Notre-Dame lockt Selfie-Jäger

Nach dem Brand in Notre-Dame strömen die Touristen in Massen zu der Kathedrale. Die Katastrophe übt eine große Anziehungskraft aus.

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Touristen strömen zum Ort des Infernos

Die Touristin aus den USA ist ziemlich enttäuscht. „Man sieht von dem Schaden ja gar nichts“, ruft sie ihrem Begleiter im Straßenlärm zu und stellt sich in Pose für ein Urlaubsfoto – sie im Vordergrund, Notre-Dame dahinter. Zwei Tage ist es her, dass die Kathedrale im Herzen von Paris fast ein Raub der Flammen geworden wäre. Das Dach ist völlig ausgebrannt, große Teile der Konstruktion sind ins Kirchenschiff gestürzt, Kunstschätze von unschätzbarem Wert wurden zerstört. Während Fachleute an der Außenfassade versuchen, die Schäden festzustellen, strömen schon wieder die Touristen zu dem weltberühmten Gotteshaus, das mit über 13 Millionen Besuchern pro Jahr das meistbesuchte Bauwerk Frankreichs ist.

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Manche Touristen regen sich auf, dass die Polizei das Gelände weiträumig abgesperrt hat und sie nicht näher an das Objekt der Begierde gelangen, aber den meisten Besuchern ist – neben einer großen Neugier – das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Andere haben es sich in den Brasserien am angrenzende Quai de Montebello bequem gemacht und blicken bei einem Café und Croissant auf das Spektakel.

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Zehntausende Menschen drängeln sich an diesem sonnigen Morgen am Ufer der Seine, um den besten Blick auf das Drama zu bekommen. Auf der anderen Seite, auf der Île de la Cité, steht das geschundene Bauwerk, stolz thront es dort, aber auch schwer angeschlagen. Das Dach ist weg, der Mittelturm fehlt, wie durch ein Wunder konnte der völlig verbogene Wetterhahn in den Trümmern geborgen werden, der viele hundert Jahre von der höchsten Spitze über Paris blickte. Am Ufer des Flusses patrouillieren Polizisten, die es inzwischen aufgegeben haben, den Touristen zu verbieten, in halsbrecherischen Aktionen auf die Kaimauer zu steigen, um bessere Selfies von sich und der Kathedrale zu machen. „Die Leute lassen sich nichts sagen, manche werden sogar richtig wütend, wenn wir einschreiten“, sagt ein junger Beamter und schüttelt den Kopf.

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Eine ältere Frau steht etwas abseits am Rand der Seine und blickt regungslos auf Notre-Dame, Tränen rinnen unter ihrer dicken Brille über ihre Wangen. Sie kommt aus Italien, eine Woche sei sie in Paris und wollte eigentlich alle Museen und Sehenswürdigkeiten besichtigen. Dann aber musste sie am Montagabend miterleben, wie Notre-Dame ein Raub der Flammen wurde. „Ich habe seitdem nicht mehr geschlafen und komme nun jeden Tag hierher“, sagt die pensionierte Lehrerin und will wissen, wo man für den Wiederaufbau spenden kann. Als sie hört, dass schon fast eine Milliarden Euro für das Projekt versprochen sind, ist sie sichtlich erleichtert und die Geschichte von dem wiedergefundenen Wetterhahn rührt sie zu weiteren Tränen.

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Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann unter einem Baum und malt. Er stellt sich vor als „Simon, der Künstler“, auf dem Schoß hält er ein großflächiges Aquarell, neben sich stehen allerlei Farben. „Ich wohne nur 500 Meter von hier“, erzählt er. „Als ich gesehen habe, dass Notre-Dame brennt, bin ich sofort an das Ufer der Seine geeilt. Es war schrecklich!“ Zuerst habe er mit seiner Kamera unzählige Fotos gemacht, doch nun müsse er sich entschleunigen, um wirklich begreifen zu können, was an jenem Abend passiert ist. Dass er in dieser Szenerie für viele der Schaulustigen selbst zum pittoresken Fotomotiv wird, kümmert ihn wenig. „Jeder geht mit dem Verlust auf eine andere Weise um“, sagt Simon. Im Grunde labe er sich mit seiner Kunst ja auch an der Katastrophe. Er selbst werde über das Inferno auch noch ein Gedicht schreiben oder eine Erzählung. Solche Dramen müssten für spätere Generationen festgehalten werden.

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