Corona Frankreich: Vier weitere Städte werden zu roten Zonen

Nach Aix-Marseille, Paris und Guadeloupe werden vier weitere Städte an diesem Samstag als Risikogebiet eingestuft. Damit gibt es auch dort neue Corona-Beschränkungen, um die sich verschlimmernde Epidemie von Covid-19 einzudämmen.

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Die neuen Corona-Hotpots in Frankreich

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Vier neue Städte als Corona-Hotspots

Die neuen Restriktionen gelten für Lille, Grenoble, Lyon und Saint-Étienne. Wie Gesundheitsminister Olivier Véran sagte, sei die Entwicklung auch in Toulouse und Montpellier „besorgniserregend“. Es könne sein, dass diese Städte schon am Montag als Risikogebiet eingestuft werden. Allerdings erklärte er auch, dass es „eine signifikante Verbesserung“ der Lage in Nizza und Bordeaux gebe. Auch Rennes und in Aix-Marseille sei eine positive Entwicklung zu verzeichnen.

Hier eine Liste der Restriktionen in den einzelnen Zonen mit verschiedenen Farben:

Eine Liste der Restriktionen in den einzelnen Zonen

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Wann wird eine Stadt zur roten Zone?

Die maximale Alarmzone wird erreicht, wenn die Infektionsrate in der Allgemeinbevölkerung in den letzten sieben Tagen 250 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner überschreitet. Mit einbezogen wird auch, wenn auf den Intensivstationen die Zahl der mit Covid-19-Patienten belegten Betten in einer Region über 30 Prozent steigt.

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Ein Garten Eden im Großstadt-Dschungel

Frisches Gemüse mitten aus der Großstadt – in Paris ist das kein Problem. Auf dem Dach einer Messehalle in Porte de Versailles werden Bioprodukte angebaut.

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Erdbeeren vom Dach – die Bio-Produkte werden vor allem an Restaurants verkauft

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Salat, Thymian, Tomaten – alles vorhanden

Das Summen der Bienen ist nicht zu hören. Der nie versiegende Straßenlärm drängt zwischen den Häusern unaufhörlich nach oben und legt sich wie ein monotoner Klangteppich sanft über alle anderen Geräusche. Dieses nicht unangenehme Grundrauschen ist die ideale Begleitmusik für diese surreale Welt auf dem Dach der Halle 6 im Messezentrum Porte de Versailles in Paris. Auf fast 15.000 Quadratmetern entsteht hier ein moderner Garten Eden. Aus hohen Plastiksäulen sprießen Erdbeerpflanzen, deren Früchte appetitlich rot in der Sonne leuchten, daneben wächst Salat, Mangold, Pfefferminze oder Thymian und dazwischen stehen kleine Tomatenstauden.

Die größte Stadt-Farm Europas

Sophie Hardy hat einen eher pragmatischen Blick auf das üppige Grüne. „Wir nutzen im Moment etwa ein Drittel der möglichen Fläche“, sagt die Betriebsleiterin des Unternehmens Nature Urbaine, das die Anlage betreibt. „In den kommenden beiden Jahren werden wir den Rest des Daches bepflanzen.“ Weil sehr viel Gemüse und Früchte in dann fast 2000 vertikalen Säulen angebaut wird, wird sich die Anbaufläche am Ende auf 80.000 Quadratmeter erstrecken – und das Projekt ist damit die größte Stadt-Farm Europas.

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Die Betriebsleiterin Sophie Hardy

Urban Gardening liege im Trend, erklärt Sophie Hardy. „Die Menschen achten mehr darauf, was sie essen. Es soll biologisch sein und möglichst regional oder lokal angebaut werden.“ Aus diesem Grund wurde bei der Sanierung der Halle 6 des Pariser Messezentrums beschlossen, auf dem Dach die Farm zu installieren und in diesem Frühjahr in Betrieb zu nehmen. Um Gewicht zu sparen, werden Hydrokulturen und leichtes Substrat eingesetzt. Das hat allerdings einen kleinen Nachteil: weil die Pflanzen nicht in normaler Erde wachsen, bekommen sie nicht das französische Bio-Siegel. „Wir verwenden keine Insektizide oder andere Chemikalien“, versichert Sophie Hardy, „unsere Produkte sind also auch zu 100 Prozent bio.“ Am Ende werde die Farm jeden Tag „1000 Einheiten“ produzieren, sagt sie, das sei ein Kilo Gemüse und eine Schale Früchte oder einen Bund frische Kräuter.

Restaurants schätzen die kurzen Lieferwege

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Aus solchen Säulen wachsen die Pflanzen

Die edlen Restaurants und Hotels rund um das Messezentrum Porte de Versailles haben den Vorteil der kurzen Lieferwege und natürlich den enormen Werbewert erkannt. Sie werden den Großteil der Ernte der Dachgärtner abnehmen, die sich je nach Saison im Laufe eines Jahres ständig verändern wird. Da im Moment wegen der Corona-Sperren allerdings noch alle Gastronomiebetriebe geschlossen sind, haben sich die Verantwortlichen von Nature Urbaine entschieden, die Produkte dieses ersten Frühjahrs an die Anwohner im 15. Arrondissement von Paris zu verkaufen. So werden Gemüsekisten zusammengestellt, die über das Internet für 15 Euro bestellt und jeden Abend vor dem Rathaus des Stadtteils abgeholt werden können.

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Die Anwohner sind eingeladen mitzumachen

Zum Konzept des Urban Gardening gehört in diesem Fall allerdings auch, dass die Menschen mitmachen sollen. „Wir haben knapp 140 Parzellen, wo die Anwohner anbauen können, was sie wollen – solange es legal ist“, sagt Sophie Hardy lachend und zeigt auf eine Reihe von Hochbeeten, von denen jedes etwa zwei Quadratmeter misst. 320 Euro pro Jahr kostet eine Parzelle, darin inbegriffen sind auch zwei Mal wöchentlich die Tipps von Profis an die Hobbygärtner. Zudem haben die Beete ein automatisches Bewässerungssystem, was vor allem im Hochsommer das leidige Wasserschleppen und nach dem Urlaub einige vertrocknete Überraschungen erspart. Der Drang der Städter, sich zumindest ein kleines Stück Natur zu erobern und mit den eigenen Händen in der Erde zu graben ist enorm. Schon nach wenigen Tagen waren fast alle Parzellen vermietet.

„Der Wind ist unser Feind“

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Tomaten lieben keinen Wind

Trotz einer ausgeklügelten Planung müssen die Macher von Nature Urbaine in den ersten Monaten allerdings auch mit unerwarteten Problemen kämpfen. „Der Wind ist unser Feind“, sagt Sophie Hardy. Es gefalle nicht allen Pflanzen auf dem Dach hoch über der Stadt, dass ständig an ihnen herumgezerrt wird. „Wir haben dafür noch keine endgültige Lösung, aber wir arbeiten daran.“ Was die Betriebsleiterin noch mehr erstaunt: „Es gibt hier oben keine Insekten, die die Blüten der Pflanzen bestäuben könnten.“ Die Gründe liegen auf der Hand: das 15. Arrondissement von Paris ist sehr dicht bebaut, wirklich großen Parks mit blühenden Wildpflanzen sucht man vergebens und in unmittelbarer Nähe des Messegeländes verläuft die Périphérique, die große Stadtautobahn.

Keine Insekten auf dem Dach

Die Situation verbessere sich aber von Woche zu Woche. „Je mehr blühende Pflanzen wir haben, desto mehr Insekten sind zu finden“, beschreibt Sophie Hardy sichtlich zufrieden den Fortschritt, der allerdings eher im Schneckentempo vorangeht. Um der Natur etwas unter die Arme zu greifen, wurde zu Testzwecken ein Bienenstock auf dem Dach platziert. Und so schwirren die fleißigen Helfer inzwischen eifrig zwischen den Säulen mit den blühenden Erdbeerpflanzen umher. Angesichts dieses ersten Erfolges werden dem ersten Bienenvolk noch weitere folgen.