Das Baguette – eine Gefahr für Leib und Leben?

Das legendäre französische Stangenbrot schmeckt lecker, hat unter Ernährungswissenschaftlern allerdings einen eher zweifelhaften Ruf

 

19.12.30-Baguette

Zu viele Baguettes können der Gesundheit abträglich sein. 

Die Baguette sind ein Stück Lebensgefühl

Das Baguette gehört zum Leben eines Franzosen wie die Luft zum Atmen. Kein Frühstück ohne dieses typische Weißbrot, das natürlich auch zu allen anderen Mahlzeiten gereicht wird. Doch in diesem Tagen machen beängstigende Meldungen die Runde. In einem Bericht der Tageszeitung „Le Parisien“ wird sogar davor gewarnt, zu viel Baguette zu essen und im Laufe der Lektüre entsteht der Eindruck, der Genuss dieses für Frankreich so typischen Brotes führe geradewegs ins Grab. Wortführer der Baguette-Kritiker ist Réginald Allouche. Der Arzt ist Autor einiger populär-medizinischer Bücher und hat sich in Frankreich einen Namen gemacht als hartnäckiger Kämpfer gegen Übergewicht und Diabetes.

Der Genuss eines Baguette schlägt auf die Leber

Er schreibt, das Lieblingsbrot der Franzosen werde aus Mehl hergestellt, das einen plötzlichen Anstieg des Glukosespiegels im Blut verursache. Die Insulinproduktion durch die Bauchspeicheldrüse werde angekurbelt, was bei manchen Menschen langfristig das Risiko für Diabetes, Fettleibigkeit und Leberüberlastung stark erhöhen könne. Damit nicht genug: ein Baguette liefere dem Körper keine Ballaststoffe und sei für das wichtige Gleichgewicht der Darmflora eher schädlich. Ganz zu schweigen von den nicht-natürlichen Zutaten, die beim Backen sonst noch beigemengt werden. Das Urteil des Arztes ist vernichtend: Das normale Baguette „heißt Brot, es hat die Form von Brot, aber es ist etwas Anderes“.

Der Kenner setzt auf Tradition

Jedem Franzosen müsste nun der Bissen im Halse stecken bleiben. Doch Réginald Allouche kann seine Landsleute beruhigen, denn es gibt einen kulinarischen Ausweg: das „pain de tradition française“. Auch das ist ein Baguette, das allerdings auf althergebrachte Weise zubereitet wird. Der Teig wird nicht tiefgekühlt, als natürliche Treibmittel sind nur Hefe oder Sauerteig erlaubt und es enthält keine chemischen Zusätze wie Geschmacksverstärker oder Konservierungsmittel.
Die Franzosen können also aufatmen und weiter ihr geliebtes Baguette genießen. Und für das Wohl ihrer Bauchspeicheldrüse und der Darmflora sind sie sicher bereit, in der Boulangerie ein paar Cent mehr für ein „pain de tradition française“ auszugeben.

Ein Blick in die Seele Frankreichs

Der Kauf eines Baguettes ist für die Franzosen ein fast archaischer Akt – inklusive einer kleinen Reise in die eigene Kindheit. Eine kleine Betrachtung zu einem Kulturgut. 

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19.12.30-Baguette

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Das letzte verbliebe Symbol einer Nation

Das Baguette ist das letzte Symbol Frankreichs. Zugegeben, im Rennen sind noch Baskenmütze und Gauloise, beides ist inzwischen aber zur cineastischen Folklore verkommen. Nicht einmal mehr die alten Männer in den verstecktesten Dörfern der Pyrenäen tragen die typische Kopfbedeckung und das Rauchen ist in Paris inzwischen nicht nur in den Restaurants, sondern auch in den öffentlichen Parks verboten. Das Baguette aber gibt es noch immer.

Der Grund dafür ist sehr einfach: die Beziehung zum Baguette ist den Franzosen tief in den genetischen Code eingraviert. Ehen können scheitern – die Liebe zum Baguette vergeht nie. Wer einen Beweis dafür sucht, der muss die Franzosen in einer typischen Boulangerie beim Kauf eines Baguettes beobachtet. Da wird nicht einfach Geld gegen Brot getauscht, der Kauf eines Baguettes ist eine Art archaischer Akt. Selbst gestandene Männer werden für einen Augenblick zu Kindern mit leuchtenden Augen.

Ein Sturzbach von Glückshormonen

Man kann als Außenstehender nur ahnen, welche Botenstoffe in diesem kurzen Moment in einem französischen Gehirn ausgeschüttet werden – das Glückshormon Dopamin ist 19.12.30-Baguettes-neuimagesauf jeden Fall in Sturzbächen dabei. Allein der Gang über die Schwele einer Bäckerei muss eine Art Flashback in die Kindheit sein – ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für einen Franzosen. Eine Erinnerung an schöne Tage, als man in kurzen Hosen an der großen, rauen Hand des Vaters am Samstagmorgen die Boulangerie an der Ecke betritt, diesen wunderbaren Geruch einatmet, die freundlichen Frauen hinter der Theke lächeln sieht, sich einreiht in die Schlange und es kaum erwarten kann, endlich dieses noch warme Stück französische Lebensart liebkosend in den Armen zu halten.

Die Männer, das schwache Geschlecht

Auffallend ist, dass vor allem Männer dieser selige Gesichtsausdruck überfällt, wenn sie ein Baguette überreicht bekommen. Frauen neigen in diesem Fall wohl eher zum Pragmatismus. Und:  je älter die Männer, desto größer scheint diese sehnsuchtsvolle Erinnerung an die Kindheit zu werden.

Der eigentliche Höhepunkt folgt allerdings erst nach dem Kauf des Baguettes, es scheint wie ein fast ekstatischer Akt: viele Franzosen brechen die Spitze des Brotes ab und stecken sie sich noch in der Boulangerie voller Genuss und selig lächelnd in den Mund. Manchen versagt der Schritt und sie bleiben kurz stehen, mit einem verklärten Gesichtsausdruck. Dann aber ist dieser kurze Ausflug in die Kindheit jäh vorüber und es heißt Abschied nehmen. Auf der Straße wartet die harte Realität. Doch irgendwie beschwingt geht er dahin, dieser beneidenswerte Mensch, ohne Baskenmütze auf dem Kopf und ohne Gauloise im Mundwinkel – aber das Baguette unter den Arm geklemmt und glücklich, ein Franzose zu sein.