Fukushima: Die „ideologische Besessenheit“ der Deutschen in Sachen Kernkraft

Am 11. März 2011 hatte Japan das schwerste Erdbeben seiner Geschichte mit einer Stärke von 9,0 und einem anschließenden Tsunami erlebt. Im AKW Fukushima Daiichi kam es im Zuge der Naturkatastrophe zu einer Kernschmelze und damit zu einem Super-GAU.  Für Deutschland bedeutete die Katastrophe den Einstieg in den Ausstieg aus der Kernenergie. Doch das wird nicht in allen Ländern so gesehen – allen voran Frankreich. Den Deutschen wird sogar eine Art „ideologischer Besessenheit“ vorgeworfen.

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Der Kommentar zur Zukunft der Kernenergie in der Zeitung „Le Figaro“

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Inge Paulini, Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz, fasst die Haltung vieler Deutschen zehn Jahre nach der Katastrophe zusammen. Sie betont in einem Interview mit der Rheinischen Post die unkalkulierbaren Gefahren von Atomkraftwerken. „Die Risiken der Kernkraft sind selbst für ein hoch industrialisiertes Land nicht sicher beherrschbar“, sagt Inge Paulini.

Die Position Frankreichs ist eine ganz andere. Das wird in einem Kommentar der konservativen Zeitung „Le Figaro“ sehr deutlich. Dort ist zu lesen:

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 „Muss die Atomkraft von der Weltkarte gestrichen werden? Seit der Katastrophe von Fukushima träumen Umweltschützer davon. (…)Diese ideologische Besessenheit hält der Realität aber nur schwer stand. Man macht sich Sorgen darum, dass die Klimaerwärmung die Zukunft des Planeten bedroht. Aber gerade die Atomkraft, deren Sicherheitsanforderungen so hoch wie nirgendwo anders sind, erzeugt so gut wie kein CO2 womit (Frankreich) zu den Klassenbesten gehört. Deutschland, das für seinen Ausstieg aus der Atomkraft gefeiert wurde und Strom und Gas mit Kohle- und Gaskraft erzeugt, verschmutzt die Umwelt heute mehr als jeder andere in Europa. Wo ist da die Logik?“

Kommentar aus „Le Figaro“

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Hier der gesamte Kommentar auf Französisch:

„Faut-il rayer le nucléaire de la carte du monde? Les écologistes en rêvent depuis la catastrophe de Fukushima. Cet événement, né d’un tsunami et non d’une défaillance de la centrale japonaise, a marqué un tournant dans la guerre entre anti et pro-atome. Le choix radical de l’Allemagne d’y renoncer quasiment du jour au lendemain a galvanisé les procureurs verts. Chez nous, la promesse de fermer Fessenheim, arrachée à François Hollande et exécutée par Emmanuel Macron, leur donne des ailes pour exiger une sortie définitive du nucléaire.

Cette obsession idéologique résiste mal au principe de réalité. Le réchauffement climatique, s’inquiète-t-on, menace l’avenir de la planète. Justement, l’énergie nucléaire, dont les critères de sécurité ont été relevés à des niveaux sans précédent, n’émet quasiment aucun CO2, ce qui nous vaut de figurer parmi les meilleurs élèves. Célébrée pour avoir décidé de s’en passer, l’Allemagne, qui se chauffe et s’éclaire avec des centrales à charbon et au gaz, pollue désormais plus que tout autre en Europe. Où est la logique?

La France, entend-on, ambitionne de reconquérir sa souveraineté en tous domaines. Forte d’un parc nucléaire unique, elle peut se prévaloir – privilège rare – de son indépendance énergétique. Avec lui, elle dispose d’un outil qui assure une production constante et pilotable. En réduisant sa puissance, elle prend le risque de pénuries l’hiver venu… Où se trouve donc l’intérêt national?

L’avenir, nous dit-on, réside dans le développement des énergies renouvelables. Peut-être, et nous déployons d’ailleurs de gros efforts pour nous équiper. Mais la route sera longue avant de produire et de stocker suffisamment d’électricité pour faire tourner le pays. À ce jour, personne n’a encore résolu l’équation fondamentale de l’intermittence de ces sources d’énergie, à l’origine de coupures parfois dramatiques, comme récemment au Texas ou en Californie, où l’on paie des factures d’électricité astronomiques. Est-ce vraiment cela le modèle que l’on souhaite proposer aux Français?“

Kälte, schlechte Netze, marode AKW – Droht Frankreich ein Blackout?

Sitzen die Franzosen diesen Winter bald im Dunkeln. Wegen der angekündigten Kälte sollen sie am Freitag ihren Stromverbrauch senken – sonst könnten die Netze zusammenbrechen. Nützlich sei jede Glühbirne, die nicht angeschaltet wird. Grund für die Probleme ist indirekt auch die Corona-Pandemie. Allerdings rächt sich nun auch, dass die französischen Atomkraftwerke alt und das Stromnetz oft marode ist.

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Homepage des Netzmanagers RTE – mit der Aufforderung, wenige Strom zu verbrauchen

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Dem Stromnetz droht der Kollaps

Die Temperaturen sollen in einigen Regionen Frankreichs am Freitag deutlich unter Null Grad sinken. Das sind beunruhigende Nachrichten für die den nationalen Stromnetzmanager RTE. Dort geht die Befürchtung um, dass die Leitungen die höhere Belastung durch die aufgedrehten Heizungen nicht standhalten könnten. RTE unterstrich zwar, dass es „keinen Stromausfall“ geben werde – aber die Sicherheitsmargen, die für Notfälle eingeplant sind, könnten bedrohlich schrumpfen. Man werde „alle Mittel einzusetzen, um die Sicherheit der Stromversorgung zu gewährleisten“, heißt es bei den Netzmanagern.

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Jede Glühbirne zählt

Laut RTE wird der französische Stromverbrauch am Freitag wegen der Kälte mit rund 88.000 Megawatt ein sehr hohes Niveau erreichen. Die Stromproduktion „wird mit 88.200 Megawatt ausreichen, um alle Bedürfnisse zu decken“, heißt es, aber um „jegliches Risiko einer Kürzung zu vermeiden“, werden die Franzosen dennoch aufgefordert, auch durch „kleine Gesten“ ihren Verbrauch zu senken.

Konkret heißt das: wenn jeder Franzose eine Glühbirne ausschaltet, wird Ersparnis im Stromverbrauch von 600 Megawatt erzielt. Das entspreche ungefähr dem Verbrauch einer Stadt wie Toulouse, erklärt ein Vertreter von RTE. Andere Ratschläge könnten auf der Website MonEcowatt.fr nachgelesen werden.

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Problem: ausgefallene Wartung der AKW

Allerdings kann RTE selbst die Versorgungssicherheit über verschiedene Maßnahmen steuern. So können etwa Firmen vom Netz genommen werden, die allerdings auf eine eigene Notversorgung zurückgreifen können. Die Spannung im Netz kann, um rund fünf Prozent gesenkt werden, was die Leistung elektrischer Geräte geringfügig verringert. Und als letztes Mittel können vorübergehende, lokale Kürzungen das Netz entlasten.

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Als Grund für die Probleme nennt RTE unter anderem die Corona-Pandemie. So habe ich die dringende Wartung von Kernkraftwerken verzögert und die Installation neuer Kraftwerke verlangsamt. „Normalerweise schalten wir im Sommer oder Frühling Kernkraftwerke aus, um sie zu warten. Das konnte während des Lockdowns im Rahmen der Corona-Pandemie aber nicht gemacht werden“, erklärte Frankreichs Umweltministerin Barbara Pompili bereits am 19. November, der Minister für ökologischen Wandel. Frankreich produziert rund 70 Prozent seines Stromes mit Atomkraft.

Offensichtlich wird auch daran gearbeitet, die vier noch arbeitenden Kohlekraftwerke stärker auszulasten. Genannt wird etwa die Anlage in Cordemais. Dort werden können rund 1200 Megawatt produziert werden. Dort könnten 25 Prozent des Stromverbrauchs der Pays de la Loire produziert werden.

Das Drama von Tschernobyl

Lange hieß es: keine Gefahr! Auch Tage nach dem Super-Gau in Tschernobyl wurde das wirkliche Ausmaß vertuscht. Die Folgen des Unglücks sind auch heute noch – 30 Jahre danach – nicht wirklich zu begreifen.

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Ein verlassener Rummelplatz in Pripjat, der verlassenen Stadt in unmittelbarer Nähe zu dem Atomkraftwerk Tschernobyl.

 

Schweden schlägt Alarm

Schweden schlägt als erstes Land Alarm. In der Nähe eines Atomkraftwerkes wird erhöhte Radioaktivität gemessen. Die Aufregung ist groß, sofort werden neue Messungen durchgeführt, die alle dasselbe Ergebnis bringen. Doch der Meiler läuft ohne Störung. Weitere Messungen ergeben: die Radioaktivität kommt aus dem Osten – aus dem am 26. April 1986 explodierten Kraftwerk Tschernobyl. Dann die Nachfrage in anderen Ländern und von dort kommen gleichlautende Antworten: in Finnland, in Polen und in der DDR steigen die Werte.

Politiker in Deutschland betonen unisono: keine Gefahr. Der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) sagt in der Tagesschau drei Tage nach dem Gau, eine Gefährdung sei „absolut auszuschließen“. „Denn eine Gefährdung besteht nur in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometer um den Reaktor herum.“ Und: „Wir sind 2000 Kilometer weg.“

Radioaktivität in Deutschland

Dann dreht der Wind. Plötzlich gibt es erhöhte Radioaktivität auch in Westdeutschland. Fußballspiele werden abgesagt, Freibäder und Spielplätze gesperrt, Sandkästen geleert, Gemüse untergepflügt. In den Supermärkten: Sturm auf Dosen. Frisches ist tabu. Wer nach Hause kommt, zieht die Schuhe aus und duscht, um keinen verseuchten Staub in die Wohnung zu tragen. Hausbesitzer laufen mit Geigerzählern durch ihre Gärten, die Messgeräte sind ausverkauft. Kinder dürfen nicht draußen spielen. Wenn es regnet, laufen die Menschen in Panik wie um ihr Leben – wegen des Fallouts, den niemand recht einschätzen kann.



Bundesweit am schlimmsten trifft es Bayern, dort wiederum Gegenden, über denen zufällig an diesen ersten Maitagen 1986 schwere Gewitter niedergehen: Landstriche in Schwaben, im Bayerischen Wald und im Süden Oberbayerns.

Langfristige Folgen des Super-Gaus

Auch 30 Jahre nach der Katastrophe werden dort manchmal bei Wild und Pilzen Werte um ein Vielfaches über dem Grenzwert gemessen. „Ganz krass ist es bei den Wildschweinen“, sagt Christina Hacker, Vorstandsmitglied beim Umweltinstitut München, das nach Tschernobyl als Verein gegründet wurde. Wildschweine lieben Hirschtrüffel; sie fressen Egerlinge – und die im Wald teils belastete Erde mit dazu. „In allen sauren Böden kann sich das Caesium 137 oberflächennah halten. Deshalb gibt es die Problematik in Wäldern und Mooren.“

Caesium 137 hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren. Gerade einmal die Hälfte davon ist also zerfallen. Es dauere zehn Halbwertzeiten, bis in etwa der frühere Zustand wieder hergestellt sei, sagt Hacker.

In Feldern ist das radioaktive Isotop ausgespült, mehrfach untergepflügt und in tiefere Schichten gewandert. Getreide, Gemüse, Salat oder Milch und Fleisch außer Wild sind ohne erhöhte Werte.

Bayern ist besonders betroffen

Stichproben des Landesamtes für Umwelt weisen in Pilzen und Wildschwein aber noch manchen Spitzenwert aus: Wildpilze aus Garmisch-Partenkirchen, gemessen am 18. Dezember 2015: Weißer Rasling 4900 Becquerel und Birkenpilz 3000 Becquerel pro Kilo. Wildschwein aus Nürnberg vom 17. September 2015: 1200 Becquerel. Oder vom 13. Mai aus dem schwäbischen Landkreis Ostallgäu: 2100 Becquerel.

Der Grenzwert liegt bei 600 Becquerel, nur 370 Becquerel dürfen es bei Milchprodukten und Babynahrung sein. Nahrungsmittel, deren Werte darüber liegen, dürfen nicht verkauft werden, sonst drohen Strafen. Jäger bekommen für belastetes Wild eine Entschädigung.

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit teilt mit: „Nach einer Risikobewertung des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) gehört Wildbret wegen der niedrigen Verzehrsmenge zu den Lebensmitteln mit geringer Bedeutung.“ Die Schweiz untersage die Weiterverarbeitung erst ab 1250 Becquerel. Auch das Landesamt für Umwelt gibt Entwarnung. „Die durch Tschernobyl verursachte Strahlenexposition von außen spielt heute praktisch keine Rolle mehr“, teilt eine Sprecherin mit.

Die genauen Folgen kennt niemand

Die genauen Folgen des Gaus: Kennt niemand. Die Kindersterblichkeit sei danach signifikant erhöht gewesen, sagt Hacker. Auch von mehr Schilddrüsenerkrankungen werde berichtet. Ein Zusammenhang liege nahe, sei aber nicht erwiesen. Manches, glaubt Hacker, hätte vermieden werden können, wenn es die „Beschwichtigungspolitik“ nicht gegeben hätte. „Die Behörden haben viel zu spät reagiert.“



Der damalige bayerische Umweltminister Alfred Dick (CSU) aß vor laufenden Kameras demonstrativ verstrahltes Molkepulver, um die Ungefährlichkeit zu beweisen. Gewollt hat die Molke trotzdem niemand. Ein Geisterzug damit rollte lange durch Deutschland, ehe die Molke in einer eigens gebauten Anlage vernichtet wurde.

Die politischen Folgen in Deutschland

In der Folge erstarkten die Grünen. Die Anti-Atombewegung formierte sich. Doch erst 25 Jahre später führte die Atomkatastrophe von Fukushima, obwohl sie Deutschland nicht direkt traf, zum parteiübergreifenden Bekenntnis zum Atomausstieg.

Der geht den Umweltorganisationen viel zu langsam. In vielen Städten forderten sie zum Jahrestag den sofortigen Ausstieg. Demonstrationen gab es nach Angaben von Umweltgruppen bei Landshut am AKW Isar 2, in Neckarwestheim, bei Ahaus, Gundremmingen, Brokdorf und im belgischen Lüttich.

Gerade der Terror verschärfe die Gefahr, sagt Hacker. „Es gab immer wieder Hinweise, dass verschiedene AKWs ausgespäht worden sind. Insofern ist es umso wichtiger, dass man sich von der Atomenergie schleunigst verabschiedet.“