Fragwürdiges Polit-Happening um ein Sex-Video in Frankreich

Mit einem Sex-Video löst der russische Aktionskünstler Pawlenski ein politisches Erdbeben aus –  doch mit seinem Verhalten verwirrt er die Franzosen. Auch weil er das Selbstverständnis der Gesellschaft in Frage stellt. 

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Ein cooler Typ oder einfach ein Egomane?

Lachen gehört nicht zu den Stärken von Pjotr Pawlenski. Mit versteinerter Miene blickt der hagere Mann auf allen Fotos meist direkt in die Kamera. Ganz Frankreich stellt sich im Moment die Frage, ob diese teilnahmslose Coolness nur gespielt ist, oder ob sich im Innern dieses Menschen wirklich jene egomanischen Abgründe auftun, die manche vermuten.

Tatsache ist: der Aktionskünstler hat französische Politik-Geschichte geschrieben. Mit der Veröffentlichung eines Videos hat er den Pariser Bürgermeisterkandidaten Benjamin Griveaux spektakulär aus dem Rennen gekegelt. Auf den Aufnahmen ist ein masturbierender Mann – offensichtlich Griveaux – zu sehen und einige Textnachrichten eindeutigen Inhaltes. Der Russe, der sich als „politischer Künstler“ bezeichnet, wollte Griveaux nach eigenen Angaben „Scheinheiligkeit“ nachweisen, da dieser sich im Wahlkampf immer wieder als makelloser Familienvater präsentiert hat. Pawlenski und seine 29-jährige Partnerin Alexandra de Taddeo wurden festgenommen, sind inzwischen aber wieder auf freiem Fuß. Ermittelt wird gegen beide wegen Verletzung der Intimsphäre und Verbreitung von Sex-Bildern ohne Zustimmung.

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Pawlenski genießt das bizarre Schauspiel

Irritierend ist, dass Pjotr Pawlenski das bizarre Schauspiel im Blitzlichtgewitter zu genießen scheint. Seine kurzen Erklärungen in Französisch mit sehr schwerem russischen Akzent sind der Hit in den Nachrichtensendungen. Dieser undurchschaubare Mann erweckt den Eindruck, dass ganz Frankreich gerade Teil eines wohlkalkulierten Politik-Happenings ist und Pawlenski persönlich darin Regie führt. Auch die Justiz scheint verunsichert, in welchen Kategorien sie diesen Menschen beurteilen soll – vielleicht spielen auch die Richter nur eine ihnen zugewiesene Rolle in einer bizarren Inszenierung. Ins Gedächtnis drängt sich die Szene, als Pawlenski sich seine Hoden in Moskau auf den Roten Platz nagelte und die herbeigeeilten Polizisten vor laufender Kamera zu hilflosen Statisten in einem skurrilen Schauspiel degradierte.

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Offensichtlich ist, dass diesem Mann nur schwer mit den normalen Mitteln des Rechtssystems beizukommen ist. Dass Pawlenski den als reichlich arrogant verschrienen Benjamin Griveaux wegen seines außerehelichen Fehltritts bloßstellen wollte, passt noch ins Denkschema vieler Zeitgenossen. Rache und Gerechtigkeit sind für einen normalen Menschen nachvollziehbare Kategorien. Auch Spekulationen, dass es sich bei der ganzen Sache um ein böses Komplott des Kremls handelt, um das politische System in Frankreich zu destabilisieren, werden immer wieder kolportiert.

Pawlesnki passt nicht ins System

Doch dann werden mögliche Erklärungsversuche sehr komplex. Angesichts der drohenden Gefängnisstrafe stellt sich am Ende sogar die Frage, ob eine Strafe für einen Menschen wirklich eine Strafe ist, wenn er diese Strafe gar nicht als Strafe im herkömmlichen Sinne erkennt?

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In der Bewertung dieses Spektakels schwingt bei den Franzosen auch ein Stück Enttäuschung mit. Damals, als der Künstler sich mit seinen spektakulären Aktionen im fernen Moskau gegen die russischen Autoritäten auflehnte, wurde er im Westen als Freiheitskämpfer gefeiert. Und nun? Wieso verspottet Pawlenski das Land, das ihm so großzügig politisches Asyl gewährt hat, fragen französische Kommentatoren. Wo bleibt die Dankbarkeit? Frankreich ist doch keine menschenverachtende Autokratie wie Russland.

Franzosen glauben an die Republik

Pawlenski sieht das anders und verwirrt damit seine Umwelt. Denn tief in ihrem Innern glauben die Franzosen an die freiheitlichen Werte der Demokratie und der Republik. Doch dieser asketische Mann sät genau dort die Zweifel, dass auch im hochgelobten Westen die Freiheit des Einzelnen womöglich nur eine vermutete Freiheit sein könnte.

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Gleichzeitig stößt Pawlenski – wahrscheinlich von ihm eher ungewollt – auch weitere Türen auf, die Einblicke in schaurige Welten bieten. Ist es erstrebenswert, wenn jeder ohne Rücksicht auf die Mitmenschen seine persönliche Freiheit egoistisch auslebt und konsequent nur nach seinen eigenen Regeln agiert?

Oder darf ein Kollektiv im Namen der Gerechtigkeit das Leben anderer Menschen zerstören? Ähnlich wie zu Zeiten der französischen Revolution, als die Köpfe der Herrschenden zu Tausenden für eine vermeintlich gute Sache rollten? Piotr Pawlenskis Aktionen werfen fundamentale Fragen auf, Politik, Justiz und auch die Gesellschaft müssen darauf Antworten suchen. Auf eine Idee kommt allerdings – zurecht – niemand, dass die Veröffentlichung des Sex-Videos Kunst gewesen sein könnte.

Keine Mauer des Verschweigens mehr

Das Privatleben von Politikern galt in Frankreich lange als tabu. Doch nun muss ein Politiker wegen der Enthüllung eines Sex-Videos im Internet zurücktreten.   

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Intime Enthüllung im Internet

Die Kaste der Politiker in Frankreich erlebt ein Erdbeben. Auch das Wort von einem Dammbruch macht die Runde, andere sprechen sogar von einer Kulturrevolution. Der Rücktritt von Benjamin Griveaux wirkt wie ein Schock auf den elitären Pariser Politikbetrieb. Zum ersten Mal muss ein hoher Politiker wegen privater, intimer Enthüllungen zurücktreten.

Gestolpert ist der Wunschkandidat von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für die Pariser Bürgermeisterwahl über ein kurzes Sex-Video mit ihm als Hauptdarsteller. Das Filmchen, dessen Echtheit nicht ganz geklärt ist, machte in den sozialen Netzwerken die Runde. Benjamin Griveaux reagiert prompt und zieht einen Monat vor der Wahl seine Bewerbung zurück. Als Urheber des schlüpfrigen Machwerks meldet sich der russischen Aktionskünstler Piotr Pawlensky zu Wort, der in Frankreich im Exil lebt. Er habe Griveauxs „Scheinheiligkeit“ zur Schau stellen wollen, der immer wieder vom großen Wert der Familie spreche. Die Aufnahme habe er von einer Person erhalten, die eine „einvernehmliche Beziehung“ mit Griveaux gehabt habe.

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Politiker verurteilen den Tabubruch

Über alle Parteigrenzen hinweg wird die Veröffentlichung als Tabubruch verurteilt, denn in Frankreich wurde bisher immer eisern zwischen privatem und offiziellem Leben der Politiker getrennt. So einfach ist die Sache allerdings nicht, denn die Politiker – und vor allem die Präsidenten – haben zuletzt selbst dafür gesorgt, dass diese sorgsam bewachte Mauer des Verschweigens im Laufe der Zeit langsam zu bröckeln begann.

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Sehnsucht nach der Ära Mitterand

Fast mit Sehnsucht erinnern viele Kommentatoren an die Ära von Francois Mitterand. Der Präsident führte während seiner Amtszeit über viele Jahre ein veritables Doppelleben mit zwei Familien. Jeder in Frankreich kannte dieses „Geheimnis“, doch niemand sprach offiziell darüber. Erst lange nach Mitterands Tod trat seine uneheliche Tochter an die Öffentlichkeit. Auch sein Nachfolger Jacques Chirac konnte angesichts seiner nicht wenigen Affären noch mit der wissenden Nachsicht der Öffentlichkeit rechnen. Selbst nach dessen Tod vor wenigen Monaten, wurden dessen außerehelichen Geschichten in den Nachrufen nur sehr verklausuliert umschrieben. Chirac sei eben ein großer Charmeur gewesen, heißt es da.

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Mit Nicolas Sarcozy hat sich das Verhältnis Präsident/Öffentlichkeit fast dramatisch verändert. Manch ein Kommentator glaubt sogar, dass er die Büchse der Pandora geöffnet habe. Spielten die Frauen der französischen Staatschefs bis zu jenem Zeitpunkt allenfalls eine Nebenrolle, suchten Sarkozy und seine singende und schauspielende Gattin Carla Bruni immer wieder gemeinsam das Rampenlicht. Als Glamourpaar füllten sie die Spalten der Hochglanzmagazine, für die Franzosen eine völlig neue Erfahrung.

Sarkozy ebnet den Weg für die Klatschpresse

Sarkozy hatte die Trennung von Öffentlichem und Privatem aufgehoben – ausbaden musste es aber sein Nachfolger Francois Hollande. Er konnte nun nicht mehr auf die Nachsicht der Journalisten hoffen, denn die Brandmauer existierte nicht mehr. Seine außerehelichen Aktivitäten fanden ihren Weg ungebremst in die Klatschpresse. Legendär sind Fotos seiner nächtlichen Fahrt zur Geliebten durch die Straßen von Paris auf einem Motorroller – fein säuberlich dokumentiert von Reportern, die den Präsidenten in flagranti ertappten.

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Furch vor einer Renaissance der Lynchjustiz

Im Fall von Benjamin Griveaux ist allerdings eine neue Qualität erreicht. Möglich machen dies die sozialen Netzwerke. Die Veröffentlichung des Sex-Videos auf einer einzigen Plattform genügte, um es Millionenfach zu verbreiten. Verändert haben sich auch die Akteure. Der russische Aktionskünstler Piotr Pawlensky ist offensichtlich ein Mensch, der keine Regeln und Gesetze akzeptiert und auch keine Skrupel kennt. Die Frage ist, wie die Politik mit diesen neuen Bedingungen umgeht. Der französische Essayist Maxime Tandonnet glaubt, dass die aktuelle Enthüllung nicht nur Benjamin Griveaux, sondern vor allem der gesamten französischen Demokratie schaden. In düsteren Worten prophezeit er eine Art Renaissance der Lynchjustiz.

Im Internet verbreiten sich Lugen und Hass

Der Harvard Professor Yascha Mounk sieht die Bedrohung der Demokratie Frankreichs durch die sozialen Medien allerdings nicht wegen solcher einzelner Enthüllungen in Gefahr. Das eigentliche Problem erkennt der Kommunikationsforscher in der sehr einfachen und effektiven Möglichkeit, via Internet ungezügelt Lügen zu verbreiten und Hass in der Welt zu sähen. Das sei der wirkliche Kampf, den die Politik und auch die Gesellschaft in Zukunft führe müsse. Das aber sei kein spezifisch französisches Thema, sondern eine globale Herausforderung.

Das Elend wohnt in den Vororten von Paris

Der französische Film „Die Wütenden“ erzählt von den Banlieue als Brutstätten der Gewalt. Doch die Realität ist nicht schwarz-weiß und manchmal keimt sogar Hoffnung.

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Ein typischer Plattenbau am Stadtrand von Montfermeil und Clichy-sous-Bois

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Das Fremde liegt bisweilen ganz nah

An dem kleinen Tisch im Café Kleber im schicken 16. Arrondissement von Paris geht es hitzig her. Der Verkehr rauscht über den Place du Trocadéro, Wortfetzen fliegen durch den Lärm. „Abbild der französischen Gesellschaft – Laienschauspieler – überbewertet – Polizeigewalt“. Drei junge Männer liegen sich wegen eines Filmes in den Haaren, der in Frankreich im Moment für Furore sorgt. Beim Filmfestival in Cannes erhielt „Les Misérables“ (Die Wütenden) von Ladj Ly den begehrten Preis der Jury, zudem ist der Streifen für den Oscar als bester internationaler Film nominiert worden. Am Abend der Preisverleihung in Hollywood war die Enttäuschung der Franzosen allerdings groß – der Film ging leer aus!

Für die drei Filmenthusiasten, jeder das wandelnde Klischee eines französischen Intellektuellen in Cordjackett und Seidenschal, scheint der Film wie ein Blick in eine fremde und ferne Welt – dabei liegt die Exotik sehr nahe. Sie könnten von ihrem kleinen Tischchen aufstehen, einen kurzen Spaziergang unternehmen und unweit des Place du Trocadéro in Paris in einen Vorortzug steigen, der sie in knapp 50 Minuten nach Montfermeil bringen würde, der Ort, wo „Les Misérables“ gedreht wurde. Es ist eines jener scheinbar typischen Banlieue vor den Toren der französischen Millionenmetropole, die von Banden beherrscht werden und wo die Gewalt regiert. Der Film beschreibt auch die sozialen Ungerechtigkeiten und verbauten Aufstiegschancen – und passt damit in eine Zeit, in der sich die Hoffnungslosen in Frankreich gelbe Westen überziehen, ihre Wut bei Protestmärschen auf der Straße aus der Seele brüllen und die Frustration sich oft in Gewalt entlädt.

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Nicht schön und auch nicht hässlich – die Hauptstraße in Montfermeil

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Montfermeil ist keine Vorort-Hölle

Doch wer in Montfermeil die Hölle erwartet, wird enttäuscht. Es ist ein typisches französisches Städtchen, nicht schön und nicht hässlich, die Häuser ziehen sich rechts und links an der schmalen Hauptstraße entlang, Männer sitzen im Bistro, der Metzger hat Rinderhack im Sonderangebot und beim Bäcker stehen die Kunden bis auf die Straße.

„Les Misérables wurde eigentlich nicht in Montfermeil gedreht“, sagt Angélique Planet-Ledieu, die sich selbst als Kommunistin bezeichnet und seit einigen Jahren im Stadtrat aktiv ist. Die wirklich schlimmen Ecken seien in Clichy-sous-Bois gewesen, das mit seinen Hochhaussiedlungen unmittelbar an Montfermeil angrenzt. Aber es habe sich in den vergangenen Jahren sehr viel verändert, betont die 28-Jährige. Dieser Satz fällt in Gesprächen mit den Bewohnern des Vorstädtchens immer wieder. Was Ladj Ly in seinem Film beschreibe, diesen ungezügelten Hass in den verwahrlosten Straßen der Trabantenstadt, habe nicht mehr viel mit der Realität von damals zu tun.

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Angélique Planet-Ledieune arbeitet in Montfermeil als Stadträtin und bezeichnet sich selbst als Kommunistin. Im Kommunalwahlkampf unterstützt sie die grüne Bewerberin.

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Die Unruhen in den Banlieue erschrecken Frankreich

Im Herbst 2005 kam es in mehreren Vororten von Paris zu den schlimmsten Unruhen in Frankreichs jüngster Gesichte. Mehr als 10 000 zerstörte Autos, brennende Gebäude, 130 Verletzte, mehrere Tote und Tausende von Festnahmen. Auch in Montfermeil und Clichy-sous-Bois, wo viele Einwanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika in den gesichtslosen Plattenbauten aus den 70ern wohnen, gingen Autos in Flammen auf. Es war die Zeit, als der damalige Innenminister und spätere Präsident Nicolas Sarkozy ankündigte, die Vorstädte „mit dem Kärcher“ reinigen zu wollen.

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Der 40-jährige Regisseur Ladj Ly, der selbst in Montfermeil aufgewachsen ist, drehte während der Unruhen von 2005 mit dem Künstlerkollektiv Kourtrajmé den Dokumentarfilm „365 Tage in Clichy-Montfermeil“, drei Jahre später „Go Fast Connexion“, eine Dokufiktion über Drogenhandel in den Vororten. Nun hat er aus dem Stoff den halbdokumentarischen Spielfilm „Les Misérables“ gemacht. Erzählt wird aus der Perspektive des Polizisten Stéphane, der sich in die Anti-Verbrechenseinheit in Montfermeil versetzen lassen hat. Was der Einsatz in dem Vorort bedeutet, wird Stéphane schnell bewusst. Hier herrschen andere Gesetze. Diverse Clans haben sich das Viertel aufgeteilt und seine Polizeikollegen haben ihre eigenen Methoden gefunden, mit denen sie sich an der Grenze zur Legalität Respekt verschaffen.

Ladj Ly urteilt nicht über seine Protagonisten

Ladj Lys Vorort-Wirklichkeit ist roh, gewalttätig und das Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung extrem angespannt. Dennoch gibt es bei ihm weder Böse noch Gute. Darin liegt einer der größten Verdienste des Films. Gezeigt wird, wie alle in ihrer Situation gefangen sind – auch die Polizisten, die abgestumpft durch Hass und Gewalt, glauben, dass nur Gegengewalt die richtige Antwort ist. „Es ist zwar mehr als 150 Jahre her, dass Victor Hugo den Roman geschrieben hat, aber das Elend gibt es hier immer noch“, sagt Ladj Ly. Der Titel „Les Misérables“ (Die Elenden) ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Klassiker von Victor Hugo – ein Teil seines Sozialromans spielt in Montfermeil.

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Natürlich hat auch Xavier Lemoine den Film gesehen. Für den Bürgermeister von Montfermeil, auf dessen Haus damals wütende, mit Baseballschlägern bewaffnete Jugendliche Steine warfen, war es wie eine Zeitreise. „Das ging wirklich an die Nieren“, sagt er und auch der Lokalpolitiker betont im selben Atemzug, dass vieles besser geworden sei. Die französische Regierung hat nach den Unruhen viel Geld in die Banlieue rund um Paris gepumpt. In Montfermeil und Clichy-sous-Bois wurden die schlimmsten Plattenbauten abgerissen und durch neue, moderne Häuser ersetzt. Spielplätze wurden angelegt und das Sportangebot ausgebaut. Im Bau ist ein Kulturzentrum, die Ateliers Médicis. Angeregt von Ladj Ly sollen dort unter anderem Video-Workshops für Jugendliche angeboten werden.

Die Regierung pumpt viel Geld nach Montfermeil

Auch die Polizei wurde umstrukturiert. Früher fuhren die Beamten nur auf Streife durch die heruntergekommenen Plattenbausiedlungen, jetzt steht ein großes Revier direkt neben den neuen Hochhäusern. Das soll nicht nur Präsenz beweisen, hierher sollen die Bewohner auch mit ihren Beschwerden kommen, lange bevor sich die Wut aufstaut und zu explodieren droht. Auf den modernen Sportplätzen neben dem Revier findet gerade ein Fußballturnier für Kinder statt.

„Das ist ja alles sehr gut, aber der größte Segen ist die neue Straßenbahn“, sagt Angélique Planet-Ledieu. Bisher endete die Nahverkehrsbahn RER aus Paris kurz vor Montfermeil und die Pendler mussten auf sehr unregelmäßig verkehrende Busse umsteigen. Die im Zehn-Minuten-Takt verkehrende Straßenbahn habe dem Arbeitsmarkt vor Ort einen regelrechten Aufschwung gegeben, erklärt die Lokalpolitikerin. „Nun können sich die Leute viel einfacher nach einem Job in Paris umsehen – zumal die Arbeitslosigkeit in der Stadt noch viel zu hoch ist.“ Doch Angélique Planet-Ledieu ist der Überzeugung, dass die Probleme in den Banlieue sehr viel grundsätzlicher angegangen werden müssen. „Wir brauchen viel mehr Schulen und andere Ausbildungseinrichtungen“, fordert die junge Frau, um dann zu einem längeren Exkurs über die große Ungleichheit des französischen Bildungssystems anzuheben. „Es muss ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden.“

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Emmanuel Macron wird von vielen abgelehnt

Die Frage, ob Frankreichs Präsident Emmanuel Macron der richtige Mann ist, solch eine fundamentale Entwicklung anzuschieben, provoziert bei Angélique Planet-Ledieu einen Lachanfall. Er sei der Präsident der Reichen, der Wirtschaftsbosse, der Pariser Elite, von ihm erwartet die bekennende Kommunistin nicht viel. Ähnlich denkt der Filmemacher Ladj Ly. Der Präsident hat den Regisseur nach dessen ersten Erfolgen eingeladen, „Les Misérables“ im Elysée-Palast zu zeigen – doch der Regisseur lehnte ab. Macron müsse schon nach Montfermeil kommen und sich den Film dort anschauen.

#àcausedemacron – Die Choreografie zum Streik

Die Streiks in Frankreich gehen weiter – und oft auch brutaler. Allerdings gibt es auch Gruppen, die sich inzwischen sehr kreativ gegen die Rentenreform und den Präsidenten Emmanuel Macron stemmen. So gibt es nun einen Titelsong. „À cause de Macron“. Das Lied wird von Demonstrantinnen seit einiger Zeit als Flashmob während der Proteste aufgeführt.

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Frauen – die Verliererinnen der Reform

Dabei tragen sie blaue Overalls, gelbe Haushaltshandschuhe und ein rotes Tuch im Haar und singen sinngemäß „Wegen Macron werden wir die großen Verliererinnen sei.“ Bei dem eingängigen Song handelt es sich um eine Art Parodie des Hits „À cause des garçons“ aus dem Jahr 1987. Damals wurde er von dem Duo Laurence Heller and Hélène Bérard gesungen.

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Die Globalisierungskritiker von Attac und feministische Organisationen wollen mit dem Song anprangern, dass Frauen die großen Verliererinnen der Rentenreform von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seien. „Wegen Macron stehen Mädchen stärker unter Druck als Jungen. Wegen Macron schreien wir RÉ-VO-LU-TION…“, heißt es etwa im Text.

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Die Outfits der singenden Demonstrantinnen sind angelehnt an die Kunstfigur „Rosie the Riveter“, die in den 1940er in den USA Frauen für kriegswichtige Betriebe anheuern sollte. Die meisten kennen „Rosie“ wohl von den berühmten „We can do it!“-Werbeplakaten. Die Interpretinnen von „À cause de Macron“ nennen sich Rosies und treten mittlerweile bei zahlreichen Demos gegen die Reformpläne auf. Für die Choreographie (zum Beispiel Fäuste nach vorne, dann rechts und links mit den Füßen in die Luft treten) gibt es im Netz ein Erklärvideo.

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Das derzeitige Rentensystem wirkt sich nachteilig für Frauen aus. Künftig soll die Berechnung der Rente anders erfolgen – jeder eingezahlte Euro soll zählen statt nur die besten 25 Jahre. Die Regierung hatte versprochen, dass Frauen die Gewinner des neuen Systems seien werden. Ob sich die neue Berechnung nachteilig auf Frauen auswirken wird, lässt sich derzeit noch schwer sagen – Experten sind sich uneins.

Emmanuel Macrons großes Versagen

Frankreichs Präsident hat die Stimmung im Volk völlig falsch eingeschätzt. Seine Reform wird zum Reförmchen und die Quittung für sein Versagen wird es bald bekommen. 

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Demonstration in Paris gegen die Rentenreform von Emmanuel Macron

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Ein Volk aus vielen Helden

Der Streik in Frankreich kennt einen großen Helden: das Volk. Mit bewundernswerter Gelassenheit lassen die Franzosen dieses nicht enden wollende Elend über sich ergehen. Der seit Wochen bestreikte Nahverkehr stürzt die Pendler in Paris und anderen Städten jeden Tag von neuem ins Chaos, Fernzüge fahren nur sporadisch, viele vor allem kleine Unternehmen im Land leiden inzwischen unter den wirtschaftlichen Einbußen. Das Ende der Blockade ist auch jetzt noch nicht abzusehen.

Der Streik in Frankreich kennt aber auch einen großen Verlierer: Emmanuel Macron. Den Plan, das Rentensystem in Frankreich gerechter und vor allem auch finanzierbar zu machen, kann der Präsident längst nicht mehr halten. Am Schluss der Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften wird von dem versprochen großen Wurf nur ein Reförmchen übrigbleiben. Unter dem Druck des Streiks zeigt sich die Regierung längst zu allerlei Ausnahmen bereit. Selbst das Renteneintrittsalter mit 64, so etwas wie der Heilige Gral dieser Reform, steht plötzlich zur Disposition. Denn Emmanuel Macron hat die Rechnung ohne die kampfbereiten Gewerkschaften gemacht. Zwar haben einige gemäßigte Organisationen bereits ihren Einigungswillen signalisiert, doch der harte Kern zeigt sich unnachgiebig und fordert noch immer, dass die gesamte Reform zurückgenommen wird. Noch ist nicht abzusehen, wie diese Kraftprobe ausgehen wird.

Die Renaissance der Gewerkschaften

Den Gewerkschaften hat der Arbeitskampf zu einer wahren Renaissance verholfen. Sie scheinen erleichtert, endlich wieder als Kämpfer für die Rechte der Arbeitnehmer öffentlich wahrgenommen zu werden und genießen die Auftritte vor den Fernsehkameras. Während der Proteste der Gelbwesten waren sie noch völlig abgemeldet. Das hatte allerdings zur Folge, dass sich die vielen, untereinander konkurrierenden Gewerkschaften beim aktuellen Streik in eine Art Überbieterwettkampf begeben haben – jede Organisation ging mit immer radikaleren Forderungen für ihre Klientel in die Verhandlungen.

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Unverständlich ist, wie Emmanuel Macron diese Gesamtsituation und vor allem die tiefe Unzufriedenheit seines Volkes unterschätzen konnte. Eigentlich hätte er durch die monatelangen sozialen Proteste der Gelbwesten gewarnt sein müssen. Offensichtlich glaubte der kühle Taktierer in Paris aber, dass die Streiklust der Menschen im Land inzwischen erschöpft sei und er es sich erlauben könne, mit der Brechstange soziale Veränderungen durchzusetzen, die tief in das Leben der Franzosen eingreifen. Der Präsident hat sich getäuscht.

Macron provoziert eine „convergence des luttes“

Was Macron provoziert hat, ist eine „convergence des luttes“, der Zusammenschluss verschiedener sozialer Kämpfe. Bei den Massenprotesten in Paris und anderen Städten gehen nicht nur gewerkschaftlich organisierte Eisenbahner auf die Straße. Auch das Krankenhauspersonal, Anwälte, Lehrer, Studenten oder Feuerwehrleute machen ihrer Frustration über die bisweilen unhaltbaren Arbeitszustände Luft.

Die inhaltlichen Unterschiede in der Protestfront werden dabei von der Wut der Streikenden auf Emmanuel Macron übertüncht. Diese bisweilen eher verwirrende Kakophonie in den Demonstrationszügen macht deutlich, dass die Reform des Rentensystems nur eines von sehr vielen fundamentalen Problemen ist, die es in Frankreich in den nächsten Jahren zu lösen gilt.

Der Protest erreicht alle Berufsgruppen

Eine solche Welle des Protestes über alle Berufsgruppen hinweg gab es zuletzt 1995, als der damalige Premierminister Alain Juppé im Auftrag des Präsidenten Jacques Chirac eine Rentenreform durchziehen sollte. 23 Tage dauerte damals der Streik, der das Land lähmte. Am Ende wurde die Reform abgeblasen und der Regierungschef musste seinen Hut nehmen.

Der aktuelle Streik in Frankreich dauert inzwischen fast doppelt so lange und es gilt als sicher, dass Emmanuel Macron auf die Quittung für sein Versagen nicht lange wird warten müssen. Im März finden in Frankreich Kommunalwahlen statt, sie gelten als entscheidender Test für die Präsidentenwahl in zwei Jahren.

Der Streik in Frankreich wird zum Weihnachtshit

Eine junge Sängerin besingt das Chaos durch die Proteste und spricht mit ihrer Parodie von „All I want for Christmas is you“ sehr vielen aus dem Herzen. Aber auch die Tänzerinnen der Pariser Oper sind kreativ – wenn auch in einem anderen Sinne. 

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Der Protest gegen die Rentenreform legt seit Wochen den Verkehr in Paris lahm – nun zeigt der Streik erste, eher unerwartete Früchte. 

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Eine Parodie auf den Hit von Mariah Carey

Der Streik gegen die Rentenreform in Frankreich geht den Menschen langsam auf die Nerven. Vor allem in Paris, wo die Metro wegen der Proteste seit fast drei Wochen lahmgelegt ist, versuchen die Einwohner trotz aller Widrigkeiten ihren Alltag zu organisieren. Manche nehmen das Chaos allerdings auch mit französischer Gelassenheit – oder sie machen es wie die Sängerin Montéa. Die junge Frau hat eine Parodie des Liedes von Mariah Carey „All I want for Christmas is you“ aufgenommen. In dem verballhornten Stück schmachtet Montéa allerdings nicht ihre große Liebe an, sondern sie singt davon, wie schön es wäre, wenn die Métros in Paris wieder fahren würden.

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„Gebt mir irgendeine Métro. Linie 4 oder Linie 13 wären super“, heißt es da. Sie besingt, die täglichen Sorgen der Einwohner der Millionenmetropole, am Morgen zur Arbeit zu kommen. „Ein Zug von dreien, kein Nahverkehr“, singt sie. „Ich könnte Uber nehmen, aber die Straßen sind verstopft.“ Aufgenommen hat die Sängerin den Clip mit ihrem Smartphone. Innerhalb weniger Stunden wurde das Lied in Frankreich zum Internet-Hit und ist inzwischen rund 60.000 Mal abgerufen worden.

Auch andere Künstler werden kreativ

Montéa ist allerdings nicht die einzige Künstlerin, die sich vom Streik inspirieren lässt. Vor dem Palais Garnier in Paris zeigten an Weihnachten die Tänzerinnen der Pariser Oper auf einer provisorischen Bühne vor dem Gebäude in der Kälte kurze Stücke aus Schwanensee. Sie protestieren damit allerdings nicht gegen den Streik, sondern zeigten sich solidarisch mit dem Protest. Denn durch die Rentenreform würden auch die Angestellten der Oper viele ihrer Privilegien verlieren. So gilt für sie noch eine Rentenkasse, die im Jahr 1698 von König Louis XIV. eingerichtet wurde.

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Eines der großen Probleme: es gibt in dieser Spezialkasse der Oper heute rund 1900 Einzahler und 1800 Rentner. Das Eintrittsalter variiert stark und beträgt bei den Tänzern des Balletts 40 Jahre, zwischen 50 und 57 Jahren bei den Chormitgliedern und 60 Jahre bei den Musikern. Das Rentenregime kostet rund 27 Millionen Euro pro Jahr, das etwa zur Hälfte vom Staat finanziert werden muss.

Eine explosive Mischung

In Frankreich wird seit zwei Wochen gestreikt. Der geplante Rentenreform ist nur ein Grund für die Wut der Franzosen. 

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Die Proteste gegen die Rentenreform nehmen kein Ende. Nun drohen die Gewerkschaften damit, auch an Weihnachten den Zugverkehr lahmzulegen.

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Franzosen gelten als geradezu streikfreudig

Frankreich wird seinem Ruf wieder einmal gerecht. Die Franzosen gelten als geradezu streikwütiges Volk, das seinen Zorn gegen die „die da oben“ schnell auf die Straße trägt. Auch jetzt wieder sind viele Bereiche des öffentlichen Lebens seit zwei Wochen lahmgelegt. Doch mit dem Widerstand gegen die Rentenreform ist die bisweilen gewalttätige Vehemenz der Proteste nur ungenügend erklärt. Es ist ein explosives Gemisch aus mehreren Faktoren, das die Menschen auf die Barrikaden treibt. So entlädt sich die Frustration der Lehrer, Feuerwehrleute oder des Krankenhauspersonals wegen der immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen, über die sie seit Jahren vergeblich klagen. An den Protesten beteiligt sind auch viele Anhänger der Gilets Jaunes, die mehr soziale Gerechtigkeit in Frankreich einfordern – und natürlich den Sturz des Präsidenten Emmanuel Macron.

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Die Renaissance der Gewerkschaften

Und dann sind da natürlich die Gewerkschaften, die froh scheinen, endlich wieder als Kämpfer für die Rechte der Arbeitnehmer öffentlich wahrgenommen zu werden. Während der Proteste der Gelbwesten waren sie völlig abgemeldet. Das hat allerdings zur Folge, dass sich die vielen, untereinander konkurrierenden Gewerkschaften nun in eine Art Überbieterwettkampf begeben haben – jede Organisation geht mit immer radikaleren Forderungen für ihre Klientel in die Verhandlungen. Und natürlich ist der Streit um die Rentenreform auch in den Augen mancher Parteien eine Art Glückfall. Präsident Macron hat mit seiner Politik vor allem das linke Spektrum marginalisiert. Sie sehen nun die Chance, jenem Mann zu schaden, den sie für ihren Niedergang verantwortlich machen.

Macron ist die Zielscheibe der Proteste

Deutlich wird: Emmanuel Macron ist der gemeinsame Gegner, auf den sich die Wut aller Streikenden konzentriert. Das überdeckt sämtliche inhaltlichen Unterschiede in der Protestfront. Diese verwirrende Kakophonie in den Demonstrationszügen macht deutlich, dass die Reform des Rentensystems nur eines von sehr vielen fundamentalen Problemen ist, die es in Frankreich in den nächsten Jahren zu lösen gilt.