Die überraschende Wandlung des Emmanuel Macron

Der Kampf gegen die Corona-Pandemie bringt in Frankreich Präsident und Volk zueinander. Eine Analyse:

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20.03.17-Macron

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Macron hat seine Lektionen gelernt

Das Coronavirus lehrt die Menschen Demut. Auch Emmanuel Macron scheint seine Lektion gelernt zu haben. Der sehr selbstbewusste französische Staatschef gibt sich plötzlich ungewohnt zurückhaltend. Redete er vor einigen Tagen noch von einem Krieg gegen das Virus, ist von dieser martialischen Rhetorik kaum mehr etwas übrig. Er gibt sogar Fehler zu. Frankreich sei nicht gut genug auf die Pandemie vorbereitet gewesen, räumte Macron in seiner Rede an die Nation am Montag ein. Die vom Staatschef aufgezählten fehlende Schutzanzüge, Handschuhe, Desinfektionsmittel und Masken sind allerdings nur eine Seite des Mangels. Das andere, wesentlich größere Problem ist das Gesundheitssystem selbst.

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Applaus für die Helfer – genügt das?

Vor der Ansprache des Präsidenten applaudierten viele Franzosen auf ihren Balkonen zwei Minuten lang den Pflegern und Ärzten in Krankenhäusern und Altenheimen, um sich für ihren Einsatz im Kampf gegen die Pandemie zu bedanken. Natürlich hob auch Macron überschwänglich die Arbeit der Helden dieser schweren Wochen hervor. Vielen von ihnen müssen diese Lobeshymnen allerdings wie Hohn in den Ohren klingen. Es ist nur wenige Monate her, da wurden manche Protestzüge des Pflegepersonals, das auf die unhaltbaren Arbeitsbedingungen in den Kliniken aufmerksam machen wollte, von der Polizei mit Tränengas brutal auseinander getrieben.

Die Franzosen misstrauen ihm Präsidenten

Die Franzosen haben diese niederschmetternden Bilder nicht vergessen, weshalb sie auch jetzt Zweifel an der Aufrichtigkeit des Präsidenten hegen. Nur knapp über ein Drittel der Menschen in Frankreich vertraut laut einer Umfrage der eigenen Regierung im Kampf gegen das Coronavirus. Die tiefe Kluft, die sich zwischen dem Staatschef und seinem Volk seit Monaten auftut, wird auch während dieser Pandemie zum Problem. Das erklärt den Schwenk in der Rhetorik des Staatschefs. Er gibt nun nicht mehr den Feldherren, der sich ausschließlich am Machbaren orientiert, im Krieg gegen einen übermächtigen Feind seine einfachen Soldaten anfeuert und das Volk zu ständig neuen Opfern aufruft.

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Macron appelliert an die Menschlichkeit

Der als kalter Macher verschriene Emmanuel Macron will beweisen, dass auch er in diesen Tagen erkannt hat, dass sich hinter Zahlen und Statistiken immer Menschen verbergen. Ganz zu Beginn seiner Rede erwähnte er deshalb ausdrücklich die großen Sorgen der Familien, die wegen der Ausgangssperre im ganzen Land seit Wochen eingepfercht in lächerlich kleinen Wohnungen leben müssen. Die Aufforderung, sich trotz aller Probleme an die Ausgangssperre zu halten, formuliert der Präsident inzwischen eher als dringende Bitte und nicht mehr als drohenden Befehl.

Das ist eine überraschende Wendung, denn Macron setzte seine politischen und wirtschaftlichen Ziele in der Vergangenheit bei Widerständen gerne mit der Brechstange durch. Im Fall der Proteste der Gelbwesten und auch der von ihm geplanten Rentenreform führte das zur tiefen Spaltung der Gesellschaft und der Vertrauenskrise in die Regierung.

Macron – ein Jünger der Marktwirtschaft

Doch der Lernprozess scheint für Macron noch viel weiter zu gehen. Für den Jünger der Marktwirtschaft und Anhänger der Globalisierung war es ein Schock, dass Frankreich nicht in der Lage war, zu Beginn der Katastrophe genügend einfache Schutzmasken zu produzieren. Wie in allen europäischen Ländern waren die Kapazitäten aus Gründen der Rentabilität nach Asien ausgelagert worden. Es gehe nach dieser Krise auch darum, Ideologien hinter sich zulassen, sich neu zu erfinden, so die neue Überzeugung des Staatschefs. Er selbst sei der Erste, der in der Post-Corona-Zeit alte Glaubenssätze über Bord werfen werde.

Das sind ganz neue Töne aus dem Élysée-Palast. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob Emmanuel Macron die Entwicklung tatsächlich gelingt: vom verspotteten „Präsident der Super-Reichen“ zum Präsident aller Franzosen.

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