Christo – der Paris-Verpacker

Das Centre Pompidou zeigt eine Schau des verstorbenen Verhüllungskünstlers, die er selbst noch vorbereitet hat.

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Gezeigt werden im Centre Pompidou auch Werke aus der Pariser Zeit in den 60er Jahren. Hier das eingepackte Pferd.

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Ein Jahrhunderkunstwerk ist im Entstehen

Wenn es in der Kunst Wunder gibt, dieses Projekt wird als eines in die Geschichte eingehen. Im September 2021 wird in Paris der Arc de Triomphe verhüllt werden. Das Monument wird für 15 Tage unter 25.000 Quadratmeter silbern schimmerndem Stoff verschwinden, allein diese Vorstellung hat etwas Gewaltiges. Zum Jahrhundertkunstwerk macht das Projekt aber seine Entstehungsgeschichte. Seit Anfang der 60er Jahr trug der Künstler Christo die Idee mit sich herum, das französische Wahrzeichen zu verpacken, bevor sie in diesem Jahr verwirklicht werden sollte. Doch dann geschah das Unvorhersehbare: die Corona-Pandemie stoppte die Vorbereitungen nur Wochen vor dem erfolgreichen Abschluss. Das endgültige Aus schien mit der Nachricht vom Tode Christos am 13. Juni gekommen, er war in New York kurz vor seinem 85. Geburtstag gestoben. Doch dann zeigte sich, was wirklich große Kunst ausmacht, die sich von ihrem Erschaffer löst und auf faszinierende Weise weiterlebt.

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„Christo und Jeanne-Claude – Paris!“

Die Pragmatiker unter den Kunstliebhabern können einwenden, dass der bis zu seinem Tod verbissen arbeitende Christo das Projekt akribisch vorbereitet hatte und die Umsetzung nur noch eine Art künstlerisches Handwerk darstellt. Sie können sich in einer Werkschau im Pariser Centre Pompidou allerdings auch vom Gegenteil überzeugen, dass dieses Projekt mehr ist, als nur ein paar Tonnen Stoff über ein Denkmal zu werfen. Unter dem Titel „Christo und Jeanne-Claude – Paris!“ ist der Arbeit des Künstlerpaares eine Ausstellung gewidmet, die nun auch zu einer Hommage ihres Wirkens geworden ist. Bei der Vorbereitung der Schau, die eigentlich bereits im März hätte eröffnet werden sollen, habe man noch eng mit Christo zusammengearbeitet, sagte Museumsdirektor Bernard Blistène bei der Eröffnung am Mittwoch im Centre Pompidou.

Die Pariser Jahre von Christo

Schwerpunkt der Ausstellung sind die Pariser Jahre des Künstlers und dessen Frau Jeanne-Claude. Christo war nach seiner Flucht aus dem kommunistischen Bulgarien in die französische Hauptstadt gezogen, wo er zwischen 1958 und 1964 lebte und seine in Casablanca geborene Partnerin kennenlernte. Zu sehen ist im Centre Pompidou auch ein Porträt von Jeanne-Claude – natürlich kunstvoll verpackt. Damals begann Christo die unterschiedlichsten Alltagsgegenstände zu verhüllen wie Dosen, Flaschen, Stühle oder, Kinderwagen. Er wollte zeigen, dass jedes Objekt einen Platz in der Kunst hat. Wie bei den meisten Vertretern des Neuen Realismus (Nouveau Realisme), die er in Paris kennengelernt hatte, ging es ihm darum, existierenden Dingen eine neue Wahrnehmung zu verleihen. Seine damals geborene Idee zu verwirklichen, nämlich den Arc de Triomphe zu verpacken, schien zu jener Zeit für den noch unbekannten Künstler eine verwegene Utopie.

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Ein sehr aufschlussreicher Dokumentarfilm

Zurück nach Paris kamen Christo und Jeanne-Claude in den 80er Jahren. Ihr Projekt, dem der weitaus größte Teil der Ausstellung im Centre Pompidou gewidmet ist: das Verpacken der Pont-Neuf hinter 40 876 Quadratmetern Polyamidgewebe. Zu sehen sind unzählige Skizzen und Fotos, die den mühsamen Weg hin zur Realisierung minutiös dokumentieren. Auch einige Bahnen des Stoffes werden präsentiert, Spanngurte und Winden. Besonderes sehenswert ist ein rund einstündiger Dokumentarfilm. Zu beobachten ist ein wie aufgedreht wirkender Christo, der wie besessen daran arbeitet, das Projekt zu verwirklichen. Als ihm gesagt wird, dass er die einfachen Pariser Leute überzeugen muss, zieht der Künstler kurzerhand durch die Straßen, spricht wildfremde Menschen an, setzt sich in Bistros an die Tische und bricht Diskussionen über den Sinn von Kunst im Allgemeinen und seinem Projekt im Speziellen vom Zaun. Unermüdlich erklärt er, dass es ihm beim Verpacken nicht um das Verstecken eines Gegenstandes gehe, im Gegenteil, sein Ziel sei es, dessen eigentliche Linien wieder sichtbar zu machen.

Vielsagend bis an den Rand der Komik

20.07.01-Christo02Vielsagend bis an den Rand der Komik ist die Rolle des damaligen Pariser Bürgermeisters und späteren französischen Präsidenten Jacques Chirac. Er steht der ganzen Geschichte sehr distanziert gegenüber und wagt es nicht, sich dafür stark zu machen. Der Grund: seine politischen Gegner könnten es ausschlachten. Doch als sich der Erfolg der Aktion abzeichnet, hat Chirac kein Problem, sich mit Christo im Scheinwerferlicht ausgiebig feiern zu lassen. „Ich habe den Eindruck, die Politiker spielen Pingpong und wir sind die Bälle“, entfährt es der entnervten Jeanne-Claude in einer Szene. 1985 wurde das Werk schließlich realisiert.

Christo liebte die Unabhängigkeit

Die Macher der Verpackung des Arc de Triomphe versichern immer wieder, dass Christo und dessen Frau Jeanne-Claude, die bereits im Jahr 2009 gestorben ist, ausdrücklich geäußert hätten, dass ihre laufenden Kunstaktionen auf jeden Fall fortgesetzt werden sollen. Noch im März fertigte Christo Zeichnungen des Pariser Projekts an und sicherte auf diese Weise dessen Finanzierung. Denn wie immer legte er großen Wert darauf, unabhängig von Sponsoren zu sein. Das nötige Geld kommt also auch in diesem Fall über den Verkauf von Drucken und Zeichnungen zusammen. Auch dieses profane, aber sehr wichtige Detail dürfte letztendlich dafür gesprochen haben, den Arc de Triomphe auch nach dem Tode des Künstlers zu verpacken.