Der erste Schritt zur Rettung von Notre-Dame

An der von einem Brand schwer beschädigten Pariser Kathedrale hat die Absicherung des vom Einsturz gefährdeten Gewölbes begonnen. Eine gefährliche Arbeit in schwindelnder Höhe.

20.06.09-Notre-Dame

Mit riesigen Kränen werden die Metallteile des alten Gerüstes nach unten befördert

Ein Arbeitsplatz in schwindelnder Höhe

Wie Ameisen wirken die Männer an der riesigen Außenmauer von Notre-Dame. In 40 Meter Höhe schrauben und sägen die Arbeiter, geben mit weit ausholenden Armbewegungen dem Kranführer Zeichen, wohin er den Ausleger seines Gefährtes genau steuern soll. Auf der anderen Seite der Seine bleiben immer wieder Schaulustige stehen und beobachten fasziniert das Treiben. „Mich würden keine zehn Pferde da hochbringen“, murmelt eine Frau, während ihr Begleiter versucht, mit einem Teleobjektiv den Kranführer zu fotografieren, der in seiner Kabine rund 80 Meter über dem Geschehen thront. „Aber einen schönen Blick über die Stadt hat er,“ sagt sie nach kurzem Überlegen.

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Nach dem Brand stand ganz Frankreich unter Schock

Ein Gerüst wird zur Rettung und dann zum Problem

Am Abend des 15. April vor einem Jahr wütete ein verheerender Band in der Pariser Kathedrale Notre-Dame und es erscheint wie ein Wunder, dass das 850 Jahre alte Bauwerk im Herzen der Stadt überhaupt noch steht. Der legendäre Dachstuhl aus tausenden von Eichenbalken wurde ein Raub der Flammen, die verkohlten Reste stürzten in den Innenraum der Kirche und rissen den 96 Meter hohen Spitzturm mit in die Tiefe. Ein Gerüst, das vor dem Feuer für Restaurierungsarbeiten am Dach angebracht worden war, überstand das Inferno – und ist nun eines der großen Probleme beim Wiederaufbau der Kathedrale. Allerdings scheint die geschmolzene Konstruktion Fluch und Segen zugleich.

Das rund 200 Tonnen schwere Gewirr aus 40.000 Eisenstangen ist in der Hitze von 1000 Grad regelrecht zusammengebacken. Fachleute vermuten, dass die Konstruktion aus verbogenen Rohren in jener Nacht des Infernos die Außenmauern womöglich vor dem Einsturz bewahrt haben könnte. Auf der anderen Seite warnte Philippe Villeneuve, Chefarchitekt für den Wiederaufbau, zuletzt immer wieder, dass das schiere Gewicht des Gerüstes das Gewölbe zum Einsturz bringen könnte.

Fachleute für den Abbau am Start

Erste Versuche, die verbogenen Konstruktion nach dem Brand zu demontieren, wurden aber abgebrochen, die Gefahr schien zu groß, dass die Kathedrale schlicht in sich zusammenfällt. Nun wird nach Monaten der akribischen Vorbereitung ein neuer Anlauf genommen. Dazu wurde das alte Gerüst zunächst befestigt und auf drei Ebenen mit Metallträgern stabilisiert. Gleichzeigt wurde ein zweites Gerüst erstellt, um die Abbauarbeiten zu ermöglichen. Zwei Teams aus jeweils fünf Industriekletterern haben sich an die Arbeit gemacht, die eingeschmolzenen Metallrohre zu zersägen – eine äußerst filigrane Aufgabe von gigantischem Ausmaß.

 

Der Präsident setzt die Verantwortlichen unter Druck

„Wenn alles beendet ist, werden wir sehr erleichtert sein“, sagte der Generalbevollmächtigte der Notre-Dame-Stiftung, Christophe Rousselot. Er hofft, dass es im Lauf der Arbeiten zu keinen Zwischenfällen kommt. „Es könnten auch Stücke aus dem Gerüst herausfallen und einen Teil der Mauern der Kathedrale beschädigen.“ Immer wieder mahnen die Verantwortlichen zu Geduld. Keiner ist wirklich glücklich über die Aussage von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der noch in der Nacht der Katastrophe einen Wiederaufbau der Kathedrale innerhalb von fünf Jahren versprochen hatte.

„Wir machen einen kleinen Schritt nach dem anderen“, erklärte Ex-General Jean-Louis Georgelin, der Beauftragte der französischen Regierung für den Wiederaufbau von Notre-Dame, als an Pfingsten der Vorplatz der Kathedrale wieder für die Öffentlichkeit geöffnet wurde. Das Gelände war abgesperrt worden, weil rund um das Gebäude eine zu hohe Belastung durch Giftstoffe gemessen worden war. Verursacht unter anderem durch die 500 Tonnen Blei, die im Dach verbaut waren, in der Brandnacht durch die Hitze schmolzen und in die Luft geblasen wurden.

Noch viele Probleme bis zum glücklichen Ende

Die Verantwortlichen stehen nicht nur vor einer gewaltigen Aufgabe, sondern auch vor immer neuen, bisweilen unerwarteten Problemen. Zuletzt mussten die Bauarbeiten über Wochen wegen der Corona-Krise eingestellt werden, was den Zeitplan weiter verzögert hat. So sind die Experten noch immer damit beschäftigt, überhaupt die Schäden aufzunehmen und die Baustelle abzusichern. Mit dem eigentlichen Wiederaufbau soll neuesten Aussagen zufolge im kommenden Jahr begonnen werden. Dann muss auch geklärt werden, wie das Dach der Kathedrale am Ende aussehen soll. Hier stehen sich die Lager der Traditionalisten und der Erneuerer entgegen. Präsident Macron wünscht sich eine moderne Interpretation der ursprünglichen Form. Bei einem ersten Ideenwettbewerb wurden unter anderem ein Dach aus Glas vorgeschlagen oder ein Turm in der Gestalt einer Flamme. Eine Umfrage hat jedoch ergeben, dass die meisten Franzosen im Fall der Kathedrale, die auf gewissen Weise auch die Seele der Nation verkörpert, keine Experimente wollen. Notre-Dame soll nach dem Wiederaufbau so aussehen, wie vor dem Brand.

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