Pilgerfahrt zu Jim Morrison

Vor 50 Jahren ist der legendäre US-Sänger in Paris an einer Überdosis Drogen gestorben. Sein Grab auf dem Friedhof Père Lachaise ist ein beliebtes Ziel für seine Fans.

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Das Gab von Jim Morrison ist Ziel für vieler seiner Fans.

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Immer wieder „The End“

Das Grab ist nicht leicht zu finden. Am Haupteingang von Père Lachaise schräg rechts auf dem Kopfsteinpflaster den Hügel hinauf, Grab Nummer 5, 6. Division, 2. Reihe. Eigentlich eine sehr genaue Beschreibung, aber der Friedhof im Osten von Paris ist ein verwirrendes Labyrinth, ein Reich der Toten, das mit seinem morbiden Charme die Lebenden seit Jahrzehnten in seinen Bann zieht. An diesem Samstag brauchen die Besucher allerdings nur der Musik zu folgen. Die Klänge von „Riders in the Storm“ verlieren sich zwischen den Reihen der monumentalen Gräber. Und immer wieder: „The End“.

Es sind die Lieder, die Jim Morrison zum Idol einer ganzen Generation gemacht haben. Am 3. Juli 1971 hat der Musiker in Paris sein Leben ausgehaucht. Zum 50. Todestag pilgern seine Fans nun in die französische Hauptstadt. „Hier bin ich ihm ganz nah“, haucht eine sehr junge Frau in Jeans und Batikkleid an einen Grabstein gelehnt. Ein älterer Mann hat einen Kassettenrekorder mitgebracht, aus dem etwas blechern die Songs plärren. Versonnen blickt er auf das kleine Windrad auf dem Grab, andere Fans singen leise die Texte mit. Ein junger Mann mahnt zum Aufbruch, die Gruppe macht sich dann auf zu einer Art Jim-Morrison-Gedächtnistour durch Paris.

Ein kometenhafter Aufstieg

Nicht nur sein Leben, die psychedelische Rockmusik und der kometenhafte Aufstieg zum Sexsymbol, sondern auch der jähe Tod haben Jim Morrison zum Mythos werden lassen. Noch immer ranken sich viele Geheimnisse um seine letzten Stunden. Die genaue Todesursache ist bis heute unklar, manche raunen sogar, der US-Geheimdienst habe seine Hände im Spiel gehabt. Gestorben ist der Musiker wahrscheinlich an einem Mix aus zu viel Alkohol und harten Drogen. Die offizielle Version heißt: Herzversagen. Dabei war der Star für einen Neuanfang nach Paris gekommen, um seine Ruhe und neue Inspiration zu finden.

Als gesichert gilt, dass der Sänger der US-Band The Doors in der Badewanne eines Pariser Hotelzimmers sein Leben aushauchte, während seine Freundin Pamela Courson nebenan ihren eigenen Drogenrausch ausschlief. Es kursiert auch die Erzählung, dass der Künstler auf der Toilette eines angesagten Klubs durch eine Überdosis Heroin zu Tode kam, eine Droge, die Morrison ansonsten eigentlich mied. Das alles sei aber im Nachhinein vertuscht worden, heißt es. Es bleibt diffus.

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Jim Morrison im „Club 27“

„Gestorben mit nur 27 Jahren“, betonen viele seiner Fans vielsagend am Grab auf dem Friedhof Père Lachaise – genauso wie Janis Joplin oder Jimi Hendrix. Und die Frage steht im Raum: Kann das Zufall sein? Die Verehrung der Tristesse-Touristen aus aller Welt geht sogar so weit, dass das Grab ihres Idols zuletzt mit Gittern abgesperrt werden musste. „Ich weiß nicht, was sich die Leute dabei denken“, empört sich eine Aufseherin, die über den Zugang am Haupteingang des Friedhofs wacht. „Nicht nur das Grab von diesem Sänger wurde beschädigt und beschmiert, sondern auch die Gräber rundherum. Gibt es keine Rücksicht mehr auf dieser Welt?“ Ziemlich bizarr findet sie, dass die Fans als kleine Erinnerung keine Blumen für Jim Morrison niederlegen, sondern ihren gekauten Kaugummi an einen Baum neben dem Grab kleben. Sie findet das schlicht eklig, die Kaugummis werden aber nicht mehr entfernt, allerdings hat die Friedhofsverwaltung den Stamm des Baumes inzwischen mit einer Bastmatte geschützt.

Wenn es die Leute zu bunt trieben, zu laut Musik hörten oder sogar Drogen nähmen, „schreiten wir natürlich ein“, sagt die Wächterin. Zuletzt sei es allerdings eher ruhig geblieben. „Die Leute besuchen dieses Grab genauso, wie sie die von Frédéric Chopin, Edith Piaf und Oscar Wilde besuchen“, sagt die Aufseherin. Manche würden allerdings über die Absperrgitter klettern und ihre Devotionalien auf dem Grab ablegen, aber das werde eben akzeptiert. „Wir erleben hier einfach zu viele verrückte Sachen mit Leuten, die die Gräber ihrer Idole besuchen.“ Dann erzählt sie die Geschichte eines Mannes, der offensichtlich von seinen Gefühlen überwältigt, zu Füßen des monumentalen Grabes des Schriftstellers Oskar Wilde bewusstlos zusammengebrochen war. Sie selbst musste mit dem Krankenwagen mitfahren, da der Fahrer den Weg über den Friedhof nicht fand.

Die Pforten der Wahrnehmung

Während die Frau an der Pforte zum Reich der Toten wie Zerberus barsch die Besucher verscheucht, die mit ihren E-Rollern den Friedhof befahren wollen, scheint die letzte Ruhestätte von Jim Morrison wie das Tor in eine andere, entrückte Welt zu sein. Jim Morrison hätte das gefallen. Denn der Name der in seiner Studienzeit in Los Angeles gegründeten Band „Doors“ geht auf ein Zitat des englischen Dichters William Blake zurück: „Wenn die Pforten der Wahrnehmung gereinigt würden, würde alles dem Menschen erscheinen, wie es ist: unendlich.“ 1954 erschien dann ein Essay des britischen Schriftstellers Aldous Huxley mit eben jenem Titel „The doors of perception“ (Die Pforte der Wahrnehmung), von welchem sich schließlich der Bandname ableitet. Es geht darum, einen Übergang zu schaffen zwischen Diesseits und Jenseits, die menschliche Wahrnehmung zu erweitern.

Viele der leicht entrückten Besucher sinnieren über die griechische Inschrift auf dem Grabstein. „Kata Ton Daimona Eaytoy“ steht dort, „gemäß seinem eigenen Geist“, und spielt auf die griechische Mythologie und die Selbstinszenierung des Rockstars als wiederkehrendem Dionysos an. Wilde Theorien purzeln durcheinander, was damit schlussendlich gemeint sein könnte und jeder versucht irgendwie, sein eigenes Leben in diesen kurzen Satz zu pressen. Aber auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner können sich am Grab ihres Idols alle einigen: Jim Morrison wird ewig leben.

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