Auf der ewigen Suche nach dem Neuen

Der legendäre französische Regisseur Jean-Luc Godard und Mitbegründer der Nouvelle-Vague wird 90 Jahre alt. Er ist einer der bedeutendsten und eigenwilligsten Regisseure der Kinogeschichte.

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Die Zuschauer zum Denken zwingen

Ein Film von Jean-Luc Godard ist keine gute Idee für einen entspannten Kinoabend. Der Regisseur bewegt sich mit seinen Werken weit ab von der weltweit erfolgreichen Hollywood-Unterhaltungsindustrie. Godard verfolgt andere Ziele, er will die Zuschauer verstören, ihre Sinne anregen, sie zum Denken zwingen, sie sollen die herrschenden Regeln in Frage stellen. Mit diesem Ansatz hat es Godard geschafft, schon zu Lebzeiten zu einer Legende zu werden. Der vor genau 90 Jahren geborene Mitbegründer der Nouvelle-Vague gehört zu den bedeutendsten und eigenwilligsten Regisseuren der Kinogeschichte.

Mit seinem ersten Spielfilm À bout de souffle (Außer Atem) gelang Godard der große Durchbruch – und er setzte neue Maßstäbe in der Filmsprache. Machten sich die damals bekannten US-Regisseure auf die Suche nach dem Perfekten in ihren Streifen, drehte Godard ohne künstliches Licht und mit einer leichten Handkamera in den Straßen von Paris. Die beiden Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg sollte schnell und spontan agieren, deutlich werden sollte das Zerrissene und Zerklüftete in den beiden Figuren. Nach diesem Film werde das Kino nie mehr so sein wie zuvor, soll François Truffaut nach der Premiere von Außer Atem gesagt haben. Der Film erlangte Kultstatus und die beiden Hauptdarsteller wurden in ihrer Suche nach Glück und Freiheit zu Ikonen der Jugendkultur.

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Die Strukturen des Filmes auflösen

Doch Godard ging noch weiter. In den folgenden Jahren begann er immer häufiger, in seinen Filmen die Erzählstrukturen aufzulösen. Seine Geschichten werden fragmentarischer, Bilder und Szenen verlieren ihren inhaltlichen und zeitlichen Bezug zueinander. Oft sind die Szenen rabiat unterbrochen durch verblüffende Einschübe. So bleibt jedes Bild Fragment.

Geboren wurde Jean-Luc Godard am 3. Dezember 1930 in Paris, wuchs aber in der Schweiz auf, wo sein Vater als Arzt arbeitete. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er zurück nach Paris, begann ein Studium, besuchte die Cinématheque Française. In den 1950er Jahren schrieb er übers Kino für die heute legendäre Zeitschrift „Les Cahiers du cinéma“.

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Aufbruch zum Klassenkampf

Ende der 1960er Jahre hörte Godard auf, fürs Kino zu drehen, radikalisierte sich politisch und trat der Groupe Dziga Vertov bei, die dem kommerziellen Kino eine Absage erteilte und ihre Filme in den Dienst der französischen Studentenproteste stellte. Diese Ereignisse verarbeitete er 1972 in seinem Film Tout va bien (Alles in Butter). Das künstlerische Ziel Godards blieb die stete Erneuerung des Kinos, er sucht eine neue Sicht auf die Welt. In den 1980er Jahren baute er in Filmen wie „Vorname Carmen“ (1983) oder „Detective“ (1985) eine neue gedankliche Dimension ein, er arbeitete verstärkt mit Nebenwegen und Umwegen, die das Sichtbare prägen und gleichzeitig reflektieren. Bis heute stellt sich Jean-Luc Godard immer wieder neue Herausforderungen. So erschien sein Film „Socialisme“ im Jahr 2010 zuerst als komprimierter Videoclip im Internet. Was den direkten Kontakt zu seiner Umwelt angeht, ist der Meister allerdings weniger experimentierfreudig. Seit Anfang der 1980er Jahre lebt Godard zurückgezogen in der Schweiz am Genfersee. Allerdings ist er noch immer für Überraschungen gut. Im April dieses Jahres beantwortete er eineinhalb Stunden lang auf Instagram die Fragen von Studenten der Kunstschule in Lausanne. Die Lust am Experiment hat Jean-Luc Godard nicht verlassen.

Eine César-Verleihung im Banne von #metoo

Bei der Vergabe des Filmpreises in Paris protestieren Frauen gegen die zwölffache Nominierung Roman Polanskis – der den Preis für die beste Regie bekommt.

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Die demonstrierenden Frauen werfen Roman Polanski vor, ein Vergewaltiger zu sein.

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Der Skandal war vorprogrammiert. Kurz nach Mitternacht fiel im Salle Pleyel der Name Roman Polanski. Der Filmemacher erhielt den César für seine Regie bei dem Film „J’accuse“ (Intrige) über die Dreyfus-Affäre. Zurückhaltender Applaus kam auf, doch die ganze Aufmerksamkeit im Raum hatte in diesem Augenblick Adèle Haenel. Die Schauspielerin rannte wild gestikulierend durch die Sitzreihen in Richtung Ausgang. „Das ist eine Schande! Das ist eine Schande“, rief sie, ihr folgte die französische Drehbuchautorin und Regisseurin Céline Sciamma.

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Um die Proteste unter Kontrolle zu halten, wird ziemlich viel Polizei aufgefahren.

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Im Vorfeld der Verleihung in Paris hatte es große Aufregung um die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den 86-Jährigen Polanski gegeben, dessen Film für insgesamt 12 Césars nominiert worden war. Viele Filmschaffende meldeten sich zu Wort und Frauenverbände hatten vergeblich die Absetzung des Films gefordert. Auch der französische Kulturminister Riester hatte am Freitag eindeutig Position bezogen und deutlich gemacht, ein Preis für Polanski wäre „ein schlechtes Symbol“ im „Kampf gegen sexuelle und sexistische Gewalt“. Die Jury müsse ihrer Verantwortung gerecht werden.

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Die Frauen sagen, dass die Nominierung Polanskis für zwölf Césars ein Skandal sei.

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Die Schauspielerin Adèle Haenel ist in Frankreich zu einer Symbolfigur für die #metoo geworden. Die 31-jährige wirft ihren Landsleuten vor, die Debatte verschlafen zu haben.

Sie selbst hatte jüngst in einem Interview, das für sehr viel Aufregung gesorgt hat, Anklage gegen den Regisseur Christophe Ruggia erhoben. Sie beschuldigt ihn, sie als Minderjährige beim Dreh zu ihrem ersten Film „Les Diables“ (Kleine Teufel) wiederholt sexuell belästigt zu haben.

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Roman Polanski selbst sieht sich als Opfer einer „Lynchjustiz“ von Feministinnen. Vor dem Kinostart von „Intrige“ hatte ihm ein früheres Model vorgeworfen, sie 1975 vergewaltigt zu haben. Der Filmemacher bestreitet dies, ebenso wie ähnliche Vorwürfe von fünf weiteren Frauen, darunter die frühere deutsche Schauspielerin Renate Langer. In den USA wird Polanski weiter wegen Missbrauchs einer Minderjährigen in den Siebziegerjahren gesucht, den er auch eingeräumt. Schon bei der Premiere des Filmes in Paris im November kam es zu wütenden Protesten. Nicht zuletzt aus diesem Grund hatte Polanski angekündigt, nicht nach Paris zur Verleihung zu kommen.

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Im Vorfeld hatten Frauengruppen gefordert, den Film „J’accuse“ von Roman Polanski aus dem Wettbewerb zu nehmen

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Während der Gala gab es vor dem Salle Pleyel unweit des Pariser Triumphbogens Proteste gegen die Nominierung Polanskis für den César. Mehrere Hundert Demonstrantinnen versuchten, zum Veranstaltungsort zu gelangen, wurden von der Polizei aber zurückgedrängt. Immer wieder skandierten sie, dass der rote Teppich nicht dem „Vergewaltiger Polanski“ gebühre, sondern seinen Opfern. Eine Frau mit einem Transparent in der Hand erklärte, dass die César-Akademie mit den zwölf Nominierungen dem umstrittenen Filmemacher die größte Ehre erwiesen hätten. Das sei ein nicht hinnehmbarer Skandal.

Der Protest gegen Polanski ist allerdings nicht ohne Wirkung geblieben. Kurz vor der Verleihung des begehrten Filmpreises in Paris hatte die Führung der Akademie geschlossen ihren Rücktritt erklärt – „um diejenigen zu ehren, die 2019 Filme gemacht haben, um die Gelassenheit zurückzugewinnen und damit das Fest des Films ein Fest bleibt“. Diese Chance aber hat die Akademie mit der umstrittenen Nominierung verpasst. Was im Trubel unterging: Das Sozialdrama „Die Wütenden“ hat den französischen Filmpreis César als bester Film gewonnen. Die Produktion von Regisseur Ladj Ly beschreibt den Alltag aus Gewalt und Rassismus in einem Pariser Vorort.