Anschlag in München – Twitter gewinnt das Info-Rennen

Die sozialen Medien sind unschlagbar wenn es darum geht, schnell über ein Ereignis zu berichten. Selbst Online-Medien wirken in diesem Wettlauf wie alte Medien. Die öffentlich-rechtlichen Sender entfalten erst spät ihre Qualitäten. 

16.07.25-FB-München

Dieser Facebook-Account war das Ziel des Hasses der Internet-Meute.

Information in Echtzeit

Twitter hat wieder einmal seine Stärken gezeigt. Es hat in Echtzeit über die blutige Schießerei in München informiert. Kurz vor 18 Uhr laufen die ersten Meldungen über den Kurznachrichtendienst. Zuerst sind es nur Informationsfetzen, wilde Vermutungen, doch nach und nach setzen sie sich wie ein Mosaik zu einem Gesamtbild zusammen. Auch in München hat sich gezeigt, dass die Sozialen Medien kaum zu schlagen sind, wenn es darum geht, Informationen schnell zu verbreiten. Gegen die Live-Berichterstattung von Augenzeugen in 140 Zeichen mit Fotos und Videos wirkten selbst Online-Medien, die größtenteils auf die Zulieferung von Agenturmaterial angewiesen waren, am Ende wie alte Medien.

Plötzliche Berühmtheit durch Periscope

Das haben  auch die Nachrichtensender realisiert. War nach dem Anschlag in Nizza oder dem Putsch in der Türkei ein erstaunliches News-Vakuum zu bemerken, haben die Redakteure bei den TV-Kanälen inzwischen  eine traurige Routine entwickelt, Nachrichten so schnell wie möglich zu senden.  Zu einer gewissen Berühmtheit gelangte ein junger Mann, der live über den Video-Dienst Periscope von dem Anschlag in dem Münchner Einkaufszentrum berichtete. Er stand zufällig in unmittelbarer Entfernung, direkt in der Masse der verstörten Menschen und filmte drauflos. Erst als allmählich die Nachrichtensender seinen Livestream direkt für ihre Berichterstattung übernahmen, schien dem jungen Mann klar zu werden, welche Wucht seine Bilder hatten. Nicht immer jedoch ist die Schnelligkeit in 140 Zeichen auch der Weisheit letzter Schluss: viele Tweets, die unter den Hashtags #Muenchen und #OEZ abgesetzt wurden, führten teilweise in die Irre – wie etwa beim Gerücht, dass es eine Schießerei am Stachus gegeben habe.

Stärke und Schwäche der ARD

Die öffentlich-rechtlichen Sender verzichteten  darauf, sich direkt aus dem Material der sozialen Medien zu bedienen – und sahen damit sehr alt aus. Während die Privatsender schon die Bilder des um sich schießenden Mannes übertrugen, mussten sich die Zuschauer von ARD und ZDF mit Hinweisen der Sprecher begnügen, dass es noch keine gesicherten Fakten gebe. Im Laufe der Berichterstattung zeigte sich dann  die Stärke der öffentlich-rechtlichen Medien. In den ersten Stunden des Anschlags ging es darum, schnell einen Eindruck von der Situation zu vermitteln – dieses Rennen haben ARD und ZDF verloren. Dann aber wurden die solide Recherche und der Sachverstand bei der Berichterstattung immer wichtiger. Ausgewogene Einschätzungen waren gefragt, Hintergründe und Erläuterungen – nicht mehr der Informationsschnellschuss. Hier liegen die öffentlich-rechtlichen Sender vorn.

Die Polizei nutzt Twitter

In München zeigte sich, dass  auch die Polizei die  Vorteile der sozialen Medien zu nutzen weiß. Immer wieder twitterte die Polizei, warnte die Menschen, zuhause zu bleiben, keine Fremden im Auto mitzunehmen und offene Plätze zu meiden. Auch Nachrichten, die sich als Falschmeldungen herausstellten – wie die gemeldete Schießerei am Stachus – konnten auf diesem Weg von den Beamten sehr schnell dementiert werden. Schließlich schickte die Polizei die Aufforderung an die Nutzer, das Medium verantwortlich zu benutzen und keine Beamten im Einsatz vor Ort zu filmen oder zu fotografieren und dieses Material dann ins Netz zu stellen. Jeder der Nutzer verstand sofort, dass diese Aufforderung keine Zensur bedeutete, sondern den Tätern keine wichtigen Informationen über den laufenden Einsatz geben sollte. Auch diese Nachricht verbreitete sich schnell über den Kurznachrichtendienst und viele Nutzer schienen sich daran zu halten.
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Was die sozialen Netzwerke zudem leisten können, demonstrierte auch Facebook, das den „Safety Check“ („Sicherheitscheck“) für München aktivierte, womit Bewohner mitteilen können, dass sie in Sicherheit sind. Zudem twitterten etliche Bewohner der Stadt den Hashtag #OffeneTür, um Menschen Unterschlupf zu gewähren.
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Die übliche Hexenjagd

Allerdings kam es im Netz auch zur fast schon üblichen Hexenjagd. Über den Facebook-Account einer  jungen Frau war in den Stunden vor der Schießerei mehrere Male dazu aufgerufen worden, sich um 16 Uhr an dem Einkaufszentrum beim  Münchner Olympiastadion zu treffen. Wie auf Befehl empörte sich der Internet-Mob, der einen der Täter gefunden glaubte, der unschuldige Menschen in eine Falle locken wollte. Wüste Beschimpfungen und Todesdrohungen hagelten auf das Mädchen nieder. Niemand wusste, wer die junge Frau ist, ob ihr Account gehakt worden ist oder ob das alles einfach nur Zufall war. Das  Internet zeigte sich  von seiner ganz hässlichen Seite.

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