Extincton Rebellion sabotiert E-Scooter in Frankreich

Die selbsternannten Kämpfer für eine bessere Umwelt machen mehrere Tausend Trottinette unbrauchbar. Die Kritik richtet sich gegen die zweifelhafte Ökobilanz der Gefährte.

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Die Trottinette sind auf Frankreichs Gehwegen nicht immer gern gesehen.

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Sind die E-Scooter eine Umweltsünde?

Die Trottinette sind für viele Franzosen zum Hassobjekt geworden. Für einige Fahrer dieser hippen E-Scooter scheinen Verkehrsregeln nicht zu gelten, zudem blockieren achtlos abgestellte Gefährte immer wieder die Gehwege. Für die Gruppe Extinction Rebellion sind vor allem die Leih-Trottinette zudem eine Klimasünde, weshalb die selbsternannten Kämpfer für eine bessere Umwelt nun rigoros zur Tat geschritten sind. Nach eigenen Angaben haben sie in Paris, Lyon und Bordeaux genau 3600 der Elektroroller lahmgelegt. Die Gefährte seien nicht dauerhaft zerstört worden, heißt es von Seiten der Gruppe, man habe lediglich den QR-Code unkenntlich gemacht, den die Benutzer scannen müssen, wollen sie eine Trottinette ausleihen.

Extinction Rebellion kritisiert die fragliche Ökobilanz

Die Kritik von Extinction Rebellion entzündet sich an der mehr als fraglichen Umweltbilanz der Gefährte, wie die Gruppe über den Kurznachrichtendienst Twitter mitteilt. Vor allem die Produktion der Batterien sei außerordentlich aufwändig und energieintensiv. Auch stammten die dafür verwendeten Materialien oft aus fraglichen Abbaugebieten. Das Einsammeln der kleinen Flitzer in der Nacht, um sie aufzuladen und danach wieder an ihre Standorte im gesamten Stadtgebiet zu bringen, schmälert die Ökobilanz zusätzlich. Zudem werden Zweifel an der Lebensdauer der Elektroroller laut – in manchen Studien wird behauptet, sie seien nur wenige Woche in Gebrauch und müssten dann ausgetauscht werden.

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Firmen wollen Klage einreichen

Der Anbieter Dott hat rund einhundert Beschädigungen an seinen Trottinette in Paris gezählt, erklärt Marketingdirektor Matthieu Faure. Die Mitarbeiter des Unternehmens seien unterwegs, um die QR-Codes wieder lesbar zu machen. „Wir bedauern den Vandalismus des Kollektivs Extinction Rebellion“, erklärt er weiter. Der Anbieter Lime hat angekündigt, Klage wegen der Aktion einzureichen. Ein Sprecher des Unternehmens Bird weist die vorgebrachten Vorwürfe zurück. Jeden Tag würden Tausende Menschen die Trottinettes benutzen, um zur Arbeit zu fahren, die sonst im Auto sitzen würden. Die Elektroroller seien also durchaus ein Beitrag zur Verbesserung der Umwelt.

Extinction Rebellion will nach Informationen der Tageszeitung „Le Parisien“ die Argumente der Anbieter aber nicht gelten lassen. Die Gruppe werde die Aktion wiederholten, so heißt es, bis „die Spielzeuge der grünen Kapitalisten aus unseren Städten“ verschwunden sind.

Frankreich kämpft gegen das Bistro-Sterben

In Frankreich schließen immer mehr der legendären Cafés. Innerhalb eines halben Jahrhunderts ist die Zahl von einst 200.000 auf weniger als 40.000 geschrumpft. Präsident Macron hat nun einen Rettungsplan in die Wege geleitet.

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Der sehr gewagte Schritt einer jungen Frau

Die französische Tageszeitung „Le Monde“ hat den Blick in der Regel auf die ganz große Politik in der weiten Welt gerichtet. Doch wegen der Eröffnung des kleinen Bistros La Fine Mousse in Verneuil-Moustiers ist ein Reporter sogar aus dem fernen Paris in die allertiefste Provinz gereist. Gerade einmal 130 Menschen wohnen in dem Flecken im Département Haute-Vienne im Westen Frankreichs. Umgeben ist das kleine Dorf von mehreren Naturparks, will heißen: die Chance bei einem Streifzug durch die Region auf einen Wolf zu treffen ist wahrscheinlich größer, als einem Menschen zu begegnen. Zusätzlich interessant ist das neue Bistro auch deshalb, weil die erst 19 Jahre alte Laureen Foulon als neue Besitzerin ganz und gar nicht dem landläufigen Klischee des etwas bärbeißigen, aber dennoch leutseligen Kneipenwirts entspricht.

Die Zahl der Bistros sink rapide

Vier Jahre habe das Bistro in Verneuil-Moustiers zwischen Kirche und Rathaus leer gestanden, erzählt die jungen Frau, die sich bei ihrem kleinen Abenteuer durchaus bewusst ist, dass in Sachen Rentabilität die Statistik gegen sie spricht, denn Frankreich leidet unter einem Massensterben seiner ikonischen Bistros. Innerhalb eines halben Jahrhunderts ist die Zahl der Cafés von einst 200 000 auf weniger als 40 000 geschrumpft.

Doch die Bistros sind längst ein Kulturgut, weshalb sich nun allerhöchste Stellen eingeschaltet haben. Der französische Präsident Emmanuel Macron persönlich hat eine Rettungsaktion gestartet. Er will 1000 neue Cafés schaffen oder alte wiederbeleben. 150 Millionen Euro sollen dafür investiert werden. Im Fokus sind die abseits gelegene kleine Dörfer, in denen die Schließung von Cafés besonders schwer wiegt, weil sich den Einwohnern kaum andere Möglichkeiten für soziale Kontakte bieten.

Ein Fonds zur Rettung der Bistros

An der Spitze der Aktion steht Jean-Marc Borello, Chef der gemeinnützigen Organisation SOS mit einem jährlichen Umsatz von einer Milliarde Euro. Für ihn ist die Rettung der Cafés nicht nur eine soziale Mission. Er will damit auch auf den Frust und den Zorn der Menschen in Teilen des Landes antworten, die fernab des Lichterglanzes von Paris leben und sich abgehängt fühlen.

Und hier offenbart sich der Grund für die Bistro-Initiative des französischen Präsidenten. Seit einem Jahr demonstrieren Menschen in gelben Weste im ganzen Land dagegen, dass in der Provinz die Schulen und Krankenhäuser schließen, die Busse zu selten fahren, Jobangebote fehlen und es zu wenige vernünftige Freizeitangebote gibt. Die Rettung von Cafés könne diese Probleme natürlich nicht lösen, räumt Jean-Marc Borello ein. Aber es sei ein kleiner Schritt, die soziale Isolation zu bekämpfen.

Die Bistros sollen zusätzliche Dienste anbieten

Zudem sollen die neuen Einrichtungen nach seinen Vorstellungen erweiterte Versionen der traditionellen französischen Bistros sein. Neben den üblichen Getränken, Snacks und Wettscheinen könnten sie etwa auch tägliche Notwendigkeiten wie Brot und andere Grundnahrungsmittel bieten oder auch Internetzugang und Postdienste.

Laureen Foulon bekam bei ihrem Start in Verneuil-Moustiers allerdings keine Hilfe vom Staat, sondern von den Eltern, die beim Renovieren halfen. Ihr Onkel Jean-Luc steuerte seinen Billardtisch bei und Oma Thérèse einen ganzen Koffer voller Geschirrtücher. 200 Menschen waren bei am Abend der Einweihung vor einigen Wochen dabei, Laureen Foulon sieht das als gutes Omen.

Frankreich droht der Stillstand

Die Gewerkschaften haben bei der Bahn zu einem landesweiten Streik am 5. Dezember aufgerufen. Die Regierung befürchtet eine Ausweitung der Proteste.

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Am 5. Dezember geht bei der SNCF nichts mehr. Die Gewerkschaft hat einen Streik angekündigt. Es geht gegen die geplanten Rentenreform der Regierung.

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Frankreich meiden am 5. Dezember

An dieser Stelle ein wichtiger Reisehinweis: Wer am 5. Dezember einen Kurzurlaub in Frankreich plant, der sollte besser umbuchen. Der Grund: die Angestellten der der französischen Bahn SNCF und der Pariser Verkehrsbetriebe RATP haben einen landesweiten Streik angekündigt. Inzwischen wird gemunkelt, dass sich auch andere Bereiche, wie etwa die Bediensteten der Autobahn-Mautstellen und Museen, dem Ausstand anschließen könnten.

Die  Bahn reagiert auf den Streik

Die Verantwortlichen bei der SNCF haben mit drastischen Mitteln auf den angekündigten Streik reagiert. Auf der Internetseite des Unternehmens sind für den Zeitraum vom 5. Dezember bis 8. Dezember für alle TGV inOui, OuiGo und Intercitys keine Tickets mehr zu buchen. Auch alle Reisen nach London wurden gestrichen. Für die Fahrten von Paris nach Stuttgart sind sogar vom 4. Dezember abends bis zum 10. Dezember morgens keine Buchungen möglich. Wer schon jetzt eine Fahrkarte für diesen Zeitraum besitzt, kann diese, nach Angaben der SNCF, kostenlos stornieren oder umtauschen. „Wir werden die Situation kommende Woche noch einmal analysieren“, erklärte SNCF-Chef Jean-Pierre Farandou, dann würden weitere Entscheidungen in Sachen Fahrplan getroffen. Man könne allerdings erst kurz vor Streikbeginn sagen, welche Züge tatsächlich fahren und welche nicht.

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Streik gegen die Rentenpläne der Regierung

Grund für den Streik sind die Rentenpläne der Regierung. Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, die fast 50 speziellen Rentensysteme in Frankreich zu einer einzigen Kasse zusammenfassen zu wollen. Die Eisenbahner sind davor besonders betroffen, da bei ihnen bis jetzt noch die großzügigsten Regelungen gelten. So können manche Mitarbeiter mit überdurchschnittlichen Bezügen schon mit 52 in den Ruhestand gehen. Die neuen Regelungen sollen zwar nur für Mitarbeiter gelten, die nach der angekündigten Rentenreform angestellt werden, doch die Gewerkschaften innerhalb der SNCF sind dennoch empört und zum Kampf entschlossen.

Die Regierung befürchtet, dass der Streik vom 5. Dezember nur der Vorbote für einen äußerst konfliktreichen Winter sein könnte. Schon einmal, im Jahr 1995 wollte die damalige Regierung des konservativen Premiers Alain Juppé das Rentensystem reformieren, musste nach wochenlangen Arbeitskämpfen die Pläne allerdings begraben.

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INFO-BOX zum Streik:

UMTAUSCH: Die ursprüngliche Fahrkarte kann nach Angaben der SNCF umgetauscht werden. Das heißt, man kann einen anderen Zug nehmen – sofern dort noch Plätze frei sind. Diese Regel gilt für alle Arten von Fahrkarten mit Gültigkeit während der Streikperiode.

ERSTATTUNG: Alle Fahrkarten können unabhängig vom jeweiligen Tarif, einschließlich „nicht umtauschfähig / nicht erstattungsfähig“, kostenlos erstattet werden. Bei Hin- und Rückfahrkarten werden Ihnen alle Fahrkarten erstattet, wenn man einen Teil der Reise nicht antreten kann.

VORGEHEN: Bahnfahrende können Ihre Tickets kostenlos an einem SNCF-Schalter oder unter der Nummer 0033 892 35 35 35 umtauschen oder stornieren. Wenn das Bahnticket kostenlos umtausch- oder erstattungsfähig ist, kann man die Reservierung vor der geplanten Abfahrt des Zuges direkt auf der SNCF-Website stornieren oder umtauschen.

AUSWIRKUNGEN: Wird die SNCF bestreikt, hat dies voraussichtlich auch Auswirkungen auf die internationalen Verbindungen von Thalys  (etwa Paris – Brüssel – Aachen – Köln – Essen) und TGV (Frankfurt – Paris, München/Stuttgart – Paris, Frankfurt – Lyon – Marseille).

Stromausfall in Paris

Und plötzlich ist es dunkel! In Teilen von Paris ist kurzzeitig der Strom ausgefallen. In den sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Videos von dem Vorfall – der allerdings nur wenige Sekunden dauerte.

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In einem kurzen Clip ist zu sehen, wie auf der weihnachtlich beleuchteten Prachtmeile Champs-Élysées plötzlich das Licht ausging. Nach wenigen Sekunden funkelten die festlich geschmückten Bäume wieder in rotem Licht, die Schaufenster waren wieder hell erleuchtet. Einige Nutzer schrieben, dass der Eiffelturm plötzlich zappenduster war.

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Es habe eine Panne in einem Umspannwerk im Westen der französischen Hauptstadt gegeben, teilte der Netzbetreiber RTE mit. Man habe die Stromversorgung in Paris und Umgebung aber schnell wieder herstellen können. In einigen Videos war ein grelles blaues Licht in dem Umspannwerk zu sehen – möglicherweise ein Kurzschluss. Es habe auch einen lauten Knall gegeben, so die Nutzer.

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Frankreich trauert um den ewigen Zweiten

Die Rad-Ikone Raymond Poulidor ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Sein großes Schicksal war es, niemals die Tour de France zu gewinnen.

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Dem Radrennfahrer Raymond Poulidor wurde eine seltene Ehre zuteil. Nach ihm ist der Poulidor-Effekt benannt, wenn ein Verlierer sympathischer wirkt als der Gewinner. Der Franzose, der sein Schicksal des ewigen Zweiten mit großem Humor getragen hat, ist nun im Alter von 83 Jahren in seinem Wohnort Saint-Léonard-de-Noblat im Südwesten Frankreichs gestorben. Der Radprofi genoss in seiner Heimat einen besonderen Status und wurde von allen nur liebevoll „Poupou“ genannt. „Seine Heldentaten, seine Eleganz, sein Mut werden in unseren Erinnerungen verankert bleiben“, schrieb Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf Twitter.

Ein Schicksal bewegt die Welt

Raymond Poulidors Schicksal bewegte die Radwelt, weil es dem sympathischen Ausnahmeathleten nie gelang, die Tour de France zu gewinnen. Er wurde drei Mal Zweiter und fünf Mal Dritter. Dafür gewann er in den 60er und 70er Jahren bei bekannten Radrennen wie Mailand-San Remo, Paris-Nizza und bei der Spanien-Rundfahrt. Er beendete seine Laufbahn, nachdem er 1976 im Alter von 40 Jahren Dritter bei der Tour de France geworden war.

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Fehlte der letzte Ehrgeiz?

„Vielleicht hat mir der letzte Ehrgeiz gefehlt, auch wenn ich bestimmt immer alles gegeben habe“, sagte Poulidor einmal. „Aber es hat mir auch gefallen, dass mich alle mochten. Die Fans und die anderen Fahrer.“ Wie populär der Ex-Rennfahrer noch immer war, zeigten etwa seine Auftritte am Rand von Radrennen, an denen sein Enkel, der Niederländer Mathieu van der Poel, am Start war, der ebenfalls eine erfolgversprechende Karriere vor sich hat. Wenn Raymond Poulidor auftauchte, wurde er umlagert von Fans, die nach Autogrammen fragten. Van der Poel verbreitete am Mittwoch auf Instagram ein Foto, das ihn an der Seite seines Großvaters zeigt. „Immer so stolz“, schrieb der 24-Jährige und fügte ein gebrochenes Herz hinzu.

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Eddy Merckx rühmt den Konkurrenten

Rad-Insider rätselten schon seit einigen Wochen über den Gesundheitszustand von Raymond Poulidor. Nun hieß es, er sei bereits Anfang Oktober wegen „großer Müdigkeit“ ins Krankenhaus eingeliefert worden, sein Zustand verschlechterte sich, die Klinik konnte er nicht mehr verlassen. „Er ist an diesem Morgen von uns gegangen“, sagte Gisele Poulidor am Mittwoch. Auch sein größter sportlicher Konkurrent zeigte sich bestürzt. Der Tod Raymond Poulidors sei „ein großer Verlust, ein großer Freund, der geht“, sagte Eddy Merckx.

Muslime in Frankreich – fremd im eigenen Land 

Die Diskussion über den Islam spaltet die Gesellschaft. Die rechtsextremen Parteien nutzen das Thema geschickt für ihre politischen Ziele.

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In Paris sind viele Muslime auf die Straße gegangen, um gegen die Islamophobie zu protestieren.

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Die Enttäuschung der Muslime

Frankreich diskutiert über den Islam – wieder einmal. „Ich bin es leid“, sagt Monique, „ständig müssen wir uns dafür rechtfertigen, dass wir hier leben.“ Die junge Frau reagiert auf das Thema überraschend empfindlich. Sie arbeitet bei einer kleinen Immobilienfirma im schicken 16. Arrondissement in Paris, lebt als Französin, fühlt sich als Französin, zieht sich an wie eine Französin – und muss sich aber immer wieder anhören, dass sie im Grunde keine Französin sein kann. Denn sie ist Muslima. Ihre Großeltern sind aus Algerien nach Frankreich gekommen, schon ihre Eltern sind in Paris geboren. „Aber das alles zählt nichts“, sagt Monique.

Das Klima verschlechtert sich

Nach den Terroranschlägen 2015 hat sich das Klima im Land dramatisch verschlechtert. In den vergangenen vier Jahren sind in Frankreich bei Attentaten durch radikale Islamisten mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Nach jeder Tat beginnt die Diskussion von neuem. Dabei werden die immer wieder gleichen Themen miteinander vermengt: Islam, Zuwanderung, Radikalisierung. So auch nach dem jüngsten Anschlag Anfang Oktober in der Pariser Polizeipräfektur, bei dem ein muslimischer Mitarbeiter der Geheimdienste vier Kollegen tötete.

Die extreme Rechte schürt die Stimmung

Die extreme Rechte versucht diese Stimmung für sich auszunutzen und treibt das Spiel mit den Ängsten geschickt voran. So forderte im Regionalparlament von Dijon kurz nach den Morden in Paris ein Vertreter der rechtsextremen Rassemblement National eine Frau mit Kopftuch auf den Zuschauerrängen medienwirksam dazu auf, das Plenum zu verlassen. Sie war als Begleiterin einer Schulklasse im Parlament. In der aufgeheizten Stimmung wurde aus dieser Provokation eines Lokalpolitikers schnell ein landesweiter Skandal.

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Dass die Angst vor Überfremdung längst die Mitte der französischen Gesellschaft erreicht hat, zeigt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop, der zufolge denken acht von zehn Franzosen, dass der Säkularismus in Gefahr sei. Sie sehen den Islam zunehmend als Bedrohung für den französischen Lebensstil – öffentlich sichtbar durch das Kopftuch, dem Symbol einer vermeintlich radikalen Religion.

In den sehr emotional geführten Diskussionen fällt immer wieder ein Wort: Laizismus. Dieser müsse verteidigt werden. Doch sei nicht allen klar, was dieser Begriff wirklich bedeute, sagt Nicolas Cadène von der „Laizismus-Beobachtungsstelle“ der französischen Regierung. In Frankreich herrscht seit dem Jahr 1905 offiziell die Trennung von Staat und Kirche. Anders als von einigen Seiten suggeriert, erklärt Cadène, gehe es in diesem Gesetz aber nicht um den Schutz einer „mythischen Identität“ einer weißen und katholischen Kultur.

Die Diskussion um den Islam dauert schon Jahrzehnte

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Die Anfänge dieser Diskussion um den Einfluss des Islam liegen schon Jahrzehnte zurück. Erste wirklich sichtbare Reaktion war, dass es vor 15 Jahren Schülern verboten wurde, in Klassenräumen „auffällige“ religiöse Symbole wie das Kopftuch zu tragen. Sieben Jahre später wurden Schleier, die das Gesicht bedecken, per Gesetz von öffentlichen Straßen verbannt. In beiden Fällen sind formell zwar auch andere Kleidungsstücke oder Symbole verboten. Es wurde aber nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass die Regelungen vor allem auf Muslime abzielen.

Inzwischen hat die Diskussion über den Islam eine neue Schärfe erreicht – und selbst die extremsten Positionen sind längst hoffähig geworden. So orakelte der sehr populäre französische Journalist Éric Zemmour jüngst auf einem Treffen der rechtsextremen Marion Maréchal, der Nichte von Marine Le Pen, nicht nur über den die „totalitären Islam“, der dabei sei, die Demokratie zu zerstören. Ziel seiner Attacken waren auch die Muslime im Allgemeinen, deren Plan der „Bevölkerungsaustausch“ und damit die Übernahme Macht in Frankreich sei.

Eine Demo gegen Islamophobie in Paris

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Viele Muslime wollen sich diese Ausgrenzung im eigenen Land nicht mehr bieten lassen. In diesen Tagen gingen in Paris Zehntausende auf die Straße, um für mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft zu demonstrieren. Die meisten politischen Parteien sagten ihre Teilnahme allerdings in letzter Sekunde ab, da sich unter den Organisatoren des Marsches auch Gruppen befanden, deren Haltung zur Gewalt und zur Demokratie nicht ganz geklärt ist. Mit von der Partie waren schließlich auch radikale linke Organisationen und Gruppen, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen. Für die rechtsextreme Marine Le Pen, Chefin der Rassemblement National, war dies natürlich ein gefundenes Fressen. Sie wies süffisant darauf hin, dass die Zusammensetzung des Marsches zeige, wer sich hinter dem freundlichen Gesicht des Islam in Wahrheit verberge.

Jonathan Meese im Mode-Kosmos

Der umstrittene deutsche Künstler Jonathan Meese interpretiert in Paris das Schaffen von Karl Lagerfeld. Eine ziemlich spannungsgeladene Beziehung, die für den Betrachter – wie könnte es anders sein – einige Überraschungen bereithält.

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Jonathan Meese vor dem zentralen Bild seiner Ausstellung in Paris

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Ein Mensch zwischen Abscheu und Bewunderung

Lagerfeld – Mode – Paris. Das sind drei Begriffe, die eine fast vollendete Dreiklang bilden, scheinbar untrennbar miteinander verbunden. Diese drei Worte lösen Bilder von Anmut, Schönheit, Glanz, Reichtum aus – umrankt allerdings von einer gehörigen Prise Hybris. Doch plötzlich stört Jonathan Meese diese perfekte Harmonie, stapft mit fast kindlicher Naivität umher, hebt hier freudig lachend einen seidenen Rock und blick dort neugierig hinter die bunten Fassaden. Jonathan Meese, das Enfant Terrible der deutschen Kunstszene, der bei seinem Auftauchen nur zwei Gemütszustände auslöst: abgrundtiefe Abscheu oder allergrößte Bewunderung. Die Kategorie Gleichgültigkeit gibt es in seinem Fall nicht. Und dabei ist der Mann nach eigenen Aussagen nur auf der Suche nach Liebe – das tut er allerdings ziemlich hemmungslos.

Ein Galerist mit einer Nase für lohnende Skandale

So bricht also Jonathan Meese ein in den Mode-Kosmos, herbeigerufen von der Galerie Templon. Der Galerist Daniel Templon hat große Erfahrung und auch ein sicheres Händchen darin, in der Kunstszene für einen gewissen Aufruhr zu sorgen. Er war es, der Jean-Michel Basquiat, Roy Lichtenstein oder Keith Haring nach Europa geholt hat. Im Auftrag des Franzosen hat Meese nun eine Ausstellung über den im Frühjahr verstorbenen Modezaren Karl Lagerfeld erarbeitet. Entstanden sind in kurzer Zeit viele großformatige Bilder und einige Installationen – und er zeigt einmal mehr, weshalb er als notorisches Spielkind unter den deutschen Künstlern gilt.

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Eine Installation von Meese zum Thema Mode

Meese und Mode – passt das?

Dabei scheinen Meese und Mode auf den ersten Blick nicht allzu viel miteinander zu tun zu haben. „Ich liebe Mode“, beteuert allerdings der Künstler dann aus tiefstem Herzen bei einem Rundgang durch seine Ausstellung in Paris. Beim Deuten seiner Werke oszilliert er dann zwischen fast kindlich anmutenden Erklärungsmustern und philosophischen Sphärenflügen. Natürlich erklärt er in diesem Sinne auch die für ihn typische schwarze Adidas-Trainingsjacke kurzerhand zur Mode, zu einer Art modischer Uniform – aber natürlich eine unideologische, wie er sofort betont. Denn Ideologien sind für Jonathan Meese wie eine Art Pest, die es mit seiner Kunst zu bekämpfen gilt. Das sei der eigentliche Wert der Kunst, doziert er, dass sie in der Lage sei, alle Dinge von ihrem ideologischen Ballast zu befreien, damit das eigentlich Schöne in den Dingen dieser Welt wieder ans Licht komme. In diesem Sinne ist die Mode in den Augen von Jonathan Meese sozusagen die Schwester der Kunst, denn auch in der wahren, unideologischen Mode sei am Ende alles erlaubt.

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Hier im Podcast führt Jonathan Meese durch seine Karl-Lagerfeld-Ausstellung. Und natürlich erklärt er, was Mode mit Kunst zu tun hat: 

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Im Zentrum steht Karl Lagerfeld – die Ikone

Im Zentrum der Ausstellung in Paris steht natürlich der ikonische Karl Lagerfeld, der mit seiner Arbeit große Kunst vollbracht habe, betont der künstlerische Allesanpacker. Doch der Meister ist gezeichnet, hat auf vielen Bildern eine deutlich sichtbare Narbe im Gesicht. Auch das ist ein Topos, der immer wieder auftaucht: der Kampf gegen allerlei Wiederstände in dieser Welt, der tiefe Verletzungen an Körper und Seele hinterlässt. Dieser Hinweis ist bei Meese, der im Kunstbetrieb seit Beginn seines Schaffens ständigen Anfeindungen ausgesetzt ist, durchaus autobiographisch zu verstehen.

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Ein Besucher in der Galerie Templon

Karl Lagerfeld als Fixpunkt im Mode-Universum

Umringt ist Karl Lagerfeld im Meese-Mode-Universum von zahlreichen Mitstreitern wie John Galliano oder Yves Saint Laurent. Die Mode ist dabei allerdings nur ein einigendes Element, „das Faszinierende ist, dass alle diese Personen sehr konsequent und mit allergrößter Hingabe ihre Ideen verfolgt haben“, erklärt der Künstler. Aber wie nicht anders zu erwarten, dehnt Meese den Modebegriff fast bis zum Zerspringen und so tauchen etwa auch König Ludwig II. von Bayern, der Komponist Richard Wagner und natürlich Robespierre oder König Ludwig XIV. auf – schließlich ist man in Frankreich. „Sie alle waren prägend in ihrer Zeit“, erläutert er. Das will der Künstler natürlich nicht nur auf die Mode beschränkt wissen und schwärmt ziemlich ausführlich von den wunderbaren Schlössern den Bayern-Königs. „Früher haben ihn alle für verrückt erklärt und heute sind ihm alle dankbar für die schönen Dinge, die er hinterlassen hat.“

Meese sitzt zwischen den Stühlen

Viele Besucher der Galerie kommen natürlich aus der Modebranche und entdecken sich in den Werken durchaus wieder. Manchem gefällt, dass Jonathan Meese mit seinen Arbeiten ihrer Meinung nach der Haute Couture gnadenlos den Spiegel vorhalte, etwa die fast militärischen Hierarchien oder auch das verbissene Karrieredenken anprangere.  Andere wiederum – ebenfalls Betrachter vom Fach – vermissen den „Tiefgang“ in den Bildern und kritisieren, dass der Künstler von der wirklichen Mode am Ende eben doch nichts verstehe. Und da ist sie wieder, diese Kluft zwischen Anhängern und Verächtern der Meeseschen Kunst. „Ich sitze irgendwie immer zwischen den Stühlen“, sagt der umstrittene Künstler selbst über die Wahrnehmung seiner Werke und wirkt dabei reichlich erstaunt. Tatsächlich ist das aber ein Platz, an dem sich Jonathan Meese inzwischen vortrefflich zurechtfindet. ENDE-ENDE