Der Jurist und Publizist schreibt in einer Erklärung zu dem Vorfall: „Ich habe nie (…) Herrn Boateng beleidigt. Ich kenne ihn nicht und käme daher auch nicht auf die Idee, ihn als Persönlichkeit abzuwerten“. Er habe in einem vertraulichen Hintergrundgespräch mit Redakteuren der FAS die Einstellung „mancher Menschen“ beschrieben, „aber mich an keiner Stelle über Herrn Boateng geäußert, dessen gelungene Integration und christliches Glaubensbekenntnis mir aus Berichten über ihn bekannt sind“.

Gauland sieht sich offensichtlich also nur als eine Art Chronist des ganz alltäglichen Rassismus in Deutschland.

Und natürlich hat „die Presse“ auch eine Mitschuld an dem Durcheinander. So lief es auch ab, als Petry in einem Interview einen Schusswaffengebrauch als letztes Mittel gegen Flüchtlinge bei unerlaubtem Grenzübertritt guthieß, dann aber dem „Mannheimer Morgen“ eine verkürzte und „völlig sinnentstellte“ Fassung des Interviews unterstellte. Allerdings können die FAS-Redakteure nach eigenen Angaben Gaulands Sätze belegen.

Im Internet ist Gaulands Ausfall gegen den farbigen Spieler Boateng Topthema. Tausende solidarisieren sich mit dem 27-jährigen Verteidiger von Bayern München, der ein waschechter Berliner aus dem Wedding ist. Sein Vater ist aus Ghana.

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Boatengs Schalker Nationalmannschaftskollege Benedikt Höwedes twittert: „Wenn du für Deutschland Titel gewinnen willst, brauchst du Nachbarn wie ihn.“
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Und der frühere Bundesliga-Profi Hans Sarpei, ebenfalls mit ghanaischen Wurzeln, meint: „Jerome Boateng hat bisher 57x für die Nationalmannschaft gespielt. Damit hat er 57x mehr für Deutschland getan als die AFD.“

Beim DFB hat man kein Verständnis für die Äußerungen. Es sei geschmacklos, die Popularität Boatengs und der Nationalmannschaft „für politische Parolen zu missbrauchen“, sagt DFB-Präsident Reinhard Grindel. Und der Verband hat noch eine Video-Nachricht für Alexander Gauland.

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Und auch die Fans im Stadion beim Spiel Deutschland gegen die Slowakei haben eine passende Antwort auf die verbalen Ausfälle des AfD-Vize Gauland.

 

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Ein Leben auf der Flucht

Der Bürgerkrieg in Syrien ist eine der größten Flüchtlingskatastrophen der Menschheit. Die Zahl der Menschen, die vor dem Konflikt in Syrien in die Nachbarländer geflohen sind, hat längst die Vier-Millionen-Marke überschritten. Damit ist der Konflikt in Syrien Ursache der größten Flüchtlingskrise unter UNHCR-Mandat seit einem Vierteljahrhundert.

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In einer Fotoreportage führen wir sie durch die Flüchtlingslager in Jordanien und im Libanon. 

Hier geht es zu der Fotoreportage

Kalter Krieg im Metro-Tunnel

Dmitry Glukhovsky beschreibt in „Metro 2035“ die Apokalypse. Das heutige Russland schimmert in den Roman an vielen Stellen durch.

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Dmitry Glukhovsky in der Metro in Moskau

Das leben nach dem Atomkrieg

Im Jahr 2035 herrscht ewige Dunkelheit. Einige Tausend Menschen haben einen Atomkrieg überlebt und konnten sich ins gigantische Netz der Moskauer U-Bahn retten. Dort vegetieren sie, tief unter der Erde, und gleichen eher den Toten als den Lebenden. Niemand will hinauf ans Licht, die Welt, wie wir sie kennen, ist verschwunden. Dmitry Glukhovsky beschreibt in seinem neuen Buch „Metro 2035“ die Apokalypse. Doch auch in ihrem feuchten und stinkenden Verlies haben die Menschen nichts aus der zerstörerischen Vergangenheit gelernt, sie raufen sich nicht zusammen. Immer wieder brechen ideologische Konflikte aus. Zwischen den einzelnen Metrostationen, in denen sich die Menschen eingerichtet haben, herrscht Neid und Missgunst.

Wie schon in den Vorgängerwerken „Metro 2033“ und „Metro 2034“ des russischen Autors macht sich der junge Artjom Tschorny auf die Suche nach der Wahrheit: Gibt es Leben jenseits der geschlossenen Luken? Wer regiert die Metro wirklich? Glukhovsky schildert die Irrfahrt eines modernen Odysseus. Mit „Metro 2033“ traf Glukhovsky 2008 den Nerv der jungen Generation. Das Buch verkaufte sich über eine Million Mal und wurde in Dutzende Sprachen übersetzt. Die Filmrechte sicherte sich Hollywood.

Die Wahl zwischen Freiheit und Unfreiheit

Das neue Werk von Dmitry Glukhovsky spielt zwar im Moskau der Zukunft, aber das Russland von heute schimmert deutlich durch. „Ich wollte die Wahl zwischen Freiheit und Unfreiheit aufzeigen – und wie gerne Menschen primitive, aber wohlklingende Lügen glauben“, sagt Glukhovsky bei einem kurzen Stopp in Stuttgart über sein Buch. Wenige Monate vor der Parlamentswahl in Russland liest sich der 784-Seiten-Wälzer teilweise wie eine Gebrauchsanleitung für das Reich von Präsident Wladimir Putin.
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Der regierungskritische Autor weist solche Parallelen natürlich nicht zurück. „Das Buch ist ein Versuch, den Leser den Puls der Russen fühlen zu lassen“, sagt der 36-Jährige. „Es war die richtige Zeit, eine dunkle Version von dem zu zeigen, was wir in Wirklichkeit sind.“ Dabei beobachtet der gelernte Journalist, der als Fernsehreporter auch in Krisengebieten gearbeitet hat, die Gesellschaft sehr genau und weiß: „Wir sind unsere eigene schlimmste Bedrohung: unsere Paranoia, unsere Aggression, unser unkontrollierbarer Zorn. Wenn die Menschheit jemals zerstört werden sollte, so wird es gewiss der Mensch selbst sein, der ihr den Todesstoß gibt.“

Die revolutionäre Energie ist verschwunden

Aus Dmitry Glukhovsky spricht auch die persönliche Enttäuschung über die Entwicklung in seiner Heimat. „Die Massenproteste gegen Putin im Jahr 2011/12 haben mich und mein Denken geprägt“, sagt der Autor. Die revolutionäre Energie habe sich in Rauch aufgelöst, und Putin sei es gelungen, alle zu übertölpeln. Er habe damals einige kleine Konzessionen gemacht, aber anstatt in die Zukunft zu marschieren, mit Reformen und neuen Ideen, drehe sich Russland heute mit unvorstellbarer Geschwindigkeit wieder in Richtung Vergangenheit, indem Putin das alte Imperium neu aufbaue. „Der hysterische Applaus nach dem Anschluss der Krim demonstriert die ganze Sucht vieler Russen nach Größe und Anerkennung.“ Das Gefühl, vom Westen nicht genug respektiert zu werden, sei der größte Komplex Russlands. „Nicht zufällig sagt jemand im Buch: ‚Außerhalb der Metro würden wir aufhören, ein Volk zu sein. Wir wären keine große Nation mehr.‘“ Dmitry Glukhovsky glaubt, dass Russland in einer Art ideologischem Vakuum lebt. „Unsere Führungsschicht ist seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor allem damit beschäftigt, Geld zu stehlen und zu horten“, erklärt der Autor. „Uns hat niemand erklärt, wer wir sind, wohin wir gehen, woher wir kommen.“ Das Volk habe nichts, woran es glauben könne. Dieses Vakuum sei in den ersten Jahren nach dem Ende des Kommunismus von der Konsumkultur überdeckt worden. Glukhovsky: „Aber daran kann man nicht ewig glauben. Dann kam Putin und hat uns dieses Imperium-Projekt gebracht.“

Ein ideolgisches Vakuum

Zu diesem Projekt gehört auch ein Feind: der Westen. Putin habe es geschafft, mit seiner hämmernden Propaganda­maschine das Volk davon zu überzeugen, dass Russland von Feinden umzingelt sei, sagt Dmitry Glukhovsky. „Dass man uns in Stücke reißen, okkupieren, kolonisieren, unser wertvolles Öl und unser geliebtes Gas aussaugen will. Uns fressen und verdauen will. Uns zerschlagen und über dem Kreml das Sternenbanner hissen will.“

Mit sichtlichem Erstaunen nimmt es der Autor zur Kenntnis, dass er seine kaum verhohlene Kritik am System Putin in Russland überhaupt noch publizieren darf. „Ich glaube, die Literatur ist die letzte Bastion der Freiheit in Russland“, sagt Dmitry Glukhovsky. Diese Freiheit will er so lange wie möglich nutzen.

Dmitry Glukhovsky: Metro 2035. Roman. Aus dem Russischen übersetzt von M. David Drevs. Heyne Verlag. 784 Seiten,  14,99 Euro.

Der Pakt der Schmuddelkinder

In Deutschland ist die AfD isoliert. Anti-Euro-Parteien wie die FPÖ oder Front National möchten die AfD dagegen umarmen. Doch einige Parteimitglieder zögern – noch.

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Frauke Petry arbeitet an europaweiten Koalitionen der AfD

Meuthen gegen eine Kooporation mit dem FN

Der AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen ist gegen eine enge Zusammenarbeit seiner Partei mit dem rechtsextremen Front National in Frankreich. „Wir haben eine distanzierte Haltung, die auch inhaltliche Gründe hat“, erklärt Meuthen, der auch die AfD-Fraktion im Stuttgarter Landtag anführt. „Der Front National ist nationalistisch, wird hingegen sind patriotisch.“ Auch auf der wirtschaftlichen Ebene sieht Meuthen nur sehr wenige Berührungspunkte. Die AfD vertrete im Bereich der Ökonomie eine freiheitliche Position, der Front National eine sozialistische.

Treibende Kraft hinter einer Annäherung der beiden Parteien ist der EU-Abgeordnete Marcus Pretzell. Der AfD-Politiker hatte sich nach seinem Ausschluss aus der konservativen EKR-Fraktion Anfang Mai der rechten EFN-Fraktion im Europäischen Parlament angeschlossen. Dieser Fraktion gehören neben der österreichischen FPÖ auch die italienische Lega Nord, die Front National und die niederländische PVV von Geert Wilders an. Pretzell, der am Mittwoch schon auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der FN-Vorsitzenden Marine Le Pen in Straßburg aufgetreten ist, beklagt den Kurs der Bundes-AfD. Er sagt: „Ich hätte mir zu einem früheren Zeitpunkt eine einheitliche Linie des Bundesvorstandes gewünscht. Allerdings ist die Zusammenarbeit mit dem Front National, mit Geert Wilders, UKIP und anderen ja heute schon gelebter Alltag.“

Hier eine Übersicht der rechtspopulistischen Parteien in Europa

 

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Marcus Pretzell

Europa ja – Deutschland nein

Die Kontakte zwischen Pretzell und Le Pen kommentiert Jörg Meuthen eher zurückhaltend. Er erklärt: „Solange sich das auf Straßburg und Brüssel beschränkt, habe ich damit kein Problem, denn die Fraktionen sind auf EU-Ebene ohnehin relativ heterogen. Ein Signal für eine Zusammenarbeit auf anderen Ebenen ist dies aber nicht.“ Pretzell sieht das etwas anders: „Uns verbindet – und da schließe ich Le Pen und Wilders ausdrücklich ein – das gemeinsame Ziel der Rückholung von Souveränität für die Nationalstaaten.“

Der Wunsch nach einer engeren Zusammenarbeit besteht auch auf Seiten des Front National. Er wolle AfD-Chefin Frauke Petry zu einem Gespräch sowie zum Besuch des nächsten FN-Parteitags einladen, sagte der Delegationsleiter der FN im Europaparlament, Edouard Ferrand. Die beiden Parteien hätten gemeinsame Interessen. Auch der thüringische AfD-Landeschef und Rechtsaußen Björn Höcke hatte sich kürzlich für ein Treffen Petrys mit der FN-Vorsitzenden Marine Le Pen stark gemacht.

 

Björn Höcke

Höcke will ein Treffen von Petry und Le Pen

Gauland hält das für keine gute Idee

Alexander Gauland hält das aber für keine gute Idee. „Ich würde es nicht für sinnvoll halten, jetzt ein symbolträchtiges Treffen zwischen Marine Le Pen und Frauke Petry zu organisieren“, erklärt Gauland. Wie AfD-Chef Meuthen, sieht aber auch er kein Problem für eine Zusammenarbeit mit der Front-National-Chefin Le Pen im Europäischen Parlament, weil beide Parteien für ein „Europa der souveränen Vaterländer“ einträten. Das „innenpolitische Gesicht“ der französischen Partei sehe jedoch ganz anders aus als das der AfD. „Bis vor kurzem war der Front National auch antisemitisch“, fügte Gauland hinzu.

Auch diese Haltung kann Pretzell nicht nachvollziehen. Dass Gauland jetzt vor engen Kontakten zu Le Pens Partei warne, sei für ihn schwer zu verstehen, erklärt Pretzell. Schließlich habe der Vize-Parteichef die Debatte über Gemeinsamkeiten mit anderen europäischen Parteien selbst losgetreten. Eine Trennung „nach dem Motto, in Brüssel und Straßburg ja, aber sonst nicht“, wäre „künstlich“, sagt der NRW-Vorsitzende.

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Die europaweite Partnersuche

Die AfD ist aber nicht nur in Frankreich auf Partnersuche. Große Gemeinsamkeiten sieht die Partei mit der schweizerischen SVP und der österreichischen FPÖ. Mit diesen Gruppen sind auch schon Kontakte geknüpft worden. FPÖ-Politiker waren schon bei der AfD zu Gast. Parteichefin Frauke Petry trat kürzlich in der Schweiz bei einer Vereinigung als Rednerin auf, die der SVP nahesteht. In Wirtschaftsfragen gingen die Ansichten zwar teilweise auseinander, heißt es von Marcus Pretzell, „aber beim Thema Zuwanderung, da gibt es keine wesentlichen Differenzen, höchstens Unterschiede in der Tonalität“. Das sehen auch Mitglieder der genannten Parteien ähnlich. „Die AfD und die SVP haben fast das gleiche Programm“, stellte kürzlich der Walliser SVP-Staatsrat Oskar Freysinger fest. Er war im November 2015 bei der AfD in Essen als Redner aufgetreten.

„Wir beschnuppern uns heute erstmals – und es riecht gut“, erklärte der Chef der rechtspopulistischen FPÖ, Heinz-Christian Strache, im Februar bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit Petry und Pretzell in Düsseldorf. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky nahm an einem Treffen im brandenburgischen Nauen teil, das der Brandenburger AfD-Chef Gauland organisiert hatte. Mit der FPÖ könne die AfD besonders gut „gemeinsam gegen einen europäischen Superstaat“ kämpfen, „weil unsere politische Kultur eine ähnliche ist“, sagt Gauland.

Der Fake-Artist Jan Böhmermann

Jan Böhmermann beendet seine Fernsehpause – und provoziert wieder. Seine Behauptung, einen schüchternen Eisenbahn-Fan als Fake-Kandidaten in die RTL-Show „Schwiegertochter gesucht“ geschleust zu haben, lässt die Erdogan-Debatte vergessen.
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Seine Fans feiern Böhmermann.

Böhmermann tut das Überraschende

Jan Böhmermann hätte vieles tun können: Ziegen durchs Studio jagen, ein feixendes Erdogan-Double neben sich setzen, ein Schmähgedicht über Angela Merkel rezitieren. Aber Jan Böhmermann hat beim Comeback des „Neo Magazin Royale“ nach vierwöchiger Pause nichts dergleichen getan. Der Satiriker hat die „Causa Erdogan“, die an Intellektuellenstammtischen und Redaktionsstuben quer durch die Republik heftig diskutiert wurde und sich zu einer Staatskrise zwischen Berlin und Ankara ausgewachsen hat, lediglich in Halbsätzen und vagen Andeutungen erwähnt. Und er hat gut daran getan, denn Böhmermann hatte einen ganz anderen Coup auf Lager – er gab einmal mehr den investigativen Satiriker. Das Ziel seiner Recherche war dieses Mal die Moderatorin Vear Int-Veen und deren RTL-Trash-Sendung „Schwiegertochter gesucht“. Der Hashtag der Woche lautete denn auch: #verafake.

Sein selbst erklärtes Ziel: „Dokumentieren, was RTL und Vera Int Veen für eine Scheiße mit Kandidaten abziehen, die sich nicht wehren können.“ Das ist Böhmermann, der schon mit dem gefälschten Varoufakis-Fake die Redaktion von Günther Jauch bloßstellte, grandios gelungen.
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Der investigative Böhmermann

Genüsslich erzählt der Satiriker, wie einfach es war, die Kollegen vom Privatfernsehen hinters Licht zu führen. Die Zutaten sind denkbar einfach: eine heruntergekommene Wohnung voller Bierflaschen, ein ausgefallenes Hobby, ein schiefes Grinsen und zwei vermeintlich grenzdebile Kandidaten – fertig sind die idealen Kandidaten. Ganz nebenbei deckt Böhmermann auf, unter welchen Bedingungen RTL seine Sendung produziert. Kandidat „Robin“ und sein vermeintlicher Vater unterschreiben einen Vertrag, der sie zu einem 30-tägigen Drehtermin verpflichtet. Dafür sollen sie 150 Euro bekommen.
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Großer Auftritt von Gregor Gysi

Wer geglaubt hatte, dass der Spannungsbogen der Sendung sich nun merklich senken würde, sah sich getäuscht. Es kam der Auftritt von Gregor Gysi. Der nicht gerade als redescheu bekannte ehemalige Fraktionschef der Linken im Bundestag trieb Böhmermann verbal durch die nächste Viertelstunde der Sendung. Gleich zu Anfang legte Gysi den Finger in die Wunde: „Das Gedicht, das Sie vorgelesen haben, fand ich nicht schön, weil es Vorurteile bedient.“ Böhmermann wollte nicht über das Thema reden, was der Linken-Politiker aber beharrlich ignorierte. Er dozierte über die Freiheit der Kunst, die Sinnlosigkeit des Paragrafen 103 und die unsouveräne  „Scheißpolitik“ Erdogans – da half es auch nichts, dass sich Böhmermann die Ohren zuhielt oder wie wild auf seinem Laptop tipte. Das Urteil Gysis über den Satiriker fiel am ende aber gnädig aus – der Jurist plädierte auf Freispruch. Schon während noch lief, feierten seine Fans das Comeback Böhmermann auf Twitter. Ihm selbst scheint die kleine Pause durchaus gut getan zu haben.

 

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Nachtrag 1

Nach dem entlarvenden Bericht in Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ prüft die Medienaufsicht nun die RTL-Sendung „Schwiegertochter gesucht“. Eine entsprechende Vorprüfung sei bereits eingeleitet worden. Das berichtet die „Neue Osnabrücker Zeitung„. „Die Art und Weise, wie die Produktionsfirma Verträge mit den Kandidaten abschließt und sie dabei bedrängt, erinnert stark an Haustürgeschäfte“, wird der Direktor der niedersächsischen Landesmedienanstalt dort zitiert.

Daher sei inzwischen der entsprechende Vertrag angefordert worden, der mit den Kandidaten abgeschlossen werde. Einen Verstoß gegen die Menschenwürde habe die Landesmedienanstalt jedoch nicht festgestellt. Sollte ein offizielles Prüfverfahren eingeleitet werden, drohe dem Sender eine Beanstandung, berichtet die „NOZ“ weiter.

Nachtrag 2

Der Privatsender RTL zieht nach Jan Böhmermanns „Verafake“ Konsequenzen. „Bei der Produktion einer Folge von „Schwiegertochter gesucht“ sind Fehler im Bereich der redaktionellen Sorgfaltspflicht gemacht worden“, sagte Unterhaltungschef Tom Sänger in einer Mitteilung. „Dazu stehen wir gemeinsam mit der Produktionsfirma Warner. Die Produktion der aktuellen Staffel wird daher von einem neuen Team realisiert. Gemeinsam mit dem Produzenten sorgen wir dafür, dass sich die Fehler nicht wiederholen.“

Gefundenes Fressen für Populisten

In einer Umfrage sagen 60 Prozent der Bundesbürger, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Die Lebenswirklichkeit der allermeisten Deutschen spricht allerdings eine andere Sprache.  

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Die Deutschen misstrauen dem Islam – vor allem AfD-Wähler

Die AfD-Anhänger sind gegen den Islam

Nun gibt es also eine neue Umfrage zum Thema Islam. Das Ergebnis: Für 60 Prozent der Bundesbürger gehört der Islam nicht zu Deutschland. Und wen wundert’s, dieser Aussage stimmen 94 Prozent der AfD-Parteigänger zu. In deren Parteiprogramm steht schließlich wortwörtlich der Satz: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Doch was sagt diese eine Antwort in der Umfrage des Instituts? Ziemlich wenig. Klarer wird die Sache, wenn andere Ergebnisse hinzugezogen werden. Eine Mehrheit von 58 Prozent der Deutschen meint, die etablierten Parteien CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke und FDP kümmerten sich nicht ausreichend darum, dass Sorgen und Bedenken gegenüber dem radikalen Islam ernst genommen werden. Und: Relativ groß ist derzeit die Furcht vor einem islamistischen Terroranschlag in Deutschland. Dass es dazu kommen wird, befürchten fast drei von vier Deutschen (72 Prozent). Das ist ein wenig überraschendes Ergebnis nach den Attentaten in Paris und Brüssel.

Die Angst vor dem Terror

Die Deutschen haben also keine Angst vor dem Islam, sondern vor dem Terror, der von Islamisten ausgeht. Das eint sie mit den Einwohnern von Istanbul oder Ankara. Dort haben in den vergangenen Wochen mehrere Bomben Dutzende Menschen in den Tod gerissen, gelegt wurden die Sprengsätze von Fanatikern des Islamischen Staates.

Die Lebenswirklichkeit der allermeisten Deutschen spricht gegen einfache Antworten auf scheinbar einfache Fragen. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Wahl der türkischstämmigen Grünen-Politikerin Muhterem Aras zur Präsidentin des Landtages von Baden-Württemberg, einem doch eher christlich-konservativen Bundesland. Die meisten Menschen gehen offensichtlich viel entspannter und realistischer mit der Islam-Frage um, als mancher Politiker glauben machen will.

Die Klugheit der Wähler

Die unterschätzen offensichtlich die Klugheit ihrer Wähler und versuchen mit einem dumpfen Populismus politisches Kapital zu schlagen. So bezeichnet die AfD-Landtagsabgeordnete Christina Baum die Wahl von Muhterem Aras als „ein ganz klares Zeichen, dass die Islamisierung Deutschlands in vollem Gang ist.“ Sie spricht auch von einem „schleichenden Genozid an der deutschen Bevölkerung durch die falsche Flüchtlingspolitik der Grünen“. AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen versucht, solche verbalen Ausfälle zu relativieren. Er unterstreicht: „Zu Deutschland gehören sehr wohl Millionen Menschen islamischen Glaubens, die bei uns leben, friedlich integriert.“ Nach der Wahl von Aras zur Landtagspräsidentin Abstimmung hat Meuthen der Muslimin gratuliert.