Corona: Franzosen wütend über neue Einschränkungen

In der Hafenstadt Marseille protestierten am Freitag hunderte Gastronomen gegen die angekündigte Schließung aller Bars und Restaurants ab Samstag.

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Insgesamt 69 Départements gehören inzwischen zu einer der drei roten Zonen. Dort ist das Virus besonders aktiv. Scharlachrot ist nur die Region um Marseille – vor allem dort regt sich nun der Widerstand der Bevölkerung gegen die Hygiene-Vorschriften.

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Der Offenbarungseid des Premiers

Die kurze Szene gleicht einem Offenbarungseid der französischen Regierung. Hauptdarsteller sind ein hilflos stotternder Premierminister und eine völlig verdutze Journalistin. Léa Salamé vom Sender „France2“ hatte Jean Castex vor laufender Kamera die Frage gestellt, ob er die französische Corona-Warn-App StopCovid auf seinem Smartphone habe. Die Antwort des Regierungschefs: „Nein!“ Großes Erstaunen. Er fahre ja nicht mit der Métro zur Arbeit und komme auch sonst kaum mit Menschen direkt zusammen, versucht Castex die Situation zu retten. Der Hinweis der Journalistin, dass er mit Wirtschaftsminister Bruno Le Maire und Tour-de-France-Chef Christian Prudhomme – beide positiv auf Corona getestet – Kontakt hatte, kommentiert der Premier mit einem verlegenen Achselzucken.

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Das Versagen der gesamten Regierung

Nun ergießt sich Hohn und Spott über den Premierminister und er steht stellvertretend für das Versagen der Regierung in der Corona-Krise. Etwas oberlehrerhaft hatte Castex die Franzosen immer wieder aufgefordert, sich an die auferlegten Regeln zu halten, um die Verbreitung des Virus einzudämmen – ohne sich offensichtlich selbst wirklich darum zu kümmern. Auch der Flop der umstrittenen Warn-App StopCovid wird nun wieder diskutiert. Zu selten wurde sie installiert, weshalb allenfalls eine Hand voll Corona-Verdachtsfälle nachverfolgt wurden. Diskutiert wird nun auch wieder das anfängliche Durcheinander bei der Versorgung mit Masken und das aktuelle Chaos mit den Corona-Tests.

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Die Wut der Franzosen

Zum ersten Mal seit Beginn der Krise kocht die Wut der Franzosen über die Regierung noch, der es nicht gelingt, die Pandemie einzudämmen. Im Gegenteil: die nationale Gesundheitsbehörde meldet einen neuen Rekord der Infektionszahlen. Binnen 24 Stunden wurden weitere 16.096 Menschen positiv getestet, 52 Menschen sind gestorben. In Paris werden wieder Operationen verschoben, um Intensivbetten für den Notfall freizuhalten.

Warnung vor einem neuen Lockdown

Zum ersten Mal gehen die Menschen nun wegen der neuen Corona-Maßnahmen auf die Straße, die am Donnerstag verkündet wurden. Unter dem Motto „Rettet unsere Bars und Restaurants!“ demonstrierten in der besonders betroffenen Stadt Marseille am Freitag hunderte Gastwirte gegen die angekündigte Schließung ihrer Lokale. Der regionale Arbeitgeberverband warnte in einer Erklärung vor einem „wirtschaftlichen Lockdow““, denn Fitnessstudios und andere Einrichtungen sind ebenfalls betroffen.

Corona-Einschränkungen auch in Paris

Auch in anderen Landesteilen gibt es scharfe Proteste gegen die neuen Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die rund ein Dutzend Großstädte betreffen, darunter auch Paris. Dort sind ab Montag unter anderem Versammlungen von mehr als zehn Menschen verboten und Großveranstaltungen mit mehr als tausend Teilnehmern. Für Bars und Restaurants gilt ab 22 Uhr eine Sperrstunde.

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Der Premierminister schließt einen erneuten Lockdown nicht aus!

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Die Angst der Gastwirte

Die Wiedereröffnung von Cafés und Restaurants nach dem strengen Lockdown Anfang Juni hatten viele Franzosen geradezu euphorisch gefeiert. Präsident Emmanuel Macron würdigte die Gastronomiebetriebe als Symbole des „französischen Esprits, unserer Kultur und Lebenskunst“. Ihre erneute Schließung nährt die Ängste vor einer neuen landesweiten Ausgangssperre. Regierungschef Jean Castex appellierte im Fernsehen an die „gemeinsame Verantwortung“ der Franzosen. Nach seinem Eingeständnis in Sachen Corona-Warn-App klingt dieser Satz in den Ohren vieler Franzosen allerdings hohl.

INFO:

Wer sich über den aktuellen Stand der Reisewarnungen informieren will, der kann das unter diesem Link zur Stuttgarter Zeitung tun.

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