Paris-Roubaix

Für die Radprofis ist es die „Hölle des Nordens“. Beim Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix kommt es regelmäßig zur Kopfsteinpflaster-Tortur auf den Feldwegen aus den Zeiten Napoleons. Jedes Jahr stehen unzählige Fans an der Strecke.

Am Anfang ist  Stille.  Ein  kühler Wind zerrt unermüdlich an den wenigen Hecken. Das Nichts und die Farbe Grün bestimmen in dieser Ecke die  Landschaft in der französischen Region Nord-Pas-de-Calais. Unterbrochen wird die Eintönigkeit der Wiesen durch schmale Bänder, die  an diesem Tag hellgrau in der Morgensonne glänzen.   Der Anblick dieser Schneisen treibt jedem eingefleischten Radsportfan die Tränen in die Augen und das Adrenalin in die Adern. Was sich scheinbar lieblich durch die Landschaft schlängelt, ist die „Hölle des Nordens“, es sind die Kopfsteinpflaster, die den Radprofis bei dem Klassiker Paris–Roubaix das Leben schwer machen.

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Mehr als 250 Kilometer misst das legendäre Rennen, rund 50 Kilometer davon sind „Pavés“. Zwischen den   kleinen Gemeinden Verchain-Maugré  und Quérénaing liegt der Sektor 22. Knapp 1600 Meter ist er lang und zählt nach Angaben von Szenekennern  zu den leichteren Abschnitten. Doch jedes Jahr ist diese kleine Straße aus dem 19. Jahrhundert dafür verantwortlich, dass die große und schrill-bunte Profiwelt des ganz großen Radsports für wenige Stunden Einzug hält in den Orten entlang der Strecke. Aber selbst das geschieht mit der großen Gemütlichkeit des ländlichen Lebens – wie die ersten Fotografien dieser Bilderserie verdeutlichen. So ist das Pavé 22 noch kurz vor dem Rennen das Terrain für sonntägliche Spaziergänger und Hundehalter.

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Schon Stunden vor dem Rennen pilgern die Zuschauer, um sich einen Platz zu ergattern.

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Gegen Mittag aber verdichtet sich der Verkehr. Immer wieder fahren Hobbyradfahrer vorbei und bewegen sich auf den Spuren ihrer Idole. Kleine Gruppen von Zuschauern schlendern gut gelaunt über das Pflaster, Campingstühle über der Schulter und prall gefüllte Picknickkörbe unterm Arm.  Niemand ist hier in Eile, Platz gibt es genug. Deutlich wird im Laufe der Stunden, dass die Belgier offenbar die größten Radfanatiker Europas sind. Immer wieder passieren Autos aus dem nahen Nachbarland die Szene, ein 31 Jahre alter 2CV mit vier jungen Männern an Bord wird auf einem Feldweg neben einem Misthaufen geparkt. Wildfremde Menschen begrüßen sich freundschaftlich,  man kommt schnell ins Gespräch, fachsimpelt über Fahrer, das Klassement und Material, wobei das mitgebrachte Bier brüderlich geteilt wird.

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Was die Profis können, leisten auch die Amateure. Vor dem Rennen, quälen sich die Hobby-Sportler über die Piste.

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Während sich die einen schinden, gönnen sich andere ein Schläfchen.

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Selfie-Wahnsinn auf der Rennstrecke.

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Viele Fans reisen stilecht an. Zu Frankreich gehört dann natürlich ein 2CV.

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Nicht alle Räder halten die Strapazen aus.

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Die Stimmung steigt rapide, als sich die Werbekarawane  den Zuschauern nähert.   Es kommt  eine bizarre, laut hupende Kolonne aus Fahrzeugen mit absonderlichen Figuren auf dem Dach näher. Schon von Weitem sind die meterhohen Carrefour-Hasen auszumachen, gefolgt von Haribo-Bären. Aus den Autofenstern fliegen unter dem Gejohle der Zuschauer Schirmmützen, Aufkleber und andere unnütze Dinge. Nun kann es nicht mehr allzu lange dauern, bis die Radprofis über das Kopfsteinpflaster keuchen. Dann schießen sie auch schon heran, eskortiert von einem Tross aus Motorrädern und Versorgungsfahrzeugen. Die Fans versuchen, einzelne Fahrer auszumachen. Anders als bei Straßenrennen ist aber nicht das hohe Sirren der Räder zu hören. Beim Rennen Paris–Roubaix ist auch die Geräuschkulisse infernalisch. Die Reifen knattern über das Kopfsteinpflaster, durchbrochen vom ständigen Hupen und Scheppern der Materialwagen oder dem Johlen der Fans.

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Darauf hat das Publikum über Stunden gewartet. Die Profis kämpfen gegen die Zeit, den Wind und die Pflastersteine.

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Plötzlich  ist wieder Ruhe, eine Lücke tut sich auf. Die Führungsgruppe hat sechs Minuten Vorsprung vor den Verfolgern, das ist der Moment  zum Atemholen. Dann rauscht schon das Péloton heran. Wieder Schreien, wieder Hektik. Und dann wieder Ruhe. Einzelne abgehängte  Fahrer versuchen Anschluss zu halten. Als der Besenwagen vorbei ist, der das Ende des Rennens markiert, fällt die euphorische Stimmung schnell in sich zusammen. Die Zuschauer springen auf die Straße, schlendern zurück zu ihren Autos, die sie in Quérénaing, am Ende des Abschnitts mit der Nummer 22, geparkt haben.   Es dauert nur wenige Minuten, dann herrscht wieder eine  Stille, die für ein Jahr anhalten wird.

Hier der Link zu der Reportage in der Stuttgarter Zeitung

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