In Paris kämpfen die Bistros ums Überleben

Die legendären französischen Cafés haben bereits schwere Monate hinter sich, nun droht vielen in der Corona-Krise das Aus.

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Das ist keine Kunst – das Bistro in Paris ist wegen Corona geschlossen

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Gestapelte Stühle hinter verschlossenen Türen

Es ist ein trauriger Anblick. Auf dem Place Saint-Piere am Fuß des Montmartre in Paris, wo an schönen Tagen fast rund um die Uhr das Leben pulsiert, ist keine Menschenseele zu sehen. Im Café „Le Ronsard“ sollten eigentlich entspannte Besucher in der milden Frühlingssonne schon am frühen Morgen ein Frühstück mit Blick auf die malerische Kirche Sacré-Coeur genießen – doch das sind Erinnerungen aus Vor-Corona-Zeiten. Die Realität sieht anders aus, an allen Geschäften rund um den Platz sind die schweren Eisengitter heruntergelassen. Die Terrassen sind leer, hinter den großen Glasfenstern der Bistros stapeln sich die Stühle.

Der Tag, an dem die Katastrophe begann, ist genau zu datieren: es ist der 14. März. Damals verkündete Frankreich Regierung im Kampf gegen die Pandemie eine rigide Ausgangssperre, alle gastronomischen Betriebe mussten von einem Tag auf den anderen schließen. „Von den weit über 200.000 Bistros und Restaurant im Land sind 95 Prozent zu“, klagt Roland Héguy, Präsident des französischen Hotel- und Gaststättenverbandes UMIH. „Rund fünf Prozent haben noch geöffnet und versuchen sich mit einem Lieferservice über Wasser zu halten – aber die machen meist auch nur zehn Prozent des normalen Umsatzes.“
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Kein Datum für die Öffnung der Bistros

Viele Bistro-Betreiber befürchten inzwischen, nicht wieder auf die Beine zu kommen. Der Grund: es ist nicht abzusehen, wann sie ihre Lokale wieder öffnen können. Zwar sollen in Frankreich die Ausgangssperren ab dem 11. Mai wieder gelockert werden, das gilt aber nicht für das Gastgewerbe. „Man hat uns jegliche Hoffnung geraubt“, sagt Roland Héguy, räumt aber im selben Atemzug ein, dass es schwierig ist, Regelungen für ein Gewerbe zu finden, das vom Kontakt zu Menschen lebt.

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Die Wirte hoffen, dass sie bald ein Datum bekommen, wann sie die Bistros wieder öffnen können

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Vor allem die Bistros in Paris ist es nicht der erste Rückschlag, sie arbeiten seit weit über einem Jahr im Krisenmodus. „Uns hat es besonders schwer getroffen“, erzählte ein Kellner im Bistro „L’Esmeralda“ schon Anfang März, kurz vor dem völligen Corona-Shutdown und ahnte damals wohl, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht sein könnte. Viele Bistros in der Hauptstadt hätten schon unter den monatelangen Protesten der Gelbwesten schwer gelitten, als Paris an manchen Tagen wegen der vielen Krawallmacher unter den Demonstranten bisweilen einer belagerten Stadt glich. „Angesichts der Bilder von brennenden Barrikaden und Straßenkämpfen haben sich viele Touristen nicht mehr nach Paris getraut“, sagte der Kellner.

In Paris ist die Situation besonders schwer

Der zweite schwere Schlag für das „L’Esmeralda“, das am Quai aux Fleurs unmittelbar neben der Kathedrale Notre-Dame liegt, kam am 15. April. In jener Nacht wurde die Kirche durch ein verheerendes Feuer beinahe zerstört. Schon nach wenigen Tagen konnte das Bistro wieder öffnen, doch die Gäste blickten danach von der Terrasse nicht mehr auf das gotische Wunderwerk, sondern auf einen hässlichen Metallzaun, hinter dem gerade noch die Turmspitzen der Kirche zu sehen sind. Die Proteste gegen die umstrittene Rentenrefom der Regierung im vergangenen Winter, die den Umsatz weiter in den Keller getrieben haben, vergisst der Kellner fast zu erwähnen. Damals kamen schon weniger Touristen aus China – auch das ein erstes Anzeichen der sich ausbreitenden Corona-Pandemie, die Frankreich mit ganzer Wucht getroffen hat. Das Land zählt neben Italien und Spanien zu den am schwersten betroffenen Ländern in Europa.

Die Besitzer rufen den Staat um Hilfe

Viele der kleine Bistro-Besitzer rufen nun den Staat um Hilfe. Die Regierung hat angekündigt, fällige Gebühren, Steuern und Sozialabgaben in Höhe von fast 750 Millionen Euro zu streichen. Roland Héguy ist das aber zu wenige und er fordert einen Solidaritätsfonds, der den Betreibern zum Beispiel bei Mietzahlungen unter die Armen greift. „Wenn nicht schnell Maßnahmen ergriffen werden, werden bis zu 50.000 Bistros pleitegehen“, prophezeit der UMIH-Präsident.

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Die Wirte sind zum Überleben aus staatliche Hilfe angewiesen

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Die Bistro-Besitzer versuchen sich allerdings auch selbst zu helfen. So wurden in diesen Tagen in Zusammenarbeit mit großen Unternehmen wie Pernod Ricard, Heineken, Kronenbourg oder Lavazza die Internetseiten „J’aime mon bistrot“ und „Bar solidaire“ freigeschaltet. Dort kann man bei seinem Lieblingsbistro Gutscheine für Getränke oder Essen kaufen und diese dann nach dem Ende der Ausgangssperre einlösen. Die beteiligten Großunternehmen steuern zu dem Verkaufswert noch einmal 50 Prozent hinzu. Wenn also jemand für 10 Euro Wein kauft, erhält der Wirt 15 Euro. In Frankreich seien die Bistros ein unverzichtbares Kulturgut, schreiben die Macher von „J’aime mon bistrot“, dieser Teil der Heimat müsse erhalten werden.

Kleine Ergänzung!

Oder man macht es wie in Amsterdam!

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Frankreich kämpft gegen das Bistro-Sterben

In Frankreich schließen immer mehr der legendären Cafés. Innerhalb eines halben Jahrhunderts ist die Zahl von einst 200.000 auf weniger als 40.000 geschrumpft. Präsident Macron hat nun einen Rettungsplan in die Wege geleitet.

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Der sehr gewagte Schritt einer jungen Frau

Die französische Tageszeitung „Le Monde“ hat den Blick in der Regel auf die ganz große Politik in der weiten Welt gerichtet. Doch wegen der Eröffnung des kleinen Bistros La Fine Mousse in Verneuil-Moustiers ist ein Reporter sogar aus dem fernen Paris in die allertiefste Provinz gereist. Gerade einmal 130 Menschen wohnen in dem Flecken im Département Haute-Vienne im Westen Frankreichs. Umgeben ist das kleine Dorf von mehreren Naturparks, will heißen: die Chance bei einem Streifzug durch die Region auf einen Wolf zu treffen ist wahrscheinlich größer, als einem Menschen zu begegnen. Zusätzlich interessant ist das neue Bistro auch deshalb, weil die erst 19 Jahre alte Laureen Foulon als neue Besitzerin ganz und gar nicht dem landläufigen Klischee des etwas bärbeißigen, aber dennoch leutseligen Kneipenwirts entspricht.

Die Zahl der Bistros sink rapide

Vier Jahre habe das Bistro in Verneuil-Moustiers zwischen Kirche und Rathaus leer gestanden, erzählt die jungen Frau, die sich bei ihrem kleinen Abenteuer durchaus bewusst ist, dass in Sachen Rentabilität die Statistik gegen sie spricht, denn Frankreich leidet unter einem Massensterben seiner ikonischen Bistros. Innerhalb eines halben Jahrhunderts ist die Zahl der Cafés von einst 200 000 auf weniger als 40 000 geschrumpft.

Doch die Bistros sind längst ein Kulturgut, weshalb sich nun allerhöchste Stellen eingeschaltet haben. Der französische Präsident Emmanuel Macron persönlich hat eine Rettungsaktion gestartet. Er will 1000 neue Cafés schaffen oder alte wiederbeleben. 150 Millionen Euro sollen dafür investiert werden. Im Fokus sind die abseits gelegene kleine Dörfer, in denen die Schließung von Cafés besonders schwer wiegt, weil sich den Einwohnern kaum andere Möglichkeiten für soziale Kontakte bieten.

Ein Fonds zur Rettung der Bistros

An der Spitze der Aktion steht Jean-Marc Borello, Chef der gemeinnützigen Organisation SOS mit einem jährlichen Umsatz von einer Milliarde Euro. Für ihn ist die Rettung der Cafés nicht nur eine soziale Mission. Er will damit auch auf den Frust und den Zorn der Menschen in Teilen des Landes antworten, die fernab des Lichterglanzes von Paris leben und sich abgehängt fühlen.

Und hier offenbart sich der Grund für die Bistro-Initiative des französischen Präsidenten. Seit einem Jahr demonstrieren Menschen in gelben Weste im ganzen Land dagegen, dass in der Provinz die Schulen und Krankenhäuser schließen, die Busse zu selten fahren, Jobangebote fehlen und es zu wenige vernünftige Freizeitangebote gibt. Die Rettung von Cafés könne diese Probleme natürlich nicht lösen, räumt Jean-Marc Borello ein. Aber es sei ein kleiner Schritt, die soziale Isolation zu bekämpfen.

Die Bistros sollen zusätzliche Dienste anbieten

Zudem sollen die neuen Einrichtungen nach seinen Vorstellungen erweiterte Versionen der traditionellen französischen Bistros sein. Neben den üblichen Getränken, Snacks und Wettscheinen könnten sie etwa auch tägliche Notwendigkeiten wie Brot und andere Grundnahrungsmittel bieten oder auch Internetzugang und Postdienste.

Laureen Foulon bekam bei ihrem Start in Verneuil-Moustiers allerdings keine Hilfe vom Staat, sondern von den Eltern, die beim Renovieren halfen. Ihr Onkel Jean-Luc steuerte seinen Billardtisch bei und Oma Thérèse einen ganzen Koffer voller Geschirrtücher. 200 Menschen waren bei am Abend der Einweihung vor einigen Wochen dabei, Laureen Foulon sieht das als gutes Omen.