Das Ende des „Dschungels“

Es war noch einmal ein Akt der Würde und Trauer. Dutzende Flüchtlinge haben am letzten Gottesdienst in ihrer Behelfskirche im aufgelösten „Dschungel von Calais“ teilgenommen. Die kleine orthodoxe Kapelle ist eine der selbstgebauten Einrichtungen – darunter auch Moscheen, Schulen und Läden -, die Migranten in dem Lager errichtet hatten, als sie dort auf eine mögliche Überfahrt nach Großbritannien gewartet hatten.

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Das Endes des „Dschungels“

Die von der französischen Regierung angeordnete Räumung von 5000 Flüchtlingen aus dem Camp verlief weitgehend friedlich. 1500 unbegleitete Minderjährige wurden in Sondereinrichtungen in Calais gebracht. Viele von ihnen hoffen immer noch auf die Weiterreise nach Großbritannien, weil Familienangehörige bereits dort sind. Die Erwachsenen wurden auf Flüchtlingszentren in Frankreich verteilt.

Holland will keine neuen Camps

Nach der Räumung des Flüchtlingslagers von Calais hat der französische Präsident François Hollande solche Lager als inakzeptabel für Frankreich bezeichnet. „Wir werden keine Lager mehr hinnehmen“, sagte Hollande beim Besuch eines Aufnahmezentrums für Flüchtlinge im zentralfranzösischen Doué-la-Fontaine. Der sogenannte „Dschungel“ von Calais sei „nicht dessen würdig, was eine Aufnahme in Frankreich sein kann“, fügte Hollande hinzu.

 

Suche nach Lösungen

In der kommenden Woche will die französische Regierung eine Lösung für die rund 2000 Flüchtlinge finden, die in wenigen Tagen ihre Zelte auf einem Boulevard im Nordosten von Paris aufschlugen. Er habe mit der britischen Premierministerin Theresa May gesprochen, um eine Aufnahme für rund die 1500 Minderjährigen zu erreichen, die bei der Auflösung des „Dschungels“ von Calais angetroffen und in einem vorläufigen Aufnahmezentrum untergebracht wurden, sagte Hollande. Die britische Regierung erklärte, in den kommenden Wochen würden „mehrere hundert Kinder und Jugendliche“ von Calais aus nach Großbritannien gebracht.

Gebremste Barmherzigkeit in London

Die ersten 14 Flüchtlingskinder aus dem berüchtigten nordfranzösischen Flüchtlingscamp in Calais sind am Montag in Großbritannien eingetroffen. Die Teenager im Alter zwischen 14 und 17 Jahren wurden zunächst zu einer Einwanderungsbehörde gebracht, bevor sie von ihren Familien in die Arme geschlossen werden konnten. Einige dieser Wiedersehenstreffen waren in Kirchen geplant.

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Der Druck der Kirchen

Die britische Regierung hatte sich erst unter dem Druck Frankreichs, von Wohltätigkeitsorganisationen und ranghohen Kirchenvertretern bereit erklärt, unbegleiteten Minderjährigen aus Calais die Einreise zu erlauben. Auf diese warten dort meist bereits Familienangehörige.

Der Dschungel soll geräumt werden

Die französische Regierung will das auch als „Dschungel“ bekannte Camp, das die Dimension eines Elendsviertels angenommen hat, demnächst schließen. Der britische Labour-Abgeordnete Alf Dubs sagte, für alle Minderjährigen in dem Lager müsse eine Bleibe gefunden werden, bevor es abgerissen werde. Dubs, der 1939 mit dem „Kindertransport“ jüdischer Kinder aus der von Nazis besetzten Tschechoslowakei nach Großbritannien kam, sagte: „Kein Kind darf in dem Chaos des Abrisses zurückgelassen werden. Nach vorn schauend dürfen wir nie wieder eine Wiederholung von Calais zulassen.“

 

Keine Übereinkunft mit London

Es gebe aber keine Übereinkunft mit Großbritannien über ein umfassenderes Umsiedlungsprogramm, sagte ein Sprecher der Präfektur in Calais. Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve hatte Großbritannien aufgerufen, seiner „moralischen Pflicht“ nachzukommen und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit Verwandten im Vereinigten Königreich aufzunehmen.

 

 

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Nachtrag (19.10.2016):

Gericht bestätigt Räumung des Lagers

Ein französisches Gericht hat die geplante Räumung des Flüchtlingslagers im nordfranzösischen Calais gebilligt. Das Verwaltungsgericht der Stadt Lille lehnte am Dienstag einen Eilantrag von elf Hilfsorganisationen gegen die anstehende Auflösung des sogenannten Dschungels ab. Die Räumung des Lagers als solche sei kein Verstoß gegen das Verbot von „unmenschlicher und entwürdigender Behandlung“ von Menschen, argumentierte das Gericht. Vielmehr ziele die Auflösung des Lagers unter anderem darauf ab, eine solche Behandlung von Flüchtlingen zu beenden. Die französischen Behörden wollen das am Ärmelkanal gelegene Lager, in dem nach unterschiedlichen Angaben zwischen 6000 und 10.000 Flüchtlinge ausharren, bald räumen. Die Flüchtlinge sollen in Unterkünfte im ganzen Land verteilt werden.

Hollande markiert den starken Mann

Frankreichs Präsident François Hollande hat bei einem Besuch in Calais die endgültige Schließung des Flüchtlingscamps zugesichert. Die Regierung werde „diesen Weg zu Ende gehen“, sagte Hollande. Zweifel bleiben.

Ein Kommentar: 

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Unwürdigen sanitäre Bedingung im Flüchtlingslager von Calais.

 

Menschenunwürdige Bedingungen in Calais

Seit Jahren macht Frankreichs Präsident François Hollande einen großen Bogen um Calais. Der Staatschef wollte das Problem offensichtlich aussitzen. Doch das ist ihm nicht gelungen. Noch immer hausen viele tausend Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen am Rand der Nordfranzösischen Stadt. Von dort aus wollen sie illegal auf Zügen und Lastwagen den Ärmelkanal nach Großbritannien überqueren.

Hollandes Schwäche

Nun will Hollande Calais einen Besuch abstatten und Entschlossenheit demonstrieren. Noch vor dem Winter soll das Lager geräumt werden. Doch der Staatschef handelt nicht aus einer Position der Stärker heraus, er ist ein Getriebener. Im kommenden Jahr sind Präsidentschaftswahlen und Hollandes Beliebtheit dümpelt auf einem Tiefpunkt. Gleichzeitig sitzen ihm die Präsidentschaftskandidaten Marine Le Pen von der Rechtsaußenpartei Front National und Nicolas Sarkozy im Nacken. Beide lassen keine Gelegenheit aus, die Abwesenheit staatlicher Autorität“ in Calais anzuprangern. Die Flüchtlinge werden in diesem Fall von den Wahlkämpfern instrumentalisiert.

Sarkozy mit starken Worten

Doch gerade Ex-Präsident Sarkozy müsste wissen, dass eine Räumung des Lagers keine Lösung des Problems darstellt. Er selbst ließ vor einigen Jahren ein ähnliches Lager in Sangatte in der Nähe von Calais räumen. Doch die verzweifelten Flüchtlinge ließen sich nicht vertreiben, sie wichen aus und ließen sich einfach an anderen Plätzen in der Region nieder.

Reaktionen aus Paris

Zuletzt hat die Regierung in Paris reagiert und angekündigt, im ganzen Land Tausende neue Plätze in Asylbewerberunterkünften zu schaffen – auch, um letztlich das Flüchtlingslager in Calais auflösen zu können. Das könnte zumindest die menschenunwürdigen Zustände etwas verbessern, doch das Problem ist damit nicht gelöst. Denn für die meisten Flüchtlinge wollen nicht in Frankreich bleiben. Viele von ihnen haben in Großbritannien Verwandte und Freunde oder wollen von dort aus versuchen, weiter nach Kanada oder in die USA zu kommen. Die verzweifelten Menschen werden sich also weiter in der Region am Ärmelkanal sammeln. Die bittere Gewissheit ist: die Flüchtlinge werden  weiter kommen, solange sie durch Krieg und Hunger aus ihrer Heimat vertrieben werden.

Nachtrag:

Die Regionalzeitung „La Voix du Nord“ aus Lille kommentiert die Ankündigung des französischen Präsidenten François Hollande, das Flüchtlingslager von Calais bis Ende des Jahres zu schließen:

„Wie schon Nicolas Sarkozy in der vergangenen Woche hat François Hollande am Montag Calais besucht, aber er hat keinen Fuß in das Flüchtlingslager gesetzt. Das hätte ihm klar gemacht, wie unvernünftig sein Versprechen ist. Selbst wenn man davon ausgeht, dass alle Bewohner des Camps in Busse steigen und sich in die mehr als 160 Aufnahmezentren in ganz Frankreich umsiedeln lassen – was wird man mit den Flüchtlingen machen, die weiterhin kommen? All jene etwa, die derzeit noch an der italienischen Grenze festgehalten werden und für die Calais die letzte Station auf ihrer Reise in eine bessere Zukunft ist?“

Hier geht es zur „Voix Du Nord“

 

Nachtrag:

Das ist die Pressemitteilung des Europaparlaments, in dem die Abgeordneten am 04. Oktober 2016 über die Situation diskutiert haben. Außer leeren Forderungen nach einer nachhaltigen Lösung ist dabei allerdings wenig passiert:

 

Calais: MEPs demand solutions for migrants, truck drivers and local people

PLENARY SESSION Press release – Immigration04-10-2016 – 20:15

 The situation in and around the port town of Calais is untenable for everyone: migrants and asylum seekers living in the informal camps, truck drivers crossing to the British Isles and the local population, said MEPs in a plenary debate on Tuesday. Most urged the EU Commission, France and the UK to work together to find a long-term solution.

Many speakers pointed to the terrible conditions in the camp known as “the jungle” and showed special concern about the high number of unaccompanied minors in the area and the risks they face.

“We are aware of the situation”, Commissioner Dimitris Avramopoulos assured MEPs, stating that his aims are to ensure that the border functions properly, improve the management of  migration flows and guarantee better living conditions for migrants and asylum seekers.

Mr Avramopoulos welcomed the French government’s plans to dismantle  “the jungle” by the end of the year and encouraged the French and UK authorities to coordinate the work of their border and security forces to ease traffic flows and guarantee safety in the area.

 

Hier geht es zur Pressemitteilung

Schandmauern in Europa

Auf der ganzen Welt werden neue Zäune gebaut. Doch kaum jemand regt sich mehr darüber auf. Haben wir uns an die neue Politik schon gewöhnt? Ein Kommentator in der rumänischen Tageszeitung „Adevarul“ offensichtlich nicht. Er regt sich in einem Kommentar über die neuen Grenzzäune gegen Flüchtlinge in Europa auf.

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Der Kommentar:

„In diesem Jahr 2016 gibt es weltweit 65 bereits existierende oder geplante Trennzäune – gegenüber nur 10 im Jahr 1945 – mit einer Gesamtlänge von 40 000 Kilometern, also so lang wie der Umfang der Erde. Erinnert man sich noch daran, mit wieviel humanistischer Vehemenz wir Europäer zum Beispiel den Bau einer solchen „Schandmauer“ durch Israel verurteilt haben? An die Verurteilungsformeln, mit denen verschiedene westeuropäische Staaten zu Beginn der Flüchtlingskrise die eilig von Ungarn, Serben und Mazedoniern gebauten ersten Barrieren bedacht haben?

Warum sagt man diesen jetzt nicht mehr, dass dies Zeichen rückständiger Mentalitäten sind, aus dem kriminellen kommunistischen Totalitarismus ererbte Reaktionen? Unfähigkeit, den europäischen Geist zu verstehen? Mangel an Zusammenarbeit mit den europäischen Mechanismen für Krisenmanagement? Man sagt absolut nichts mehr. Es gibt nichts mehr zu sagen, denn nun scheint der Wettbewerb darin zu bestehen, wer die längsten Verteidigungsmauern baut.“

Hier geht es zum Kommentar in gesamter Länge

 

Passend zum Thema: Eine neue Mauer in Calais

An der Zufahrtsstraße zum Hafen von Calais soll nach britischen Angaben noch im September mit dem Bau einer vier Meter hohen Mauer begonnen werden, die Migranten von der Flucht nach Großbritannien abhalten soll. Im Rahmen des mit Frankreich vereinbarten Sicherheitspakets habe man gemeinsam schon einen Zaun errichtet, der Flüchtlinge abhalten soll, auf Lastwagen mit Ziel Großbritannien zu klettern, sagte der britische Migrationsminister Robert Goodwill vor Abgeordneten. „Und jetzt bauen wir die Mauer.“ Nach Angaben eines französischen Behördenvertreters soll der Bau bis Ende des Jahres fertiggestellt werden. Pläne vom Juli zeigen, dass die einen Kilometer lange Mauer an beiden Seiten der Straße aus glatten Betonwänden bestehen soll, um das Überklettern zu erschweren.

Hier geht es zu einer (nicht vollständigen) Auflistung und Beschreibung der Mauern in dieser Welt.

 

Ohne Hoffnung im Dschungel von Calais

Das Flüchtlingslager am Rand der französischen Hafenstadt Calais ist ein Schmelztiegel der globalen Krisenherde. Es ist auch ein Schandfleck Europas, doch  eine Lösung ist nicht in Sicht. 

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Die Menschen leben unter unwürdigen Bedingungen.

Die Flüchtlinge haben nur ein Ziel

Wenn die Nacht hereinbricht, kommt Bewegung in den „Dschungel“ von Calais. Menschen in schäbigen Kleidern sammeln sich im Dämmerlicht in kleinen Gruppen zwischen den notdürftig zusammengezimmerten Zelten aus Plastikplanen. Geredet wird kaum, denn die Flüchtlinge kennen ihr Ziel: die Ringstraße, die sich um die nordfranzösische Hafenstadt zieht. Wie jede Nacht werden sie versuchen, auf einen der vorbeifahrenden Lkw aufzuspringen, der sie über den Ärmelkanal nach Großbritannien bringen soll. Die Aussichten auf Erfolg sind praktisch Null, doch die Verzweiflung der Menschen ist so groß, dass sie dennoch ihre Chance suchen, als blinde Passagiere auf die für sie gelobte Insel zu kommen.

Ein Schmelztiegel der Krisen

Offiziell leben fast 7000 Menschen in dem illegalen Flüchtlingslager am Rand von Calais, nach Schätzungen von Hilfsorganisationen sind es fast 10 000. Wegen seiner unüberschaubaren Größe und den scheinbar anarchischen Zuständen wird es längst nur noch „der Dschungel“ genannt. Das Lager ist eine Art Schmelztiegel der globalen Krisenherde. Am Rand des Geländes haben sich Flüchtlinge aus Eritrea niedergelassen, es gibt aber auch einen sudanesischen Teil, einen afghanischen oder einen syrischen. Die Menschen haben begonnen, das Zusammenleben selbst zu organisieren und es haben sich erstaunliche Strukturen herausgebildet. An einer Ecke kündet ein handgemaltes Schild von einem „Shopping-Center“ – eine klapprige kleine Hütte aus Holz und Pappe. Ein Afghane verkauft dort Zigaretten und Klopapier. Es gibt auch mehrere Kirchen, wo sich die Menschen regelmäßig zum Gebet treffen. Die französischen Sicherheitskräfte wollen allerdings verhindern, dass sich das Lagerleben  normalisiert. Sie versuchen derzeit, 72 Geschäfte und Restaurants zu räumen –  Einrichtungen, von denen die Flüchtlinge sagen, sie machten ihr Leben im Lager erträglicher. Dort können die Menschen sich treffen, ihre Mobiltelefone aufladen und manchmal sogar schlafen.

 

Die Spannungen wachsen

Mit der  steigenden Zahl an Flüchtlingen wachsen auch die Spannungen im Lager. Ende August wurde ein Mann aus dem Sudan bei einem Streit getötet. „Die Menschen, die hier leben, sind zerbrochen“, sagt Tariq Shinnari. Auch der junge Mann aus Afghanistan wollte nach England, doch er hat seinen Traum aufgegeben und Asyl in Frankreich beantragt. Jetzt hat er ein neues Ziel und arbeitet als Freiwilliger für die britische Hilfsorganisation Care4Calais. Das hilft ihm, nicht in totale Verzweiflung zu verfallen. „Hier gibt es keinen Krieg wie in unserer Heimat, aber hier befinden wir uns im Gefängnis,“ beklagt Tariq Shinnari.

Für  zunehmenden Unmut sorgt, dass die Versorgung im Camp schlicht menschenwürdig ist.  Bewohner müssen nach eigenen Angaben bis zu drei Stunden anstehen, um sechs Minuten duschen zu dürfen. Für ihr Essen müsse sie weitere Stunden Schlange stehen. Die Mahlzeiten werden unter anderem von der Gruppe Kitchen in Calais verteilt. Die Organisation gab an einem Abend im April rund 800 Portionen aus, im Moment sind es über 1500 – und dennoch zu wenige.

Demos gegen das Camp

Außerhalb des Lagers treffen die Flüchtlinge vor allem auf die Wut der Bewohner in der Region. In diesen Tagen haben mehrere Hundert Menschen für die Schließung des Lagers demonstriert. Lkw-Fahrer, Hafenarbeiter und Ladenbesitzer blockierten die Autobahnzufahrt zum Hafen von Calais. Viele von ihnen trugen T-Shirts mit der Aufschrift „Ich liebe Calais“, auf Spruchbändern standen Slogans wie „Die Bewohner von Calais sind eingesperrt, die Flüchtlinge sind frei!“ An der Demonstration beteiligte sich auch die konservative Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart. „Wir werden uns nicht bewegen“, sagte Frédéric Van Gansbeke, Sprecher eines Zusammenschlusses von Ladenbesitzern und Unternehmern aus der Region. „Wir warten auf Antworten der Regierung.“ Er forderte ­Finanzhilfen für Unternehmen. Viele Firmen hätten sich verschuldet, weil sie wegen der Flüchtlinge ihre Sicherheitsvorkehrungen hätten verstärken müssen.

Der Frust der LKW-Fahrer

„Für unsere Fahrer ist es die Hölle“, erzählt Alain Noyelle, Mitarbeiter einer Spedition aus der Nähe von Calais. „Die Autobahn ist jeden Tag mehrere Stunden gesperrt. Vor einigen Wochen haben 20 Migranten einen unserer Lkw gestürmt, der Gläser transportierte und dabei  einen Schaden von rund 40 000 Euro verursacht.“ Immer mehr Horrorgeschichten erzählen er und seine Kollegen: von brennenden Barrikaden auf der Autobahn, Migranten, die Lkw-Planen aufschneiden, um sich im Innern zu verstecken und auch von Angriffen auf die Fahrer. Immer lauter werden die Forderungen an die Regierung in Paris, die Zustände in Calais zu beenden. Je näher die Präsidentenwahlen im kommenden Jahr rücken, desto nervöser reagieren die Politiker. So hat sich Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve in diesen Tagen auf den Weg in die Hafenstadt gemacht. Dort kündigte er zwar eine Schließung des Lagers an, nannte aber  keinen präzisen Zeitplan. Bereits im März hatten die Behörden den südlichen Teil des Lagers geräumt. Die Flüchtlinge wichen aber einfach in den nördlichen Teil aus, die Zahl der Bewohner wuchs weiter.

Das Beispiel aus Paris

Doch die Bürger von Calais blicken noch aus einem anderen Grund in Richtung Paris. Denn dort hat die Bürgermeisterin Anne Hidalgo am Dienstag angekündigt, zwei humanitäre Auffanglager zu errichten. Seit Monaten bilden sich vor allem im Nordosten der französischen Hauptstadt immer wieder ungenehmigte  Zeltlager, wo Menschen  kampieren. Das erste offizielle Zentrum soll Mitte Oktober im Norden von Paris öffnen und zunächst 400 Männer aufnehmen können. Die Migranten sollen dort nach Angaben des Rathauses für einige Tage unterkommen können und dann in andere Unterkünfte gebracht werden. Bis Ende des Jahres soll die Kapazität auf 600 Plätze wachsen. Zudem soll ein zweites Zentrum mit 350 Plätzen für Frauen und Familien im Vorort Ivry-sur-Seine geschaffen werden. Viele fragen sich, ob das ein Vorbild für Calais sein könnte.

Es gibt nur ein Ziel

Inzwischen hat die französische Regierung angekündigt, Tausende neue Plätze in Asylbewerberunterkünften im Land zu schaffen –  auch, um letztlich das Flüchtlingslager in Calais auflösen zu können. Für die meisten Flüchtlinge aus dem „Dschungel“ ist es aber keine Alternative, in Frankreich zu bleiben. Die meisten haben in Großbritannien Verwandte und Freunde oder wollen von dort aus versuchen, weiter nach Kanada oder in die USA zu kommen. „Ich habe einen Krieg überlebt, bin durch die Wüste gelaufen und habe das Mittelmeer überquert“, sagt ein junger Mann aus Eritrea. „Mir wurde alles genommen, ich wurde geschlagen und eingesperrt, da lasse ich mich so kurz vor dem Ziel nicht aufhalten.“

Hier geht es zu einer Reportage über das Leben im „Dschungel“

Der Künstler Banksy hat auf seine Art gegen den „Dschungel“ protestiert

Nachtrag

Das Flüchtlingscamp wurde Ende Oktober von der Polizei geräumt. Das von einem Großbrand verwüstete Lager von Calais soll komplett abgerissen werden. Das sagte die Präfektin des Départements Pas-de-Calais, Fabienne Buccio. In den zurückliegenden drei Tagen seien rund 6000 Menschen in sicherere Unterkünfte gebracht worden. In dem Elendslager lebten zuletzt nach offiziellen Angaben rund 6500 Flüchtlinge, vor allem aus Afghanistan, Äthiopien, Eritrea oder dem Sudan.
In der Umgebung hielten sich laut Augenzeugen immer noch Migranten auf. „Die Menschen, die da sind, sind nicht die Menschen, die in dem Camp gelebt haben“, sagte Buccio. Für sie sei das – inzwischen geschlossene – Registrierungszentrum nicht gedacht gewesen. „Calais ist nicht die Lösung für sie.“ Flüchtlinge, die versuchten, in das Camp zu gelangen, wurden von Polizisten in schwerer Schutzkleidung zurückgedrängt. Rund um das Gelände standen Polizeiwagen. Die Präfektin hatte die illegale Hütten- und Zeltsiedlung am Ärmelkanal offiziell für leer erklärt. Sie habe keine Kenntnis von neuen Flüchtlingscamps in Calais oder in der Umgebung, sagte Buccio.
Die Auswirkungen der Räumung sind auch in der französischen Hauptstadt zu spüren. In Paris lebten immer mehr Flüchtlinge auf der Straße. In den vergangenen zwei Tagen sei die Zahl um ein Drittel gestiegen, sagte die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation dem französischen Fernsehsender BFMTV. Mittlerweile schliefen etwa 3000 Menschen in Zelten und auf Matratzen auf dem Bürgersteig. Nach Angaben des Pariser Rathauses leben etwa 1000 Flüchtlinge im Nordosten der Stadt auf der Straße. Bereits vor der Räumung in Calais seien 50 bis 70 Migranten pro Tag in Paris angekommen. Geplant ist die Eröffnung eines temporären Aufnahmezentrums, um die Situation zu entspannen.

Banksy-Protest gegen den Dschungel in Calais

Banksy schlägt wieder zu. Ziel der Kritik des Street-Art-Künstlers ist das Vorgehen der französischen Polizei im provisorischen Flüchtlingscamp in Calais. Dazu hat er ein Wandbild auf eine Holzwand gesprüht gegenüber der französischen Botschaft in London.

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Das Werk gefällt nicht allen

Das Werk gefiel aber nicht allen. Arbeiter versuchten zuerst, das Werk zu entfernen, ließen dann aber davon ab, da sie offensichtlich Angst hatten es zu beschädigen. Schließlich wurde das Graffiti von ihnen abgedeckt. Andere Kunstliebhaber sehen das offensichtlich anders: Scotland Yard teilte mit, dass am Sonntagabend Unbekannte versucht hätten, das neue Bild in London zu stehlen.

Banksy zitiert in seiner Arbeit eine Illustration des Buchs und des Musicals „Les Misérables“. Zu sehen ist ein junges Mädchen vor der französischen Fahne, dem Tränen aus den Augen laufen. Am Boden liegt eine Dose Tränengas.

Dieses Mal mit einem QR-Code

Banksy hat sich auch dieses Mal etwas Besonderes einfallen lassen. Zum ersten Mal hat er sein Werk mit einem QR-Code versehen, den man mit dem Handy scannen kann. Er führt nach Angaben der Nachrichtenagentur PA zu einem Video, das den Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen im „Dschungel“ genannten Lager bei Calais zeigen soll. Dort leben Tausende Flüchtlinge teils unter elenden Bedingungen.

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Banksy bestätigte auf seiner Website, dass das Bild echt sei. Er hatte auch im Lager bei Calais ein Bild gemalt, das Apple-Gründer Steve Jobs als Flüchtling zeigt. Jobs’ Vater war aus Syrien in die USA gekommen.

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Banksy-Graffiti: Steve Jobs, Sohn eines Migranten

Banksy legt wieder den Finger in eine schwärende Wunde unserer Gesellschaft. Im Flüchtlingscamp von Calais ziert ein Werk des Graffiti-Künstlers eine Wand. Es zeigt Apple-Gründer Steve Jobs. Für Banksy ist er ein sehr plakatives Beispiel dafür, wie diese Menschen eine Gesellschaft bereichern können.

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Wie ein Dieb schleicht sich Steve Jobs davon. Der Apple-Gründer trägt einen Müllbeutel auf dem Rücken und einen Computer in der Hand. Er scheint auf der Flucht. Das Graffiti prangt am Eingang zum „Dschungel“, jenes Ortes der europäischen Schande, wo mehrere Tausend Flüchtlinge in Verschlägen hausen – in der Hoffnung eines Tages mit einer Fähre oder durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Bei den Versuchen, auf Züge aufzuspringen sind schon mehrere Menschen gestorben. Der „Dschungel“ ist ein Symbol für das Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik.

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Die ganze Symbolik des Bildes wird erst deutlich, wenn man die Geschichte kenne. Das Bild bezieht sich auf den Migrationshintergrund von Steve Jobs. Der verstorbene Apple-Chef war nämlich der Sohn syrischer Einwanderer, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA kamen.

Wie der „Guardian“ berichtet, äußerte sich Banksy in einem seiner raren Statements zu dem Graffito: Hier ist der Link zum Guardian

„Wir sind oft geneigt zu denken, dass Migration eine Belastung für den Staat ist. Aber Steve Jobs war auch Sohn von Migranten. Apple ist das erfolgreichste Unternehmen der Welt. Es bringt jedes Jahr sieben Milliarden Dollar an Steuergeldern ein – und es existiert nur, weil man einem jungen Mann aus Homs einzureisen erlaubt hat.“

Das neue Werk ist Teil einer Reihe von Graffiti und Aktionen des Künstlers, die die gegenwärtige Lage von Flüchtlingen im Fokus haben: Während eines Aufenthalts in Calais besprühte Banksy mehrere Wände rund um den französischen Hafen mit ähnlichen Motiven.

Das Graffito ist nicht das erste Werk Banksys, das sich mit der Flüchtlingskrise beschäftigt. In „Dismaland“, Banksys Parodie des Disneylands, hatte der Künstler bereits eine Installation mit Flüchtlingsbooten und Leichen ausgestellt. Nach der Schließung im September hat Banksy Ausstattungsgegenstände aus dem Park gespendet, damit davon Notunterkünfte für Flüchtlinge gebaut werden konnten.

Hier der Link zum Bericht über „Dismaland“

Hier ein Bericht von Channel4 über „Dismaland“

Hier noch einige Bilder aus dem „Dschungel“ in Calais. Sie gehören zu einer Reportage über den Weg der Flüchtlinge von Syrien bis nach Calais. Hier der Link zu der Reportage

Hier der Link zu einer kurzen Reportage über den „Dschungel“ in Calais. Sie beschreibt die unvorstellbaren Lebensbedingungen der Menschen und deren Hoffnung, dass die Flucht von Erfolg gekrönt sein möge.

Hilferuf der Eurotunnel-Lokführer

In Calais campieren Tausende Flüchtlinge. Diese verzweifelten Menschen haben nur ein Ziel: durch den Tunnel wollen sie nach Großbritannien gelangen. Dafür wagen sie die gefährliche Fahrt auf den Frachtzügen durch den Eurotunnel. Manche haben auch schon versucht, zu Fuß durch die Röhre zu gelangen. Viele haben dabei ihr Leben lassen müssen. Nun kommt eine Wortmeldung von unerwarteter Seite.

15.08.02-calais-buden Das Flüchtlingslager in Calais.

Wegen der tödlichen Flüchtlingsunglücke im Eurotunnel die Fahrer der Züge einen drastischen Hilferuf ausgesandt. „Wir Fahrer wollen, vor allem aber können wir nicht unseren Beruf unter solchen Bedingungen von Stress und Angst im Bauch ausüben“, heißt es in einem am Donnerstag bekannt gewordenen offenen Brief der in der Gewerkschaft CGT organisierten Fahrer der Eurotunnel-Frachtzüge. Die Zugfahrer hätten Angst, „arme Teufel“ zu überfahren, durch Stromschläge zu töten oder „zu Hackfleisch zu machen“.

Seit Ende Juni kamen in der Region um Calais nach Behördenangaben 13 Flüchtlinge bei dem Versuch ums Leben, nach Großbritannien zu gelangen. Zuletzt wurde in der Nacht auf Mittwoch ein Flüchtling nahe dem Eurotunnel von einem Frachtzug überfahren. Mitte September wurde ein Flüchtling durch einen Stromschlag getötet, als er auf einen Frachtzug klettern wollte. „Wie lange werden wir während unserer Arbeit und unserer Pausen von diesen surrealen Bildern und Situationen verfolgt?“, fragen die Zugfahrer. Die Behörden und Verantwortlichen müssten „so schnell wie möglich“ helfen.

In der nordfranzösischen Hafenstadt Calais sitzen mehr als 3000 Flüchtlinge fest, die meisten von ihnen aus Ostafrika, Syrien und Afghanistan. Sie hoffen, auf Fähren über den Ärmelkanal oder auf Zügen durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Angesichts des Andrangs der Flüchtlinge wurden im Sommer die Sicherheitsmaßnahmen am Hafen und am Eurotunnelgelände drastisch verschärft.

Das ist der Brief der Zugführer in Auszügen:

« Aujourd’hui nous avons peur. (…) Peur de conduire, de percuter, d’écraser, d’électrocuter, de réduire en bouillie un pauvre hère (…) Alors on roule comme on peut ! Non plus les yeux fixés sur les instruments de bord mais sur les abords, la voie, les alentours, priant secrètement pour qu’il n’y ait pas un désespéré qui se jette sur le train ! (…) Là des barbelés, des policiers, des gens en armes, des chiens mais plus aucun arbre. Un tableau de guerre. Et des gens qui courent ! (…) Cela ne peut perdurer. (…) Pour la énième fois, nous interpellons les pouvoirs publics, les acteurs locaux, les décideurs de tous bords et toutes les bonnes volontés à nous venir en aide le plus rapidement possible (…). »

Europas Schande

Ungarn schickt Hunderte Flüchtlinge im Zug in Richtung Westen. Die europäische Flüchtlingspolitik versinkt im Chaos. Immer mehr Staaten verschließen ihre Grenzen, doch diese Herausforderung kann nur von ganz Europa gelöst werden.

Ein Kommentar: 

IMG_6713  Flüchtlingslager in Calais. Dort warten rund 3000 Menschen auf die Weiterreise nach Großbritannien.

Es dominiert der staatliche Egoismus

In Europas Flüchtlingspolitik herrscht blankes Chaos. Jede Regierung macht, was sie will – oder was sie glaubt, angesichts des Zustroms von hilfesuchenden Menschen machen zu müssen. Dabei dominiert bei fast allen Aktionen der staatliche Egoismus. Frei nach dem Motto: das Problem meines Nachb arn ist nicht mein Problem. Ungarn liefert für diesen desolaten Zustand europäischer Politik im Moment das beste Beispiel. Auf der einen Seite wird in aller Eile ein Grenzzaun hochgezogen, um die Menschen mit demonstrativer Härte am Betreten des Landes zu hindern. Auf der anderen Seite kapitulieren die Behörden in Budapest angesichts der schieren Menge an Asylsuchenden und setzten sie einfach in Züge in Richtung Westen. Ungarn bricht nicht nur ziemlich alle Regeln europäischer Grenzpolitik sondern missachtet auch die Gebote der Menschlichkeit. Das ist eine Schande, doch wer will Budapest einen Vorwurf machen?

Festung Großbritannien

Frankreichs Außenminister Laurent Fabius hat Ungarn wegen des Grenzzauns hart kritisiert – lässt aber unerwähnt, dass in Calais zur gleichen Zeit ebenfalls mit Stacheldraht bewehrte Zäune aufgebaut worden sind. Dort patrouillieren martialisch ausgerüstete französische Polizisten Nacht für Nacht im gleißenden Scheinwerferlicht, um Flüchtlinge daran zu hindern durch den Kanaltunnel nach Großbritannien zu gelangen. Ganz zu schweigen von den unwürdigen Umständen, unter denen die Menschen am Stadtrand von Calais auf ihre Chance zur Weiterreise warten. Deutsche Politiker halten sich angesichts der fremdenfeindlichen Randale im eigenen Land zu Recht mit allzu harscher Kritik an der Behandlung der Flüchtlinge in anderen Staaten zurück.

Die Augen fest verschlossen

Die Mehrheit der Länder in Europa hat die Augen gegenüber einer Entwicklung verschlossen, die sich schon vor Jahren angedeutet hat. Die tausende Toten an den Küsten von Italien oder Spanien waren aus Sicht  der Länder im Norden des Kontinents vor allem ein Problem der Verantwortlichen in Rom und Madrid. Viele Regierungen in der EU sperren sich heute noch mit einer Das-Boot-ist-voll-Mentalität gegen eine einheitliche Flüchtlingspolitik. Länder, die in den vergangenen Jahrzehnten nach dem Fall der Mauer beim Aufbau überdurchschnittlich von der EU profitiert haben müssen endlich erkennen, dass Solidarität keine Einbahnstraße ist.

Eine Aufgabe für Europa

Die menschenwürdige Aufnahme der Flüchtlinge ist nicht das Problem einzelner Staaten, es ist eine unglaubliche Herausforderung für ganz Europa. Angesichts des Lamentos aus manchen Hauptstädten lohnt es sich, eine Tatsache immer wieder ins Gedächtnis zu rufen: Leidtragende in dieser Situation sind nicht die reichen europäischen Staaten, Leidtragende sind die Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren haben.

Leben im französischen „Dschungel“

Hunderte Menschen versuchen Nacht für Nacht, die Absperrungen zum Eurotunnel zu überwinden, um von Frankreich nach Großbritannien zu gelangen. Viele der Flüchtlinge hausen in einem Camp am Rand von Calais – unter menschenunwürdigen Bedingungen.
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Am Eurotunnel
Das  Warten zerrt an den Nerven. Es ist kurz vor Mitternacht, Abdelasis beobachtet schon seit über sechs Stunden den Eingang am Eurotunnel in Calais, nichts tut sich. Mehrere Züge sind auf der anderen Seite des Zaunes im gleißenden Schweinwerferlicht vorbeigerollt, doch die fuhren in Richtung Frankreich oder die Loks hatten geschlossene Güterwaggons angehängt. „Daran kann man sich nicht festhalten“, sagt Abdelasis und macht mit beiden Händen eine krallende Bewegung. Es ist eine laue Sommernacht, doch eine feuchte Kälte kriecht in die Knochen. Der Mond spiegelt sich idyllisch in einem See, doch für Romantik ist hier kein Platz.  Um sich warm zu halten und die lähmende Mischung aus Anspannung und Langeweile zu vertreiben, schlendert der junge Sudanese den mit Stacheldraht bewehrten Zaun entlang, der die breite Zufahrtsstraße zum Eurotunnel von den Gleisen trennt. Immer wieder grüßt er andere Männer, die in kleinen Gruppen an der Leitplanke lehnen. Einige Frauen sind zu sehen, dick in Wollschals gehüllt, zwei von ihnen haben kleine Kinder auf dem Arm. Sie alle warten auf den richtigen Augenblick für ihren gefährlichen Sprung ins vermeintliche Glück.

Menschenjagd Weitere endlose Stunden schleppen sich dahin, als tief in der Nacht plötzlich Hektik aufkommt. Eine Einheit der französischen Polizei taucht auf und beginnt, die Flüchtlinge vom Zaun wegzutreiben. Krachend schlagen sie mit ihren Schlagstöcken auf die Leitplanken – das ist das Zeichen,  die Menschenjagd beginnt. „Ein Zug!“ flüstert Abdelasis aufgeregt, die Augen nun aufgerissen wie zwei Suchscheinwerfer. Unzählige Male hat er in Gedanken durchgespielt, was nun zu tun ist. Irgendwo über den Zaun, dann so schnell wie möglich über das Schotterbett, sich in der Nähe des Zuges verstecken. Erst wenn die Waggons anrollen wird Abdelasis versuchen aufzuspringen.  Doch nun zögert der junge Mann, scheint unschlüssig, wohin er laufen soll. Die Situation schlägt jetzt um, die Menschen packen ihre kleinen Bündel, beginnen zu rennen, aus der Dunkelheit sind Schreie in unzähligen Sprachen zu hören. Jetzt erst wird deutlich, wie viele Flüchtlinge sich im Schutz der Nacht zwischen den Büschen versteckt hatten. Es müssen Aberhunderte sein. Abdelasis verschwindet irgendwo in der Dunkelheit, nun ist jeder auf sich alleine gestellt. Ein dumpfes Dröhnen ist zu hören, schwillt langsam an, der etwa 200 Meter lange Zug rollt langsam in den Verladebahnhof vor dem Eurotunnel. Bremsen quietschen. Auf den offenen Waggons stehen Lastwagen, sie sind das Ziel der Flüchtlinge. Es gibt nur wenige Stellen, wo der Zaun trotz des messerscharfen Stacheldrahtes relativ gefahrlos überklettert werden kann, doch dort sind längst Polizisten postiert. Beamte fahren auf der anderen Seite mit Autos hin und her, um zu kontrollieren, dass keine Löcher in den Zaun geschnitten werden. Der Sturm auf den Zaun Im gespenstischen Licht der Scheinwerfer sind immer wieder Menschen auszumachen, die verzweifelt versuchen, über den Zaun zu klettern oder nach einem Loch suchen. Sie werden verjagt, rennen weiter und nehmen irgendwo einen neuen Anlauf. Wie lange dauert dieses bizarre Schauspiel? Eine halbe Stunde? Wahrscheinlich länger? Dann rollt der Zug langsam weiter in die Tunnelröhre Richtung Großbritannien. Hat es jemand geschafft? Keiner weiß es. Der Spuk ist so schnell vorbei, wie er gekommen ist. Am Fuß des Zauns liegt ein Schuh, in einem Wassergraben direkt daneben schwimmt eine Jacke. In diesem Jahr hat das Betreiberunternehmen Eurotunnel auf der französischen Seiten bereits fas 40 000 Versuche gezählt, die Grenze zu überqueren. Als Reaktion darauf hat die französische Regierung in diesen Tagen zahlreiche zusätzliche Polizisten nach Calais geschickt. Zusätzlich zu den bereits vor Ort befindlichen 300 Polizisten wurden weitere 120 Beamte abgestellt. Ein Eurotunnel-Sprecher wertet das „Erfolge. Er erklärte, seither gebe es „deutlich weniger Störungen“. Der Arzt Am nächsten Tag kümmert sich Jean-François Patry im Flüchtlingslager in der Nähe des Fährhafens um die Verletzten der Nacht. „Viele kommen am Morgen zu uns und lassen ihre Wunden versorgen, die sie sich bei den Fluchtversuchen in der Nacht zugezogen haben – vor allem tiefe Fleischwunden vom Stacheldraht, Verstauchungen und auch Knochenbrüche, wenn sie versuchen, von der Brücke vor dem Eurotunnel auf die fahrenden Züge zu springen“, sagt der Arzt, der in seinem Urlaub für die Organisation „Ärzte der Welt“ arbeitet. Seit Anfang Juni starben bereits vierzehn Flüchtlinge auf der französischen Seite des Ärmelkanals bei Unfällen, heißt es von offizieller Seite. Die meisten der Toten haben keine Identität, oft steht nicht einmal ihr Herkunftsland mit Sicherheit fest. Kürzlich hat die Tageszeitung „Liberation“ versucht, den Toten der vergangenen Wochen zumindest einen Namen zu geben – in den meisten Fällen vergeblich.  „Ich habe schon in vielen armen Ländern bei humanitären Missionen geholfen, nun haben wir einen humanitären Notstand in unserem eigenen Land“, sagt Jean-François Patry und es gelingt ihm offensichtlich nur mit allergrößter Mühe, die menschenunwürdigen Zustände in dem Lager mit seinem Bild von einer mitfühlenden und reichen europäischen Gesellschaft in Einklang zu bringen. „Ich war völlig geschockt, als ich das erste Mal hier in Calais in das Lager kam.“ Der Dschungel Die Helfer nennen das Camp „den Dschungel“. Das abgelegene Terrain liegt am Rand eines Industriegebietes östlich des Fährterminals von Calais. Ein Blick auf die unhaltbaren Zustände in dem Lager lässt erahnen, wie groß die Verzweiflung sein muss, die diese Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat getrieben hat. Mehrere Tausend Flüchtlinge hausen dort in den flachen Dünen zwischen mannshohem Gestrüpp. Wer keines der wenigen Zelte ergattern konnte, hat sich aus alten Latten und Plastikplanen notdürftige Unterkünfte gezimmert. Bis auf zehn Dixi-Klos gibt es praktisch keine sanitären Anlagen. Überall liegt Müll umher. In der Luft liegt ein Geruch aus Urin und verbranntem Plastik. Der französische Staat hat das Gelände vor einigen Monaten zur Verfügung gestellt, um die anfangs noch wilden Camps in der Stadt an einem Ort zu konzentrieren. Viel mehr Hilfe wurde nicht gewährt Am Rand des Terrains gibt es ein kleines Zentrum, wo Essen ausgeteilt wird und einige Duschen zur Verfügung stehen. Inzwischen werden dort auch kleine Schulklassen unterrichtet. Doch den Hilfsorganisationen ist das viel zu wenig. Sie beklagen einen humanitären Skandal, die Flüchtlinge würden praktisch ihrem Schicksal überlassen. Aber aber auch die offiziellen Stellen fühlen sich überfordert. Natacha Bouchart, Bürgermeisterin von Calais, fordert vor allem von Großbritannien mehr Engagement. Sie klagt, dass London das Problem nicht mit der notwendigen Energie angehe, weil sich die Grenze auf französischem Boden befinde. Der Schmelztigel Das Lager ist im Laufe der Zeit eine Art Schmelztiegel der globalen Krisenherde geworden. Am Rand des Geländes haben sich Flüchtlinge aus Eritrea niedergelassen, es gibt aber auch einen sudanesischen Teil, einen afghanischen oder einen syrischen. Die Menschen haben begonnen, das Zusammenleben selbst zu organisieren und es haben sich bereits erstaunliche Strukturen herausgebildet. An einer Ecke kündet ein handgemaltes Schild von einem „Shopping-Center“ – eine klapprige kleine Hütte aus Holz und Pappe. Ein Afghane verkauft dort Zigaretten, Klopapier und Getränke. Es gibt auch mehrere Kirchen, wo sich die Menschen regelmäßig zum Gebet treffen. Vom Lager aus haben die Flüchtlinge einen freien Blick auf den Zaun, der die Straße zum Fährhafen säumt. Es ist ein hellgrauer Doppelzaun, drei Meter hoch der erste, vier Meter der zweite, gekrönt von einer Lage Nato-Draht, zusätzlich gesichert von Alarmanlagen und Videokameras. Von hier sieht Calais aus, als liege die Stadt im Gazastreifen. 15.08-calais02-samuel Der Optimist Samuel hat im Schatten des Zaunes ein Zelt aufgeschlagen. Er ist ein Mann mit freundlichem Lächeln und scheinbar  ungebremstem Optimismus. Er  hat aufgehört zu zählen, wie oft er schon versucht hat, auf einen Zug durch den Eurotunnel zu kommen. Aber Samuel ist überzeugt, dass ihn die Sicherheitsanlagen nicht aufhalten werden. „Ich habe einen Krieg überlebt, bin durch die Wüste gelaufen und habe das Mittelmeer überquert“, sagt der Mann aus Eritrea. „Mir wurde alles genommen, ich wurde geschlagen und eingesperrt, da lasse ich mich so kurz vor dem Ziel nicht aufhalten.“  Nach Großbritannien will er, weil dort schon ein Teil seiner Familie wohne. Wie die anderen Flüchtlinge auch, hat Samuel aber sehr unklare Vorstellungen von einem Leben auf der Insel. Erhofft er sich auf der anderen Seite des Ärmelkanals ganz  einfach bessere Asylchancen und Lebensbedingungen als in Frankreich. „Ich spreche Englisch und werde einen Job finden“, sagt er überzeugt, „egal in welcher Branche, ich kehre auch die Straßen oder räume den Müll der Leute weg. Wichtig ist nur, dass ich in Frieden leben kann.“ Der Premierminister Natürlich hat er davon gehört, dass der britische Premierminister David Cameron angesichts der Krise härtere Maßnahmen zur Abwehr der Flüchtlinge angekündigt hat. Die Regierung wolle mehr Geld für die Sicherheit am Eingang des Eurotunnels, schärfere Einwanderungsgesetze und setze auf Abschreckung, sagte Cameron der BBC. Großbritannien werde illegal ins Land gekommene Migranten ausweisen, warnt der Regierungschef, „damit die Leute wissen, dass dies kein sicherer Hafen ist“. Samuel quittiert die martialischen Worte mit einem ironischen Lächeln. Schlimmer als in Libyen, wo die Polizei ihn halbtot geschlagen habe, könne es nicht werden. Wieder auf Los Dann legt er sich hin, um auf seiner dreckigen Matratze noch etwas zu schlafen. Am Abend wird er sich mit Hunderten von Flüchtlingen wieder auf den fast zweistündigen Fußmarsch vom Lager in Richtung Eurotunnel machen. Vorbei an verrammelten Fenstern und heruntergelassenen Rollläden einer kleinen Vorstadtsiedlung, im Sprint über die Autobahn, durch nasses Gras und Morast, bis  die Lichter des Eurotunnels zu sehen sind. Dann heißt es wieder warten auf die Nacht und die Möglichkeit, in Todesgefahr auf einen Zug nach Großbritannien zu springen.