Der Fake-Artist Jan Böhmermann

Jan Böhmermann beendet seine Fernsehpause – und provoziert wieder. Seine Behauptung, einen schüchternen Eisenbahn-Fan als Fake-Kandidaten in die RTL-Show „Schwiegertochter gesucht“ geschleust zu haben, lässt die Erdogan-Debatte vergessen.
16.05.13-Böhmermann

Seine Fans feiern Böhmermann.

Böhmermann tut das Überraschende

Jan Böhmermann hätte vieles tun können: Ziegen durchs Studio jagen, ein feixendes Erdogan-Double neben sich setzen, ein Schmähgedicht über Angela Merkel rezitieren. Aber Jan Böhmermann hat beim Comeback des „Neo Magazin Royale“ nach vierwöchiger Pause nichts dergleichen getan. Der Satiriker hat die „Causa Erdogan“, die an Intellektuellenstammtischen und Redaktionsstuben quer durch die Republik heftig diskutiert wurde und sich zu einer Staatskrise zwischen Berlin und Ankara ausgewachsen hat, lediglich in Halbsätzen und vagen Andeutungen erwähnt. Und er hat gut daran getan, denn Böhmermann hatte einen ganz anderen Coup auf Lager – er gab einmal mehr den investigativen Satiriker. Das Ziel seiner Recherche war dieses Mal die Moderatorin Vear Int-Veen und deren RTL-Trash-Sendung „Schwiegertochter gesucht“. Der Hashtag der Woche lautete denn auch: #verafake.

Sein selbst erklärtes Ziel: „Dokumentieren, was RTL und Vera Int Veen für eine Scheiße mit Kandidaten abziehen, die sich nicht wehren können.“ Das ist Böhmermann, der schon mit dem gefälschten Varoufakis-Fake die Redaktion von Günther Jauch bloßstellte, grandios gelungen.
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Der investigative Böhmermann

Genüsslich erzählt der Satiriker, wie einfach es war, die Kollegen vom Privatfernsehen hinters Licht zu führen. Die Zutaten sind denkbar einfach: eine heruntergekommene Wohnung voller Bierflaschen, ein ausgefallenes Hobby, ein schiefes Grinsen und zwei vermeintlich grenzdebile Kandidaten – fertig sind die idealen Kandidaten. Ganz nebenbei deckt Böhmermann auf, unter welchen Bedingungen RTL seine Sendung produziert. Kandidat „Robin“ und sein vermeintlicher Vater unterschreiben einen Vertrag, der sie zu einem 30-tägigen Drehtermin verpflichtet. Dafür sollen sie 150 Euro bekommen.
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Großer Auftritt von Gregor Gysi

Wer geglaubt hatte, dass der Spannungsbogen der Sendung sich nun merklich senken würde, sah sich getäuscht. Es kam der Auftritt von Gregor Gysi. Der nicht gerade als redescheu bekannte ehemalige Fraktionschef der Linken im Bundestag trieb Böhmermann verbal durch die nächste Viertelstunde der Sendung. Gleich zu Anfang legte Gysi den Finger in die Wunde: „Das Gedicht, das Sie vorgelesen haben, fand ich nicht schön, weil es Vorurteile bedient.“ Böhmermann wollte nicht über das Thema reden, was der Linken-Politiker aber beharrlich ignorierte. Er dozierte über die Freiheit der Kunst, die Sinnlosigkeit des Paragrafen 103 und die unsouveräne  „Scheißpolitik“ Erdogans – da half es auch nichts, dass sich Böhmermann die Ohren zuhielt oder wie wild auf seinem Laptop tipte. Das Urteil Gysis über den Satiriker fiel am ende aber gnädig aus – der Jurist plädierte auf Freispruch. Schon während noch lief, feierten seine Fans das Comeback Böhmermann auf Twitter. Ihm selbst scheint die kleine Pause durchaus gut getan zu haben.

 

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Nachtrag 1

Nach dem entlarvenden Bericht in Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ prüft die Medienaufsicht nun die RTL-Sendung „Schwiegertochter gesucht“. Eine entsprechende Vorprüfung sei bereits eingeleitet worden. Das berichtet die „Neue Osnabrücker Zeitung„. „Die Art und Weise, wie die Produktionsfirma Verträge mit den Kandidaten abschließt und sie dabei bedrängt, erinnert stark an Haustürgeschäfte“, wird der Direktor der niedersächsischen Landesmedienanstalt dort zitiert.

Daher sei inzwischen der entsprechende Vertrag angefordert worden, der mit den Kandidaten abgeschlossen werde. Einen Verstoß gegen die Menschenwürde habe die Landesmedienanstalt jedoch nicht festgestellt. Sollte ein offizielles Prüfverfahren eingeleitet werden, drohe dem Sender eine Beanstandung, berichtet die „NOZ“ weiter.

Nachtrag 2

Der Privatsender RTL zieht nach Jan Böhmermanns „Verafake“ Konsequenzen. „Bei der Produktion einer Folge von „Schwiegertochter gesucht“ sind Fehler im Bereich der redaktionellen Sorgfaltspflicht gemacht worden“, sagte Unterhaltungschef Tom Sänger in einer Mitteilung. „Dazu stehen wir gemeinsam mit der Produktionsfirma Warner. Die Produktion der aktuellen Staffel wird daher von einem neuen Team realisiert. Gemeinsam mit dem Produzenten sorgen wir dafür, dass sich die Fehler nicht wiederholen.“

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