Mit wenigen Schritten vom Dschungel in die Sahelzone

Die Gewächshäuser im Pariser Vorort Auteuil sind seit über einhundert Jahren ein exotischer Ort der Muße und Ruhe für die Menschen der Millionenstadt.

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Großer Bahnhof um Roland Garros

Es ist keine gute Idee, den Jardin des Serres d’Auteuil zu besuchen, wenn in Roland Garros Tennis gespielt wird. Immer wieder brandet Beifall herüber oder frenetischer Jubel, wenn einem Spieler ein Schlag besonders gut gelungen ist. Ansonsten eine Oase der Ruhe, lediglich leise besäuselt vom ständigen Verkehr der Großstadt, ist an diesem Ort während der Turniertage an Kontemplation kaum zu denken.

Der Ärger beginnt mit der Anfahrt: die Metro Nummer 10 in Richtung Porte d’Auteuil ist überfüllt, aufgekratzte Menschen hetzen umher, Andenkenstände versperren den Weg und eine lärmende Karawane zieht von der Metro in Richtung Haupteingang der Tennisanlage. Es empfiehlt sich, die Leute an der Straße entlang rennen zu lassen, sich in aller Gelassenheit etwas links zu halten und den Weg durch den Park der Poeten zu nehmen. So schlendert man einige Hundert Meter an alten Bäumen und Tafeln mit Gedichten vorbei, bis schließlich das erste Gewächshaus auftaucht.

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Eine Zeitreise in ein anders Jahrhundert

Spätesten jetzt beginnt eine kleine Zeitreise ins 19. Jahrhundert. Als Einstimmung dient der Garten im barocken Stil, den die fünf Hauptgewächshäuser umschließen. Unweigerlich führt der Gang in Richtung des Einganges am größten Gebäudes aus Stahl und Glas. Dabei passiert man eine ausladende Treppe, die mit fratzenartigen Köpfen geschmückt ist, die aus dem Atelier Auguste Rodins stammen. In der Mitte prangt ein mächtiges Medaillon das den Triumph des Bacchus darstellt und als Beleg dienen kann, dass die Menschen jener Zeit den Sinnesfreuden nicht ganz abgeneigt gewesen sein können.

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Eintritt in eine andere Welt

Es bedarf einiger Kraft, die mehrere Meter hohe Tür aufzuziehen, aber kaum ist die Pforte durchschritten, ist die Welt eine andere. Wasser rauscht, exotische Vögel zwitschern um die Wette und ein schwerer Duft von Blüten und Erde umfängt den Besucher.

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Dem modernen und weltreisenden Menschen von heute mag dieses Erlebnis wenig Neues bieten, aber wie mögen die Pariser vor über 100 Jahren auf solch einen Empfang reagiert haben? Am Ende des 19. Jahrhunderts waren solche Gewächshäuser groß in Mode. Für die Franzosen hieß es, dass sie zwar ihre entfernten Kolonien nicht besuchen konnten, doch in diesem Fall die Kolonien einfach zu ihnen kamen, erklärt Vincent Lysiak, Chefgärtner der Serres d’Auteuil. Bemerkenswert ist die Sammlung der Pflanzen aus Neukaledonien, von denen viele zum ersten Mal außerhalb ihrer Herkunftsinsel zu sehen waren.

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Beliebtes Zielt für die Pariser

Vor allem im Winter liebten es die Einwohner von Paris, sich im Warmen zwischen Palmen und Kakteen zu ergehen. Sie bestaunten die unglaublichen Farben der tropischen Pflanzen und berauschten sich an den exotischen Düften.
Angelegt war die Anlage ursprünglich aber nicht als Ort der Muße, sondern vor allem zur Zucht der Pflanzen, die König Ludwig XV. für seine Gärten benötigte. Aber mit dem Niedergang der Monarchie hatte sich auch das schnell erledigt und schließlich wurde der Architekt Jean Camille Formigé damit beauftragt, die Gewächshäuser zu bauen, die 1898 eröffnet wurden. Und so kann man auch heute noch von der dicht wuchernden Dschungelwelt in nur wenigen Schritten in die scheinbar lebensfeindliche Welt der Sahelzone wechseln, wo nur Dornen und Gestrüpp gedeiht.

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Ein Eldorado für alle Botaniker

Auf ihre Kosten kommen Orchideenliebhaber, es sollen über 500 Unterarten der Pflanze in den Gewächshäusern zu finden sein. Zudem ist zu bestaunen, dass die Gattung der Begonia nicht nur aus jenen wuchernden Gewächsen besteht, die an deutschen Einfamilienhäusern die Fenstersimse verschönern sollen.
Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts musste der Garten allerdings einen herben Einschnitt hinnehmen. Ein Drittel der Fläche wurde dem Straßenbau geopfert und die Pflanzenzucht wurde ausgelagert.

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Das Paradies schrumpft

Noch einmal einen gewissen Tribut mussten die Gärten dem unmittelbaren Nachbarn zollen. Als die Tennisanlage Roland Garros in den letzten Jahren erweitert wurde, wurden noch einmal einige Quadratmeter abgezwackt. In diesem Fall aber haben sich die Architekten des französischen Tennis-Mekkas einiges einfallen lassen. Das neue, rund 5000 Zuschauer fassende Stadion, das nach der Tennisspielerin Simonne Mathieu benannt wurde, gleicht von außen einem Gewächshaus. Die Formgebung der Serres d’Auteuil wurde aufgenommen und auch im Innern wurden an den vier Seiten jeweils Pflanzen aus Amerika, Asien, Afrika and Ozeanien gepflanzt. Allein der Geruch ist den diesen heiligen Hallen des Sports ein anderer. Anstatt nach saftiger Erde und süßen Blüten, riecht es eher nach Bier und gebratenen Würstchen.

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