„Made in France“ – Élysée zeigt original französische Produkte

Baguette und Wein – klar das ist typisch französisch. Doch wie wäre es mit einem künstlichen Herz, einer Zahnbürste aus Bioplastik oder Gewürzgurken? Frankreichs Wirtschaftsministerium hat 101 Produkte ausgewählt, die zu 100 Prozent in Frankreich produziert werden. Sie wurden am Wochenende in einer Ausstellung im Élyséepalast gezeigt.

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Frankreich ist eine Rad-Nation – dieses Teil ist zu 100 Prozent in Frankreich hergestellt. 

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Die Produkte repräsentieren die 101 Départments des Landes und sollen für die Innovationskraft Frankreichs stehen. Insgesamt gab es 1750 Bewerber. Zu den Gewinnern zählen nun etwa traditionelle Produkte wie eine Baskenmütze oder Ausgefallenes wie ein besonders schützender Feuerwehrhelm.

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Ein besonderer Helm für Feuerwehrleute – Made in France

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„In Frankreich (…) gibt es Unternehmen, die das traditionelle französische Know-how am Leben erhalten“, heißt es vom Élysée. Alle beschäftigten französische Mitarbeiter, produzierten mit französischen Materialien und reduzierten den ökologischen Fußabdruck durch kurze Lieferwege innerhalb des Landes. Für die Ausstellung mussten sich Interessierte vorher anmelden – die Plätze waren auf rund 10 000 begrenzt.

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Ausstellung in einem besonderen Ambiente. Die Besucher hatten auch die Gelegenheit, den Präsidentenpalast zu bestaunen. 

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Der Modemacher Jean-Paul Gaultier dankt ab

Mit ihm geht einer der ganz großen der Branche. Der französische Modemacher Jean-Paul Gaultier hat überraschend seine letzte Haute-Couture-Schau in Paris angekündigt. Die Schau am kommenden Mittwoch im Théatre du Châtelet werde seine letzte sein und 50 Jahre seiner Karriere feiern, sagte der berühmte Designer am Freitag in einem Video auf Twitter.

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Gaultier will mit neuem Konzept weitermachen

„Aber ich versichere, Gaultier Paris wird weitermachen. Die Haute Couture geht weiter. Ich habe ein neues Konzept.“ Darüber werde er aber erst später berichten, es werde weitergehen. „All die kleinen Geheimnisse“, so der 67-jährige Gaultier weiter scherzhaft, der in dem Video vorgibt, zu telefonieren, und sich mit Küssen verabschiedet.

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Gaultier hat Tabus gebrochen und die französische Modewelt mit exzentrischen Kreationen auf den Kopf gestellt. Der berühmte Modezar wurde er in Bagneux, einem Vorort südlich von Paris geboren und ist Autodidakt. Mit 18 Jahren schickte er den berühmtesten Modeschöpfern in Paris seine Skizzen zu. Der legendäre Modeschöpfer Pierre Cardin erkannte als erster sein Talent und engagierte ihn im Jahr 1970 als Assistent. Als 24-Jähriger stellte Gaultier seine eigene Linie vor und 1978, nur zwei Jahre später, gründete er sein nach ihm benanntes Modehaus. Seine Haute-Couture-Kollektionen haben Modegeschichte geschrieben, im Parfümsegment brachte er einen Klassiker nach dem anderen auf den Markt.

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Streikaktion vor dem Louvre erzürnt Touristen

Eine Streikaktion vor dem Pariser Louvre hat zahlreiche Touristen erzürnt: Dutzende Mitglieder der französischen Gewerkschaft CGT blockierten am Freitag den Haupteingang zu dem Museum an der Louvre-Pyramide und hinderten Besucher am Eintritt. Mit der Aktion protestierten sie gegen die Rentenreform von Präsident Emmanuel Macron.

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Buh-Rufe für die Protestierer

Während einige französische Passanten applaudierten, reagierten viele Touristen mit Buh-Rufen. Ein Besucher aus Brüssel sagte, er sei mit dem Zug trotz der Bahn-Streiks in Frankreich extra für die große Sonderausstellung zum 500. Todestag von Leonardo da Vinci angereist.

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„Ich liebe Frankreich, aber das geht wirklich zu weit“, sagte eine Spanierin. „Ich verstehe nicht, warum die Polizei die Aktion nicht beendet.“ Ein Besucher aus China nannte den Protest „egoistisch“. Ein französischer Tourist rief wutentbrannt dazu auf, den Louvre zu stürmen. Der Appell verhallte jedoch. Allerdings waren einige der erbosten Besucher kurz davor, handgreiflich zu werden.

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„Den Louvre zu besuchen ist nicht lebenswichtig“, entgegnete einer der Demonstranten. „Wir verteidigen unsere Rechte , das ist viel wichtiger.“ Der Ort für die Protestaktion war kein Zufall: Vor der berühmten Louvre-Pyramide des US-chinesischen Architekten Ieoh Ming Pei hatte Präsident Macron 2017 seinen Triumph bei der Präsidentschaftswahl gefeiert.

Gourmet-Tempel von Bocuse verliert seinen dritten Stern

Dem legendären Restaurant des verstorbenen Erfinders der „Nouvelle Cuisine“ wird vom Guide Michelin ein Stern entzogen. Für manche Franzosen ist das so etwas wie eine nationale Katastrophe. 

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„Erschütterndes Urteil“ der Testesser

Eine französische Ikone ist vom Sockel gestürzt. Der Guide Michelin hat dem weltberühmten Restaurant „L’Auberge du Pont de Collonges“ nach 55 Jahren seinen dritten Stern entzogen. Zwei Jahre nach dem Tod des Jahrhundertkochs Paul Bocuse habe die Küche nicht mehr das Niveau wie zu Zeiten des legendären Chefs, heißt es zur Erklärung von Seiten des einflussreichen Restaurantführers, der am 27. Januar seine neuste Ausgabe präsentiert. Das degradierte Kochteam äußerte sich „erschüttert über das Urteil der Testesser“.

Seit Jahrzehnten lockt der Gourmettempel Feinschmecker aus der ganzen Welt nach Lyon ans Ufer der Saône, doch schon vor dem Tod des Vaters der „Nouvelle Cuisine“ wurde von Kritikern hinter der Hand gemunkelt, dass die Küche längst nicht mehr das einstige Drei-Sterne-Niveau erreiche. Das war wohl ein Grund, weshalb das legendäre Restaurant von den Testern zuletzt offensichtlich etwas genauer unter die Lupe genommen worden ist.

Paul Bocuse – Erfinder der Nouvelle Cuisine

Einfache Zubereitung, frische Zutaten, Regionalität war das lebenslange Credo von Paul Bocuse, dem sich nach dessen Tod mit 91 Jahren auch seine Erben verschrieben hatten. Bocuse war aber auch ein großer Showmaster, trug den Trikolore-Kragen und die hohe Kochmütze mit Stolz. Er war einer der ersten Köche, die den Mut hatten, aus der Küche zu kommen. Zum großen Restaurant gehörte für ihn das Zelebrieren von Essen und Trinken.

Doch die Nachfolger waren sich der Last des Rufes bewusst, hatten aber auch die Gefahr des Stillstands erkannt, wollten sich auf den Lorbeeren nicht ausruhen. Sie wussten, dass sich sich neuen Entwicklungen nicht verschließen konnten. „La tradition en mouvement“ (Tradition in Bewegung) laute deshalb der Leitspruch, hatte der neue Restaurant-Chef Vincent Le Roux noch vor einigen Tagen selbstbewusst erklärt. Und nun solch eine Niederlage!

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Allerdings müssen auch die Testesser nach ihrer spektakulären Einschätzung ziemlich viel Kritik einstecken. „Das ist eine völlig absurde Entscheidung“, ereifert sich der bekannte Gastro-Experte Périco Légasse im Interview bei „France Info“. Die Leute vom Guide Michelin wüssten nicht mehr, was gutes Essen ist.

Neuer Wind beim Guide Michelin

Seit einem Chefwechsel weht beim „Guide rouge“, wie die Feinschmeckerbibel des Reifenherstellers Michelin in Frankreich genannt wird, ein neuer Wind. Der neue Verantwortliche Gwendal Poullennec sagte einmal der Zeitung „Le Monde“, die Sterne gehörten nicht den „Chefs“, wie Spitzenköche in Frankreich genannt werden. Er verstehe die Emotionen des Teams, reagierte Poullennec nun. Doch zwei Sterne seien der aktuelle Wert des Hauses – zu diesem Ergebnis seien die Tester gekommen. „Michelin-Sterne werden nicht vererbt, man muss sie sich verdienen.“

Kritik am Guide Michelin

Das weckt natürlich auch Widerstand. Um die Bewertungen der Tester in Zweifel zu ziehen, wird inzwischen immer wieder das Beispiel des französischen Spitzenkoches Marc Veyrat ins Gedächtnis gerufen. Auch ihm hatte der Guide Michelin im vergangenen Jahr den dritten Stern aberkannt. Doch er wollte sich die Vertreibung aus dem kulinarischen Olymp nicht gefallen lassen und zog vor Gericht.

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Der exzentrische Koch wollte die genauen Gründe für den Entzug des Sterns wissen und verlangte, dass die Testprotokolle offengelegt werden. Außerdem hatte er einen symbolischen Euro Schadenersatz für entgangene Gewinne gefordert. Doch Marc Veyrat musste eine herbe Niederlage einstecken. Die Unabhängigkeit der Restaurantkritiker bei ihren Bewertungen sei durch das Recht auf Meinungsfreiheit garantiert, urteilten die Richter. Fazit: über guten Geschmack auch beim Essen kann also weiter gestritten werden.

Die lange Suche nach dem Mörder des kleinen Grégory

Frankreich sucht seit 35 Jahren den Mörder des kleinen Grégory. Nach dem Urteil eines Pariser Gerichtes muss der Fall nun neu bewertet werden.

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Eine Geschichte über Neid, Missgunst und Hass

Es ist eine schwärende Wunde, die schmerzhaft aufgerissen wird. Seit über 35 Jahren sucht Frankreich nach dem Mörder eines kleinen Jungen – ohne Erfolg. Die „Affaire Grégory“ erzählt nicht nur vom tragischen Tod eines Kindes. Sie ist auch die Geschichte von Neid, Missgunst und Rache und sie ist ein Beispiel für das klägliche Versagen der Justiz, die Sensationslust einer Gesellschaft und die fragwürdige Arbeit von Journalisten. Weil das Leben die spannendsten Drehbücher schreibt, hat Netflix aus dem Stoff eine kleine TV-Doku gemacht, die seit November ausgestrahlt wird.

Nun, nach dem Urteil eines Berufungsgerichtes in Paris am Donnerstag, muss der ungelöste Fall auch juristisch neu bewertet werden. Die damals minderjährige Murielle Bolle hatte in Polizeigewahrsam ausgesagt, ihr Schwager habe den vierjährigen Grégory Villemin getötet – das Gesagte kurz darauf aber wiederrufen. Das Gericht hat nun geurteilt, dass ein zentraler Teil ihrer Angaben wegen Ermittlungsfehlern aus den Akten gestrichen werden muss. Die Aussage von Murielle Bolle hatte damals tödliche Folgen. Der Vater des ermordeten Grégory erschießt den verdächtigen Schwager auf offener Straße.

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Die Familie wird seit Jahren bedroht

Diese Bluttat lockt schließlich die Sensationslustigen in Scharen nach Lépanges-sur-Vologne, einer kleinen Gemeinde in den Vogesen. Reporter aus dem fernen Paris berichten wie über eine fremde Welt auf einem exotischen Kontinent. Ausgegraben wird, dass die Familie Villemin schon über Jahre bedroht worden war. Nach der Tat erhielten sie einen handgeschriebenen Brief. Der Mord sei ein Racheakt gewesen, hieß es darin.

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Die Dorfbewohner verraten den Reportern, dass viele in der Gemeinde den Vater des kleinen Grégory um seinen Job als Vorarbeiter in einer Fabrik und den bescheidenen Wohlstand beneidet hätten. Seine Frau Christine wird von Verwandten als arrogant abgetan. Am Ende steht das halbe Dorf unter Mordverdacht, alle müssen Schriftproben abgeben. Doch das Augenmerk der Polizisten liegt schließlich auf der Mutter, die bei der Beerdigung ihres Sohnes vor unzähligen Fernsehkameras schluchzend zusammenbricht. Beweise für ihre Schuld gibt es aber keine.

Der Richter wird von dem Fall abgezogen

Wegen der vielen Ermittlungsfehler wird schließlich der zuständige Richter Jean-Michel Lambert von dem Fall abgezogen. Er ist damals Anfang 30 und schlicht überfordert. 33 Jahre danach verfasst Lambert einen Abschiedsbrief, in dem er schreibt, dass er sich nicht zum Sündenbock stempeln lassen wolle – und nimmt sich im Sommer 2017 das Leben.

Jetzt, nach dem Urteil des Berufungsgerichtes in Paris, erklärt der Anwalt von Grégorys erleichterten Eltern: „Die Ermittlungen werden fortgesetzt.“ Sie hoffen noch immer, dass der Mörder ihres Sohnes eines Tages gefunden wird.

Emmanuel Macrons großes Versagen

Frankreichs Präsident hat die Stimmung im Volk völlig falsch eingeschätzt. Seine Reform wird zum Reförmchen und die Quittung für sein Versagen wird es bald bekommen. 

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Demonstration in Paris gegen die Rentenreform von Emmanuel Macron

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Ein Volk aus vielen Helden

Der Streik in Frankreich kennt einen großen Helden: das Volk. Mit bewundernswerter Gelassenheit lassen die Franzosen dieses nicht enden wollende Elend über sich ergehen. Der seit Wochen bestreikte Nahverkehr stürzt die Pendler in Paris und anderen Städten jeden Tag von neuem ins Chaos, Fernzüge fahren nur sporadisch, viele vor allem kleine Unternehmen im Land leiden inzwischen unter den wirtschaftlichen Einbußen. Das Ende der Blockade ist auch jetzt noch nicht abzusehen.

Der Streik in Frankreich kennt aber auch einen großen Verlierer: Emmanuel Macron. Den Plan, das Rentensystem in Frankreich gerechter und vor allem auch finanzierbar zu machen, kann der Präsident längst nicht mehr halten. Am Schluss der Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften wird von dem versprochen großen Wurf nur ein Reförmchen übrigbleiben. Unter dem Druck des Streiks zeigt sich die Regierung längst zu allerlei Ausnahmen bereit. Selbst das Renteneintrittsalter mit 64, so etwas wie der Heilige Gral dieser Reform, steht plötzlich zur Disposition. Denn Emmanuel Macron hat die Rechnung ohne die kampfbereiten Gewerkschaften gemacht. Zwar haben einige gemäßigte Organisationen bereits ihren Einigungswillen signalisiert, doch der harte Kern zeigt sich unnachgiebig und fordert noch immer, dass die gesamte Reform zurückgenommen wird. Noch ist nicht abzusehen, wie diese Kraftprobe ausgehen wird.

Die Renaissance der Gewerkschaften

Den Gewerkschaften hat der Arbeitskampf zu einer wahren Renaissance verholfen. Sie scheinen erleichtert, endlich wieder als Kämpfer für die Rechte der Arbeitnehmer öffentlich wahrgenommen zu werden und genießen die Auftritte vor den Fernsehkameras. Während der Proteste der Gelbwesten waren sie noch völlig abgemeldet. Das hatte allerdings zur Folge, dass sich die vielen, untereinander konkurrierenden Gewerkschaften beim aktuellen Streik in eine Art Überbieterwettkampf begeben haben – jede Organisation ging mit immer radikaleren Forderungen für ihre Klientel in die Verhandlungen.

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Unverständlich ist, wie Emmanuel Macron diese Gesamtsituation und vor allem die tiefe Unzufriedenheit seines Volkes unterschätzen konnte. Eigentlich hätte er durch die monatelangen sozialen Proteste der Gelbwesten gewarnt sein müssen. Offensichtlich glaubte der kühle Taktierer in Paris aber, dass die Streiklust der Menschen im Land inzwischen erschöpft sei und er es sich erlauben könne, mit der Brechstange soziale Veränderungen durchzusetzen, die tief in das Leben der Franzosen eingreifen. Der Präsident hat sich getäuscht.

Macron provoziert eine „convergence des luttes“

Was Macron provoziert hat, ist eine „convergence des luttes“, der Zusammenschluss verschiedener sozialer Kämpfe. Bei den Massenprotesten in Paris und anderen Städten gehen nicht nur gewerkschaftlich organisierte Eisenbahner auf die Straße. Auch das Krankenhauspersonal, Anwälte, Lehrer, Studenten oder Feuerwehrleute machen ihrer Frustration über die bisweilen unhaltbaren Arbeitszustände Luft.

Die inhaltlichen Unterschiede in der Protestfront werden dabei von der Wut der Streikenden auf Emmanuel Macron übertüncht. Diese bisweilen eher verwirrende Kakophonie in den Demonstrationszügen macht deutlich, dass die Reform des Rentensystems nur eines von sehr vielen fundamentalen Problemen ist, die es in Frankreich in den nächsten Jahren zu lösen gilt.

Der Protest erreicht alle Berufsgruppen

Eine solche Welle des Protestes über alle Berufsgruppen hinweg gab es zuletzt 1995, als der damalige Premierminister Alain Juppé im Auftrag des Präsidenten Jacques Chirac eine Rentenreform durchziehen sollte. 23 Tage dauerte damals der Streik, der das Land lähmte. Am Ende wurde die Reform abgeblasen und der Regierungschef musste seinen Hut nehmen.

Der aktuelle Streik in Frankreich dauert inzwischen fast doppelt so lange und es gilt als sicher, dass Emmanuel Macron auf die Quittung für sein Versagen nicht lange wird warten müssen. Im März finden in Frankreich Kommunalwahlen statt, sie gelten als entscheidender Test für die Präsidentenwahl in zwei Jahren.

Ein Blick in die Seele Frankreichs

Der Kauf eines Baguettes ist für die Franzosen ein fast archaischer Akt – inklusive einer kleinen Reise in die eigene Kindheit. Eine kleine Betrachtung zu einem Kulturgut. 

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Das letzte verbliebe Symbol einer Nation

Das Baguette ist das letzte Symbol Frankreichs. Zugegeben, im Rennen sind noch Baskenmütze und Gauloise, beides ist inzwischen aber zur cineastischen Folklore verkommen. Nicht einmal mehr die alten Männer in den verstecktesten Dörfern der Pyrenäen tragen die typische Kopfbedeckung und das Rauchen ist in Paris inzwischen nicht nur in den Restaurants, sondern auch in den öffentlichen Parks verboten. Das Baguette aber gibt es noch immer.

Der Grund dafür ist sehr einfach: die Beziehung zum Baguette ist den Franzosen tief in den genetischen Code eingraviert. Ehen können scheitern – die Liebe zum Baguette vergeht nie. Wer einen Beweis dafür sucht, der muss die Franzosen in einer typischen Boulangerie beim Kauf eines Baguettes beobachtet. Da wird nicht einfach Geld gegen Brot getauscht, der Kauf eines Baguettes ist eine Art archaischer Akt. Selbst gestandene Männer werden für einen Augenblick zu Kindern mit leuchtenden Augen.

Ein Sturzbach von Glückshormonen

Man kann als Außenstehender nur ahnen, welche Botenstoffe in diesem kurzen Moment in einem französischen Gehirn ausgeschüttet werden – das Glückshormon Dopamin ist 19.12.30-Baguettes-neuimagesauf jeden Fall in Sturzbächen dabei. Allein der Gang über die Schwele einer Bäckerei muss eine Art Flashback in die Kindheit sein – ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für einen Franzosen. Eine Erinnerung an schöne Tage, als man in kurzen Hosen an der großen, rauen Hand des Vaters am Samstagmorgen die Boulangerie an der Ecke betritt, diesen wunderbaren Geruch einatmet, die freundlichen Frauen hinter der Theke lächeln sieht, sich einreiht in die Schlange und es kaum erwarten kann, endlich dieses noch warme Stück französische Lebensart liebkosend in den Armen zu halten.

Die Männer, das schwache Geschlecht

Auffallend ist, dass vor allem Männer dieser selige Gesichtsausdruck überfällt, wenn sie ein Baguette überreicht bekommen. Frauen neigen in diesem Fall wohl eher zum Pragmatismus. Und:  je älter die Männer, desto größer scheint diese sehnsuchtsvolle Erinnerung an die Kindheit zu werden.

Der eigentliche Höhepunkt folgt allerdings erst nach dem Kauf des Baguettes, es scheint wie ein fast ekstatischer Akt: viele Franzosen brechen die Spitze des Brotes ab und stecken sie sich noch in der Boulangerie voller Genuss und selig lächelnd in den Mund. Manchen versagt der Schritt und sie bleiben kurz stehen, mit einem verklärten Gesichtsausdruck. Dann aber ist dieser kurze Ausflug in die Kindheit jäh vorüber und es heißt Abschied nehmen. Auf der Straße wartet die harte Realität. Doch irgendwie beschwingt geht er dahin, dieser beneidenswerte Mensch, ohne Baskenmütze auf dem Kopf und ohne Gauloise im Mundwinkel – aber das Baguette unter den Arm geklemmt und glücklich, ein Franzose zu sein.