Das Elend wohnt in den Vororten von Paris

Der französische Film „Die Wütenden“ erzählt von den Banlieue als Brutstätten der Gewalt. Doch die Realität ist nicht schwarz-weiß und manchmal keimt sogar Hoffnung.

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Ein typischer Plattenbau am Stadtrand von Montfermeil und Clichy-sous-Bois

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Das Fremde liegt bisweilen ganz nah

An dem kleinen Tisch im Café Kleber im schicken 16. Arrondissement von Paris geht es hitzig her. Der Verkehr rauscht über den Place du Trocadéro, Wortfetzen fliegen durch den Lärm. „Abbild der französischen Gesellschaft – Laienschauspieler – überbewertet – Polizeigewalt“. Drei junge Männer liegen sich wegen eines Filmes in den Haaren, der in Frankreich im Moment für Furore sorgt. Beim Filmfestival in Cannes erhielt „Les Misérables“ (Die Wütenden) von Ladj Ly den begehrten Preis der Jury, zudem ist der Streifen für den Oscar als bester internationaler Film nominiert worden. Am Abend der Preisverleihung in Hollywood war die Enttäuschung der Franzosen allerdings groß – der Film ging leer aus!

Für die drei Filmenthusiasten, jeder das wandelnde Klischee eines französischen Intellektuellen in Cordjackett und Seidenschal, scheint der Film wie ein Blick in eine fremde und ferne Welt – dabei liegt die Exotik sehr nahe. Sie könnten von ihrem kleinen Tischchen aufstehen, einen kurzen Spaziergang unternehmen und unweit des Place du Trocadéro in Paris in einen Vorortzug steigen, der sie in knapp 50 Minuten nach Montfermeil bringen würde, der Ort, wo „Les Misérables“ gedreht wurde. Es ist eines jener scheinbar typischen Banlieue vor den Toren der französischen Millionenmetropole, die von Banden beherrscht werden und wo die Gewalt regiert. Der Film beschreibt auch die sozialen Ungerechtigkeiten und verbauten Aufstiegschancen – und passt damit in eine Zeit, in der sich die Hoffnungslosen in Frankreich gelbe Westen überziehen, ihre Wut bei Protestmärschen auf der Straße aus der Seele brüllen und die Frustration sich oft in Gewalt entlädt.

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Nicht schön und auch nicht hässlich – die Hauptstraße in Montfermeil

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Montfermeil ist keine Vorort-Hölle

Doch wer in Montfermeil die Hölle erwartet, wird enttäuscht. Es ist ein typisches französisches Städtchen, nicht schön und nicht hässlich, die Häuser ziehen sich rechts und links an der schmalen Hauptstraße entlang, Männer sitzen im Bistro, der Metzger hat Rinderhack im Sonderangebot und beim Bäcker stehen die Kunden bis auf die Straße.

„Les Misérables wurde eigentlich nicht in Montfermeil gedreht“, sagt Angélique Planet-Ledieu, die sich selbst als Kommunistin bezeichnet und seit einigen Jahren im Stadtrat aktiv ist. Die wirklich schlimmen Ecken seien in Clichy-sous-Bois gewesen, das mit seinen Hochhaussiedlungen unmittelbar an Montfermeil angrenzt. Aber es habe sich in den vergangenen Jahren sehr viel verändert, betont die 28-Jährige. Dieser Satz fällt in Gesprächen mit den Bewohnern des Vorstädtchens immer wieder. Was Ladj Ly in seinem Film beschreibe, diesen ungezügelten Hass in den verwahrlosten Straßen der Trabantenstadt, habe nicht mehr viel mit der Realität von damals zu tun.

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Angélique Planet-Ledieune arbeitet in Montfermeil als Stadträtin und bezeichnet sich selbst als Kommunistin. Im Kommunalwahlkampf unterstützt sie die grüne Bewerberin.

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Die Unruhen in den Banlieue erschrecken Frankreich

Im Herbst 2005 kam es in mehreren Vororten von Paris zu den schlimmsten Unruhen in Frankreichs jüngster Gesichte. Mehr als 10 000 zerstörte Autos, brennende Gebäude, 130 Verletzte, mehrere Tote und Tausende von Festnahmen. Auch in Montfermeil und Clichy-sous-Bois, wo viele Einwanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika in den gesichtslosen Plattenbauten aus den 70ern wohnen, gingen Autos in Flammen auf. Es war die Zeit, als der damalige Innenminister und spätere Präsident Nicolas Sarkozy ankündigte, die Vorstädte „mit dem Kärcher“ reinigen zu wollen.

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Der 40-jährige Regisseur Ladj Ly, der selbst in Montfermeil aufgewachsen ist, drehte während der Unruhen von 2005 mit dem Künstlerkollektiv Kourtrajmé den Dokumentarfilm „365 Tage in Clichy-Montfermeil“, drei Jahre später „Go Fast Connexion“, eine Dokufiktion über Drogenhandel in den Vororten. Nun hat er aus dem Stoff den halbdokumentarischen Spielfilm „Les Misérables“ gemacht. Erzählt wird aus der Perspektive des Polizisten Stéphane, der sich in die Anti-Verbrechenseinheit in Montfermeil versetzen lassen hat. Was der Einsatz in dem Vorort bedeutet, wird Stéphane schnell bewusst. Hier herrschen andere Gesetze. Diverse Clans haben sich das Viertel aufgeteilt und seine Polizeikollegen haben ihre eigenen Methoden gefunden, mit denen sie sich an der Grenze zur Legalität Respekt verschaffen.

Ladj Ly urteilt nicht über seine Protagonisten

Ladj Lys Vorort-Wirklichkeit ist roh, gewalttätig und das Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung extrem angespannt. Dennoch gibt es bei ihm weder Böse noch Gute. Darin liegt einer der größten Verdienste des Films. Gezeigt wird, wie alle in ihrer Situation gefangen sind – auch die Polizisten, die abgestumpft durch Hass und Gewalt, glauben, dass nur Gegengewalt die richtige Antwort ist. „Es ist zwar mehr als 150 Jahre her, dass Victor Hugo den Roman geschrieben hat, aber das Elend gibt es hier immer noch“, sagt Ladj Ly. Der Titel „Les Misérables“ (Die Elenden) ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Klassiker von Victor Hugo – ein Teil seines Sozialromans spielt in Montfermeil.

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Natürlich hat auch Xavier Lemoine den Film gesehen. Für den Bürgermeister von Montfermeil, auf dessen Haus damals wütende, mit Baseballschlägern bewaffnete Jugendliche Steine warfen, war es wie eine Zeitreise. „Das ging wirklich an die Nieren“, sagt er und auch der Lokalpolitiker betont im selben Atemzug, dass vieles besser geworden sei. Die französische Regierung hat nach den Unruhen viel Geld in die Banlieue rund um Paris gepumpt. In Montfermeil und Clichy-sous-Bois wurden die schlimmsten Plattenbauten abgerissen und durch neue, moderne Häuser ersetzt. Spielplätze wurden angelegt und das Sportangebot ausgebaut. Im Bau ist ein Kulturzentrum, die Ateliers Médicis. Angeregt von Ladj Ly sollen dort unter anderem Video-Workshops für Jugendliche angeboten werden.

Die Regierung pumpt viel Geld nach Montfermeil

Auch die Polizei wurde umstrukturiert. Früher fuhren die Beamten nur auf Streife durch die heruntergekommenen Plattenbausiedlungen, jetzt steht ein großes Revier direkt neben den neuen Hochhäusern. Das soll nicht nur Präsenz beweisen, hierher sollen die Bewohner auch mit ihren Beschwerden kommen, lange bevor sich die Wut aufstaut und zu explodieren droht. Auf den modernen Sportplätzen neben dem Revier findet gerade ein Fußballturnier für Kinder statt.

„Das ist ja alles sehr gut, aber der größte Segen ist die neue Straßenbahn“, sagt Angélique Planet-Ledieu. Bisher endete die Nahverkehrsbahn RER aus Paris kurz vor Montfermeil und die Pendler mussten auf sehr unregelmäßig verkehrende Busse umsteigen. Die im Zehn-Minuten-Takt verkehrende Straßenbahn habe dem Arbeitsmarkt vor Ort einen regelrechten Aufschwung gegeben, erklärt die Lokalpolitikerin. „Nun können sich die Leute viel einfacher nach einem Job in Paris umsehen – zumal die Arbeitslosigkeit in der Stadt noch viel zu hoch ist.“ Doch Angélique Planet-Ledieu ist der Überzeugung, dass die Probleme in den Banlieue sehr viel grundsätzlicher angegangen werden müssen. „Wir brauchen viel mehr Schulen und andere Ausbildungseinrichtungen“, fordert die junge Frau, um dann zu einem längeren Exkurs über die große Ungleichheit des französischen Bildungssystems anzuheben. „Es muss ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden.“

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Emmanuel Macron wird von vielen abgelehnt

Die Frage, ob Frankreichs Präsident Emmanuel Macron der richtige Mann ist, solch eine fundamentale Entwicklung anzuschieben, provoziert bei Angélique Planet-Ledieu einen Lachanfall. Er sei der Präsident der Reichen, der Wirtschaftsbosse, der Pariser Elite, von ihm erwartet die bekennende Kommunistin nicht viel. Ähnlich denkt der Filmemacher Ladj Ly. Der Präsident hat den Regisseur nach dessen ersten Erfolgen eingeladen, „Les Misérables“ im Elysée-Palast zu zeigen – doch der Regisseur lehnte ab. Macron müsse schon nach Montfermeil kommen und sich den Film dort anschauen.

Todesdrohungen nach einer Wutrede über den Islam

Eine 16-jährige Schülerin in Frankreich beschimpft die Muslime und muss nun zur eigenen Sicherheit untertauchen. Auch viele Politiker wollen an dem Fall ihr eigenes Profil schärfen – doch die Sache ist vertrackt. 

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Mila ist zu ihrer eigenen Sicherheit untergetaucht. Angesichts unzähliger Morddrohungen geht die 16-jährige Französin nicht mehr zur Schule und hat alle ihre Accounts in den sozialen Medien gelöscht. Auslöser der Welle des Hasses ist ein kurzes Video, das sie auf Instagram hochgeladen hat. Darin zieht das Mädchen in derbsten Worten über den Islam her. „Der Koran ist voller Hass, der Islam ist reiner Mist,“ ist einer der wenigen zitierbaren Sätze. Die homosexuelle Schülerin aus dem Département Isère im Osten des Landes reagierte nach eigenen Worten damit auf den Kommentar eines muslimischen Mannes, der sie im Internet als „dreckige Lesbe“ beschimpft habe.

Die Schülerin bereut ihre „Vulgarität“

Inzwischen hat die junge Frau in einem TV-Interview erklärt, sie bereue die „Vulgarität“ ihrer Äußerungen. Sie habe nicht die Absicht gehabt, jemanden persönlich zu verletzen. Zu ihren Aussagen über den Islam stehe sie aber und beruft sich dabei auf das Recht auf Gotteslästerung. Tatsächlich wurde in Frankreich nach der Revolution von 1789 das Delikt der Blasphemie abgeschafft, Beleidigungen von Religionen sind durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Aufrufe zum Hass gegen Einzelne oder eine Gruppe sind dagegen verboten.
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Die Politik meldet sich zu Wort

Angesichts der Drohungen, mit denen die Schülerin überschüttet wird, sah sich nun sogar der französische Innenminister Christophe Castaner genötigt, in der Nationalversammlung das Wort zu ergreifen. Mila und ihre Eltern würden inzwischen von der Nationalpolizei geschützt. „Es ist keine ständige Bewachung, denn es gibt keine Hinweise, dass dies nötig wäre“, schränkte er ein.

Da im März in Frankreich die wichtigen Kommunalwahlen stattfinden, wird der Fall der 16-Jährigen selbstverständlich von vielen Politikern kommentiert. Doch die Lage ist vertrackt, denn die wütende Kanonade an Verbalinjurien kann nur mit viel Wohlwollen als Islamkritik gesehen werden. So erklärt die Sozialistin Ségolène Royal, dass es schwierig sei einen Teenager zu unterstützen, dem es offensichtlich an Respekt fehle und sich dabei auf das Recht auf Meinungsfreiheit berufe.

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Empörung über den Islamrat in Frankreich

Als sich Abdallah Zekri, der Vertreter des französischen Islamrates zu Wort meldete, kannte die Empörung vor allem im politisch rechtskonservativen Lager keine Grenzen mehr. Zekri sagte in einem Interview, dass die Drohungen gegen Mila zwar zu verurteilen seien, doch habe sie diese Reaktionen provoziert und müsse damit klarkommen. Marine Le Pen, Chefin des rechtsradikalen Rassemblement National, konterte auf Twitter, man könne die Äußerungen vulgär finden, aber sie würden keine Verurteilung zum Tod im Frankreich des 21. Jahrhunderts rechtfertigen.

Die Gesellschaft in Frankreich ist gespalten

Der Fall spaltet auch die französische Gesellschaft: Laut einer Umfrage für die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ sind die Hälfte der Franzosen für die Freiheit zur Religionskritik, auch wenn sie mit Schmähungen einhergeht, die andere Hälfte lehnt dies ab. „Charlie Hebdo“ war 2015 Ziel eines islamistischen Anschlags mit zwölf Toten, nachdem die Zeitung mehrfach Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte.

Frankreich verabschiedet sich vom Kassenbon

Die Franzosen zählen nicht gerade zu den Weltmeistern beim Reycling. Das soll sich nun Schritt für Schritt ändern. 16 Jahre nach Einführung des Einwegpfands in Deutschland diskutiert auch Frankreich über ein Rückgabesystem für Getränkeverpackungen. In einem Bereich sind die Franzosen den Deutschen allerdings einen Schritt voraus. Während in Deutschland die Kassenbonpflicht eingeführt wurde, wurde nun in Paris deren Aus besiegelt.

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Ein kleiner Schritt für einen Franzosen

Der Schritt in die Bon-freie Zeit ist allerdings eher ein kleiner. Denn schon jetzt nehmen es die Franzosen mit der Bonpflicht nicht so genau: Wer sein Baguette in einer Bäckerei kauft, bekommt in vielen Fällen keinen Kassenzettel. In Deutschland müssen Händler und Restaurants dagegen seit dem 1. Januar jedem Kunden einen Bon aushändigen. In Frankreich wurde nun ein Gesetzentwurf verabschiedet, danach sollen ab September Bons bis zu zehn Euro nicht mehr ausgedruckt werden – außer, der Kunde wünscht dies ausdrücklich. Ab 2021 fallen Kassenzettel bis zu 20 Euro weg, ab 2022 solche bis zu 30 Euro.

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Gesetz gegen „Verschwendung“

Das französische Gesetz gegen „Verschwendung“ sieht noch andere Maßnahmen zum Umweltschutz vor: Danach dürfen nicht verkäufliche Textilien und Hygieneartikel ab 2022 nicht mehr vernichtet werden, sondern müssen gespendet oder – im Fall von Textilien – recycelt werden. Zudem soll es ein neues Label für die „Reparierbarkeit“ von Fernsehern oder Handys geben. Damit will die Regierung verhindern, dass wie bisher 60 Prozent der defekten Elektro-Geräte auf dem Müll landen.

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Kampf gegen das Plastik

Auch gegen die sich häufenden Plastikberge geht Frankreich vor: Schnellrestaurants müssen spätestens ab 2023 wiederverwendbare Verpackungen und Besteck nutzen. Ein zunächst geplantes Pfand für Plastikflaschen wie in Deutschland wird es aber vorerst nicht geben.

#àcausedemacron – Die Choreografie zum Streik

Die Streiks in Frankreich gehen weiter – und oft auch brutaler. Allerdings gibt es auch Gruppen, die sich inzwischen sehr kreativ gegen die Rentenreform und den Präsidenten Emmanuel Macron stemmen. So gibt es nun einen Titelsong. „À cause de Macron“. Das Lied wird von Demonstrantinnen seit einiger Zeit als Flashmob während der Proteste aufgeführt.

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Frauen – die Verliererinnen der Reform

Dabei tragen sie blaue Overalls, gelbe Haushaltshandschuhe und ein rotes Tuch im Haar und singen sinngemäß „Wegen Macron werden wir die großen Verliererinnen sei.“ Bei dem eingängigen Song handelt es sich um eine Art Parodie des Hits „À cause des garçons“ aus dem Jahr 1987. Damals wurde er von dem Duo Laurence Heller and Hélène Bérard gesungen.

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Die Globalisierungskritiker von Attac und feministische Organisationen wollen mit dem Song anprangern, dass Frauen die großen Verliererinnen der Rentenreform von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seien. „Wegen Macron stehen Mädchen stärker unter Druck als Jungen. Wegen Macron schreien wir RÉ-VO-LU-TION…“, heißt es etwa im Text.

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Die Outfits der singenden Demonstrantinnen sind angelehnt an die Kunstfigur „Rosie the Riveter“, die in den 1940er in den USA Frauen für kriegswichtige Betriebe anheuern sollte. Die meisten kennen „Rosie“ wohl von den berühmten „We can do it!“-Werbeplakaten. Die Interpretinnen von „À cause de Macron“ nennen sich Rosies und treten mittlerweile bei zahlreichen Demos gegen die Reformpläne auf. Für die Choreographie (zum Beispiel Fäuste nach vorne, dann rechts und links mit den Füßen in die Luft treten) gibt es im Netz ein Erklärvideo.

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Das derzeitige Rentensystem wirkt sich nachteilig für Frauen aus. Künftig soll die Berechnung der Rente anders erfolgen – jeder eingezahlte Euro soll zählen statt nur die besten 25 Jahre. Die Regierung hatte versprochen, dass Frauen die Gewinner des neuen Systems seien werden. Ob sich die neue Berechnung nachteilig auf Frauen auswirken wird, lässt sich derzeit noch schwer sagen – Experten sind sich uneins.

Jean Paul Gaultiers spektakulärer Abschied vom Laufsteg

Der legendäre Modemacher feiert in Paris seine letzte Haute-Couture-Schau. Ganz von der Bildfläche verschwinden wird er allerdings nicht.

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Die Welt wartet auf Madonna

Sie ist es! Wie eine Meute hungriger Wölfe stürzen sich die Fotografen auf die schwarze Limousine. Quälend langsam öffnet sich die Tür, Blitzlichtgewitter, Gedränge, Geschrei „Regardez! Look at me!“ – große Enttäuschung. Es ist nicht Madonna!

Die Pop-Ikone steigt auch nicht aus dem schwarzen Sarg, der zu Beginn der spektakulären Abschiedsschau des französischen Star-Designers Jean Paul Gaultier im Pariser Théâtre du Châtelet über die Bühne getragen wird. Zwei kegelförmige Brüste herausragen aus ihm heraus – eine Anspielung auf das legendäre Spitz-BH-Korsett, das der Modemacher einst für Madonna entworfen hatte. Beide waren damals auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren. 30 Jahre sind seitdem vergangen und Jean Paul Gaultier hat nun überraschend beschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen – zumindest beim Zirkus um die Haute-Couture-Modenschauen.
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Jean Paul Gaultier feiert sich selbst

Der Abschied in Paris im Rahmen der Fashionweek war ein Spiegel seiner Karriere: bombastisch-glamourös, frenetisch beklatscht von Stars und Sternchen. Zu seinem letzten Defilee am Mittwochabend wurde eine Art Musical aufgeführt, ein gigantisches Spektakel in mehreren Akten, bei dem der 67-Jährige seine berühmtesten Entwürfe der vergangene 50 Jahre Revue passieren ließ. Korsagen waren zu sehen, Matrosen-Looks, Mieder, Strapse und natürlich die legendären blau-weißen Streifen.

Viele seiner großen Musen liefen noch einmal über den Catwalk – Amanda Lear , Dita von Teese und auch die US-Popsängerin Beth Ditto und der österreichische Travestie-Künstler Conchita Wurst. Der Soundtrack zur Show stammte von Boy George, der zu Beginn das Lied „Back to Black“ von Amy Winehouse performte und auch das Finale einläutete.

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Gaultiers Bekenntnis zum Umweltschutz

Seine Karriere hatte Gaultier 1970 im Alter von 18 Jahren als Assistent des Designers Pierre Cardin begonnen. Dieser sagte der Nachrichtenagentur AFP: „Während ich bei meiner Mode schamhaft bin, ist er eher provokant.“ Das sei eben Gaultiers Stil und sein besonderes Talent.

Bei der Show bekannte sich Gaultier auch zum Umweltschutz: „Es gibt zu viele Kleider. Werft sie nicht weg, recyclet sie“, rief er seinem Publikum zu. „Weg mit dem Brandneuen, her mit dem Brandalten!“ Schon seine Mutter habe ihn als Kind damit beeindruckt, dass sie aus den alten Hosen seines Vaters Röcke geschneidert habe, erzählte Gaultier. „Man kann ein Kleidungsstück wieder lieben lernen, indem man es verändert.“

Viele Zuschauer waren nach der Schau den Tränen nahe, sie wussten, dass sie Zeugen vom Ende einer Ära geworden waren. Zusammen mit dem im vergangenen Jahr verstorbenen Karl Lagerfeld gehörte Jean Paul Gaultier zu den letzten großen Modeschöpfern einer längst vergangenen Epoche. Einer Zeit, in der Modedesigner Weltstars waren und mit ihren Kreationen Skandale provozierten.

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„Bitte nicht traurig sein“, rief der Designer nach der Show der Menge zu, die ihn mit Standing Ovations bejubelte. „Die Marke Gaultier wird es weiterhin geben, aber ohne mich. Ich mache etwas anderes, eine neue Revue oder neue Projekte, aber auf jeden Fall etwas, das mit Mode zu tun hat, etwas anderes kann ich auch gar nicht.“ In dieser Zeit der schnell wechselnden Moden hinterlässt Jean Paul Gaultier tiefe Spur – und der Büstenhalter von Madonna, witzelte der Modemacher beim Abschied, werde später wohl auf seinem Grabstein verewigt.

Paris – ein Laufsteg für Reiche, Schöne und Freaks

In Paris trifft sich in diesen Tagen bei den Haute-Couture-Schauen die Welt der Mode. Für Aufregung sorgt ein prominenter Abschied.

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Jahrmarkt der Eitelkeiten

Ganz Paris ist ein einziger Laufsteg. Pfauenartig gekleidete Mode-Freaks stolzieren in der milden Wintersonne über die Champs-Élysées, kichernde Models steigen in kleinen Gruppen vor Luxus-Boutiquen aus dunklen Limousinen und in der Nähe von teuren Nobelherbergen lauern Fotografen auf prominente Beute. Der Grund: im französischen Mekka der Modewelt haben die Haute-Couture-Schauen begonnen, gezeigt werden die neuen Kollektionen für Frühjahr/Sommer 2020. Manche Produzenten des schönen Scheins wurden in dieser Saison allerdings von der harten Realität eingeholt. Einige Modehäuser hatten mit den seit Dezember in Frankreich anhaltenden Proteste gegen die umstrittene Rentenreform zu kämpfen. Das Label Christophe Josse sah sich gezwungen, seine Show abzusagen – wegen streikbedingter Lieferschwierigkeiten hatte die Kollektion nicht rechtzeitig fertiggestellt werden können.

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Jean-Paul Gaultier sorgt für eine Überraschung

Für die größte Überraschung war allerdings gesorgt, bevor das erste Model den Laufsteg betreten hatten. Der französische Modemacher Jean-Paul Gaultier ließ am Freitag über den Kurznachrichtendienst Twitter eine Bombe platzen. Sich lässig auf einem Sofa räkelnd erklärte der Stardesigner, dass in Paris seine letzte Haute-Couture-Schau stattfinden werde. Mit dem Auftritt am Mittwoch im Théatre du Châtelet werde er das Ende seiner seit 50 Jahre andauernden Karriere feiern. Doch dieses Ende sei auch ein neuer Anfang. „Ich versichere, Gaultier Paris wird weitermachen. Die Haute Couture geht weiter. Ich habe ein neues Konzept.“ Darüber werde er aber erst später berichten, sagte der fröhlich-aufgekratzt wirkende 67-jährige Gaultier scherzend, während er sich mit Handküssen verabschiedet. Dieser Auftritt passte zu Gaultier, der im Laufe seiner Karriere mit vielen Tabus gebrochen und die französische Modewelt mit exzentrischen Kreationen auf den Kopf gestellt hat. Seine Haute-Couture-Kollektionen haben Modegeschichte geschrieben, im Parfümsegment brachte er einen Klassiker nach dem anderen auf den Markt.

Die Neuen stehen in den Startlöchern

Jean-Paul Gaultier ist nun also Vergangenheit, doch in Paris präsentiert sich auch die Zukunft. Dazu gehört, dass zum ersten Mal zwei Designer aus Afrika und Indien in den erlauchten Kreis von rund 30 Modemachern aufgenommen wurden, die ihre Ideen auf dem Laufsteg zeigen dürfen. Zur größten Überraschungen zählt der in der Öffentlichkeit praktisch unbekannte Imane Ayissi aus Kamerun. Unter Insidern zählt der 51-Jährige zu den besten Modemachern des frankophonen Westafrikas.

Imane Ayissi – neue Ideen aus Afrika

Ayissi, der seit 20 Jahren in Paris lebt, hat allerdings nicht als Designer begonnen. Zu Beginn seiner künstlerischen Karriere war er Tänzer im Nationalballett Kameruns. Doch schon damals sprengte er die Grenzen der Klassik, trat in Musikvideos auf oder lief als Model über den Laufsteg. Seit Anfang der 90er Jahre entwirft Ayissi Mode und versucht nach eigenen Worten, die hohe akademische Qualität französischer Haute-Couture mit der Kultur seiner Heimat zu vereinen. Wie viele der neuen Modemachter, setzt er auf nachhaltige Produktionsweisen. So verwendet er vor allem Stoffe, deren Rohmaterialien aus biologischem Anbau stammen.

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Zu den Vertretern einer nachhaltigen Mode zählt auch der Inder Rahul Mishra, der zwar schon mehrere Male in Paris war, doch zum ersten Mal seine Modelinie auf dem Laufsteg präsentieren kann. Er will nicht nur umweltgerecht produzieren, er sieht seine Aufgabe darin, den Menschen in seinem Land zu helfen. „Mein Ziel ist es, Arbeitsplätze aufzubauen“, erklärt Mishra. Dazu will er die Produktion in den Dörfern stärken. „Die Arbeit soll zu den Leuten kommen und nicht die Leute zur Arbeit.“

An den eigenen Ansprüchen gescheitert

Die Ansprüche der Modebranche an sich selbst verändern sich, doch wie schnell man an allzu hohen Erwartungen scheitern kann, zeigte in Paris die Haute-Couture-Schau von Dior.  Maria Grazia Chiuri, die Kreativdirektorin des Hauses Christian Dior, versprach dem Publikum eine Art feministischer Vision. „Was, wenn Frauen die Welt regierten?“, ließ sie auf einen der riesigen Wandteppiche sticken, die wie Prozessionsfahnen den Laufsteg zierten. „Gäbe es dann Gewalt?“ oder „Wäre die Erde dann geschützt?“ war auf anderen zu lesen.

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Mit der Installation war die US-Künstlerin und Feministin Judy Chicago beauftragt, aus den Lautsprechern drang Musik der Isländerin Björk. In Chiuris Kleider selbst aber spiegelte sich dieser feministisch-kämpferische Ansatz nicht wieder – im Gegenteil, sie waren eine Ode an die Weiblichkeit. In wehenden, bodenlangen Chiffonkleidern in Gold- und Metallic-Tönen sahen ihre Models aus wie griechische Göttinnen. Und entsprachen damit exakt dem Bild, das sich Männer seit vielen Tausend Jahren von Frauen machen.

„Made in France“ – Élysée zeigt original französische Produkte

Baguette und Wein – klar das ist typisch französisch. Doch wie wäre es mit einem künstlichen Herz, einer Zahnbürste aus Bioplastik oder Gewürzgurken? Frankreichs Wirtschaftsministerium hat 101 Produkte ausgewählt, die zu 100 Prozent in Frankreich produziert werden. Sie wurden am Wochenende in einer Ausstellung im Élyséepalast gezeigt.

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Frankreich ist eine Rad-Nation – dieses Teil ist zu 100 Prozent in Frankreich hergestellt. 

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Die Produkte repräsentieren die 101 Départments des Landes und sollen für die Innovationskraft Frankreichs stehen. Insgesamt gab es 1750 Bewerber. Zu den Gewinnern zählen nun etwa traditionelle Produkte wie eine Baskenmütze oder Ausgefallenes wie ein besonders schützender Feuerwehrhelm.

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Ein besonderer Helm für Feuerwehrleute – Made in France

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„In Frankreich (…) gibt es Unternehmen, die das traditionelle französische Know-how am Leben erhalten“, heißt es vom Élysée. Alle beschäftigten französische Mitarbeiter, produzierten mit französischen Materialien und reduzierten den ökologischen Fußabdruck durch kurze Lieferwege innerhalb des Landes. Für die Ausstellung mussten sich Interessierte vorher anmelden – die Plätze waren auf rund 10 000 begrenzt.

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Ausstellung in einem besonderen Ambiente. Die Besucher hatten auch die Gelegenheit, den Präsidentenpalast zu bestaunen. 

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