Bittere Mail an die Brexit-Amateure

Der Frust muss sehr, sehr groß gewesen sein. Der zurückgetretene britische EU-Botschafter Ivan Rogers hat in einer persönlichen E-Mail an seine Mitarbeiter die Regierung seines Landes scharf kritisiert.

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Mahnung eines Profis

In dem Abschiedsschreiben spricht der Diplomat von schlechten Argumenten vieler Politiker. „Es mangelt an ernsthafter, multilateraler Verhandlungserfahrung in der Regierung“, schreibt Rogers mit Blick auf den geplanten Brexit. An seine früheren Mitarbeiter appellierte er, „nie davor Angst zu haben, jenen an der Macht die Wahrheit zu sagen“. Der Diplomat hätte offiziell noch bis Oktober im Amt bleiben sollen. Der Vorsitzende des Brexit-Ausschusses im britischen Parlament, Hilary Benn (Labour), bezeichnete den Rücktritt des Diplomaten als „keine gute Sache“.

Hier geht es zu der Abschieds-Mail in voller Länge.

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Die Financal Times kommentiert den Rücktritt:

„Mit dem Rücktritt von Sir Ivan Rogers verliert Großbritannien einen seiner erfahrensten Vertreter in Brüssel. Der Zeitpunkt ist für die Regierung von Theresa May unglücklich. Gerade jetzt, wo sich die unschönen Auseinandersetzungen zwischen Großbritannien und seinen bisherigen EU-Partnern vor dem Beginn der Verhandlungen über die Brexit-Bedingungen ihrem Höhepunkt nähern. Bei den Ideologen in Großbritanniens regierender Konservativer Partei mag der Rat bewährter Staatsdiener, die sie als „sogenannte Experten“ verspotten, nicht in Mode sein. Doch Sir Ivan ist ein ranghoher Beamter, auf den die britische Regierung gerade jetzt nur schwer verzichten kann.“

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Die keifende Kassandra Nigel Farage

Natürlich meldete auch der ehemalige Chef der EU-feindlichen Ukip-Partei in Großbritannien, Nigel Farage, zu Wort. Er forderte, nun einen „strammen Brexit-Befürworter“ auf den Posten zu berufen. Allerdings stellt sich die Frage, ob Farage sich in der Position befindet, Forderungen zu stellen. Denn der Politiker schmiss nach der Brexit-Abstimmung alles hin, weil er „sein Leben zurück“ haben wollte. Seit jenem Zeitpunkt meldet er sich aber immer wieder wie eine keifende Kassandra in den sozialen Medien zu Wort.
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Bedauern in Brüssel

Die EU-Kommission äußerte Bedauern über den Rücktritt des Briten. Rogers sei für die Brüsseler Behörde ein nicht immer einfacher, aber höchstprofessioneller und äußerst kenntnisreicher Gesprächspartner und Diplomat gewesen, kommentierte eine Sprecherin. Er habe immer loyal die Interessen seiner Regierung verteidigt.

Keine schönen Aussichten

Rogers hatte zuletzt für Aufsehen mit der Einschätzung gesorgt, die Verhandlungen über ein Abkommen Großbritanniens mit der EU zur Regelung des EU-Austritts könnten zehn Jahre dauern. Selbst dann, so der Experte, könnte ein Abkommen noch an der Ratifizierung in einem der nationalen Parlamente scheitern. Das hatte ihm deutliche Kritik von Befürwortern eines klaren Bruchs mit Brüssel eingebracht. Die Briten hatten im vergangenen Juni in einem historischen Referendum den Austritt ihres Landes aus der EU beschlossen.

Nachtrag:

Tim Barrow wird neuer britischer EU-Botschafter. Sein Ernennung  ist überwiegend wohlwollend aufgenommen worden. „Ich habe ihn in Brüssel gesehen, er kennt die Amtswege, er kennt die Charaktere“, sagte Tom Fletcher, der drei britischen Regierungschefs als Politikberater diente, der Rundfunkgesellschaft BBC. Die „Financial Times“ äußerte die Erwartung, dass Barrow vor den Brexit-Verhandlungen für größere Gelassenheit sorgen könne, er stehe für eine „eher traditionelle diplomatische Führungsweise“. Diese Verhandlungen seien „die härtesten zu unseren Lebzeiten“, sagte Fletcher, ein ehemaliger britischer Botschafter im Libanon. Barrow sei dafür „auf der Höhe“. (Aktualisiert 06.01.2017)

Hier geht es zu einer Reportage über den Brexit

Hier noch eine Geschichte über die Folgen des Brexit

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