Paris findet seine Lebensfreude wieder

In ganz Frankreich dürfen in der Corona-Krise Cafés und Restaurants nun wieder öffnen – in Paris allerdings unter erschwerten Bedingungen.

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20.06.02-bistro

Die Kellner haben wieder alle Hände voll zu tun

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Ende der strikten Corona-Beschränkungen

Punkt Mitternacht klingen im Royal Cambronne die Gläser. Die Gäste in dem vollbesetzen Café im 15. Arrondissement von Paris begießen mit großem Hallo das Ende einer 80 Tage dauernden Leidenszeit. So lange waren Bistros und Restaurants in Frankreich wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Seit Dienstag dürfen die Wirte unter strengen Auflagen wieder ihre Kundschaft bedienen. „Ich hätte nie geglaubt, dass mir der Besuch im Bistro so sehr fehlen würde“, gesteht Catherine Philippe, ein junge Bankangestellte, die sich in der Vor-Corona-Zeit fast jeden Abend noch kurz auf ein Glas mit ihren Freunden getroffen hatte.

Gute Stimmung im Royal Cambronne

Im Royal Cambronne ist in dieser lauen Juni-Nacht allerdings nur die Außenterrasse geöffnet, denn Paris gilt in Sachen Corona weiter als Risikogebiet, weshalb die Innenräume der Bistros noch mindestens für drei Wochen tabu sind. Im Rest von Frankreich reicht es, wenn die Betreiber der Gaststätten in den Lokalen selbst den vorgegebenen Sicherheitsabstand von einem Meter zwischen den Tischen einhalten – und natürlich ist das Tragen von Masken für das Personal Pflicht.

Anne Hidalgo interpretiert die Regeln

Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, ist allerdings bekannt für ihre Kreativität und Durchsetzungskraft. Kaum hatte der konservative französische Premier Édouard Philippe vergangene Woche die besonderen Einschränkungen der Corona-Regelungen im Fall von Paris verkündet, meldete sich die sozialistische Politikerin zu Wort. Natürlich könnten die Bistros in ihrer Stadt unter diesen Umständen die Terrassen vergrößern, erklärte Anne Hidalgo. Zu diesem Zweck ordnete sie an, einige kleine Straßen für den Autoverkehr zu sperren und vor allem Parkplätze vor den Lokalen den Wirten für Tische zur Verfügung zu stellen. Ihrer Ansicht nach gehören die typischen Cafés zum Stadtbild von Paris und sind eine Art Aushängeschild. „Ein Bistro – das ist für mich der Geruch von Kaffee und eines warmen Croissants“, schwärmte Anne Hidalgo in einem Interview mit der Tageszeitung „Le Parisien“.

 

Hidalgos Kampf gegen den Verkehr

Ähnlich forsch war die Bürgermeisterin vor einigen Wochen im Fall der in Paris umstrittenen Radwege vorgegangen. Während der Corona-Krise und dem damit zusammenhängenden drastischen Lockdown war der Autoverkehr in der Stadt dramatisch zurückgegangen, gleichzeitig stieg die Zahl der Radfahrer steil an. Also ordnete Anne Hidalgo praktisch über Nacht den zusätzlichen Ausbau des bestehenden Radnetzes um rund 50 Kilometer an. Dazu wurden auf einigen Hauptverkehrsadern den Autos rigoros ganze Fahrspuren abgezwackt. So können die Pedaleure nun etwa auf der wichtigen und vielbefahrenen Rue Rivoli angstfrei und bequem die halbe Innenstadt durchqueren.

Der Aufschrei bei den Automobilisten war groß, Anne Hidalgo beruhigte allerdings die Gemüter und versprach, dass die Maßnahme zeitlich begrenzt sei – was allerdings nicht alle glauben wollen. Kritiker werfen der 60-Jährigen Populismus vor, da sie bei solch spektakulären Aktionen vor allem ihre Wiederwahl in einigen Wochen im Auge habe. Schätzungen zufolge besitzt nicht einmal die Hälfte der Haushalte in Paris ein Auto, was den Einsatz von Anne Hidalgo für die Radwege, den Nahverkehr und die Ausweitung der Grünflächen in der Stadt zu Lasten der Autofahrer erklären würde.

Strenge Regeln für die Terrassen

Auch im Fall der aktuellen Ausnahmegenehmigungen für die Bistros scheinen ihr die Wählerstimmen nicht ganz egal zu sein. In der Millionenmetropole an der Seine gibt es nach Schätzung der Tageszeitung „Le Parisien“ rund 15.000 Cafés, Bars und Restaurants mit einer für Paris typischen Terrasse. Deren Besitzer sind natürlich voll des Lobes für die Anordnung der Bürgermeisterin, die Bewirtungsfläche auf der Straße auszuweiten.

Und auch die mehrere Tausend Restaurants, die keinen Außenbereich haben, können unter den aktuellen Umständen Gäste bewirten. Am Dienstag stellten eifrige Kellner bei strahlendem Sonnenschein und fast 30 Grad Tische und Stühle auf die breiten Gehsteige. Dabei müssen allerdings einige Regeln eingehalten werden. Das Mobiliar darf aus ästhetischen Gesichtspunkten keine Beleidigung für das Auge der Passanten darstellen. Und gespeist wird natürlich ebenfalls mit Stil – Einweggeschirr und Wegwerfbesteck sind verboten.