Paris – ein Laufsteg für Reiche, Schöne und Freaks

In Paris trifft sich in diesen Tagen bei den Haute-Couture-Schauen die Welt der Mode. Für Aufregung sorgt ein prominenter Abschied.

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20.02.21-fashion

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Jahrmarkt der Eitelkeiten

Ganz Paris ist ein einziger Laufsteg. Pfauenartig gekleidete Mode-Freaks stolzieren in der milden Wintersonne über die Champs-Élysées, kichernde Models steigen in kleinen Gruppen vor Luxus-Boutiquen aus dunklen Limousinen und in der Nähe von teuren Nobelherbergen lauern Fotografen auf prominente Beute. Der Grund: im französischen Mekka der Modewelt haben die Haute-Couture-Schauen begonnen, gezeigt werden die neuen Kollektionen für Frühjahr/Sommer 2020. Manche Produzenten des schönen Scheins wurden in dieser Saison allerdings von der harten Realität eingeholt. Einige Modehäuser hatten mit den seit Dezember in Frankreich anhaltenden Proteste gegen die umstrittene Rentenreform zu kämpfen. Das Label Christophe Josse sah sich gezwungen, seine Show abzusagen – wegen streikbedingter Lieferschwierigkeiten hatte die Kollektion nicht rechtzeitig fertiggestellt werden können.

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Jean-Paul Gaultier sorgt für eine Überraschung

Für die größte Überraschung war allerdings gesorgt, bevor das erste Model den Laufsteg betreten hatten. Der französische Modemacher Jean-Paul Gaultier ließ am Freitag über den Kurznachrichtendienst Twitter eine Bombe platzen. Sich lässig auf einem Sofa räkelnd erklärte der Stardesigner, dass in Paris seine letzte Haute-Couture-Schau stattfinden werde. Mit dem Auftritt am Mittwoch im Théatre du Châtelet werde er das Ende seiner seit 50 Jahre andauernden Karriere feiern. Doch dieses Ende sei auch ein neuer Anfang. „Ich versichere, Gaultier Paris wird weitermachen. Die Haute Couture geht weiter. Ich habe ein neues Konzept.“ Darüber werde er aber erst später berichten, sagte der fröhlich-aufgekratzt wirkende 67-jährige Gaultier scherzend, während er sich mit Handküssen verabschiedet. Dieser Auftritt passte zu Gaultier, der im Laufe seiner Karriere mit vielen Tabus gebrochen und die französische Modewelt mit exzentrischen Kreationen auf den Kopf gestellt hat. Seine Haute-Couture-Kollektionen haben Modegeschichte geschrieben, im Parfümsegment brachte er einen Klassiker nach dem anderen auf den Markt.

Die Neuen stehen in den Startlöchern

Jean-Paul Gaultier ist nun also Vergangenheit, doch in Paris präsentiert sich auch die Zukunft. Dazu gehört, dass zum ersten Mal zwei Designer aus Afrika und Indien in den erlauchten Kreis von rund 30 Modemachern aufgenommen wurden, die ihre Ideen auf dem Laufsteg zeigen dürfen. Zur größten Überraschungen zählt der in der Öffentlichkeit praktisch unbekannte Imane Ayissi aus Kamerun. Unter Insidern zählt der 51-Jährige zu den besten Modemachern des frankophonen Westafrikas.

Imane Ayissi – neue Ideen aus Afrika

Ayissi, der seit 20 Jahren in Paris lebt, hat allerdings nicht als Designer begonnen. Zu Beginn seiner künstlerischen Karriere war er Tänzer im Nationalballett Kameruns. Doch schon damals sprengte er die Grenzen der Klassik, trat in Musikvideos auf oder lief als Model über den Laufsteg. Seit Anfang der 90er Jahre entwirft Ayissi Mode und versucht nach eigenen Worten, die hohe akademische Qualität französischer Haute-Couture mit der Kultur seiner Heimat zu vereinen. Wie viele der neuen Modemachter, setzt er auf nachhaltige Produktionsweisen. So verwendet er vor allem Stoffe, deren Rohmaterialien aus biologischem Anbau stammen.

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Zu den Vertretern einer nachhaltigen Mode zählt auch der Inder Rahul Mishra, der zwar schon mehrere Male in Paris war, doch zum ersten Mal seine Modelinie auf dem Laufsteg präsentieren kann. Er will nicht nur umweltgerecht produzieren, er sieht seine Aufgabe darin, den Menschen in seinem Land zu helfen. „Mein Ziel ist es, Arbeitsplätze aufzubauen“, erklärt Mishra. Dazu will er die Produktion in den Dörfern stärken. „Die Arbeit soll zu den Leuten kommen und nicht die Leute zur Arbeit.“

An den eigenen Ansprüchen gescheitert

Die Ansprüche der Modebranche an sich selbst verändern sich, doch wie schnell man an allzu hohen Erwartungen scheitern kann, zeigte in Paris die Haute-Couture-Schau von Dior.  Maria Grazia Chiuri, die Kreativdirektorin des Hauses Christian Dior, versprach dem Publikum eine Art feministischer Vision. „Was, wenn Frauen die Welt regierten?“, ließ sie auf einen der riesigen Wandteppiche sticken, die wie Prozessionsfahnen den Laufsteg zierten. „Gäbe es dann Gewalt?“ oder „Wäre die Erde dann geschützt?“ war auf anderen zu lesen.

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Mit der Installation war die US-Künstlerin und Feministin Judy Chicago beauftragt, aus den Lautsprechern drang Musik der Isländerin Björk. In Chiuris Kleider selbst aber spiegelte sich dieser feministisch-kämpferische Ansatz nicht wieder – im Gegenteil, sie waren eine Ode an die Weiblichkeit. In wehenden, bodenlangen Chiffonkleidern in Gold- und Metallic-Tönen sahen ihre Models aus wie griechische Göttinnen. Und entsprachen damit exakt dem Bild, das sich Männer seit vielen Tausend Jahren von Frauen machen.