Keine Mauer des Verschweigens mehr

Das Privatleben von Politikern galt in Frankreich lange als tabu. Doch nun muss ein Politiker wegen der Enthüllung eines Sex-Videos im Internet zurücktreten.   

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Intime Enthüllung im Internet

Die Kaste der Politiker in Frankreich erlebt ein Erdbeben. Auch das Wort von einem Dammbruch macht die Runde, andere sprechen sogar von einer Kulturrevolution. Der Rücktritt von Benjamin Griveaux wirkt wie ein Schock auf den elitären Pariser Politikbetrieb. Zum ersten Mal muss ein hoher Politiker wegen privater, intimer Enthüllungen zurücktreten.

Gestolpert ist der Wunschkandidat von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für die Pariser Bürgermeisterwahl über ein kurzes Sex-Video mit ihm als Hauptdarsteller. Das Filmchen, dessen Echtheit nicht ganz geklärt ist, machte in den sozialen Netzwerken die Runde. Benjamin Griveaux reagiert prompt und zieht einen Monat vor der Wahl seine Bewerbung zurück. Als Urheber des schlüpfrigen Machwerks meldet sich der russischen Aktionskünstler Piotr Pawlensky zu Wort, der in Frankreich im Exil lebt. Er habe Griveauxs „Scheinheiligkeit“ zur Schau stellen wollen, der immer wieder vom großen Wert der Familie spreche. Die Aufnahme habe er von einer Person erhalten, die eine „einvernehmliche Beziehung“ mit Griveaux gehabt habe.

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Politiker verurteilen den Tabubruch

Über alle Parteigrenzen hinweg wird die Veröffentlichung als Tabubruch verurteilt, denn in Frankreich wurde bisher immer eisern zwischen privatem und offiziellem Leben der Politiker getrennt. So einfach ist die Sache allerdings nicht, denn die Politiker – und vor allem die Präsidenten – haben zuletzt selbst dafür gesorgt, dass diese sorgsam bewachte Mauer des Verschweigens im Laufe der Zeit langsam zu bröckeln begann.

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Sehnsucht nach der Ära Mitterand

Fast mit Sehnsucht erinnern viele Kommentatoren an die Ära von Francois Mitterand. Der Präsident führte während seiner Amtszeit über viele Jahre ein veritables Doppelleben mit zwei Familien. Jeder in Frankreich kannte dieses „Geheimnis“, doch niemand sprach offiziell darüber. Erst lange nach Mitterands Tod trat seine uneheliche Tochter an die Öffentlichkeit. Auch sein Nachfolger Jacques Chirac konnte angesichts seiner nicht wenigen Affären noch mit der wissenden Nachsicht der Öffentlichkeit rechnen. Selbst nach dessen Tod vor wenigen Monaten, wurden dessen außerehelichen Geschichten in den Nachrufen nur sehr verklausuliert umschrieben. Chirac sei eben ein großer Charmeur gewesen, heißt es da.

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Mit Nicolas Sarcozy hat sich das Verhältnis Präsident/Öffentlichkeit fast dramatisch verändert. Manch ein Kommentator glaubt sogar, dass er die Büchse der Pandora geöffnet habe. Spielten die Frauen der französischen Staatschefs bis zu jenem Zeitpunkt allenfalls eine Nebenrolle, suchten Sarkozy und seine singende und schauspielende Gattin Carla Bruni immer wieder gemeinsam das Rampenlicht. Als Glamourpaar füllten sie die Spalten der Hochglanzmagazine, für die Franzosen eine völlig neue Erfahrung.

Sarkozy ebnet den Weg für die Klatschpresse

Sarkozy hatte die Trennung von Öffentlichem und Privatem aufgehoben – ausbaden musste es aber sein Nachfolger Francois Hollande. Er konnte nun nicht mehr auf die Nachsicht der Journalisten hoffen, denn die Brandmauer existierte nicht mehr. Seine außerehelichen Aktivitäten fanden ihren Weg ungebremst in die Klatschpresse. Legendär sind Fotos seiner nächtlichen Fahrt zur Geliebten durch die Straßen von Paris auf einem Motorroller – fein säuberlich dokumentiert von Reportern, die den Präsidenten in flagranti ertappten.

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Furch vor einer Renaissance der Lynchjustiz

Im Fall von Benjamin Griveaux ist allerdings eine neue Qualität erreicht. Möglich machen dies die sozialen Netzwerke. Die Veröffentlichung des Sex-Videos auf einer einzigen Plattform genügte, um es Millionenfach zu verbreiten. Verändert haben sich auch die Akteure. Der russische Aktionskünstler Piotr Pawlensky ist offensichtlich ein Mensch, der keine Regeln und Gesetze akzeptiert und auch keine Skrupel kennt. Die Frage ist, wie die Politik mit diesen neuen Bedingungen umgeht. Der französische Essayist Maxime Tandonnet glaubt, dass die aktuelle Enthüllung nicht nur Benjamin Griveaux, sondern vor allem der gesamten französischen Demokratie schaden. In düsteren Worten prophezeit er eine Art Renaissance der Lynchjustiz.

Im Internet verbreiten sich Lugen und Hass

Der Harvard Professor Yascha Mounk sieht die Bedrohung der Demokratie Frankreichs durch die sozialen Medien allerdings nicht wegen solcher einzelner Enthüllungen in Gefahr. Das eigentliche Problem erkennt der Kommunikationsforscher in der sehr einfachen und effektiven Möglichkeit, via Internet ungezügelt Lügen zu verbreiten und Hass in der Welt zu sähen. Das sei der wirkliche Kampf, den die Politik und auch die Gesellschaft in Zukunft führe müsse. Das aber sei kein spezifisch französisches Thema, sondern eine globale Herausforderung.

Zu alt, zu weiß, zu männlich

Die Führung der César-Akademie tritt zurück – Auslöser ist die Nominierung des umstrittenen Filmemachers Polanski

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Frankreichs Filmwelt im Krisenmodus

Frankreich Filmwelt befindet sich seit Wochen im Krisenmodus. Auslöser ist die Nominierung des umstrittenen Filmemachers Roman Polanski für den begehrten César. Nun hat der Vorstand der französischen César-Akademie kurz vor der Verleihung des Preises Ende Februar die Reißleine gezogen und ist zurückgetreten. Ob dadurch die erhoffte Ruhe eintritt, ist allerdings fraglich. Geplant ist, dass nach der Preisverleihung am 28. Februar eine Hauptversammlung abgehalten wird, heißt es von Seiten der Akademie, auf der ein neuer Vorstand gewählt werden soll.

Proteste gegen Roman Polanski

Die Nominierung von Polanskis Drama „J’accuse“ (Intrige) in zwölf Kategorien war allerdings nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Der Regisseur sieht sich in den USA seit Jahrzehnten mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert, weswegen er das Land nicht mehr betritt. Kurz vor dem Filmstart im vergangenen November hatte auch die Fotografin und Schauspielerin Valentine Monnier Polanski vorgeworfen, sie 1975 vergewaltigt zu haben. Der Filmemacher bestreitet den Vorwurf. Frauenrechtlerinnen forderten deshalb die Absetzung des Films und demonstrierten bei der Premiere des Streifens in Paris vor dem Kino.

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Filmschaffende haben die Nase voll

Für viele Filmschaffende in Frankreich ist die Nominierung Polanskis nicht nur ein Skandal, sondern auch ein deutliches Zeichen dafür, dass die César-Akademie reformiert werden muss. In der Zeitung „Le Monde“ machten sich schließlich 400 Prominente in einer öffentlichen Stellungnahme ihrem Unmut Luft. Sie werfen der der Institution unter anderem Intransparenz und Diskriminierung bei der Auswahl der Preisträger vor. Grundsätzlich heißt es, die Akademie sei zu männlich, zu alt, zu weiß und basiere auf Kungelei und Kumpanei. Der 70-jährige Alain Terzian, seit 2003 Präsident der Akademie, hatte noch vor einigen noch Tagen versucht, die Wogen zu glätten und eine Reform angekündigt – doch diese vage Aussage, in Zukunft mehr Frauen bei der Auswahl zu berücksichtigen, war den empörten Filmschaffenden offenbar zu wenig.

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Politiker äußern sich vorsichtig

Im Streit um die César-Akademie und die Nominierung von Polanski sah sich nun sogar der französische Kulturminister Franck Riester bemüßigt zu reagieren. Allerdings formulierte er seine Meinung sehr vorsichtig. Über Twitter macht er klar, dass der ganze Streit weit außerhalb seiner Zuständigkeit liegt, die Académie des Césars sei privatrechtlich organisiert, bekomme keine öffentlichen Gelder und solle ihre Unabhängigkeit bewahren. Allerdings kann er die erhobenen Vorwürfe offensichtlich nachvollziehen, denn er fügte noch hinzu, dass die neue Führung sollte es ermöglichen, das französische Kino in seiner ganzen Vielfalt zu zeigen.

Mehr als 3500 Obdachlose in Paris

In Paris leben mehr als 3500 Obdachlose: Das hat eine groß angelegte Zählung durch Freiwillige ergeben, wie die Stadtverwaltung mitteilte. In Berlin waren kürzlich knapp 2000 Obdachlose gezählt worden. Die Dunkelziffer dürfte nach Angaben von Hilfsorganisationen in beiden Hauptstädten aber deutlich höher sein.

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Zählen in der „Nacht der Solidarität“

In Paris trafen freiwillige Helfer bei der dritten „Nacht der Solidarität“ Ende Januar insgesamt 3552 Obdachlose an. Das waren etwas weniger als 2019, als 3641 Menschen gezählt wurden. Die Pariser Aktion war in diesem Jahr erstmals Vorbild für Berlin: Dort erfassten die Freiwilligen nach Angaben aus dem Senat 1976 Obdachlose.

Von den Pariser Obdachlosen waren zwölf Prozent Frauen, in Berlin waren es rund 14 Prozent. „Das zeigt, dass wir Frauen weiter spezifische Angebote zur Unterbringung machen müssen“, sagte die zuständige Mitarbeiterin der Pariser Stadtverwaltung, Dominique Versini.

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Den leichten Rückgang der Obdachlosenzahl in Paris führte sie auf die Räumung mehrerer Flüchtlingslager in den vergangenen Wochen zurück. Kurz vor der „Nacht der Solidarität“ hatte die Polizei ein improvisiertes Zeltlager mit mehr als 1400 Menschen nahe der Pariser Stadtautobahn aufgelöst.

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Das Elend wohnt in den Vororten von Paris

Der französische Film „Die Wütenden“ erzählt von den Banlieue als Brutstätten der Gewalt. Doch die Realität ist nicht schwarz-weiß und manchmal keimt sogar Hoffnung.

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Ein typischer Plattenbau am Stadtrand von Montfermeil und Clichy-sous-Bois

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Das Fremde liegt bisweilen ganz nah

An dem kleinen Tisch im Café Kleber im schicken 16. Arrondissement von Paris geht es hitzig her. Der Verkehr rauscht über den Place du Trocadéro, Wortfetzen fliegen durch den Lärm. „Abbild der französischen Gesellschaft – Laienschauspieler – überbewertet – Polizeigewalt“. Drei junge Männer liegen sich wegen eines Filmes in den Haaren, der in Frankreich im Moment für Furore sorgt. Beim Filmfestival in Cannes erhielt „Les Misérables“ (Die Wütenden) von Ladj Ly den begehrten Preis der Jury, zudem ist der Streifen für den Oscar als bester internationaler Film nominiert worden. Am Abend der Preisverleihung in Hollywood war die Enttäuschung der Franzosen allerdings groß – der Film ging leer aus!

Für die drei Filmenthusiasten, jeder das wandelnde Klischee eines französischen Intellektuellen in Cordjackett und Seidenschal, scheint der Film wie ein Blick in eine fremde und ferne Welt – dabei liegt die Exotik sehr nahe. Sie könnten von ihrem kleinen Tischchen aufstehen, einen kurzen Spaziergang unternehmen und unweit des Place du Trocadéro in Paris in einen Vorortzug steigen, der sie in knapp 50 Minuten nach Montfermeil bringen würde, der Ort, wo „Les Misérables“ gedreht wurde. Es ist eines jener scheinbar typischen Banlieue vor den Toren der französischen Millionenmetropole, die von Banden beherrscht werden und wo die Gewalt regiert. Der Film beschreibt auch die sozialen Ungerechtigkeiten und verbauten Aufstiegschancen – und passt damit in eine Zeit, in der sich die Hoffnungslosen in Frankreich gelbe Westen überziehen, ihre Wut bei Protestmärschen auf der Straße aus der Seele brüllen und die Frustration sich oft in Gewalt entlädt.

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Nicht schön und auch nicht hässlich – die Hauptstraße in Montfermeil

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Montfermeil ist keine Vorort-Hölle

Doch wer in Montfermeil die Hölle erwartet, wird enttäuscht. Es ist ein typisches französisches Städtchen, nicht schön und nicht hässlich, die Häuser ziehen sich rechts und links an der schmalen Hauptstraße entlang, Männer sitzen im Bistro, der Metzger hat Rinderhack im Sonderangebot und beim Bäcker stehen die Kunden bis auf die Straße.

„Les Misérables wurde eigentlich nicht in Montfermeil gedreht“, sagt Angélique Planet-Ledieu, die sich selbst als Kommunistin bezeichnet und seit einigen Jahren im Stadtrat aktiv ist. Die wirklich schlimmen Ecken seien in Clichy-sous-Bois gewesen, das mit seinen Hochhaussiedlungen unmittelbar an Montfermeil angrenzt. Aber es habe sich in den vergangenen Jahren sehr viel verändert, betont die 28-Jährige. Dieser Satz fällt in Gesprächen mit den Bewohnern des Vorstädtchens immer wieder. Was Ladj Ly in seinem Film beschreibe, diesen ungezügelten Hass in den verwahrlosten Straßen der Trabantenstadt, habe nicht mehr viel mit der Realität von damals zu tun.

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Angélique Planet-Ledieune arbeitet in Montfermeil als Stadträtin und bezeichnet sich selbst als Kommunistin. Im Kommunalwahlkampf unterstützt sie die grüne Bewerberin.

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Die Unruhen in den Banlieue erschrecken Frankreich

Im Herbst 2005 kam es in mehreren Vororten von Paris zu den schlimmsten Unruhen in Frankreichs jüngster Gesichte. Mehr als 10 000 zerstörte Autos, brennende Gebäude, 130 Verletzte, mehrere Tote und Tausende von Festnahmen. Auch in Montfermeil und Clichy-sous-Bois, wo viele Einwanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika in den gesichtslosen Plattenbauten aus den 70ern wohnen, gingen Autos in Flammen auf. Es war die Zeit, als der damalige Innenminister und spätere Präsident Nicolas Sarkozy ankündigte, die Vorstädte „mit dem Kärcher“ reinigen zu wollen.

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Der 40-jährige Regisseur Ladj Ly, der selbst in Montfermeil aufgewachsen ist, drehte während der Unruhen von 2005 mit dem Künstlerkollektiv Kourtrajmé den Dokumentarfilm „365 Tage in Clichy-Montfermeil“, drei Jahre später „Go Fast Connexion“, eine Dokufiktion über Drogenhandel in den Vororten. Nun hat er aus dem Stoff den halbdokumentarischen Spielfilm „Les Misérables“ gemacht. Erzählt wird aus der Perspektive des Polizisten Stéphane, der sich in die Anti-Verbrechenseinheit in Montfermeil versetzen lassen hat. Was der Einsatz in dem Vorort bedeutet, wird Stéphane schnell bewusst. Hier herrschen andere Gesetze. Diverse Clans haben sich das Viertel aufgeteilt und seine Polizeikollegen haben ihre eigenen Methoden gefunden, mit denen sie sich an der Grenze zur Legalität Respekt verschaffen.

Ladj Ly urteilt nicht über seine Protagonisten

Ladj Lys Vorort-Wirklichkeit ist roh, gewalttätig und das Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung extrem angespannt. Dennoch gibt es bei ihm weder Böse noch Gute. Darin liegt einer der größten Verdienste des Films. Gezeigt wird, wie alle in ihrer Situation gefangen sind – auch die Polizisten, die abgestumpft durch Hass und Gewalt, glauben, dass nur Gegengewalt die richtige Antwort ist. „Es ist zwar mehr als 150 Jahre her, dass Victor Hugo den Roman geschrieben hat, aber das Elend gibt es hier immer noch“, sagt Ladj Ly. Der Titel „Les Misérables“ (Die Elenden) ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Klassiker von Victor Hugo – ein Teil seines Sozialromans spielt in Montfermeil.

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Natürlich hat auch Xavier Lemoine den Film gesehen. Für den Bürgermeister von Montfermeil, auf dessen Haus damals wütende, mit Baseballschlägern bewaffnete Jugendliche Steine warfen, war es wie eine Zeitreise. „Das ging wirklich an die Nieren“, sagt er und auch der Lokalpolitiker betont im selben Atemzug, dass vieles besser geworden sei. Die französische Regierung hat nach den Unruhen viel Geld in die Banlieue rund um Paris gepumpt. In Montfermeil und Clichy-sous-Bois wurden die schlimmsten Plattenbauten abgerissen und durch neue, moderne Häuser ersetzt. Spielplätze wurden angelegt und das Sportangebot ausgebaut. Im Bau ist ein Kulturzentrum, die Ateliers Médicis. Angeregt von Ladj Ly sollen dort unter anderem Video-Workshops für Jugendliche angeboten werden.

Die Regierung pumpt viel Geld nach Montfermeil

Auch die Polizei wurde umstrukturiert. Früher fuhren die Beamten nur auf Streife durch die heruntergekommenen Plattenbausiedlungen, jetzt steht ein großes Revier direkt neben den neuen Hochhäusern. Das soll nicht nur Präsenz beweisen, hierher sollen die Bewohner auch mit ihren Beschwerden kommen, lange bevor sich die Wut aufstaut und zu explodieren droht. Auf den modernen Sportplätzen neben dem Revier findet gerade ein Fußballturnier für Kinder statt.

„Das ist ja alles sehr gut, aber der größte Segen ist die neue Straßenbahn“, sagt Angélique Planet-Ledieu. Bisher endete die Nahverkehrsbahn RER aus Paris kurz vor Montfermeil und die Pendler mussten auf sehr unregelmäßig verkehrende Busse umsteigen. Die im Zehn-Minuten-Takt verkehrende Straßenbahn habe dem Arbeitsmarkt vor Ort einen regelrechten Aufschwung gegeben, erklärt die Lokalpolitikerin. „Nun können sich die Leute viel einfacher nach einem Job in Paris umsehen – zumal die Arbeitslosigkeit in der Stadt noch viel zu hoch ist.“ Doch Angélique Planet-Ledieu ist der Überzeugung, dass die Probleme in den Banlieue sehr viel grundsätzlicher angegangen werden müssen. „Wir brauchen viel mehr Schulen und andere Ausbildungseinrichtungen“, fordert die junge Frau, um dann zu einem längeren Exkurs über die große Ungleichheit des französischen Bildungssystems anzuheben. „Es muss ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden.“

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Emmanuel Macron wird von vielen abgelehnt

Die Frage, ob Frankreichs Präsident Emmanuel Macron der richtige Mann ist, solch eine fundamentale Entwicklung anzuschieben, provoziert bei Angélique Planet-Ledieu einen Lachanfall. Er sei der Präsident der Reichen, der Wirtschaftsbosse, der Pariser Elite, von ihm erwartet die bekennende Kommunistin nicht viel. Ähnlich denkt der Filmemacher Ladj Ly. Der Präsident hat den Regisseur nach dessen ersten Erfolgen eingeladen, „Les Misérables“ im Elysée-Palast zu zeigen – doch der Regisseur lehnte ab. Macron müsse schon nach Montfermeil kommen und sich den Film dort anschauen.

Todesdrohungen nach einer Wutrede über den Islam

Eine 16-jährige Schülerin in Frankreich beschimpft die Muslime und muss nun zur eigenen Sicherheit untertauchen. Auch viele Politiker wollen an dem Fall ihr eigenes Profil schärfen – doch die Sache ist vertrackt. 

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Mila ist zu ihrer eigenen Sicherheit untergetaucht. Angesichts unzähliger Morddrohungen geht die 16-jährige Französin nicht mehr zur Schule und hat alle ihre Accounts in den sozialen Medien gelöscht. Auslöser der Welle des Hasses ist ein kurzes Video, das sie auf Instagram hochgeladen hat. Darin zieht das Mädchen in derbsten Worten über den Islam her. „Der Koran ist voller Hass, der Islam ist reiner Mist,“ ist einer der wenigen zitierbaren Sätze. Die homosexuelle Schülerin aus dem Département Isère im Osten des Landes reagierte nach eigenen Worten damit auf den Kommentar eines muslimischen Mannes, der sie im Internet als „dreckige Lesbe“ beschimpft habe.

Die Schülerin bereut ihre „Vulgarität“

Inzwischen hat die junge Frau in einem TV-Interview erklärt, sie bereue die „Vulgarität“ ihrer Äußerungen. Sie habe nicht die Absicht gehabt, jemanden persönlich zu verletzen. Zu ihren Aussagen über den Islam stehe sie aber und beruft sich dabei auf das Recht auf Gotteslästerung. Tatsächlich wurde in Frankreich nach der Revolution von 1789 das Delikt der Blasphemie abgeschafft, Beleidigungen von Religionen sind durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Aufrufe zum Hass gegen Einzelne oder eine Gruppe sind dagegen verboten.
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Die Politik meldet sich zu Wort

Angesichts der Drohungen, mit denen die Schülerin überschüttet wird, sah sich nun sogar der französische Innenminister Christophe Castaner genötigt, in der Nationalversammlung das Wort zu ergreifen. Mila und ihre Eltern würden inzwischen von der Nationalpolizei geschützt. „Es ist keine ständige Bewachung, denn es gibt keine Hinweise, dass dies nötig wäre“, schränkte er ein.

Da im März in Frankreich die wichtigen Kommunalwahlen stattfinden, wird der Fall der 16-Jährigen selbstverständlich von vielen Politikern kommentiert. Doch die Lage ist vertrackt, denn die wütende Kanonade an Verbalinjurien kann nur mit viel Wohlwollen als Islamkritik gesehen werden. So erklärt die Sozialistin Ségolène Royal, dass es schwierig sei einen Teenager zu unterstützen, dem es offensichtlich an Respekt fehle und sich dabei auf das Recht auf Meinungsfreiheit berufe.

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Empörung über den Islamrat in Frankreich

Als sich Abdallah Zekri, der Vertreter des französischen Islamrates zu Wort meldete, kannte die Empörung vor allem im politisch rechtskonservativen Lager keine Grenzen mehr. Zekri sagte in einem Interview, dass die Drohungen gegen Mila zwar zu verurteilen seien, doch habe sie diese Reaktionen provoziert und müsse damit klarkommen. Marine Le Pen, Chefin des rechtsradikalen Rassemblement National, konterte auf Twitter, man könne die Äußerungen vulgär finden, aber sie würden keine Verurteilung zum Tod im Frankreich des 21. Jahrhunderts rechtfertigen.

Die Gesellschaft in Frankreich ist gespalten

Der Fall spaltet auch die französische Gesellschaft: Laut einer Umfrage für die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ sind die Hälfte der Franzosen für die Freiheit zur Religionskritik, auch wenn sie mit Schmähungen einhergeht, die andere Hälfte lehnt dies ab. „Charlie Hebdo“ war 2015 Ziel eines islamistischen Anschlags mit zwölf Toten, nachdem die Zeitung mehrfach Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte.

Frankreich verabschiedet sich vom Kassenbon

Die Franzosen zählen nicht gerade zu den Weltmeistern beim Reycling. Das soll sich nun Schritt für Schritt ändern. 16 Jahre nach Einführung des Einwegpfands in Deutschland diskutiert auch Frankreich über ein Rückgabesystem für Getränkeverpackungen. In einem Bereich sind die Franzosen den Deutschen allerdings einen Schritt voraus. Während in Deutschland die Kassenbonpflicht eingeführt wurde, wurde nun in Paris deren Aus besiegelt.

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Ein kleiner Schritt für einen Franzosen

Der Schritt in die Bon-freie Zeit ist allerdings eher ein kleiner. Denn schon jetzt nehmen es die Franzosen mit der Bonpflicht nicht so genau: Wer sein Baguette in einer Bäckerei kauft, bekommt in vielen Fällen keinen Kassenzettel. In Deutschland müssen Händler und Restaurants dagegen seit dem 1. Januar jedem Kunden einen Bon aushändigen. In Frankreich wurde nun ein Gesetzentwurf verabschiedet, danach sollen ab September Bons bis zu zehn Euro nicht mehr ausgedruckt werden – außer, der Kunde wünscht dies ausdrücklich. Ab 2021 fallen Kassenzettel bis zu 20 Euro weg, ab 2022 solche bis zu 30 Euro.

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Gesetz gegen „Verschwendung“

Das französische Gesetz gegen „Verschwendung“ sieht noch andere Maßnahmen zum Umweltschutz vor: Danach dürfen nicht verkäufliche Textilien und Hygieneartikel ab 2022 nicht mehr vernichtet werden, sondern müssen gespendet oder – im Fall von Textilien – recycelt werden. Zudem soll es ein neues Label für die „Reparierbarkeit“ von Fernsehern oder Handys geben. Damit will die Regierung verhindern, dass wie bisher 60 Prozent der defekten Elektro-Geräte auf dem Müll landen.

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Kampf gegen das Plastik

Auch gegen die sich häufenden Plastikberge geht Frankreich vor: Schnellrestaurants müssen spätestens ab 2023 wiederverwendbare Verpackungen und Besteck nutzen. Ein zunächst geplantes Pfand für Plastikflaschen wie in Deutschland wird es aber vorerst nicht geben.

#àcausedemacron – Die Choreografie zum Streik

Die Streiks in Frankreich gehen weiter – und oft auch brutaler. Allerdings gibt es auch Gruppen, die sich inzwischen sehr kreativ gegen die Rentenreform und den Präsidenten Emmanuel Macron stemmen. So gibt es nun einen Titelsong. „À cause de Macron“. Das Lied wird von Demonstrantinnen seit einiger Zeit als Flashmob während der Proteste aufgeführt.

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Frauen – die Verliererinnen der Reform

Dabei tragen sie blaue Overalls, gelbe Haushaltshandschuhe und ein rotes Tuch im Haar und singen sinngemäß „Wegen Macron werden wir die großen Verliererinnen sei.“ Bei dem eingängigen Song handelt es sich um eine Art Parodie des Hits „À cause des garçons“ aus dem Jahr 1987. Damals wurde er von dem Duo Laurence Heller and Hélène Bérard gesungen.

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Die Globalisierungskritiker von Attac und feministische Organisationen wollen mit dem Song anprangern, dass Frauen die großen Verliererinnen der Rentenreform von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seien. „Wegen Macron stehen Mädchen stärker unter Druck als Jungen. Wegen Macron schreien wir RÉ-VO-LU-TION…“, heißt es etwa im Text.

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Die Outfits der singenden Demonstrantinnen sind angelehnt an die Kunstfigur „Rosie the Riveter“, die in den 1940er in den USA Frauen für kriegswichtige Betriebe anheuern sollte. Die meisten kennen „Rosie“ wohl von den berühmten „We can do it!“-Werbeplakaten. Die Interpretinnen von „À cause de Macron“ nennen sich Rosies und treten mittlerweile bei zahlreichen Demos gegen die Reformpläne auf. Für die Choreographie (zum Beispiel Fäuste nach vorne, dann rechts und links mit den Füßen in die Luft treten) gibt es im Netz ein Erklärvideo.

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Das derzeitige Rentensystem wirkt sich nachteilig für Frauen aus. Künftig soll die Berechnung der Rente anders erfolgen – jeder eingezahlte Euro soll zählen statt nur die besten 25 Jahre. Die Regierung hatte versprochen, dass Frauen die Gewinner des neuen Systems seien werden. Ob sich die neue Berechnung nachteilig auf Frauen auswirken wird, lässt sich derzeit noch schwer sagen – Experten sind sich uneins.