Jewtuschenko – Tod eines großen Dichters

Es sind die ersten Worte, die manchmal entscheiden, ob ein Werk ein Erfolg wird. Jewgeni Jewtuschenko hat ein Gedicht geschrieben, dessen erster Satz ihn unsterblich gemacht hat. Der Satz geht so: „Über Babi Jar, da steht keinerlei Denkmal“. Dieser Satz wird ihn überdauern – am 1. April ist Jewgeni Jewtuschenko gestorben.

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Der Mord an den Kiewer Juden

Das Gedicht über den Massenmord an den Kiewer Juden in der Schlucht Babi Jar 1941 ist das berühmteste Werk des russischen Dichters. Im Jahr 1961 war es ein Skandal, denn das Massaker war ein Verbrechen, das auch in der Sowjetunion aus Antisemitismus verschwiegen wurde. Unerhört auch der Schritt, dass sich der Russe Jewtuschenko sich an die Seite der Opfer stellte: „Ich bin alt heute, so alt wie das jüdische Volk. Ich glaube, ich bin jetzt ein Jude.“

Tauwetter nach dem Tod Stalins

Jewtuschenko hat seinen Mut nicht bitter bezahlen müssen. Denn Anfang der 60er Jahre konnte man so etwas in der Sowjetunion  sagen. Es herrschte ein neuer, etwas freierer Geist, der Diktator Josef Stalin war 1953 gestorben. Der Sibirier Jewtuschenko, dessen Geburtsjahr mit 1932 oder 1933 angegeben wird, wurde zu einer prägenden Stimme dieses kulturellen Tauwetters. Er, seine Frau Bella Achmadulina und sein Dichterfreund Andrej Wosnessenski standen für eine rebellische neue Generation.

„Stalins Erben“ überschrieb Jewtuschenko 1963 ein anderes wichtiges Gedicht. Die Hinterlassenschaft des Diktators spuke noch in den Köpfen herum, warnte er. „Verdoppelt die Wachen, verdreifacht sie vor diesem Grab! Damit Stalin für immer darinnen bleibt“, schrieb er.
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Wo ein Dichter mehr wert ist

Russen lieben Lyrik, und Jewtuschenko verkündete selbstbewusst: „In Russland ist ein Dichter mehr als ein Dichter.“ Über die Jahrzehnte war er so etwas wie der Popstar der russischen Poesie. Wenn er seine Gedichte vortrug, ein großgewachsener, hagerer Mann mit weiten Gesten und einem Sprechgesang voller Pathos, dann lauschten ihm Hunderte und Tausende. „Verse klangen in voller Stimme von der Bühne herab, sie brachten das Land zum poetischen Nachdenken über das Leben, wurden zur Atemluft für mehrere Generationen“ – so erinnert sich Nina Jagodinzewa vom russischen Schriftstellerverband an Jewtuschenkos Lesungen.

Das Ende des Tauwetters

Die Freiheit des Tauwetters hatte ihre Grenzen, die sowjetische Kulturpolitik wurde wieder frostiger, und Jewtuschenko übte sich wie viele seiner Generation in Kompromissen. In seinen Werken spielte er auf sowjetische Bürokratie, auf Zensur und Geschichtsverfälschungen an, verurteilte den sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei 1968 und setzte sich für verfemte Kollegen ein. In den 80er Jahren warf er sein Ansehen für die Reformen von Generalsekretär Michail Gorbatschow in die Waagschale. „Er und seine Freunde haben die Perestroika (Umgestaltung) ehrlich und leidenschaftlich unterstützt“, sagt Gorbatschow über den Dichter.

Hier liest Ben Becker: „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“

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Ein Taktierer im System

Anders als etwa Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn („Archipel Gulag“) brach Jewtuschenko nie mit dem System. Sein Dissidententum wirkte oft wie eine Pose. Einen „geschickten Taktierer zwischen Auflehnung und Anpassung“ nannte ihn einmal die „Neue Züricher Zeitung“.

Prosawerke und Drehbücher

Der Schriftsteller schuf auch Prosawerke und Drehbücher, als Regisseur schuf er Filme wie „Stalins Begräbnis“ (1990). In Deutschland wurde er mit seinen autobiografischen Romanen „Stirb nicht vor deiner Zeit“ (1994) und „Der Wolfspass. Abenteuer eines Dichterlebens“ (2000) bekannt.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991, einer Phase von Unruhe und Armut in Russland verloren die Schriftsteller an Bedeutung. Deshalb lebte und lehrte Jewtuschenko ab 1992 immer wieder auch in den USA an der Universität von Tulsa in Oklahoma. Dort ist er auch gestorben. Laut seinem letzten Willen soll Jewtuschenko in der Literaten-Siedlung Peredelkino bei Moskau neben dem Nobelpreisträger Boris Pasternak („Doktor Schiwago“) beigesetzt werden.

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