Kalter Krieg im Metro-Tunnel

Dmitry Glukhovsky beschreibt in „Metro 2035“ die Apokalypse. Das heutige Russland schimmert in den Roman an vielen Stellen durch.

16.05.13-gluhovskiy3

Dmitry Glukhovsky in der Metro in Moskau

Das leben nach dem Atomkrieg

Im Jahr 2035 herrscht ewige Dunkelheit. Einige Tausend Menschen haben einen Atomkrieg überlebt und konnten sich ins gigantische Netz der Moskauer U-Bahn retten. Dort vegetieren sie, tief unter der Erde, und gleichen eher den Toten als den Lebenden. Niemand will hinauf ans Licht, die Welt, wie wir sie kennen, ist verschwunden. Dmitry Glukhovsky beschreibt in seinem neuen Buch „Metro 2035“ die Apokalypse. Doch auch in ihrem feuchten und stinkenden Verlies haben die Menschen nichts aus der zerstörerischen Vergangenheit gelernt, sie raufen sich nicht zusammen. Immer wieder brechen ideologische Konflikte aus. Zwischen den einzelnen Metrostationen, in denen sich die Menschen eingerichtet haben, herrscht Neid und Missgunst.

Wie schon in den Vorgängerwerken „Metro 2033“ und „Metro 2034“ des russischen Autors macht sich der junge Artjom Tschorny auf die Suche nach der Wahrheit: Gibt es Leben jenseits der geschlossenen Luken? Wer regiert die Metro wirklich? Glukhovsky schildert die Irrfahrt eines modernen Odysseus. Mit „Metro 2033“ traf Glukhovsky 2008 den Nerv der jungen Generation. Das Buch verkaufte sich über eine Million Mal und wurde in Dutzende Sprachen übersetzt. Die Filmrechte sicherte sich Hollywood.

Die Wahl zwischen Freiheit und Unfreiheit

Das neue Werk von Dmitry Glukhovsky spielt zwar im Moskau der Zukunft, aber das Russland von heute schimmert deutlich durch. „Ich wollte die Wahl zwischen Freiheit und Unfreiheit aufzeigen – und wie gerne Menschen primitive, aber wohlklingende Lügen glauben“, sagt Glukhovsky bei einem kurzen Stopp in Stuttgart über sein Buch. Wenige Monate vor der Parlamentswahl in Russland liest sich der 784-Seiten-Wälzer teilweise wie eine Gebrauchsanleitung für das Reich von Präsident Wladimir Putin.
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Der regierungskritische Autor weist solche Parallelen natürlich nicht zurück. „Das Buch ist ein Versuch, den Leser den Puls der Russen fühlen zu lassen“, sagt der 36-Jährige. „Es war die richtige Zeit, eine dunkle Version von dem zu zeigen, was wir in Wirklichkeit sind.“ Dabei beobachtet der gelernte Journalist, der als Fernsehreporter auch in Krisengebieten gearbeitet hat, die Gesellschaft sehr genau und weiß: „Wir sind unsere eigene schlimmste Bedrohung: unsere Paranoia, unsere Aggression, unser unkontrollierbarer Zorn. Wenn die Menschheit jemals zerstört werden sollte, so wird es gewiss der Mensch selbst sein, der ihr den Todesstoß gibt.“

Die revolutionäre Energie ist verschwunden

Aus Dmitry Glukhovsky spricht auch die persönliche Enttäuschung über die Entwicklung in seiner Heimat. „Die Massenproteste gegen Putin im Jahr 2011/12 haben mich und mein Denken geprägt“, sagt der Autor. Die revolutionäre Energie habe sich in Rauch aufgelöst, und Putin sei es gelungen, alle zu übertölpeln. Er habe damals einige kleine Konzessionen gemacht, aber anstatt in die Zukunft zu marschieren, mit Reformen und neuen Ideen, drehe sich Russland heute mit unvorstellbarer Geschwindigkeit wieder in Richtung Vergangenheit, indem Putin das alte Imperium neu aufbaue. „Der hysterische Applaus nach dem Anschluss der Krim demonstriert die ganze Sucht vieler Russen nach Größe und Anerkennung.“ Das Gefühl, vom Westen nicht genug respektiert zu werden, sei der größte Komplex Russlands. „Nicht zufällig sagt jemand im Buch: ‚Außerhalb der Metro würden wir aufhören, ein Volk zu sein. Wir wären keine große Nation mehr.‘“ Dmitry Glukhovsky glaubt, dass Russland in einer Art ideologischem Vakuum lebt. „Unsere Führungsschicht ist seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor allem damit beschäftigt, Geld zu stehlen und zu horten“, erklärt der Autor. „Uns hat niemand erklärt, wer wir sind, wohin wir gehen, woher wir kommen.“ Das Volk habe nichts, woran es glauben könne. Dieses Vakuum sei in den ersten Jahren nach dem Ende des Kommunismus von der Konsumkultur überdeckt worden. Glukhovsky: „Aber daran kann man nicht ewig glauben. Dann kam Putin und hat uns dieses Imperium-Projekt gebracht.“

Ein ideolgisches Vakuum

Zu diesem Projekt gehört auch ein Feind: der Westen. Putin habe es geschafft, mit seiner hämmernden Propaganda­maschine das Volk davon zu überzeugen, dass Russland von Feinden umzingelt sei, sagt Dmitry Glukhovsky. „Dass man uns in Stücke reißen, okkupieren, kolonisieren, unser wertvolles Öl und unser geliebtes Gas aussaugen will. Uns fressen und verdauen will. Uns zerschlagen und über dem Kreml das Sternenbanner hissen will.“

Mit sichtlichem Erstaunen nimmt es der Autor zur Kenntnis, dass er seine kaum verhohlene Kritik am System Putin in Russland überhaupt noch publizieren darf. „Ich glaube, die Literatur ist die letzte Bastion der Freiheit in Russland“, sagt Dmitry Glukhovsky. Diese Freiheit will er so lange wie möglich nutzen.

Dmitry Glukhovsky: Metro 2035. Roman. Aus dem Russischen übersetzt von M. David Drevs. Heyne Verlag. 784 Seiten,  14,99 Euro.

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