Jesiden – das vergessene Volk

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Im Nordirak leben noch immer tausende Jesiden in einem Lager in der Nähe der türkischen Grenze. War die Aufregung über den Genozid des IS vor einigen Monaten noch groß, sind sie nun aus den Schlagzeilen verschwunden. Sie haben das Sindschar-Gebirge verlassen. Sie sind den Gräueltaten der IS-Kämpfer entkommen und wissen nun nicht, was ihre Zukunft die Zukunft bringt.

Eine kleine Erklärung:

Das Jesidentum ist die Ursprungsreligion der Kurden, inzwischen sind die Jesiden eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich muslimischen Kurden. Die monotheistische Religion vereint Elemente altorientalischer Religionen, ihr Ursprung geht auf die vorislamische und vorchristliche Zeit zurück. Gott gilt als allwissend und mächtig, einen Widersacher hat er nicht. Im jesidischen Glauben steht vor allem ein Engel im Mittelpunkt: der Engel Pfau, den Gott als seinen Stellvertreter ernannt hat. Eine verbindliche religiöse Schrift, wie etwa die Bibel oder den Koran, haben Jesiden nicht. Der Glaube wird mündlich überliefert. Die Gläubigen gelten bei radikalen Muslimen als Teufelsanbeter und werden deshalb verfolgt.

Als Jeside wird man geboren, dabei müssen beide Elternteile jesidischer Abstammung sein. Es gibt keine Möglichkeit, zum Jesidentum zu konvertieren – deshalb wird auch nicht missioniert. Mitglieder heiraten nur Gläubige ihrer Religion.

Der wichtigste heilige Ort der Jesiden liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Iraks, nicht weit von Mossul entfernt. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

Die Mitglieder der Jesiden sind meist Kurden, sie sprechen das nordkurdische Kurmadschi als Muttersprache. Ursprünglich siedelten sie im Norden des Irak an, im nördlichen Syrien und im Südosten der Türkei. Heute leben sie auch in anderen Ländern. Weltweit gibt es Amnesty International zufolge etwa 800.000 Jesiden, offizielle Zahlen liegen nicht vor. Die größte Gruppe sind die irakischen Gläubigen, die vor allem in zwei Regionen im Nordirak leben. In Deutschland leben laut der Föderation jesidischer Vereine mehr als 100.000 Gläubige, andere Quellen sprechen von 60.000.

Die Katastrophe in Syrien gerät in Vergessenheit

Das UN-Welternährungsprogramm WFP muss wegen Geldmangel seine Hilfe für die syrischen Flüchtlinge drastisch kürzen. Hunderttausende könnten in Zukunft nicht mehr mit Essen versorgt werden. 

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Die Helfer schlagen Alarm

„Wir müssen unsere Hilfe für die syrischen Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien wegen des massiven Geldmangels drastisch zurückfahren“, sagt Cornelia Pätz, Sprecherin des UN-Welternährungsprogramms (WFP) in Deutschland. In den vergangenen Monaten seien die Nahrungsmittelrationen bereits mehrere Male reduziert worden, und viele Familien wüsste schon jetzt kaum mehr, wie sie überleben sollen. Doch nun könne es sein, dass mehrere Hunderttausend Flüchtlinge bald überhaupt keine Hilfe mehr bekämen, warnt Cornelia Pätz.

Die Menschen sind auf das WFP angewiesen

Die Vereinten Nationen schätzen, dass über vier Millionen Syrier vor den Kämpfen in die Nachbarländer geflohen sind, etwa 1,6 Millionen von ihnen sind auf die Hilfe durch das WFP angewiesen. „Allein für die Unterstützung der Flüchtlinge rund um Syrien benötigen wir 26 Millionen Euro pro Woche“, erklärt die WFP-Sprecherin. „Wir sind aber weit entfernt davon, diese Summe aufbringen zu können.“ Die UN-Organisation hängt fast völlig von Zuwendungen der internationalen Gemeinschaft ab. Bereits im vergangenen Jahr hatte sie wegen Geldmangels ihre Hilfe für syrische Flüchtlinge zeitweise einschränken müssen.

Schlechte Lage im Libanon

Schwierig ist die Lage vor allem im Libanon. Dort sind keine großen Flüchtlingslager aufgebaut worden und das WFP  verteilt an die  Familien Wertgutscheine, mit denen sie sich in den lokalen Geschäften versorgen können. Auf diese Weise wird nicht nur den Flüchtlingen geholfen, unterstützt wird auch die libanesische Wirtschaft vor Ort. Das lindert auch in gewissem Maße  die Spannungen in der Region zwischen Flüchtlingen und der einheimischer Bevölkerung. Wegen des Geldmangels muss das WFP nun aber den Wert der Gutscheine halbieren und die Flüchtlinge müssen mit nur 13,50 Dollar im Monat auskommen, was weniger als die Hälfte ihres Nahrungsmittelbedarfs abdeckt.

Es leiden die Kinder

„Die Situation wird mit der Dauer des Konfliktes immer komplizierter“, sagt WFP-Sprecherin Pätz. „Die Ersparnisse der Flüchtlinge sind längst aufgebraucht und die Länder, die Hunderttausende Menschen aufgenommen haben ächzen zunehmend unter dieser Belastung.“ WFP-Regionaldirektor Muhannad Hadi ergänzt, dass die Organisation umgehend 139 Millionen US-Dollar benötige, um die Hilfe für die Flüchtlinge in und um Syrien effektiv fortsetzen zu können. „Wir sind extrem besorgt über die Auswirkungen der Kürzungen auf die Flüchtlinge und die Länder, die sie aufnehmen“, fügte Hadi hinzu. Familien griffen schon jetzt zu verzweifelten Maßnahmen erklärte der WFP-Regionaldirektor: „Sie nehmen ihre Kinder aus der Schule, lassen Mahlzeiten aus und verschulden sich, um zu überleben.“

Auch die Caritas warnt

Auch das katholische Hilfswerk Caritas International fordert mehr Hilfe für die Flüchtlinge aus der umkämpften Region – vor allem auch aus Deutschland. „Die Lage für die Zivilbevölkerung hat sich in den vergangenen Monaten dramatisch verschlechtert“, sagt der Präsident des Deutschen Caritasverbands, Peter Neher. Die Caritas unterstützte nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr Hilfsprojekte für Flüchtlinge in Syrien, im Libanon und in Jordanien mit rund 7,8 Millionen Euro. Neher verwies in diesem Zusammenhang auf die große Aufnahmebereitschaft der syrischen Anrainerstaaten. Aufgrund verschärfter Einreisebestimmungen gebe es allerdings keinen „sicheren Hafen“ mehr für die Flüchtlinge. Mehrfach seien Syrer an der Grenze zur Türkei oder zum Libanon abgewiesen worden.

Die Regierung in Berlin stockt auf

Ein gutes Zeichen sei, dass die Bundesregierung im kommenden Jahr mehr Geld für die Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung stellen will, sagt WFP-Sprecherin Pätz. Der Etat für das zuständige Ministerium soll um rund 880 Millionen Euro auf 7,42 Milliarden Euro (plus 13,5 Prozent) steigen. Das Bundeskabinett billigte in diesen Tagen einen entsprechenden Haushaltsentwurf für 2016. Den Angaben nach sollen unter anderem rund 600 Millionen Euro in Länder investiert werden, die direkt von Flüchtlingskatastrophe betroffen sind. Das WFP hofft, dass einige dieser Millionen auch den Menschen in und um Syrien zu Gute kommt.

Ein kleines Glossar:

Flucht – Derzeit sind fast 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Die Hälfte von ihnen sind Kinder.  Die Krise in Syrien ist Ursprung der größten Flüchtlingsbewegung unserer Zeit.

Syrien – Die syrische Flüchtlingskrise begann im Mai 2011. Mittlerweile ist die Hälfte der Vorkriegsbevölkerung Syriens vertrieben. Fast acht Millionen Menschen innerhalb Syrien, weitere vier Millionen flohen in die Nachbarländer Jordanien, Libanon, Irak, Ägypten und Türkei.

Aufnahme – Die Türkei ist mittlerweile größtes Aufnahmeland für Syrer in der Region und das Land, das weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Derzeit leben fast zwei Millionen Syrer in der Türkei. Diese Zahl wird bis Ende 2015 wahrscheinlich auf 2,5 Millionen steigen.

WFP – Das WFP ist die größte humanitäre Organisation der Welt. Sie hilft jedes Jahr rund 80 Millionen Menschen in über 80 Ländern mit lebensrettender Nahrung.

Für jedes zehnte Kind gehört der Krieg zum Alltag

Das Kinderhilfswerk Unicef mahnt in seinem Jahresbericht 2015 mehr Hilfe für Kinder in Krisen- und Konfliktgebieten an.

12.11-syrien02 Kinder leiden am meisten unter Kriegen – wie hier in einem Flüchtlingslager in Syrien

Kinder sind die Opfer

Die  Zahlen sind erschreckend. Nach Angaben von Unicef wächst jedes zehnte Kind weltweit in einem Kriegsgebiet auf. Das Kinderhilfswerk der UN rechnet in seinem neuen Bericht „Kinder zwischen den Fronten“ vor, dass derzeit rund 230 Millionen Kinder in ihren prägenden Lebensjahren Unsicherheit, Hass und Gewalt erleben – und die die Situation wird sich nicht verbessern. Er gehe davon aus, dass die Zahl der Minderjährigen, die in Konfliktgebieten und in instabilen Staaten leben, in den kommenden drei Jahren noch weiter ansteigen wird, sagte Unicef-Programmdirektor Ted Chaiban am Dienstag bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. „Wir erleben weltweit eine der schlimmsten Phasen von Konflikten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges“, so der Unicef-Chef. „Es besteht die Gefahr, dass ganze Generationen von Kindern Gewalt und Instabilität als normalen Teil ihres Lebens ansehen.

Kinder als Zielscheibe

Die schwersten Misshandlungen, so steht es in dem Unicef-Bericht, drohten Kindern aktuell in Syrien, im Irak, im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik. „Mädchen und Jungen werden direkt zur Zielscheibe von Gewalt, entführt und versklavt“. Gruppen wie die Terrormilizen Islamischer Staat (IS) und Boko Haram missachteten die Prinzipien des humanitären Völkerrechts bewusst, um dadurch maximale Aufmerksamkeit zu erregen. Trotzdem übten sie bedauerlicherweise vor allem auf einige junge Menschen eine gewisse Faszination aus, stellt der Unicef-Bericht fest. „Ideologien wie die des IS versprechen Abenteuer, soziale Nähe und das Gefühl, Grenzen überwinden zu können, die Jugendlichen im Alltag auferlegt werden“, ist dort zu lesen.

Mangelnde Spendenbereitschaft

Bei der Präsentation des Berichts in Berlin mahnten die Vertreter des Hilfswerks mehr Unterstützung für die Kinder in den Krisen- und Konfliktgebieten an. Die Spendenbereitschaft bei Katastrophen sei stets höher, gab Unicef-Vorstand Jürgen Heraeus zu Bedenken. Dabei bräuchten Kinder in Konfliktregionen über einen deutlich längeren Zeitraum Hilfe. Nach Schätzungen des Hilfswerks benötigen allein in diesem Jahr mehr als 62 Millionen Kinder in Krisengebieten Nahrung, sauberes Wasser, medizinische Hilfe, Notschulen und Schutz vor Gewalt. Unicef rechnet mit Kosten von mehr als drei Milliarden US-Dollar (rund 2,7 Milliarden Euro) für diese Grundversorgung der Kinder.

Gleichzeitig rief die UN-Organisation die Spender auf, bei humanitärer Hilfe nicht nur an Nahrung, Kleidung und Obdach zu denken, sondern auch an Schulbildung für die jungen Kriegsopfer. Deutschland gehört zu den wichtigsten Geldgebern der Unicef-Schulprojekte für syrische Flüchtlingskinder. Der Unterricht sei wichtig, damit diese Kinder und Jugendlichen „einen Blick auf die Welt bekommen, der von Hoffnung geprägt ist und nicht von Hass“, sagte Ted  Chaiban.

Die Kinder nicht vergessen

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) kritisierte in dem Unicef-Bericht die aus seiner Sicht mangelhafte Spendenbereitschaft für die Flüchtlinge und Vertriebenen aus Syrien. „Die Weltgemeinschaft muss reagieren und ihre Zusagen einhalten“, betonte Müller. Angesichts der Vielzahl von Krisen, die bereits seit Jahren andauerten, habe auch die Spendenbereitschaft von Privatleuten für die Hilfe in diesen Regionen nachgelassen. Für Entwicklungsminister Müller bedeutet diese Entwicklung, dass „wir Hunderttausende, Millionen von Kindern einfach ihrem Schicksal überlassen.“