Ein Blick in die Seele Frankreichs

Der Kauf eines Baguettes ist für die Franzosen ein fast archaischer Akt – inklusive einer kleinen Reise in die eigene Kindheit. Eine kleine Betrachtung zu einem Kulturgut. 

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Das letzte verbliebe Symbol einer Nation

Das Baguette ist das letzte Symbol Frankreichs. Zugegeben, im Rennen sind noch Baskenmütze und Gauloise, beides ist inzwischen aber zur cineastischen Folklore verkommen. Nicht einmal mehr die alten Männer in den verstecktesten Dörfern der Pyrenäen tragen die typische Kopfbedeckung und das Rauchen ist in Paris inzwischen nicht nur in den Restaurants, sondern auch in den öffentlichen Parks verboten. Das Baguette aber gibt es noch immer.

Der Grund dafür ist sehr einfach: die Beziehung zum Baguette ist den Franzosen tief in den genetischen Code eingraviert. Ehen können scheitern – die Liebe zum Baguette vergeht nie. Wer einen Beweis dafür sucht, der muss die Franzosen in einer typischen Boulangerie beim Kauf eines Baguettes beobachtet. Da wird nicht einfach Geld gegen Brot getauscht, der Kauf eines Baguettes ist eine Art archaischer Akt. Selbst gestandene Männer werden für einen Augenblick zu Kindern mit leuchtenden Augen.

Ein Sturzbach von Glückshormonen

Man kann als Außenstehender nur ahnen, welche Botenstoffe in diesem kurzen Moment in einem französischen Gehirn ausgeschüttet werden – das Glückshormon Dopamin ist 19.12.30-Baguettes-neuimagesauf jeden Fall in Sturzbächen dabei. Allein der Gang über die Schwele einer Bäckerei muss eine Art Flashback in die Kindheit sein – ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für einen Franzosen. Eine Erinnerung an schöne Tage, als man in kurzen Hosen an der großen, rauen Hand des Vaters am Samstagmorgen die Boulangerie an der Ecke betritt, diesen wunderbaren Geruch einatmet, die freundlichen Frauen hinter der Theke lächeln sieht, sich einreiht in die Schlange und es kaum erwarten kann, endlich dieses noch warme Stück französische Lebensart liebkosend in den Armen zu halten.

Die Männer, das schwache Geschlecht

Auffallend ist, dass vor allem Männer dieser selige Gesichtsausdruck überfällt, wenn sie ein Baguette überreicht bekommen. Frauen neigen in diesem Fall wohl eher zum Pragmatismus. Und:  je älter die Männer, desto größer scheint diese sehnsuchtsvolle Erinnerung an die Kindheit zu werden.

Der eigentliche Höhepunkt folgt allerdings erst nach dem Kauf des Baguettes, es scheint wie ein fast ekstatischer Akt: viele Franzosen brechen die Spitze des Brotes ab und stecken sie sich noch in der Boulangerie voller Genuss und selig lächelnd in den Mund. Manchen versagt der Schritt und sie bleiben kurz stehen, mit einem verklärten Gesichtsausdruck. Dann aber ist dieser kurze Ausflug in die Kindheit jäh vorüber und es heißt Abschied nehmen. Auf der Straße wartet die harte Realität. Doch irgendwie beschwingt geht er dahin, dieser beneidenswerte Mensch, ohne Baskenmütze auf dem Kopf und ohne Gauloise im Mundwinkel – aber das Baguette unter den Arm geklemmt und glücklich, ein Franzose zu sein.

Der Streik in Frankreich wird zum Weihnachtshit

Eine junge Sängerin besingt das Chaos durch die Proteste und spricht mit ihrer Parodie von „All I want for Christmas is you“ sehr vielen aus dem Herzen. Aber auch die Tänzerinnen der Pariser Oper sind kreativ – wenn auch in einem anderen Sinne. 

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Der Protest gegen die Rentenreform legt seit Wochen den Verkehr in Paris lahm – nun zeigt der Streik erste, eher unerwartete Früchte. 

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Eine Parodie auf den Hit von Mariah Carey

Der Streik gegen die Rentenreform in Frankreich geht den Menschen langsam auf die Nerven. Vor allem in Paris, wo die Metro wegen der Proteste seit fast drei Wochen lahmgelegt ist, versuchen die Einwohner trotz aller Widrigkeiten ihren Alltag zu organisieren. Manche nehmen das Chaos allerdings auch mit französischer Gelassenheit – oder sie machen es wie die Sängerin Montéa. Die junge Frau hat eine Parodie des Liedes von Mariah Carey „All I want for Christmas is you“ aufgenommen. In dem verballhornten Stück schmachtet Montéa allerdings nicht ihre große Liebe an, sondern sie singt davon, wie schön es wäre, wenn die Métros in Paris wieder fahren würden.

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„Gebt mir irgendeine Métro. Linie 4 oder Linie 13 wären super“, heißt es da. Sie besingt, die täglichen Sorgen der Einwohner der Millionenmetropole, am Morgen zur Arbeit zu kommen. „Ein Zug von dreien, kein Nahverkehr“, singt sie. „Ich könnte Uber nehmen, aber die Straßen sind verstopft.“ Aufgenommen hat die Sängerin den Clip mit ihrem Smartphone. Innerhalb weniger Stunden wurde das Lied in Frankreich zum Internet-Hit und ist inzwischen rund 60.000 Mal abgerufen worden.

Auch andere Künstler werden kreativ

Montéa ist allerdings nicht die einzige Künstlerin, die sich vom Streik inspirieren lässt. Vor dem Palais Garnier in Paris zeigten an Weihnachten die Tänzerinnen der Pariser Oper auf einer provisorischen Bühne vor dem Gebäude in der Kälte kurze Stücke aus Schwanensee. Sie protestieren damit allerdings nicht gegen den Streik, sondern zeigten sich solidarisch mit dem Protest. Denn durch die Rentenreform würden auch die Angestellten der Oper viele ihrer Privilegien verlieren. So gilt für sie noch eine Rentenkasse, die im Jahr 1698 von König Louis XIV. eingerichtet wurde.

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Eines der großen Probleme: es gibt in dieser Spezialkasse der Oper heute rund 1900 Einzahler und 1800 Rentner. Das Eintrittsalter variiert stark und beträgt bei den Tänzern des Balletts 40 Jahre, zwischen 50 und 57 Jahren bei den Chormitgliedern und 60 Jahre bei den Musikern. Das Rentenregime kostet rund 27 Millionen Euro pro Jahr, das etwa zur Hälfte vom Staat finanziert werden muss.

Eine trübe Kloake namens Seine

Die Hausboote am Ufer in Paris leiten ihr Abwasser ungeklärt in den Fluss. Das ist zwar verboten, doch niemand hält sich daran. Die Stadt will das nun ändern. 

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Das hat was, so ein Hausboot auf der Seine – doch auf die Besitzer könnten nun einige Kosten  zukommen. Denn die Schiffe sollen an die Kanalisation angeschlossen werden. 

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Die schmutzige Seite der Romantik

Romantik ist – eine Fahrt auf der Seine. Vorbei am Eiffelturm, dem Louvre und Notre Dame, gehört eine kurze Sightseeing-Tour mit dem Schiff ins Programm jedes Paris-Touristen. Schließlich präsentiert sich die Stadt dabei von ihrer schönsten Seite. Was die verzückten Besucher von den Stadtführern aber nicht zu hören bekommen: sie dümpeln bei ihrer Fahrt in einer Kloake, denn die Seine ist ein unglaublich dreckiger Fluss.

Diese Tatsache hat weniger mit den täglich tausenden Lastkähnen und Ausflugsschiffen zu tun, das Problem sind eher die Hausboote, jene pittoresken Péniches, die am Ufer angelegt haben. Die kippen nämlich ihr gesamtes Abwasser – auch das aus der Toilette – ungefiltert in den Fluss, konstatiert Christian Duguet, Präsident der ADHF, einer Interessenvertretung der Bootbesitzer. Das sei zwar nach einem Gesetz aus dem Jahre 1934 strengstens verboten, sagt er, doch niemand halte sich dran. Pro Jahr werden in Paris heute insgesamt zwei Millionen Kubikmeter Abwasser in die Seine geleitet – vor 30 Jahren waren es noch 20 Millionen Kubikmeter.

Zieldatum sind die Olympischen Spiele

Doch nun stehen im Jahr 2014 die Olympischen Spiele vor der Tür und es wäre keine gute Reklame für Paris, müssten etwa die Triathleten in dieser Brühe ihre Schwimmwettbewerbe absolvieren. Also macht die Stadt Druck, die Hausboote endlich ans öffentliche Abwassernetz anzuschließen. Das allerdings ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Geplant ist, am Ufer auf einer Länge von knapp zehn Kilometern unterirdische Sammelbehälter einzurichten, in die die Hausboote das Abwasser abpumpen können. Von dort sollen die Fäkalien dann in das öffentliche Abwassernetz gelangen können.

Doch schon im Ansatz türmen sich die Probleme. So ist zum Beispiel das Ufer der Seine bereits von unzähligen Leitungen und anderen unterirdischen Versorgungstrassen durchzogen, von denen die meisten noch nicht einmal verzeichnet sind. Zusätzlich müssen alle rund 100 betroffenen Hausboote mit einem eigenen, modernen Abwassersystem ausgestattet werden, das an die Leitungen an Land angeschlossen werden kann.

Nicht alle sind von der Idee begeistert

Christian Duguet von der Hausboot-Lobby hält die ganze Sache für ziemliche Verschwendung und hat viele Einwände parat. Auf der Höhe des Eiffelturms, rechnet er vor, liegen zehn Boote. Allein dort würden sich die Erschließungskosten auf zwei Millionen Euro belaufen. Außerdem müssten die Besitzer auf eigene Kosten sehr teure Pumpen in ihren Schiffen installieren, da der Quai höher liege als das Hausboot selbst. Zudem sei damit zu rechnen, so Christian Duguet, dass bei schweren Unwettern, wenn die Kanäle unter der Stadt regelmäßig überlaufen, das Abwasser in die Schiffe zurückschwappe, denn Rückschlagventile seien nie ganz dicht. Auch würden im Winter die Leitungen wahrscheinlich vereisen und sowieso würden sie hässlich aussehen und das schöne Bild verschandeln. Christian Duguet selbst schlägt eigene Lösungen vor, wie etwa Trockentoiletten mit Kompostieranlagen oder unabhängige Wiederaufbereitungsanlagen, die allerdings technisch alle reichlich kompliziert sind und erst noch getestet werden müssen.

Das heißt: vorerst bleibt alles, wie es ist. Die Hausbootbesitzer kippen weiter den Inhalt ihrer Toiletten ungeklärt in den Fluss, die Touristen genießen ihre Ausflüge auf der Seine und die Stadt hofft, dass niemand auf die Idee kommt, im heißen Sommer in dieser Brühe ein erfrischendes Bad zu nehmen. Das nämlich könnte sehr unangenehme gesundheitliche Folgen haben. ENDE-ENDE

Viele Züge der Bahn nach Frankreich fallen aus

Kurz vor Weihnachten hat Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron zu einer Streikpause aufgerufen. Es gebe Französinnen und Franzosen, die sich an den Feiertagen wiedersehen wollten, dies müsse anerkannt werden, sagte Macron. Auch der Zugverkehr nach Deutschland leidet unter dem Streik.

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Emmanuel Macron ist das Ziel des Spotts viele Demonstranten

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Störungen im ganzen Land

Wegen der Streiks gegen die geplante Rentenreform ist der Bahnverkehr im ganzen Land erheblich gestört. Die von Macron gewünschte Streikpause zu Weihnachten zeichnet sich allerdings bisher nicht ab. Mehrere Gewerkschaften hatten dazu aufgerufen, den Arbeitskampf fortzusetzen. In dem sozialen Konflikt sind die Fronten verhärtet. Gespräche der Regierung mit den Gewerkschaften waren auf Januar vertagt worden. Betroffen von dem Arbeitskampf ist auch die Pariser Nahverkehrsgesellschaft RATP. Auch am Sonntag mussten sich Bahnreisende wieder auf erhebliche Störungen einstellen. Der Zugverkehr nach Deutschland ist ebenfalls betroffen.

Die französische Bahn SNCF versucht mit einem Notfallplan, die größten Auswirkungen abzufedern. Sie hat allerdings rund 200.000 Kunden dazu aufgerufen, ihre Tickets für den 23. Und 24. Dezember umzutauschen. Das heißt, dass viele Franzosen über Weihnachten wahrscheinlich nicht zu ihren Familien fahren können.

Störungen auf bei der Deutschen Bahn

Wie die Deutsche Bahn mitteilt, werde es zu Ausfällen und Verspätungen kommen. „Im Zeitraum vom 23.12.2019 bis 5.1.2020 ist nur eine sehr begrenzte Anzahl von Zugfahrten zwischen Frankreich und Deutschland möglich“, ist auf der Internetseite der Deutschen Bahn zu lesen. Weiter heißt es, dass sich die Bahnkunden bis zu zwei Tage vor Abfahrt ihres Zuges informieren und gegebenenfalls umbuchen können. Betroffen sind demnach ICE- und TGV-Verbindungen zwischen Frankfurt und Paris beziehungsweise Marseille sowie zwischen Stuttgart und Paris.

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Mit der Rentenreform will die französische Mitte-Regierung die Zersplitterung in 42 verschiedene Einzelsysteme beenden und damit auch Sonderrechte abschaffen. Außerdem sollen die Franzosen dazu angehalten werden, länger zu arbeiten. Die Regierung hatte mit langen Übergangsfristen zwar Zugeständnisse gemacht – Gewerkschaften waren allerdings nicht zufrieden. Umfragen zufolge ist eine Mehrheit der Franzosen gegen die Reform.

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Und hier noch eine Information für die Besucher, die in Paris unterwegs sind. Denn auch dort sind die Nahverkehrsbetriebe massiv von den Streiks betroffen. Seit zwei Wochen verkehren in der französischen Hauptstadt kaum noch U-Bahnen. Nur die Linien 1 und 14 sind fast ohne Probleme in Betrieb, da sie keine Fahrer haben, sondern autonom unterwegs sind und von einer Leitzentrale aus gesteuert werden.

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Eine explosive Mischung

In Frankreich wird seit zwei Wochen gestreikt. Der geplante Rentenreform ist nur ein Grund für die Wut der Franzosen. 

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Die Proteste gegen die Rentenreform nehmen kein Ende. Nun drohen die Gewerkschaften damit, auch an Weihnachten den Zugverkehr lahmzulegen.

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Franzosen gelten als geradezu streikfreudig

Frankreich wird seinem Ruf wieder einmal gerecht. Die Franzosen gelten als geradezu streikwütiges Volk, das seinen Zorn gegen die „die da oben“ schnell auf die Straße trägt. Auch jetzt wieder sind viele Bereiche des öffentlichen Lebens seit zwei Wochen lahmgelegt. Doch mit dem Widerstand gegen die Rentenreform ist die bisweilen gewalttätige Vehemenz der Proteste nur ungenügend erklärt. Es ist ein explosives Gemisch aus mehreren Faktoren, das die Menschen auf die Barrikaden treibt. So entlädt sich die Frustration der Lehrer, Feuerwehrleute oder des Krankenhauspersonals wegen der immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen, über die sie seit Jahren vergeblich klagen. An den Protesten beteiligt sind auch viele Anhänger der Gilets Jaunes, die mehr soziale Gerechtigkeit in Frankreich einfordern – und natürlich den Sturz des Präsidenten Emmanuel Macron.

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Die Renaissance der Gewerkschaften

Und dann sind da natürlich die Gewerkschaften, die froh scheinen, endlich wieder als Kämpfer für die Rechte der Arbeitnehmer öffentlich wahrgenommen zu werden. Während der Proteste der Gelbwesten waren sie völlig abgemeldet. Das hat allerdings zur Folge, dass sich die vielen, untereinander konkurrierenden Gewerkschaften nun in eine Art Überbieterwettkampf begeben haben – jede Organisation geht mit immer radikaleren Forderungen für ihre Klientel in die Verhandlungen. Und natürlich ist der Streit um die Rentenreform auch in den Augen mancher Parteien eine Art Glückfall. Präsident Macron hat mit seiner Politik vor allem das linke Spektrum marginalisiert. Sie sehen nun die Chance, jenem Mann zu schaden, den sie für ihren Niedergang verantwortlich machen.

Macron ist die Zielscheibe der Proteste

Deutlich wird: Emmanuel Macron ist der gemeinsame Gegner, auf den sich die Wut aller Streikenden konzentriert. Das überdeckt sämtliche inhaltlichen Unterschiede in der Protestfront. Diese verwirrende Kakophonie in den Demonstrationszügen macht deutlich, dass die Reform des Rentensystems nur eines von sehr vielen fundamentalen Problemen ist, die es in Frankreich in den nächsten Jahren zu lösen gilt.

Das Ende einer französischen Tradition

Die Wut vieler Franzosen angesichts der geplanten Rentenreform ist riesig. Ein Grund ist, dass sich einzelne Berufsgruppen auf zum Teil Jahrhundertealte Privilegien berufen können. Hier einige Beispiele – von den Seeleuten bis zur Oper von Paris:

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Die Oper von Paris – die Bediensteten erfreuen sich allerlei Vergünstigungen.

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Seeleute:

Das Sozialsystem der Seeleute wurde im Jahr 1673 eingeführt – und damit das älteste Rentenregime in Frankreich. Unterstützt werden sollten Seeleute, die sich bei ihrer schweren und gefährlichen Arbeit verletzt hatten und nicht mehr zur See fahren konnten. Heute sind Berufsfischer, Meeresforscher oder aber auch Angestellte bei Charterunternehmen in diesem System und profitieren von manchen Privilegien. Das Problem: knapp 40.000 Aktive müssen über 110.000 Rentner bezahlen. Das bedeutet, dass der Staat fast 80 Prozent des strukturellen Defizits übernimmt.

Bank von Frankreich:

Napoleon Bonaparte hat im Jahr 1800 die Banque de France eingerichtet und acht Jahre später die dazugehörige Rentenkasse. Lange galt dieses System als das weitaus großzügigste, da den Angestellten sehr viele Zulagen gewährt wurden. Auch hier gibt es aktuell mehr Rentner (rund 16.000) als Einzahler (knapp 12.000). Seit 2007 sind die allergrößten Vergünstigungen allerdings abgeschmolzen worden. So wurde etwa das Rentenalter auf 62 angehoben, dennoch gelten für viele Angestellte noch die alten Regeln.

Opéra de Paris:

Eingerichtet wurde diese Rentenkasse im Jahr 1698 von König Louis XIV. und zählt heute rund 1900 Einzahler und 1800 Rentner. Das Eintrittsalter variiert stark und beträgt bei den Tänzern des Balletts 40 Jahre, zwischen 50 und 57 Jahren bei den Chormitgliedern und 60 Jahre bei den Musikern. Das Rentenregime kostet rund 27 Millionen Euro pro Jahr, das etwa zur Hälfte vom Staat finanziert werden muss.

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Minenarbeiter:

Die Arbeit in Minen hat in Frankreich eine lange Tradition, die Rentenkasse wurde in seiner jetzigen Form aber erst 1946 eingeführt. Allerdings werden seit 2010 keine neuen Mitglieder mehr aufgenommen. Das heißt, dass heute auf die rund 4000 Einzahler über 310.000 Rentner kommen. Das System basiert folglich vor allem auf Transferzahlungen des Staates. Das Renteneintrittsalte beträgt in der Regel 55 Jahre, kann aber auf 50 Jahre reduziert werden – unter der Voraussetzung, dass man 30 Jahre gearbeitet hat.

Hafen von Straßburg:

Eingerichtet im Jahr 1873 ist das Rentenregime im „Port autonome de Strasbourg“ das weitaus kleinste. Es zählt 165 Einzahler und 203 Begünstigte. Auch ansonsten ist diese Rentenkasse sehr speziell. So beträgt etwa der Arbeitgeberanteil an der Renten 33 Prozent, das ist vier Mal mehr als im Durchschnitt. Die Minimal- und Maximalrenten werden über sehr komplexe Rechenmethoden ermittelt. Das Eintrittsalter beträgt in Straßburg 60 Jahre.

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Angestellte bei Notaren:

Eingerichtet im Jahr 1937 zählt dieses Rentenregime heute rund 48.000 Einzahler und 70.000 Rentner. Lange durften Frauen schon mit 55 in Rente, wenn sie 25 Jahre gearbeitet hatten. Inzwischen wird das Eintrittsalter allerdings langsam angehoben. Die Rente beträgt 75 Prozent der zehn Monate, in denen man am besten verdient hat.

Das Ende mancher Rentenkassen:

Manche sehr speziellen Rentenkassen sind bereits eingestellt worden oder ihr Ende ist nahe. So ist der letzte Rentenbezieher der Kasse der Nationalen Druckerei Ende 2013 gestorben. Auch die Rentenkasse der französisch-äthiopischen Eisenbahner wird es nicht mehr lange geben, ebenso jene der Eisenbahner der französischen Überseegebiete. ENDE-ENDE

Hommage an den Schwarzmaler

Zum 100. Geburtstag von Pierre Soulages widmet Paris im Louvre und dem Centre Pompidou dem französischen Maler eine Doppelschau.

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Warum ausgerechnet schwarz?

Die Bilder von Pierre Soulages sind nicht einfach schwarz. Die raue, faserige oder auch glatte Oberfläche reflektiert das einfallende Licht, bisweilen tiefblau, oft in wilden Grautönen oder auch in einem alles verschlingenden Nachtschwarz. Der französische Künstler weist aus diesem Grund eine ihm immer wieder gestellte Frage weit von sich: Warum ausgerechnet schwarz? „Ich male nicht mit Schwarz“, erklärt er dann, „ich male mit Licht.“ Erst durch den Blick des Betrachters werde das Bild zum Werk vollendet. „In meinen Gemälden gibt es unendlich viele Sichtweisen“, sagt Pierre Soulages in einem Interview mit „Le Parisien“, „man verändert den Standpunkt und das Licht verändert sich ebenfalls.“

Eine sehr große Ehre für Pierre Soulages

Zu seinem 100. Geburtstag am 24. Dezember wird Pierre Soulages nun eine besondere Ehre zuteil. Frankreich feiert ihn mit einer Doppelausstellung. Erstmals widmet der Pariser Louvre dem Maler eine Retrospektive. Nach Pablo Picasso und Marc Chagall ist Soulages erst der dritte Künstler, dem eine solche Würdigung zuteil wird. Die zweite Schau wird im Centre Pompidou gezeigt.

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Ausstellung im prachtvollen „Salon carré“

Die Ausstellung im Louvre findet im prachtvollen „Salon carré“ statt, wo normalerweise italienische Malereien aus dem 12. bis 15. Jahrhundert hängen. Sie mussten 19 größtenteils monumentalen Werken weichen, die die künstlerische Entwicklung von Pierre Soulages markieren. Man habe mit wenigen Werken ein 80 Jahre währendes Schaffen illustrieren wollen, sagt Kurator Alfred Pacquement. Die Hommage im Centre Pompidou konzentriert sich mit 14 Arbeiten auf die Jahre 1948 bis 2002, darunter sind auch ältere Werke zu sehen, in denen die Farbe Schwarz noch nicht ganz die Bildfläche beherrscht.

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Unter den Exponaten der Retrospektive befinden sich seine ersten, ab Mitte der 1940er Jahre entstandenen Kompositionen wie die einzige erhaltene Nussbeize-Arbeit auf Leinwand. Einer der Höhepunkte ist allerdings ein sehr großformatiges Werk aus dem Jahr 2019. Kurator Alfred Pacquement habe es bei einem Besuch im Ateliers des Malers in Sète gesehen und sei bei dessen Anblick schlicht hingerissen, erinnert sich der Künstler. Ein Werk von solcher Wucht, aus den Händen eines 100 Jahre alten Menschen.

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Schwepunkt auf den Outrenoir-Werken

Ein Schwerpunkt der Doppelschau liegt auf den „Outrenoir“-Werke. Längst zur Legende ist der Schaffensprozess geworden, in dem Pierre Soulages praktisch über Nacht seinen Weg zu diesen Werken „jenseits des Schwarz“ gefunden hat. Nach mehr als 30 Jahren des Schaffens war der Künstler Ende der 80er Jahre an einem Wendepunkt angekommen. Nach eigenen Erzählungen arbeitete er damals an einem großformatigen Werk, das ihm nicht gelingen wollte. Wieder und wieder übermalte er das Bild, trug Schicht für Schicht der schwarzen Farbpaste auf, bis er sich erschöpft schlafen legte. Als er erwachte und das Werk erneut betrachtete, modulierte die faserige, wilde Oberfläche das Licht. „Darin habe ich einen neuen Typ der Malerei erkannt“, erinnert sich Soulages, einer Malerei jenseits des Schwarz, die die Seele des Betrachters berührt.

INFO: Beide Ausstellungen im Louvre und Centre Pompidou dauern bis zum 9. März, Eintritt 17 Euro, dienstags geschlossen