Ein 91 Jahre altes Hit-Wunder

Ein Lied des Veteranen Jim Radford über die Landung in der Normandie steigt in Großbritannien in die Charts. Vom Erfolg ist der Mann nun selbst überrascht. 

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Der Friedhof am Utah Beach in der Normandie

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Viele Tausend Tote auf beiden Seiten

Jim Radford musste sehr lange auf den Erfolg warten. Der berührende Song des 91 Jahre alten Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg ist in diesen Tagen zum Hit geworden, 75 Jahre nachdem der Brite als Junge bei der Invasion der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie dabei war.

In „The Shores of Normandy“ erzählt Radford, was er am Morgen des D-Day erlebt hat. Über 150.000 Soldaten landeten damals an der französischen Küste und griffen die deutschen Stellungen an. Auf beiden Seiten gab es viele Tausend Tote, doch es war der Anfang vom Ende der Nazi-Herrschaft.

Der jüngste Soldat des D-Day

Der Brite war mit 15 Jahren der jüngste D-Day-Soldat. Die britische Armee hatte zwar ein Mindestalter von 16 Jahren für den Einsatz festgesetzt, doch es gelang Radford dennoch, auf dem Handelsschiff „Empire Larch“ anzuheuern. Seine Aufgabe war es, beim Bau des provisorischen Hafens zu helfen, über die am sogenannten Gold Beach in Arromanches-les-Baines Truppen und schweres Gerät ausgeladen wurden. Jim Radford erinnert sich an die unzähligen Leichen, die im Wasser trieben und am Strand lagen, das viele Blut der Toten habe alles rot gefärbt.

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Erst 25 Jahre später besuchte Jim Radford erneut den Strand an der französischen Küste. „Ich dachte, dass die Erinnerungen nach so langer Zeit verblasste sind“, erzählt der Veteran. „Man gewöhnt sich daran, man geht weiter und lebt sein Leben nach dem Krieg.“ Doch als er eine Gruppe Kinder sah, die an jener Stelle lachend im Sand spielten, wo damals seine Kameraden starben, brachen die so lange unterdrückten Gefühle aus ihm heraus. Radford schrieb die Zeilen zu dem Lied „The Shores of Normandy“. Die Melodie stammt von dem irischen Volkslied „The Dawning of the Day”.

Vom Erfolg selbst überrascht

Seit 1969 spielte er den Song immer wieder. „Ich war erstaunt, dass Menschen zu mir sagten, dass sie von dem Lied überwältigt seinen“, erzählt Radford. Doch der Erfolg kam erst mit den Gedenkfeiern 75 Jahre nach dem D-Day. Der Brite beschloss, das Lied neu aufzunehmen und mit den Einnahmen ein Denkmal für die gefallenen britischen Soldaten in der kleinen Stadt Ver-sur-Mer an der Küste der Normandie zu unterstützen. Darin sind die Namen von 22.442 britischen Soldaten eingraviert, die bei der Offensive gegen die deutschen Truppen starben. Jim Radford sagt, er sei glücklich, nach so langer Zeit, noch etwas für seine getöteten Kameraden zu tun. ENDE-ENDE

 

Vom Glauben an das Gute in der Wissenschaft

Michel Serres wollte sein ganzes Leben lang die Grenzen des Denkens zu sprengen. Nun ist der französische Philosoph im Alter von 88 Jahren gestorben.

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Die Welt hat einen ihrer großen Optimisten verloren. Der französische Philosoph Michel Serres ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Seine offenes, der Zukunft zugewandtes Denken erklärte er einmal in einem Interview mit den Erlebnissen seiner Jugend. Am Anfang seines Lebens habe er die Welt immer nur im Kriegszustand gekannt, die Suezkrise hat er mit 19 Jahren als Offizier selbst erlebt.

Der Philosoph als Brückenbauer

In Zeiten der Auseinandersetzungen seien die Kontrahenten so sehr darauf konzentriert, auf sich einzuschlagen, dass sie nicht wahrnähmen, wie sie sich damit gegenseitig nur zugrunde richteten, so seine Erkenntnis. Daraus zieht der Philosoph den Schluss, dass ein friedliches Zusammenleben nur möglich ist, wenn Brücken gebaut werden und alle Einflussfaktoren in die Gestaltung der Welt mit einbezogen werden. Und darum ging es Michel Serres: er wollte die Zukunft gestalten. Der Wissenschaft wies er dabei eine wesentliche Rolle zu, sie sollte eine ethische Verantwortung für die Welt übernehmen. Seine persönliche Schlussfolgerung: „Ich beschäftige mir mit jenen Fragen, die durch die Beziehungen zwischen dem Wissenschaftler und der Gesellschaft aufgeworfen werden.“ Getrieben war er dabei von dem Glauben, dass die Wissenschaft in seiner Gesamtheit in der Lage ist, Gutes zu schaffen.

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Vom Offizier zum Philosophen

Die Karriere als Denker war Michel Serres allerdings nicht in die Wiege gelegt worden. Als Sohn einer armen Familie in der Garonne, besuchte er zuerst die Marineschule in Brest, entschied sich dann aber für ein Studium der Philosophie und wurde 1969 Professor für Wissenschaftsgeschichte an der traditionsreichen Sorbonne in Paris. Im Jahr 1984 begann er zudem an der Stanford University in Kalifornien zu unterrichten. Als Vermittler zwischen den Wissenschaften wurde er 1990 in die Académie française aufgenommen, Frankreichs bedeutendste Gelehrtengesellschaft. Einer breiten Öffentlichkeit wurde Michel Serres bekannt, weil er einfach formulieren konnte und sich nicht hinter den Mauern der Wissenschaft versteckte. So diskutierte er viele Jahre lange jeden Sonntag im Sender „France Info“ über die aktuellen Entwicklungen der Welt.

Die Forderung nach einer radikalen Wende

In den letzten Jahren widmete er sich immer mehr dem Umweltschutz und dem Einfluss des Internets auf den Menschen – und konnte in seinen Forderungen durchaus radikal sein. So verlangte er in der Ökologie ein neues Denken, das sich fundamental von der hemmungslosen Ausbeutung der Erde distanziert. Seine Überzeugung war: „Verhalten wir uns weiterhin als Parasit gegenüber der Erde, dann berauben wir uns der Möglichkeiten, auf ihr zukünftig leben zu können.“ Viele seiner Werke erschienen auch auf Deutsch. Für seine Arbeiten erhielt der Philosoph 2012 den deutschen Meister-Eckhart-Preis. Begründung: „Brillante Einsichten in die Strukturen unseres Denkens.“

Mit wenigen Schritten vom Dschungel in die Sahelzone

Die Gewächshäuser im Pariser Vorort Auteuil sind seit über einhundert Jahren ein exotischer Ort der Muße und Ruhe für die Menschen der Millionenstadt.

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Großer Bahnhof um Roland Garros

Es ist keine gute Idee, den Jardin des Serres d’Auteuil zu besuchen, wenn in Roland Garros Tennis gespielt wird. Immer wieder brandet Beifall herüber oder frenetischer Jubel, wenn einem Spieler ein Schlag besonders gut gelungen ist. Ansonsten eine Oase der Ruhe, lediglich leise besäuselt vom ständigen Verkehr der Großstadt, ist an diesem Ort während der Turniertage an Kontemplation kaum zu denken.

Der Ärger beginnt mit der Anfahrt: die Metro Nummer 10 in Richtung Porte d’Auteuil ist überfüllt, aufgekratzte Menschen hetzen umher, Andenkenstände versperren den Weg und eine lärmende Karawane zieht von der Metro in Richtung Haupteingang der Tennisanlage. Es empfiehlt sich, die Leute an der Straße entlang rennen zu lassen, sich in aller Gelassenheit etwas links zu halten und den Weg durch den Park der Poeten zu nehmen. So schlendert man einige Hundert Meter an alten Bäumen und Tafeln mit Gedichten vorbei, bis schließlich das erste Gewächshaus auftaucht.

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Eine Zeitreise in ein anders Jahrhundert

Spätesten jetzt beginnt eine kleine Zeitreise ins 19. Jahrhundert. Als Einstimmung dient der Garten im barocken Stil, den die fünf Hauptgewächshäuser umschließen. Unweigerlich führt der Gang in Richtung des Einganges am größten Gebäudes aus Stahl und Glas. Dabei passiert man eine ausladende Treppe, die mit fratzenartigen Köpfen geschmückt ist, die aus dem Atelier Auguste Rodins stammen. In der Mitte prangt ein mächtiges Medaillon das den Triumph des Bacchus darstellt und als Beleg dienen kann, dass die Menschen jener Zeit den Sinnesfreuden nicht ganz abgeneigt gewesen sein können.

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Eintritt in eine andere Welt

Es bedarf einiger Kraft, die mehrere Meter hohe Tür aufzuziehen, aber kaum ist die Pforte durchschritten, ist die Welt eine andere. Wasser rauscht, exotische Vögel zwitschern um die Wette und ein schwerer Duft von Blüten und Erde umfängt den Besucher.

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Dem modernen und weltreisenden Menschen von heute mag dieses Erlebnis wenig Neues bieten, aber wie mögen die Pariser vor über 100 Jahren auf solch einen Empfang reagiert haben? Am Ende des 19. Jahrhunderts waren solche Gewächshäuser groß in Mode. Für die Franzosen hieß es, dass sie zwar ihre entfernten Kolonien nicht besuchen konnten, doch in diesem Fall die Kolonien einfach zu ihnen kamen, erklärt Vincent Lysiak, Chefgärtner der Serres d’Auteuil. Bemerkenswert ist die Sammlung der Pflanzen aus Neukaledonien, von denen viele zum ersten Mal außerhalb ihrer Herkunftsinsel zu sehen waren.

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Beliebtes Zielt für die Pariser

Vor allem im Winter liebten es die Einwohner von Paris, sich im Warmen zwischen Palmen und Kakteen zu ergehen. Sie bestaunten die unglaublichen Farben der tropischen Pflanzen und berauschten sich an den exotischen Düften.
Angelegt war die Anlage ursprünglich aber nicht als Ort der Muße, sondern vor allem zur Zucht der Pflanzen, die König Ludwig XV. für seine Gärten benötigte. Aber mit dem Niedergang der Monarchie hatte sich auch das schnell erledigt und schließlich wurde der Architekt Jean Camille Formigé damit beauftragt, die Gewächshäuser zu bauen, die 1898 eröffnet wurden. Und so kann man auch heute noch von der dicht wuchernden Dschungelwelt in nur wenigen Schritten in die scheinbar lebensfeindliche Welt der Sahelzone wechseln, wo nur Dornen und Gestrüpp gedeiht.

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Ein Eldorado für alle Botaniker

Auf ihre Kosten kommen Orchideenliebhaber, es sollen über 500 Unterarten der Pflanze in den Gewächshäusern zu finden sein. Zudem ist zu bestaunen, dass die Gattung der Begonia nicht nur aus jenen wuchernden Gewächsen besteht, die an deutschen Einfamilienhäusern die Fenstersimse verschönern sollen.
Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts musste der Garten allerdings einen herben Einschnitt hinnehmen. Ein Drittel der Fläche wurde dem Straßenbau geopfert und die Pflanzenzucht wurde ausgelagert.

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Das Paradies schrumpft

Noch einmal einen gewissen Tribut mussten die Gärten dem unmittelbaren Nachbarn zollen. Als die Tennisanlage Roland Garros in den letzten Jahren erweitert wurde, wurden noch einmal einige Quadratmeter abgezwackt. In diesem Fall aber haben sich die Architekten des französischen Tennis-Mekkas einiges einfallen lassen. Das neue, rund 5000 Zuschauer fassende Stadion, das nach der Tennisspielerin Simonne Mathieu benannt wurde, gleicht von außen einem Gewächshaus. Die Formgebung der Serres d’Auteuil wurde aufgenommen und auch im Innern wurden an den vier Seiten jeweils Pflanzen aus Amerika, Asien, Afrika and Ozeanien gepflanzt. Allein der Geruch ist den diesen heiligen Hallen des Sports ein anderer. Anstatt nach saftiger Erde und süßen Blüten, riecht es eher nach Bier und gebratenen Würstchen.

Trauerfeier in Paris für getötete Soldaten

Mit einer bewegenden Trauerfeier in Paris nimmt Frankreich Abschied von zwei getöteten Soldaten. Cedric de Pierrepont und Alain Bertoncello sind bei der Befreiung von vier Geiseln in Burkina Faso ums Leben gekommen. Die Särge der beiden Männer wurden durch die Straßen von Paris zum Hotel des Invalides gefahren. Zehntausende Menschen säumten am Dienstagmorgen den Weg.

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Eine Spezialeinheit der französischen Armee hatte in der Vorwoche in der Sahelzone im Norden von Burkina Faso vier ausländische Geiseln befreit. Zwei französische Touristen sowie eine US-Bürgerin und eine Südkoreanerin sind wieder auf freiem Fuß. Die vier Entführer wurden erschossen, wie der Elysée-Palast am Freitag in Paris mitteilte.

Die Geiseln waren am 1. Mai in Benin entführt worden. Sie verschwanden nach einer Safari im Pendjari-Nationalpark spurlos. Ihr Reiseführer wurde vor wenigen Tagen tot in dem Park aufgefunden. Die militärische Befreiungsaktion fand den Angaben nach in der Nacht zu Freitag im Norden von Burkina Faso, einem Nachbarland Benins, statt.

In dem Gebiet sind bewaffnete Gruppen sowie Dschihadisten aktiv, die mit den Terrorgruppen Al-Kaida und Islamischer Staat (IS) verbündet sind. Bisher bekannte sich jedoch niemand zu der Entführung.

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Präsident Emmanuel Macron hatte den offiziellen Staatsakt im Hotel des Invalides angeordnet. Nach der Befreiungsaktion, die der Staatschef persönlich angeordnet hatte, schlug ihm viel Kritik entgegen. Es heißt, er wolle sich kurz vor der Europawahl als Patriot darstellen, um Stimmen zu sammeln. ENDE-ENDE

Guerilla-Aktion in Spitzenunterwäsche

Die etwas andere Modenschau in Paris. 40 Frauen gehen auf die Straße und kämpfen auf ihre Art für ein vielseitigeres Frauenbild. Das ganze nennt sich „The All Sizes Catwalk“ .

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Die etwas andere Demo am Trocadéro in Paris

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Kämpferinnen in Spitzenunterwäsche

Paris erlebt eine Modenschau der besonderen Art. 40 Frauen in weißer, aufreizender Spitzenunterwäsche flanieren am Trocadéro zwischen den sichtlich irritierten Touristen. Viele Passanten zücken die Kamera, die Models werfen sich vor dem Eiffelturm im Hintergrund bereitwillig in Pose. So sieht eine Guerilla-Aktion des Kollektivs „The All Sizes Catwalk“ aus. Der überraschende Auftritt hat einen ernsten Hintergrund. Die Frauen wollen darauf aufmerksam machen, dass in der Werbung oder auf den Modenschauen nicht das wirkliche Frauenbild gezeigt werde.

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„Mit der Aktion wollen wir die Modehäuser daran erinnern, dass es viele verschiedene Frauentypen gibt“, sagt eine der Teilnehmerinnen, „wir wollen zeigen, wie wir in Wirklichkeit aussehen.“ Zum Kollektiv, das sich am Sonntag am Trocadéro traf, gehörten Frauen in Kleidergröße 34 bis 52, im Alter von 18 bis 45 und mit allen Hautfarben. Über die Laufstege bei den Modenschauen in aller Welt liefen nur perfekte Frauen, kritisiert die Aktivistin weiter. „Aber kein Mensch ist perfekt, wir haben alle Fehler, wir haben Cellulite, Übergewicht, einen zu dicken Bauch, einen schlaffen Busen.“

„The All Sizes Catwalk“

Die Idee zum „The All Sizes Catwalk“ stammt von Georgia Stein – selbst ein Plus-Size-Mannequin. Sie stößt sich nach eigenen Aussagen schon länger daran, welche Frauen in der Modewelt repräsentiert werden. Inspiriert wurde sie von ähnlichen Aktionen in den USA. Im vergangenen Jahr nahmen an einer ähnlichen Aktion in Paris am Trocadéro nur neun Frauen teil. Dass dieses Mal mehr Models dabei waren, wertet Georgia Stein als Erfolg. Einziger Nachteil: das Wetter spielte nicht wirklich mit. Die sehr leicht bekleideten Frauen trotzten zwar lange dem nasskalten Aprilwetter, flüchteten dann aber doch ziemlich schnell in den bereitgestellten Bus.

 Notre-Dame lockt Selfie-Jäger

Nach dem Brand in Notre-Dame strömen die Touristen in Massen zu der Kathedrale. Die Katastrophe übt eine große Anziehungskraft aus.

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Touristen strömen zum Ort des Infernos

Die Touristin aus den USA ist ziemlich enttäuscht. „Man sieht von dem Schaden ja gar nichts“, ruft sie ihrem Begleiter im Straßenlärm zu und stellt sich in Pose für ein Urlaubsfoto – sie im Vordergrund, Notre-Dame dahinter. Zwei Tage ist es her, dass die Kathedrale im Herzen von Paris fast ein Raub der Flammen geworden wäre. Das Dach ist völlig ausgebrannt, große Teile der Konstruktion sind ins Kirchenschiff gestürzt, Kunstschätze von unschätzbarem Wert wurden zerstört. Während Fachleute an der Außenfassade versuchen, die Schäden festzustellen, strömen schon wieder die Touristen zu dem weltberühmten Gotteshaus, das mit über 13 Millionen Besuchern pro Jahr das meistbesuchte Bauwerk Frankreichs ist.

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Manche Touristen regen sich auf, dass die Polizei das Gelände weiträumig abgesperrt hat und sie nicht näher an das Objekt der Begierde gelangen, aber den meisten Besuchern ist – neben einer großen Neugier – das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Andere haben es sich in den Brasserien am angrenzende Quai de Montebello bequem gemacht und blicken bei einem Café und Croissant auf das Spektakel.

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Zehntausende Menschen drängeln sich an diesem sonnigen Morgen am Ufer der Seine, um den besten Blick auf das Drama zu bekommen. Auf der anderen Seite, auf der Île de la Cité, steht das geschundene Bauwerk, stolz thront es dort, aber auch schwer angeschlagen. Das Dach ist weg, der Mittelturm fehlt, wie durch ein Wunder konnte der völlig verbogene Wetterhahn in den Trümmern geborgen werden, der viele hundert Jahre von der höchsten Spitze über Paris blickte. Am Ufer des Flusses patrouillieren Polizisten, die es inzwischen aufgegeben haben, den Touristen zu verbieten, in halsbrecherischen Aktionen auf die Kaimauer zu steigen, um bessere Selfies von sich und der Kathedrale zu machen. „Die Leute lassen sich nichts sagen, manche werden sogar richtig wütend, wenn wir einschreiten“, sagt ein junger Beamter und schüttelt den Kopf.

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Eine ältere Frau steht etwas abseits am Rand der Seine und blickt regungslos auf Notre-Dame, Tränen rinnen unter ihrer dicken Brille über ihre Wangen. Sie kommt aus Italien, eine Woche sei sie in Paris und wollte eigentlich alle Museen und Sehenswürdigkeiten besichtigen. Dann aber musste sie am Montagabend miterleben, wie Notre-Dame ein Raub der Flammen wurde. „Ich habe seitdem nicht mehr geschlafen und komme nun jeden Tag hierher“, sagt die pensionierte Lehrerin und will wissen, wo man für den Wiederaufbau spenden kann. Als sie hört, dass schon fast eine Milliarden Euro für das Projekt versprochen sind, ist sie sichtlich erleichtert und die Geschichte von dem wiedergefundenen Wetterhahn rührt sie zu weiteren Tränen.

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Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann unter einem Baum und malt. Er stellt sich vor als „Simon, der Künstler“, auf dem Schoß hält er ein großflächiges Aquarell, neben sich stehen allerlei Farben. „Ich wohne nur 500 Meter von hier“, erzählt er. „Als ich gesehen habe, dass Notre-Dame brennt, bin ich sofort an das Ufer der Seine geeilt. Es war schrecklich!“ Zuerst habe er mit seiner Kamera unzählige Fotos gemacht, doch nun müsse er sich entschleunigen, um wirklich begreifen zu können, was an jenem Abend passiert ist. Dass er in dieser Szenerie für viele der Schaulustigen selbst zum pittoresken Fotomotiv wird, kümmert ihn wenig. „Jeder geht mit dem Verlust auf eine andere Weise um“, sagt Simon. Im Grunde labe er sich mit seiner Kunst ja auch an der Katastrophe. Er selbst werde über das Inferno auch noch ein Gedicht schreiben oder eine Erzählung. Solche Dramen müssten für spätere Generationen festgehalten werden.

Eine Katastrophe eint Frankreich

Nach dem verheerenden Feuer in der Kathedrale Notre-Dame werden die Schäden begutachtet. Nur eines steht außer Frage: das Gotteshaus wird wieder aufgebaut.
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Kämpfen bis zur Erschöpfung

Die beiden Feuerwehrmänner wollen nichts sagen. Seit Stunden sind sie im Einsatz, müde winken sie ab. Die Helme unter dem Arm schleppen sie sich abgekämpft über den mit schwarzer Asche bedeckten Vorplatz von Notre Dame zum Einsatzwagen, nehmen einen Schluck aus der Wasserflasche, setzen sich erschöpft in das Fahrzeug, die Augen geschlossen, die Hände wie zum Beten gefaltet.
Noch vor wenigen Minuten standen die Männer auf dem rechten der fast 70 Meter hohen Türme der Kathedrale. Ihre Aufgabe: die Schäden einzuschätzen, die das verheerende Feuer in der Nacht hinterlassen hat. Doch es ist noch zu früh, um Genaues zu sagen. Fest steht nur, dass der Brand in den frühen Morgenstunden gelöscht werden und die größte Katastrophe abgewendet werden konnte. Die beiden Türme stehen noch, die tonnenschweren Glocken sind nicht in die Tiefe gestürzt. Doch für die Feuerleute ist das ein schwacher Trost. Sie haben das Feuer besiegt, aber dennoch verloren.

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Gegen sieben Uhr am Vorabend schlagen die ersten Flammen aus dem Dach der Kathedrale von Notre Dame im Herzen von Paris. In dem über 800 Jahre alten, trockenen Gebälk greift das Feuer rasend schnell um sich. Innerhalb von Minuten brennen rund 1000 Quadratmeter Dachfläche. Eine mehrere Hundert Meter hohe Rauchsäule steigt in den wolkenlosen Himmel der französischen Hauptstadt. Auf den Brücken über der Seine rund um die Insel Île de la Cité sammeln sich Zehntausende Schaulustige, die das Feuer aus der Entfernung beobachten. In den Gesichtern der meisten Menschen ist schieres Entsetzen zu lesen. Als die Spitze des Daches in sich zusammensackt und Teile des Daches nach unten ins Kirchenschiff fallen, fahren Flammen und Funken hoch in den Himmel. Menschen schreien, andere beginnen laut zu beten, eine Gruppe singt das Ave Maria, die meisten starren fassungslos in das Inferno.

Die Feuerwehr muss sich rechtfertigen

Am Morgen danach steht Gabriel Plus, Sprecher der Feuerwehr, betont ruhig auf dem Vorplatz der Kathedrale. „Das ganze Feuer ist aus“, sagte er. Nun beginne die Phase der Begutachtung. Man habe die ganze Nacht über sichergestellt, dass das Feuer nicht wieder ausbreche und die gesamte Gebäudestrukturen überwacht. „Man kann annehmen, dass die Struktur von Notre-Dame gerettet und in ihrer Gesamtheit bewahrt ist“, ergänzt Feuerwehrchef Jean-Claude Gallet. Dies soll nun auch mit Lasertechnik untersucht werden. „Zwei Drittel des Dachstuhls wurden verwüstet“, fügte er jedoch hinzu. Bei dem Brand seien nach ersten Erkenntnissen drei Menschen leicht verletzt worden. Dabei handele es sich um zwei Polizisten und einen Feuerwehrmann.

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Die Einsatzkräfte gegen sich betont zurückhaltend, zeigen aber sehr wenig Verständnis für die guten Ratschläge, die ihnen noch in der Nacht aus aller Welt entgegenschlugen, wie das lodernde Feuer am besten zu bekämpfen sei. Immer wieder kam etwa der Vorwurf, warum keine Löschflugzeuge eingesetzt worden seien. Sogar Donald Trump, der Präsidenten der USA, mischte sich virtuell in die Löscharbeiten ein. „Bei einem solchen Feuer entstehen Temperaturen von bis zu 1000 Grad Celsius“, erklärt ein Feuerwehrmann am Morgen nach dem elfstündigen Einsatz von über 800 Leuten. Man müsse in solchen Fällen ganz vorsichtig von außen löschen. Irgendwann sei es in der Nacht vor allem darum gegangen, die umliegenden Bauteile zu schützen und das Ausbreiten des Brandes auf die beiden Türme zu verhindern.

Aufklärung für Besserwisser

Selbst über die sozialen Netzwerke versucht die Pariser Feuerwehr nach der Katastrophe, die Besserwisser aufzuklären. In diesem Fall hätte der Einsatz von Löschhubschraubern nichts gebracht, ist auf dem Kurznachrichtendienst Twitter zu lesen. Im Gegenteil, das wäre sogar schlecht gewesen. Die Wassermassen hätte sehr wahrscheinlich die gesamte Dachkonstruktion zum Einsturz gebracht und den Schaden noch vergrößert.

Suche nach der Ursache

Gerätselt wird am Morgen nach dem Feuer weiter über die Ursache. Von Seiten der Staatsanwaltschaft in Paris heißt es, dass eine Untersuchung wegen unbeabsichtigter Zerstörung durch Feuer eingeleitet worden sei. Von Brandstiftung ist bislang nicht die Rede. Die meisten Vermutungen gehen in die Richtung, dass das Feuer mit den Renovierungsarbeiten auf dem Dach der Kathedrale zusammenhängen. Erst wenige Tage zuvor waren in einer spektakulären Aktion mit einem Kran 16 Heiligenfiguren vom Dach geholt worden. Noch in der Nacht haben Ermittler damit begonnen, die Arbeiter der Baustelle zu befragen.

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Der Direktor von Notre Dame sieht keine Sicherheitsmängel beim Brandschutz. Nach seinen Worten gebe es Brandaufseher, die drei Mal täglich den Dachstuhl prüfen, sagte Patrick Chauvet dem Sender France Inter. „Ich denke, dass man nicht mehr machen kann.“ Aber es gebe natürlich immer Vorfälle, die man so nicht habe vorhersagen könne. Man müsse nun prüfen was passiert sei – er wisse noch nichts.

Große Sorge galt während des Brandes auch den Kunstschätzen in der Kirche, deren Wert unermesslich ist und die jedes Jahr 13 Millionen Besucher anlocken. In Sicherheit ist die Dornenkrone, die Jesus Christus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll, erklärte Patrick Chauvet. Sie gilt als eine der wertvollsten Reliquien, die in Notre-Dame zu sehen waren. Auch die große Orgel, die erst vor wenigen Jahren aufwändig renoviert worden ist, scheint nach ersten Angaben der Feuerwehr noch intakt. Wie es um die berühmten Rosettenfenster steht, ist noch nicht klar. Sie scheinen rein äußerlich den Brand überstanden zu haben, doch in welchem Zustand sie sind, muss von den Fachleuten noch untersucht werden. Auch die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo versicherte, das Gros der Kunstschätze und religiösen Relikte sei aus Notre-Dame herausgeholt worden. In den sozialen Medien postete Kulturminister Franck Riester Bilder, auf denen Leute Kunstwerke in Lastwagen luden.

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Die Welle der Hilfsbereitschaft nach dem Brand macht deutlich, welche Bedeutung Notre Dame für die Franzosen und die ganze Welt hat. Ein geschockter Passant sagte angesichts der hohen Flammen, die aus dem Dach der Kirche schlugen: „Dort brennt das Herz Frankreichs.“ Dabei geht die Bedeutung des Bauwerks weit über seinen kunstgeschichtlichen Rang als Inbegriff gotischer Baukunst hinaus, die Kathedrale ist ein Teil der nationalen Identität des Landes.

Das im Herzen von Paris auf der Seine-Insel Ile de la Cité gelegene Gotteshaus war in seiner Geschichte immer wieder Schauplatz geschichtlich bedeutender Ereignisse, von der Salbung Heinrichs VI. von England zum französischen König im 100-jährigen Krieg 1431 über die Kaiserkrönung Napoléons 1804 bis zu den Staatsbegräbnissen der Präsidenten Charles de Gaulle (1970) und François Mitterrand (1996). Noch heute erinnern sich viele Franzosen daran, wie nach dem zweiten Weltkrieg die Glocken der Kathedrale läuteten, als die Stadt von den Nazi-Besatzern befreit war. Im November 2015 gedachte Frankreich dort der 130 Todesopfer der islamistischen Terroranschläge.

Kein Wunder also, dass Präsident Emmanuel Macron eine geplante Fernsehansprache an sein Volk kurzerhand absagte und noch in der Nacht der Katastrophe auf die Ile de la Cité eilte. „Ich sage Ihnen heute Abend feierlich: Diese Kathedrale, wir werden sie wiederaufbauen, alle zusammen“, sagte der Staatschef mit bebender Stimme vor der brennenden Kirche in die Mikrophone. „Das ist es, was die Franzosen von uns erwarten.“

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Fachleute schätzen, dass es Jahrzehnte dauern werde, bis Notre-Dame wieder im alten Glanz erstrahlen kann – und Unsummen von Geld verschlingen wird. Angesichts der Bedeutung der Kathedrale für das Gedächtnis nicht nur Frankreichs, sondern der gesamten Menschheit, sind aber schon Stunden nach dem Inferno Hilfszusagen aus der ganzen Welt eingegangen. In den französischen Zeitungen werden Tipps gegeben, wie jeder einzelne Geld geben kann für Notre-Dame. In Frankreich ist zwischen den Unternehmen ein regelrechter Wettlauf ausgebrochen. Gemeldet haben sich bereits mehrere Großspender. Die Familie des französischen Unternehmers und Milliardärs Bernard Arnault kündigte über Arnaults Luxuslabel LVMH an, sich mit 200 Millionen Euro an der Rekonstruktion beteiligen zu wollen. Zuvor hatte bereits die französische Milliardärsfamilie Pinault 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau versprochen. Die superreichen Franzosen Arnault und Pinault sind als Kunstliebhaber, Mäzene und Konkurrenten bekannt. Auch Patrick Pouyanné, Chef von Total hat angekündigt, dass sein Unternehmen 100 Millionen geben werde.

Am Tag nach der Katastrophe steht Frankreich noch immer unter Schock. Doch bei den Franzosen zeigt sich auch der Wille, sich nicht von einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit anstecken zu lassen. Immer wieder wurde zuletzt wegen zu zunehmenden sozialen Spannungen von der tiefen Spaltung der Gesellschaft gesprochen, doch angesichts dieser Katastrophe sind sich alle Franzosen einig wie selten zuvor: Notre-Dame wird wieder aufgebaut.