Kinder an der Front

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Im ostafrikanischen Krisenland Südsudan haben bewaffnete Kämpfer  89 Jungen entführt. Ihnen droht das Schicksal, als Kindersoldaten rekrutiert zu werden – wie Hunderttausende Minderjährige weltweit. Die seelischen Folgen sind verheerend.  Von Knut Krohn

Die  Vereinten Nationen nennen sie eine „Liste der Schande“. Auf ihr stehen 17 Länder, in denen Kindersoldaten in blutigen Konflikten eingesetzt werden. Mehr als 250 000 sollen es nach UN-Schätzungen auf der ganzen Welt sein. Diese Kinder werden gezwungen zu töten und zu plündern, sie müssen an die Front oder werden sexuell ausgebeutet.   Oft werden sie von den Vorgesetzten als weniger wertvoll angesehen wie erwachsene Soldaten und an besonders gefährlichen Stellen an der Front eingesetzt, zum Beispiel als Spione, Vorhut oder Minensucher. Entsprechend hoch ist das Risiko, verletzt oder getötet zu werden.

Längst sind Kinder bei vielen bewaffneten Kriegsparteien fester Bestandteil der militärischen Infrastruktur – sowohl in regulären Armeen wie auch bei Rebellengruppen. Der Alltag dieser Kindersoldaten ist geprägt durch Gewalt, ihre Erziehung basiert auf bedingungslosem Gehorsam.

Keine andere Wahl

Oft haben sie keine andere Wahl, als im Krieg mitzumachen. Viele werden noch als Halbwüchsige mit Waffengewalt ihren Eltern entrissen – wie die 89 Jungen, die jetzt im Südsudan von uniformierten Kämpfern verschleppt wurden. „Die Kinder werden unvorstellbarer Gewalt ausgesetzt, sie verlieren ihre Familien und ihre Chance auf Schulbildung“, sagt der Unicef-Vertreter im Südsudan, Jonathan Veitch. Andere schließen sich aus Not und wegen der Armut ihrer Familien den Soldaten an, die ihnen Verpflegung und Gemeinschaft versprechen.

Viele Kindersoldaten bleiben für den Rest ihres Lebens traumatisiert. Was sie durchgemacht haben, lassen die Interviews erahnen, die das Hilfswerk Terre des hommes mit minderjährigen Kriegern geführt hat. So berichtet der 16-jährige Hassan aus Sierra Leone: „Ich glaube, es gibt keine schlimmen Sachen, die ich noch nicht gemacht habe. Als wir in diesem Lager waren, kommen sie mit Leuten, die sie festgenommen haben. Sie haben uns immer Messer gegeben, die Hände abzuschneiden oder abzuhacken – manchmal bei Kindern. Und bei Kindern ­gehen die Hände einfach weg, und bei den Erwachsenen bleiben die Hände manchmal auch ein bisschen hängen. Und manchmal, wenn sie Frauen haben, die sie umbringen wollen, sagen sie, wir müssen diese Leute erschießen. Wenn wir diese Leute erschossen haben, dann sind wir ein Mann geworden.“

Keine Chance

Die Kinder haben keine Chance zu fliehen oder sich den Fängen ihrer Peiniger zu entziehen. Diejenigen, die sich weigern, die grausamen Befehle auszuführen, werden oft vor den Augen anderer Kindersoldaten bestraft oder sogar getötet. In manchen Fällen bekommen die Kinder Alkohol und andere Drogen verabreicht –  entweder, um ihre Angst vor dem Kampfeinsatz zu verringern, oder, um sie für ihre Kommandanten gefügig zu machen. Einige Kinder werden sogar dazu gezwungen, eigene Familienmitglieder zu töten. Das macht sie vollständig abhängig von der bewaffneten Gruppe.

Die Vereinten Nationen streichen die Brutalität von fünf Terrororganisationen bei der Rekrutierung von Kindern heraus. Dazu zählen Boko Haram in Nigeria, die Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) und die Islamisten der Nusra-Front und von Ahrar al-Scham in Syrien. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch beschrieb jüngst, wie der IS Kindersoldaten anwirbt und für den Kampf gewinnt. Kindern würde gratis Schulunterricht angeboten, heißt es in dem 31 Seiten langen Report. Tatsächlich aber lernen die Kinder bei den Dschihadisten nicht nur mit der Waffe umzugehen, sondern auch, dass der IS den Willen Gottes erfülle und Andersdenkende den Tod verdienten. An manchen Tagen spendieren die IS-Kämpfer auch Zuckerwatte und Eis.

Eine verlorene Generation

Human Rights Watch warnt vor einer „verlorenen Generation“ in Syrien, denn diese Kinder könnten nicht vergessen, was sie gesehen und getan haben. Die Organisation fordert eine spezielle psychologische und soziale Betreuung für die ehemaligen Kindersoldaten. Eines der großen Probleme sei, beschreibt Human Rights Watch, dass die Kinder im Krieg jeglichen Halt verloren hätten und sich außerhalb der gewohnten Strukturen von Kampfverbänden nicht mehr zurechtfinden würden. Diejenigen, die zurückkommen, fühlen sich ausgegrenzt und isoliert und können sich an ein Leben außerhalb der Rebellenlager nur schwer gewöhnen. „Sie ziehen sich zurück und haben Probleme, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden“, erläutert die Unicef-Expertin Sheema Sen Gupta, die in Somalia für die Abteilung Kinderschutz verantwortlich ist. „Natürlich gibt es noch andere posttraumatische Stressreaktionen wie etwa Albträume oder Appetitlosigkeit.“ Andere hätten Probleme, sich normal auszudrücken, menschliche Bindungen einzugehen oder auch Konflikte friedlich zu lösen.

Eine zunehmende internationale Aufmerksamkeit und Lobbyarbeit haben dazu geführt, dass der Einsatz von Kindersoldaten inzwischen durch eine Reihe von Abkommen geächtet wird.  Die Rekrutierung und der Einsatz von Kindern unter 15 Jahren können seit mehr als zehn Jahren vor dem ­Internationalen Strafgerichtshof als Kriegsverbrechen geahndet werden. Die ersten Anklagen und Prozesse laufen derzeit, unter anderem gegen den früheren kongolesischen Milizenchef Thomas Lubanga, den ehemaligen liberianischen Machthaber Charles Taylor und den sudanesischen Staatspräsidenten Omar al-Baschir.

Wenige werden gerettet

In ganz seltenen Fällen gelingt es sogar, die Kinder vor ihrem Schicksal zu retten. So schaffte es Unicef erst vor wenigen Wochen, mit einer Miliz im Südsudan die Freilassung von rund 3000 Kindersoldaten auszuhandeln. Die Elf- bis 19-Jährigen hatten bis zu vier Jahre lang für die South Sudan ­Democratic Army Cobra Faction gekämpft. „Viele dieser Kinder haben Dinge erlebt und Dinge getan, die selbst für ausgebildete erwachsene Soldaten traumatisch wären“, sagt Doune Porter von Unicef im Südsudan. Jetzt erwarte sie endlich eine bessere Zukunft: „Die meisten haben nie eine Schule besucht und freuen sich sehr darauf, nun endlich Lesen und Schreiben zu lernen.“

Infos zu Kindersoldaten:

Schutz – Das Zusatzprotokoll der UN-Kinderrechtskonvention zu Kindern in bewaffneten Konflikten aus dem Jahr 2002 verpflichtet Staaten zu einem weit reichenden Schutz Minderjähriger.

Mindestalter – Die 139 teilnehmenden Staaten haben unterzeichnet, dass das Mindestalter, in dem eine Person  den Streitkräften beitreten kann, 15 Jahre betragen muss. Die große Mehrheit der Vertragsstaaten hat das Mindestalter inzwischen aber auf 18 Jahre festgelegt.

Ausnahmen – Laut dem „Globalen Report zu Kindersoldaten 2008“ werden in  Australien, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Russland und den USA schon 16-Jährige für den Dienst angeworben.

Deutschland -Bei der Bundeswehr beginnen jedes Jahr einige Hundert 17-Jährige eine militärische Laufbahn, sei es neuerdings im Freiwilligen Dienst (FWD) oder im Zuge bestimmter militärischer Ausbildungen.

Eine katastrophales Jahr für die Menschenrechte

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Die Bilanz von Amnesty International ist verheerend. „2014 war ein katastrophales Jahr für Millionen von Menschen, die unter der Bedrohung durch Entführungen, Folter, sexualisierte Gewalt, Anschläge, Artilleriefeuer und Bomben auf Wohngebiete leben mussten“, resümierte die Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion, Selmin Caliskan, am Dienstag bei der Vorstellung des jährlichen Menschenrechtsreports in Berlin.

Die bewaffneten Konflikte hätten zur größten Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg geführt, doch die Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft auf die zunehmende Gewalt und das Elend sei beschämend, sagte Caliskan: „Hier wurde völlig versagt.“

Der Bericht dokumentiert die Menschenrechtssituation 2014 in insgesamt 160 Ländern. In 131 Ländern wurden laut Amnesty Menschen gefoltert und anderweitig misshandelt, in 119 Ländern schränkten die Regierungen die Meinungsfreiheit ein. In 18 Staaten registrierte die Menschenrechtsorganisation Kriegsverbrechen oder andere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht.

Amnesty International spart vor allem im Fall des Krieges in Syrien und dessen Folgen nicht mit Kritik an den Industrienationen Aus Syrien flüchteten vier Millionen Menschen vor dem Bürgerkrieg, ist in dem Bericht zu lesen. 95 Prozent von ihnen wurden in den Nachbarstaaten aufgenommen. Der Libanon habe über 715 Mal mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen als die gesamte EU in den vergangenen Jahren, rechnet Caliskan vor. Statt den Schutz der Zivilbevölkerung ins Zentrum internationaler Politik zu stellen, blockierten nationale, geopolitische und wirtschaftliche Interessen ein gemeinsames Handeln und heizten Konflikte noch weiter an, kritisierte die Amnesty-Generalsekretärin.

Völlig unverständlich sei, so ist in dem Menschenrechtsreport 2015 zu lesen, dass die internationale Gemeinschaft nicht adäquat auf eine neue Art von Konflikten reagiere. Die Gewalt gehe immer häufiger von nicht-staatlichen bewaffneten Gruppierungen wie des „Islamischen Staats“ (IS) im Irak und Syrien, der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria oder den pro-russischen Separatisten im Osten der Ukraine aus. In mindestens 35 Staaten hätten solche Gruppen eine eigene, nicht legitimierte Herrschaft aufgebaut und würden Andersdenkenden und ethnische Minderheiten brutal unterdrücken.

Kritik gibt es auch an Deutschland. Die Bundesrepublik wird von Amnesty wegen ihrer Flüchtlingspolitik gerügt, den diskriminierenden Angriffen auf Asylsuchende und Minderheiten und wegen zu wenig Verbesserungen bei Untersuchungen von Menschenrechtsverletzungen durch Polizeikräfte. So hätten bislang nur Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz eine Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte eingeführt. Unabhängige Kommissionen zur Untersuchung von Polizeigewalt gebe es noch in keinem Bundesland.

Der Bericht nennt auch Beispiele für Fortschritte, etwa das Inkrafttreten des UN-Waffenhandelsabkommens ATT im Dezember, das zuvor 50 Staaten ratifiziert hatten. Doch gießt Amnesty sofort Wasser in den Wein: Staaten wie die USA, China oder Russland sollten das Abkommen nicht nur begrüßen, sondern endlich in die Tat umsetzten.