Aus Wut wird Hass und dann Gewalt

Der Psychologe Jan Kizilhan erklärt, warum Menschen zu Waffen greifen. Und was der Unterschied zwischen einem Terroristen und einem Amokläufer ist.

16.07.25-Kizilhan

Der Psychologe Jan Kizilhan

Die Gefahr von Nachahmungstätern ist hoch

Es gibt keine einfachen Erklärungen dafür, weshalb ein Mensch zur Waffe greift und um sich schießt. Für Jan Kizilhan gehört es allerdings zum Beruf, sich auf die Suche nach den Gründen für solche Bluttaten zu machen. Der Psychologe ist Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und leitet dort den Studiengang für Soziale Arbeit mit psychisch Kranken. Er ist wenig erstaunt darüber, dass es im Moment immer wieder zu Anschlägen kommt. „In einer Atmosphäre des allgemeinen Terrorismus kommen diese Menschen eher auf die Idee, gewalttätig zu werden“, sagt Kizilhan. Die  Gefahr von Nachahmungstätern sei also sehr hoch.

Allerdings macht der Professor eine klare Unterscheidung zwischen Terroranschlag und Amoklauf. Amokläufer seien fixiert auf sich selbst, die eigenen Probleme, die von außen erfahrene Demütigung. Diese Menschen hätten fundamentale Schwierigkeiten mit dem Selbstwertgefühl. „Sie empfinden Wut und Hass auf die Welt und kommen damit nicht zurecht“, erklärt Kizilhan. Und weiter: „Durch das Töten bekommt ein Amokläufer Macht über einen Menschen –  er fühlt sich Gott-gleich.“

Ein Terrorist hat eine andere Motivation

Ein Terrorist habe eine ganz andere Motivation zu Töten, erklärt der Psychologe. „Der Terror des IS ist politisch und religiös motiviert. Getötet wird mit der Absicht, Gutes zu tun –  auch über den eigenen Tod hinaus.“ Natürlich gebe es bei beiden Typen Berührungspunkte. Auch ein Terrorist könne aus einer „Selbstwertproblematik“ heraus radikalisiert werden. Und auch ein Amokläufer könne sich einen ideologischen Überbau für seine Tat zusammenbasteln. Als Beispiel dafür nennt Kizilhan den Norweger Andres Breivik. In eine noch andere Kategorie falle wohl der Mord in Reutlingen. „Nach allem, was wir im Moment wissen, ist das eher eine Art Ehrenmord“, sagt Jan Kizilhan. Da geht es um Respekt, zurückgewiesene Zuneigung einer konkreten Person und verletzte Ehre.

Wenig erstaunlich ist es in den Augen des Experten, dass vor allem junge Männer zu den Tätern zählen. „Wir leben noch immer in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Das heißt, wir verhalten uns geschlechterspezifisch“, beschreibt der Professor. Männer reagierten aggressiv, Frauen eher kommunikativ-zurückhaltend. Und auch für die Tatsache, dass kaum ältere Männer zu Tätern werden, hat er eine Antwort: „Die haben die Zeit des Aufstandes längst hinter sich.“

Die Gesellschaft kann sich wehren

Die Gesellschaft sei der steigenden Zahl von Anschlägen nicht hilflos ausgeliefert. Jan Kizilhan unterstreicht, dass viele Täter „vom System aufgefangen“ werden könnten. Konkret heißt das: die potenziellen Täter zeigten in ihrem sozialen Umfeld schon früh eine höhere Verhaltensauffälligkeit. Oft seien es Einzelgänger, sie hätten große Schwierigkeiten, sich mitzuteilen oder in die Gemeinschaft einzufügen. Er fordert etwa, dass in den Schulen mehr auf solche Entwicklungen geachtet werde. „Psychologen könnten rechtzeitig eingreifen und mit den jungen Leuten reden“, sagt Jan Kizilhan. „Unsere Verantwortung ist es, im Umfeld wach zu sein.“

Der Psychologe rät der Gesellschaft, trotz der vermeintlich erhöhten Bedrohungslage ruhig zu bleiben. „Die subjektive Angst ist da, dem müssen wir mit Rationalität begegnen.“ Hier sieht er vor allem die Politiker – und auch die Medien – in der Pflicht. Es müsse immer wieder erklärt werden, dass es sehr unwahrscheinlich ist, Opfer eines Attentates zu werden. Natürlich sieht Kizilhan die Gefahr, dass internationale Terroristen auch in Deutschland mit schweren Attentaten zuschlagen könnten. „Am Anfang würde sich Hysterie, Panik und Angst verbreiten“, sagte er, „aber wir würden schnell lernen, damit zu leben. Das ist wie das Leben im Krieg, an das die Menschen sich gewöhnen. Wir werden unser Verhalten daran anpassen.“

Die AfD vergiftet die Gesellschaft

Was die AfD im Fahrwasser der Anschläge betreibt, hält der Psychologe für extrem kontraproduktiv. „Die Äußerungen der AfD-Vertreter schüren gezielt die Angst der Menschen.“ Das sei Gift für die ganze Gesellschaft. Kizilhan bringt den Ablauf in ein einfaches Bild: „Wir haben Angst, sind verunsichert, schlafen schlecht, werden noch nervöser, sind böse zu unseren Nachbarn, zur Familie und natürlich auch zu Migranten.“ Er unterstreicht wiederholt, dass die einzige Lösung sei, rational auf die vermeintliche Bedrohung zu reagieren.

Anschlag in München – Twitter gewinnt das Info-Rennen

Die sozialen Medien sind unschlagbar wenn es darum geht, schnell über ein Ereignis zu berichten. Selbst Online-Medien wirken in diesem Wettlauf wie alte Medien. Die öffentlich-rechtlichen Sender entfalten erst spät ihre Qualitäten. 

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Dieser Facebook-Account war das Ziel des Hasses der Internet-Meute.

Information in Echtzeit

Twitter hat wieder einmal seine Stärken gezeigt. Es hat in Echtzeit über die blutige Schießerei in München informiert. Kurz vor 18 Uhr laufen die ersten Meldungen über den Kurznachrichtendienst. Zuerst sind es nur Informationsfetzen, wilde Vermutungen, doch nach und nach setzen sie sich wie ein Mosaik zu einem Gesamtbild zusammen. Auch in München hat sich gezeigt, dass die Sozialen Medien kaum zu schlagen sind, wenn es darum geht, Informationen schnell zu verbreiten. Gegen die Live-Berichterstattung von Augenzeugen in 140 Zeichen mit Fotos und Videos wirkten selbst Online-Medien, die größtenteils auf die Zulieferung von Agenturmaterial angewiesen waren, am Ende wie alte Medien.

Plötzliche Berühmtheit durch Periscope

Das haben  auch die Nachrichtensender realisiert. War nach dem Anschlag in Nizza oder dem Putsch in der Türkei ein erstaunliches News-Vakuum zu bemerken, haben die Redakteure bei den TV-Kanälen inzwischen  eine traurige Routine entwickelt, Nachrichten so schnell wie möglich zu senden.  Zu einer gewissen Berühmtheit gelangte ein junger Mann, der live über den Video-Dienst Periscope von dem Anschlag in dem Münchner Einkaufszentrum berichtete. Er stand zufällig in unmittelbarer Entfernung, direkt in der Masse der verstörten Menschen und filmte drauflos. Erst als allmählich die Nachrichtensender seinen Livestream direkt für ihre Berichterstattung übernahmen, schien dem jungen Mann klar zu werden, welche Wucht seine Bilder hatten. Nicht immer jedoch ist die Schnelligkeit in 140 Zeichen auch der Weisheit letzter Schluss: viele Tweets, die unter den Hashtags #Muenchen und #OEZ abgesetzt wurden, führten teilweise in die Irre – wie etwa beim Gerücht, dass es eine Schießerei am Stachus gegeben habe.

Stärke und Schwäche der ARD

Die öffentlich-rechtlichen Sender verzichteten  darauf, sich direkt aus dem Material der sozialen Medien zu bedienen – und sahen damit sehr alt aus. Während die Privatsender schon die Bilder des um sich schießenden Mannes übertrugen, mussten sich die Zuschauer von ARD und ZDF mit Hinweisen der Sprecher begnügen, dass es noch keine gesicherten Fakten gebe. Im Laufe der Berichterstattung zeigte sich dann  die Stärke der öffentlich-rechtlichen Medien. In den ersten Stunden des Anschlags ging es darum, schnell einen Eindruck von der Situation zu vermitteln – dieses Rennen haben ARD und ZDF verloren. Dann aber wurden die solide Recherche und der Sachverstand bei der Berichterstattung immer wichtiger. Ausgewogene Einschätzungen waren gefragt, Hintergründe und Erläuterungen – nicht mehr der Informationsschnellschuss. Hier liegen die öffentlich-rechtlichen Sender vorn.

Die Polizei nutzt Twitter

In München zeigte sich, dass  auch die Polizei die  Vorteile der sozialen Medien zu nutzen weiß. Immer wieder twitterte die Polizei, warnte die Menschen, zuhause zu bleiben, keine Fremden im Auto mitzunehmen und offene Plätze zu meiden. Auch Nachrichten, die sich als Falschmeldungen herausstellten – wie die gemeldete Schießerei am Stachus – konnten auf diesem Weg von den Beamten sehr schnell dementiert werden. Schließlich schickte die Polizei die Aufforderung an die Nutzer, das Medium verantwortlich zu benutzen und keine Beamten im Einsatz vor Ort zu filmen oder zu fotografieren und dieses Material dann ins Netz zu stellen. Jeder der Nutzer verstand sofort, dass diese Aufforderung keine Zensur bedeutete, sondern den Tätern keine wichtigen Informationen über den laufenden Einsatz geben sollte. Auch diese Nachricht verbreitete sich schnell über den Kurznachrichtendienst und viele Nutzer schienen sich daran zu halten.
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Was die sozialen Netzwerke zudem leisten können, demonstrierte auch Facebook, das den „Safety Check“ („Sicherheitscheck“) für München aktivierte, womit Bewohner mitteilen können, dass sie in Sicherheit sind. Zudem twitterten etliche Bewohner der Stadt den Hashtag #OffeneTür, um Menschen Unterschlupf zu gewähren.
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Die übliche Hexenjagd

Allerdings kam es im Netz auch zur fast schon üblichen Hexenjagd. Über den Facebook-Account einer  jungen Frau war in den Stunden vor der Schießerei mehrere Male dazu aufgerufen worden, sich um 16 Uhr an dem Einkaufszentrum beim  Münchner Olympiastadion zu treffen. Wie auf Befehl empörte sich der Internet-Mob, der einen der Täter gefunden glaubte, der unschuldige Menschen in eine Falle locken wollte. Wüste Beschimpfungen und Todesdrohungen hagelten auf das Mädchen nieder. Niemand wusste, wer die junge Frau ist, ob ihr Account gehakt worden ist oder ob das alles einfach nur Zufall war. Das  Internet zeigte sich  von seiner ganz hässlichen Seite.

Anschlag mit Handgranate

Nach dem Angriff mit einer Handgranate auf eine Asylunterkunft in Villingen-Schwenningen ermitteln 75 Beamte der Sonderkommission „Container“ mit Nachdruck in alle Richtungen.  Spuren zu den Tätern gibt es allerdings wenige.

 

Ein Ermittler informiert in Villingen über den Stand der Dinge

Ratlosigkeit bei den Flüchtlingen

Unentschlossen steht Ahmet vor dem weiß-roten Absperrband. In den Händen hält der junge Iraker ein zerfleddertes Schreibheft, aber er wird heute nicht zur Schule gehen. „Heute hat uns der Hass eingeholt“, sagt er. Ahmet wohnt mit rund 100 anderen Flüchtlingen in den ehemaligen französischen Kasernen in Villingen, einer beschaulichen Stadt am Rand des Schwarzwaldes. „In der Nacht hat ein Freund angerufen, dass er und seine Familie wegen der Granate ihre Zimmer verlassen müssen“, erzählt Ahmet noch sichtlich verstört. Der Grund: auf dem Gelände des Flüchtlingsheimes war kurz nach ein Uhr nachts eine Handgranate gefunden worden. Zwölf Bewohner der Einrichtung wurden daraufhin evakuiert und in einen anderen Bereich der ehemaligen Kaserne verlegt. .

In Ahmet weckt der Vorfall die schlimmsten Erinnerungen. „Es ist kaum zu glauben, wir sind vor den Bomben des Islamischen Staates geflüchtet und nun sind wir wieder in Gefahr.“ Allerdings, so versichert er fast trotzig, hätten er und seine Freunde großes Vertrauen in die deutsche Polizei. „Hier funktioniert der Staat, das ist anders als im Irak“, sagt er. Angst auf die Straße zu gehen hätten sie deshalb nicht. „Im Irak hatten wir Angst, weil immer die Gefahr bestand, entführt oder getötet zu werden, aber hier in Deutschland herrscht Frieden.

Hier wurde die Handgranate kontrolliert gesprengt

Der Frieden hat Risse bekommen

Dieser Frieden bekommt aber offensichtlich Risse, denn der mögliche Angriff mit einer Handgranate hat eine neue Qualität. „Wir sind zutiefst erschüttert, dass ein solches Ereignis stattgefunden hat“, sagt Clemens Ficht, Vizepräsident des Regierungspräsidiums Freiburg, auf einer Pressekonferenz in Villingen. Und er ergänzt: Das sei ein Angriff mit einer gefährlichen Waffe gewesen, wie sie im Krieg verwendet wird. „Ein Angriff auf Menschen, die vor dem Krieg geflüchtet sind und bei uns Schutz suchen!“ Bestürzt sind die Verantwortlichen auch, weil es in Villingen – außer einigen kleinen privaten Reibereien – nie Probleme unter den Flüchtlingen gegeben habe. Ficht: „Das ist eine Einrichtung, die für uns völlig unproblematisch ist.“

Die Faktenlage scheint trotz vieler Fragen klar. Aber der leitende Staatsanwalt Johannes-Georg Roth warnt immer wieder vor vorschnellen Schlüssen. Sicher sei nur, dass die Handgranate mit Sprengstoff gefüllt war. Eine der wichtigen Fragen ist, ob die Waffe mit einem Zünder versehen war – oder nicht. „Hat die Granate keinen Zünder, müssen wir von einer vorgetäuschten Straftat ausgehen“, erklärt Roth. Wäre die Granate allerdings voll funktionsfähig gewesen, wäre das ein schwerer Angriff auf Leib und Leben von Menschen. Dieser Sachverhalt müsse nun in den nächsten Stunden durch kriminaltechnische Untersuchungen genau geklärt werden. Auch Roth unterstrich, dass im Moment in alle Richtungen ermittelt werde.

 Suche im rechten Spektrum

Dazu gehört natürlich nach Aussagen aller Verantworlichen auch die Suche nach den Tätern in der Reihen von Rechtsradikalen. Dieser Verdacht drängt sich auf, da es nach den Worten von Dietmar Schönherr, Leiter der zuständigen Kriminaldirektion Rottweil, im Schwarzwald-Baar-Kreis seit Jahren eine „gewachsene Szene“ zu beobachten sei. Erst am Donnerstag provozierten einige Neonazis mit einem kleinen Aufmarsch in Villingen. Grund war die Verhaftung eines Rechtsradikalen im unweit von Villingen gelegenen Schwarzwaldstädtchen St. Georgen. Ihm wird vorgeworfen, eine kriminelle Vereinigung gebildet und volksverhetzende Inhalte verbreitet zu haben

„Uns war natürlich schnell klar, dass ein fremdenfeindlicher Hintergrund nicht auszuschließen ist“, sagt Schönherr. „Wir haben dann sofort die ‚Soko Container’ eingerichtet.“ Zu dieser Truppen gehören 75 Leuten, die nach Angaben der Verantwortlichen mit Hochdruck an der Lösung des versuchten Anschlags arbeiten. „Und natürlich haben wir auch Verbindungen zum Verfassungsschutz aufgenommen, um da mögliche Hintergründe ausleuchten zu können“, versichert der Staatsanwalt. Aber er wird nicht müde zu betonen, dass es keine vorschnellen Urteile gefällt werden sollten. Schönherr: „Wir ermitteln in alle Richtungen!“ In Betracht müsse zum Beispiel auch gezogen werden, dass der Angriff nicht den Flüchtlingen, sondern einem oder mehreren Mitgliedern der Security-Firma geholten hat, die in der Einrichtung für die Sicherheit sorgen soll. Schließlich sei die Handgranate direkt neben dem Container gefunden worden, wo die drei Sicherheitsleute sich in der Nacht aufgehalten haben.

Großer Druck der Öffentlichkeit

Rolf Straub, Leiter der „Sonderkommission Container“ unterstrich bei der Pressekonferenz in Villingen, dass die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und damit die Erwartungshaltung, schnell Ergebnisse zu liefern, enorm hoch sei. Er räumte ein, dass die Ermittlungen natürlich den „Schwerpunkt fremdenfeindliche Tat“ hätten. Straub darf natürlich nicht viel verraten, aber er erklärte, dass „die Nachbarschaftsbefragung einige Hinweise erbracht hat, denen wir nachgehen können“. Allerdings sei es noch zu wenig, um gezielt auf Gruppen oder einzelne Personen zuzugehen. Aber, so gab er zu bedenken, befinde man sich schließlich erst ganz am Anfang der Ermittlungen.

Die meisten Anwohner haben von dem versuchten Anschlag auf die Flüchtlinge offensichtlich nichts mitbekommen. „Erst als ich heute am Morgen die Absperrungen und die vielen Polizisten gesehen habe, war mir klar, dass etwas passiert sein muss“, sagt ein alter Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Wie er sagt, wohnen rund um die ehemalige französische Kaserne viele Aussiedler aus Russland und der Ukraine. „Wir wissen, wie schlimm es ist, seine Heimat zu verlieren“, fährt der Greis fort, erklärt dann aber im selben Atemzug, dass „das mit den vielen Flüchtlingen so nicht weiter gehen kann“. Was das heißt, kann oder will er nicht sagen, gibt dann aber zu, dass es bisher in Villingen mit den Flüchtlingen überhaupt keine Probleme gegeben habe.

Hoffnungslosigkeit wird zu Hass

Schon wieder ein Anschlag, schon wieder müssen unschuldige Menschen sterben. Dieses Mal hat sich ein Selbstmordattentäter in einem beliebten Touristenviertel in der Altstadt von Istanbul in die Luft gesprengt. Mindestens zehn Menschen wurden getötet, darunter viele Ausländer. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagt, die Spur des Attentäters führe nach Syrien.

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Das Ziel der Attentäter

Attentate auf Urlaubsziele verursachen nicht nur einen immensen wirtschaftlichen Schaden für die Reiseveranstalter und die Händler vor Ort, sie haben auch einen hohen symbolischen Wert. Es ist die Zeit, in der die Menschen Sorglosigkeit und Entspannung suchen, doch Terroristen säen Tod und Verderben.

Über das Ziel der Terroristen herrscht kein Zweifel. Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten, sie wollen, dass wir unsere Freiheit einschränken, sie wollen damit unsere demokratische Gesellschaft ins Mark treffen. Das dürfen wir nicht zulassen.

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Hier ist der Hinweis des Auswärtigen Amtes und hier geht es zur Seite des Auswärtigen Amtes:

„Am späten Vormittag des 12. Januar ist es auf dem At Meydani in der Innenstadt von Istanbul zu einer Explosion gekommen. Dabei sind auch Menschen zu Schaden gekommen. Reisenden in Istanbul wird dringend geraten, Menschenansammlungen auch auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen vorläufig zu meiden und sich über diese Reisehinweise und die Medien zur Lageentwicklung informiert zu halten.“

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Hilft mehr Polizei?

Der Ruf nach schärferen Überwachungsgesetzen – nach mehr Polizeistaat – wird nun auch in Deutschland wieder laut werden. Dieser Reflex ist verständlich, doch das hieße, den Terroristen nachzugeben. Sie wollen, dass wir aus Angst vor weiteren Anschlägen unsere Freiheit selbst von ihnen aushöhlen.

Natürlich muss die Polizei ihre Arbeit erledigen – angesichts der immer vielfältiger werdenden Aufgaben ist das für die Beamten aber kaum mehr möglich. Hier muss angesichts der aktuellen Entwicklung von der Politik nachgebessert werden. Die Demokratie muss zeigen, dass sie sich auch wehren kann.

Das aktuelle Beispiel in Istanbul zeigt, dass es trotz des massiven Einsatzes der Polizei praktisch nicht möglich ist, alle Anschläge zu verhindern. Kaum ein anderes Land in Europa hat ein so gut ausgebautes Überwachungssystem wie die Türkei. Es muss also sehr viel mehr für die Prävention getan werden, die Wurzel des Übels muss bekämpft werden. Das heißt, es ist sehr genau zu analysieren, woher die Täter kommen und weshalb sie zu Terroristen werden.

Die meisten dieser Menschen werden getrieben von Hoffnungslosigkeit, die irgendwann in Hass umschlägt.

Keine Unstützung für Diktaturen

Wer Diktaturen unterstützt, unterstützt die Hoffnungslosigkeit. Im Arabischen Frühling hat sich dieser Zorn des Volkes nach innen entladen und Regime in den Abgrund gerissen. Naiv war zu glauben, dass sich die Demokratie in der Region ohne Geburtswehen ausbreiten wird. Es wird noch lange dauern, bis sich die Staaten wieder stabilisiert haben. Falsch aber ist es, deshalb neue Diktatoren – wie im Moment in Ägypten – vorbehaltlos zu unterstützen, nur weil sie für den Moment Stabilität verheißen.

Der Westen muss gezielt Druck auf die Regierungen ausüben, damit sie sich in Richtung Demokratie und freier Wirtschaft entwickeln. Aber: Blaupausen kann es nicht geben! Der Westen muss auch akzeptieren, dass sich eine „arabische Gesellschaft“ in gewisser Weise von einer „europäischen Gesellschaft“ unterscheiden kann. Die arabischen Staaten müssen – unterstützt vom Westen – ihren eigenen Weg in Richtung Freiheit und Demokratie finden. Gelingt das, wird das Volk auch wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft schöpfen.

 

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Hier noch eine Infobox zum Stadtteil Sultanahmet, wo der Anschlag stattfand:

Der Stadtteil Sultanahmet in Istanbul gilt als eines der beliebtesten Ausflugsziele in der Türkei für Touristen aus aller Welt. Benannt ist er nach Ahmet I., der als Sultan von 1603 bis 1617 über das Osmanische Reich herrschte. Das Altstadtviertel liegt auf einer Halbinsel im europäischen Teil Istanbuls. Hier befand sich auch das Zentrum des historischen Konstantinopels. In der Nähe des zentralen Sultanahmet-Platzes stehen mit der Blauen Moschee, der Hagia Sophia und dem Topkapi-Palast die bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Auf dem Platz steht auch der Deutsche Brunnen, der im Andenken an einen Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. in Istanbul im Jahre 1898 errichtet wurde. 1985 erklärte die Unesco das Viertel zum Weltkulturerbe.

Türkische Gemeinde warnt nach Anschlag vor Gewalt auch in Deutschland

Der Anschlag von Ankara hat die Spannungen in der Türkei verschärft, wo in knapp drei Wochen Neuwahlen anstehen. Droht der Konflikt nun auch auf Deutschland überzugreifen?

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Parallelen zur Türkei

Nach  dem  schweren Attentat in Ankara hat die Türkische Gemeinde vor Gewaltakten in Deutschland gewarnt. Die Stimmung zwischen Kurden und nationalistischen Türken sei aufgeheizt, sagt der Vorsitzende der Interessenvertretung, Gökay Sofuoglu. „Auch bei friedlichen Demonstrationen suchen vor allem junge Leute die Konfrontation mit der anderen Seite.“ Sofuoglu sieht eine eindeutige Parallele zu der politischen Entwicklung in der Türkei. Die Polarisierung habe auch in Deutschland begonnen, als Recep Tayyip Erdogan Staatspräsident wurde.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde beobachtet schon seit einiger Zeit, dass sich zwei Gruppierungen gebildet hätten. Auf der einen Seite stünden die sogenannten Osmanen in Deutschland. Sie sehen sich selbst als Verteidiger des Türkentums. Auf kurdischer Seite hätten sich die Apo-Anhänger organisiert. „Apo“ ist die Abkürzung für Abdullah Öcalan, den inhaftierten Führer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Beide Gruppen seien zwar noch immer in der Minderheit, aber sehr gewaltbereit.

Kein Problem der Integration

Ein Integrationsproblem der Jugendlichen sieht Sofuoglu, im Hauptberuf Sozialarbeiter, nicht. „Diese jungen Leute sind integriert, sie sind in Deutschland geboren, haben einen Job und sind auf ihre Weise Teile der Gesellschaft.“ Was diese jungen Kurden und Türken suchen würden, sei eine Idee, mit der sie sich identifizieren könnten. Sofuoglu vergleicht diese Entwicklung mit der Radikalisierung in salafistischen Kreisen in den vergangenen Jahren. Auch dort habe man lange ignoriert, dass es immer mehr Jugendliche in Deutschland gebe, die bereit sind, die frühislamischen Ordnungsvorstellungen auch mit Gewalt durchzusetzen.

Angesichts dieser bedenklichen Entwicklung hatten die Türkische Gemeinde und die Kurdische Gemeinde in Deutschland schon Anfang September Türken und Kurden in einer gemeinsamen Erklärung dazu aufgerufen, den Konflikt nicht nach Deutschland zu tragen. „Politische Probleme müssen politisch gelöst werden. Gewalt jeglicher Art kann keine akzeptable Lösung bei Konflikten sein, weder in der Türkei noch in Deutschland“, heißt es in den Aufruf. Gökay Sofuoglu fordert, dass sich Parteien und Verbände gerade in dieser spannungsgeladenen  Situation sehr deutlich von der Gewalt distanzieren. „Wir sind nach dem Attentat natürlich alle bestürzt, aber gerade jetzt brauchen wir Stimmen der Vernunft, die die Emotionen kontrollieren.“

Einen unguten Einfluss hätten in diesem Fall die sozialen Medien im Internet, beobachtet Gökay Sofuoglu. Dort seien wüste Beschimpfungen der politischen Gegenseite an der Tagesordnung. Zudem werde sehr schnell von allen Seiten zu Demonstrationen aufgerufen die gar nicht genehmigt sind.