Zersplitterte Opposition in Russland

Tausende Menschen haben in Moskau an einem Trauermarsch für den ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow teilgenommen. Doch im Grunde war es eine Demonstration der Putin-Gegner – und zeigte die Schwäche der Opposition.

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Die Hintergründe bleiben im Dunkeln

Von den Tausenden Demonstranten glaubt eigentlich niemand an die offizielle Version, nach der fünf Tschetschenen hinter dem Mord an Nemzow stecken sollen. Gegen die Männer läuft ein Prozess. Selbst wenn es zu einer Verurteilung kommen sollte, würden die wahren Hintergründe der Tat aber im Dunkeln bleiben, sind sich die Menschen sicher. Nemzows Angehörige und Unterstützer vermuten, dass der Mord von höchster Stelle geplant worden sei und etwa der kremltreue Machthaber in der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, die Tat angeordnet habe.

Eine zersplitterte Opposition

Der Mord an einer der Galionsfiguren der zersplitterten russischen Opposition traf Aktivisten und Kritiker 2015 schwer und schwächt sie bis heute. Zwar waren sie schon zuvor systematisch an den Rand der politischen Existenz gedrängt worden, doch nun verfielen sie in eine Art Schockstarre. „Die russischen Demokraten haben ihren erfahrensten Anführer verloren“, sagt der Journalist Michail Fischman in einem Interview anlässlich einer Dokumentation über Nemzow.
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Der kleinste gemeinsame Nenner

Der Reformer Nemzow, der selbst einst als Vizeregierungschef unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin zum politischen Establishment gehörte, hatte viele Anhänger. Der 55-Jährige konnte zwar nicht für alle Oppositionellen den kleinsten gemeinsamen Nenner bilden, sagen seine einstigen Mitstreiter. „Er konnte aber besser als andere verhandeln und Kompromisse finden“, meint Fischman. Die Opposition ist führungslos. „Die Protestbewegung könnte heute viel besser agieren, wäre Nemzow noch am Leben“, ist sich der Journalist sicher.

Keine Chance gegen Putin

Gut ein Jahr vor der Präsidentenwahl im März 2018 sehen viele Kritiker keine Chance für eine Wende. Präsident Wladimir Putin hat zwar noch nicht gesagt, ob er wieder antritt, aber die Russen rechnen fest damit.

Nawalny als Hoffnungsträger

Die Demonstranten in Moskau sehen den Oppositionellen Alexej Nawalny als Hoffnungsträger für die nächste Wahl. Auch er, der wohl derzeit prominenteste Oppositionelle, ist unter den Demonstranten, an seiner Seite ist seine Frau. Erst vor wenigen Wochen wurde er zum zweiten Mal in einem international kritisierten Prozess zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Viele Russen bezweifeln, dass er 2018 überhaupt kandidieren darf. Trotzdem lacht und winkt er den Demonstranten freudestrahlend zu. Dass Nawalny nicht mal einen Hauch einer Chance hätte, ist allen klar.

Die Angst geht um

Seit dem Mord an Nemzow geht unter Oppositionellen eine Angst um, wer als nächstes ausgeschaltet werden könnte. Erst Anfang Februar lag der Journalist und Nemzow-Vertraute Wladimir Kara-Mursa wegen einer schweren Vergiftung auf der Intensivstation. Die Umstände sind noch nicht geklärt. Bereits 2015 überlebte der Kremlkritiker nach eigenen Angaben nur knapp eine Vergiftung.

Doch die Menschen in Russland wollen nicht aufgeben. Zum Symbol für ihren Kampf ist längst die Brücke geworden, auf der Nemzow erschossen wurde. Seit knapp 730 Tagen halten dort eine handvoll Menschen eine Art Mahnwache. Immer wieder kommen Polizisten und nehmen alle Kerzen und alle Blumen mit –  aber nach jeder Aktion legten die Menschen noch mehr Blumen hin.

Zhanna Nemzowa mit eigener Sendung

Die Deutsche Welle  bietet eine neue wöchentliche Sendung im russischen Fernsehangebot. Unter der Überschrift „Nemtsova.Interview“ spricht die Journalistin Zhanna Nemzowa, Tochter des 2015 ermordeten russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow, mit Persönlichkeiten aus Politik und Kultur, die einen engen Bezug zu Russland haben, wie die DW mitteilte.

 

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Der erste Gast ist Boris Akunin

Talkgast der ersten Ausgabe, die am Dienstagabend auf der Internetseite dw.com/nemtsova ausgestrahlt werden sollte, war der russische Schriftsteller und Putin-Kritiker Boris Akunin. Hier geht es zur Mitteilung der DW.

Der seit 2014 in London lebende Autor, dessen realer Name Grigori Tschchartischwili lautet, erläuterte im Interview der Deutschen Welle die Gründe für sein Leben im Exil: „Ich bin fest davon überzeugt, dass die aktuellen politischen Machthaber mein Heimatland in den Untergang führen, deswegen betrachte ich sie als meine Feinde.“ Akunin sagte weiter:

 

„In Russland hat sich alles verändert nach den Ereignissen in der Ukraine im Jahr 2014. Wladimir Putin hat eine Entscheidung getroffen, die man nicht rückgängig machen kann. Für Russlands Position in der Welt bedeutet das eine zunehmende Isolation des Landes, und in Russland bedeutet das für ihn Regieren auf Lebenszeit. Ein Rücktritt ist unmöglich.“

 

In früheren Interviews hatte Akunin die Frage, ob er Putin für korrupt halte, verneint. Jetzt sagte er:

 

„Putin durchläuft eine Evolution. Man braucht eine krankhafte Gier, um Milliarden zu ‚schlucken‘. Korruption bedeutet aber nicht ausschließlich Diebstahl. Korruption ist der Verfall eines Staatssystems auf unterschiedlichste Art und Weise. Wenn man seinen Freunden Privilegien gewährt, ist das Korruption. Wenn man Personen deckt, mit denen man sympathisiert, damit sie nicht für ihre Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden, ist das Korruption. Wenn man einen Schattenhaushalt führt, ist das Korruption.“

 

Die 32 Jahre alte Zhanna Nemzowa ist seit August 2015 Reporterin in der Russisch-Redaktion der DW in Bonn. Ihre journalistische Laufbahn begann die Wirtschaftswissenschaftlerin beim russischen TV-Sender RBC, wo sie Sendungen moderierte und Vertreter aus Wirtschaft und Politik interviewte. Einige Monate nach der Ermordung ihres Vaters im Februar 2015 zog sie nach Deutschland.