Der Kampf hat Deutschland erreicht

Der türkische Präsident Erdogan beschuldigt die Gülen-Bewegung, hinter dem Putschversuch in der Türkei zu stecken. Das nehmen viele seiner Anhänger  in Deutschland, die Anhänger des Predigers anzugreifen. 

16.07.20-Karakoyun

 

Übergriffe von Erdogan-Anhängern

Ercan Karakoyun spricht von einer regelrechten Hexenjagd. Nach dem Putschversuch in der Türkei kommt es auch in Deutschland immer wieder zu Übergriffen auf Gülen-Anhänger oder Einrichtungen, die dem Prediger nahe stehen. „Die Situation ist beängstigend“, sagt Karakyoun, Chef der Stiftung Dialog und Bildung, die Fethullah Gülen nahesteht. Dabei kritisiert auch er ausdrücklich den Umsturzversuch in der Türkei. „Die schlechteste Demokratie ist besser als jeder Putsch“, unterstreicht er.

 Doch die Stimmung ist aufgeheizt. „Ich bekomme inzwischen Morddrohungen“, sagt Karakoyun und zählt im selben Atemzug Angriffe auf mehrere Einrichtungen auf. So belagerten in Gelsenkirchen rund 150 Erdogan-Anhänger einen Jugendtreff der Organisation Hizmet, der der Gülen-Bewegung nahesteht. „Die Randalierer schlugen mit Pflastersteinen die Scheiben ein.“ Auch in vielen anderen Städten sei es zu Übergriffen gekommen. Inzwischen werde vielen Gülen-Anhängern auch der Zutritt zu Moscheen verwehrt, erzählt Karakoyun, den die Situation sichtlich schwer belastet. In den sozialen Netzwerken kursieren zudem Aufrufe, Gülen-Anhänger öffentlich zu machen und unter einer Telefonnummer in der Türkei zu melden. Auch Boykottaufrufe gegen Hizmet-nahe Unternehmer sind in Umlauf.  „Der Kampf ist längst in Deutschland angekommen“, konstatiert Karakoyun.

Ein großes Konfliktpotenzial

Wie groß das Konfliktpotenzial ist, lässt sich an den starken Wahlergebnissen für Erdogan unter den türkischstämmigen Menschen in Deutschland ablesen. Auf 59,7 Prozent kam die islamistische Regierungspartei AKP bei der Parlamentswahl im November hierzulande.

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Lange waren der Prediger Fethullah Gülen und der jetzige türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan enge Weggefährten gewesen, aber Ende 2013 kam es zum Zerwürfnis. Damals hatten türkische Staatsanwälte begonnen – angeblich Gülen-Sympathisanten – wegen Korruption gegen hochrangige Regierungsvertreter zu ermitteln. Darunter vier Minister. Im Gegenzug entließ Erdogan viele Tausend Richter und Staatsanwälte. Er kündigte an, die Gülen-Anhänger auf der ganzen Welt „wie Ratten aus ihren Löchern“ zu jagen und ihnen die „die Hände zu brechen“.

Erdogan liefert keine Beweise

Nun beschuldigt die türkische Regierung die Anhänger des seit 17 Jahren in den USA lebenden islamischen Predigers, hinter dem Umsturzversuch zu stecken. Dieser wies die Anschuldigung umgehend zurück. „Erdogan soll handfeste Beweise für seien Behauptungen vorlegen“, verlangt Karakoyun. Völlig absurd sei es auch zu behaupten, dass die vielen Tausend Festgenommenen in der Türkei alle Anhänger Fethullah Gülens seien. „Erdogan nutzt die Situation aus, um alle Kritiker mundtot zu machen“, ist Karakoyun überzeugt.

Klare Signale aus Berlin gefordert

Karakyoun warnt: „Es ist gefährlich, wie sich die Stimmung hochschaukelt und mit Gerüchten und Verschwörungstheorien auch in Deutschland gegen die Gülen-Bewegung gehetzt wird.“ Dieses Vorgehen zeige auch das mangelnde demokratische Verständnis der Erdogan-Anhänger.

Von der Bundesregierung in Berlin und auch von der Europäischen Union erwartet Karakoyun in dieser Situation „sehr klare Signale“ in Richtung Ankara. „Es muss Erdogan unmissverständlich deutlich gemacht werden, dass auch nach dem Putschversuch noch immer das Recht zu gelten hat.“

Hier noch der Link zu einem früheren Interview mit Ercan Karakoyun. Darin fordert er die Trennung von Staat und Religion.

Der Islam kann modernisiert werden

Ercan Karakoyun, Vorsitzender der Gülen-nahen Stiftung Dialog und Bildung, verlangt mehr Engagement von den Muslimen in Deutschland

15.03.20-gülen

Frage: Herr Karakoyun, das Bundesverfassungsgericht hat vor einigen Tagen das Kopftuch-Verbot aufgehoben. Ist das eine gute oder eine schlechte Entscheidung?

Antwort: Eine gute Entscheidung! Es ist ein wichtiger Schritt für die Akzeptanz von Muslimen in Deutschland. Der Spruch hat auch mein Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht gestärkt, weil ich sehe, dass die Religionsfreiheit in Deutschland einen großen Wert hat.

Frage: Können Sie die Ängste von Eltern verstehen, die nicht wollen, dass ihr Kind von einer Lehrerin mit Kopftuch unterrichtet wird?

Antwort: Die kann ich natürlich verstehen. Ich bin aber überzeugt, dass wir uns dem Thema offen nähern und darüber diskutieren müssen. Das Urteil ist ein Schritt in Richtung Normalisierung. Das wird mittel- bis langfristig dazu führen, dass das Kopftuch als Teil dieser Gesellschaft anerkannt wird.

Frage: Das Kopftuch-Urteil fällt in eine Zeit, in der heftige Diskussionen über die Rolle des Islam geführt werden. Die Anschläge in Paris auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ und das blutige Wüten des Islamischen Staates zeichnen ein dunkles Bild. Ist der Islam eine gewalttätige Religion?

Antwort: Wenn Sie mich fragen, ob die Anschläge in Paris und die IS-Terroristen etwas mit dem Islam zu tun haben, sage ich: Nein, das hat nichts mit dem Islam zu tun! Aber die Bluttaten haben etwas mit den Muslimen zu tun. Der Islam ist eine Religion, die die Menschenrechte und die individuellen Werte schützt. Aber dass solche Dinge im Namen des Islam passieren, zeigt uns als Muslime, dass wir in der muslimischen Gemeinschaft eine Diskussion in Gang setzten müssen, die wir bisher versucht haben zu vermeiden.

Frage: Das heißt, es muss auch darüber geredet werden, dass viele junge Muslime aus Deutschland nach Syrien in den Krieg ziehen. Was läuft da schief?

Antwort: Um solche Entwicklungen zu verhindern, muss mehr in die Bildung und den Dialog investiert werden. Nur durch Bildung kann man die Menschen dazu bringen, differenziert und bewusst zu handeln. Und nur durch den Dialog kann man erreichen, dass sich Menschen begegnen und Vorurteile abbauen. Wir als Muslime müssen da viel mehr Verantwortung übernehmen.

Frage: Von den Spitzen der muslimischen Verbände werden diese Probleme immer wieder öffentlich angesprochen. Aber reicht das? Was geschieht an der Basis, was machen die Imame in den Moscheen?

Antwort: Tatsache ist, dass es eine Elite gibt in der türkischen Gemeinschaft, die sich mit diesen Problemen auseinandersetzt und sie diskutiert. Das alles wird aber nicht bis hinunter in die Gemeinden und die Moscheen kommuniziert. Daran müssen wir arbeiten.

Frage: Dem Islam wird vorgeworfen, dass er noch immer interpretiert wird, wie er vor vielen Jahrhunderten niedergeschrieben worden ist. Wie kann das verändert werden?

Antwort: Das passiert eigentlich ständig. Der Religionsgelehrte Fethullah Gülen sagt, dass der Islam immer in seiner ganz speziellen Zeit verstanden werden muss. Es gibt in der muslimischen Religion das Prinzip des Idschtihad. Das heißt, der Koran kann interpretiert und der Islam den modernen Zeiten angepasst werden.

Frage: Wieso dann aber der Vorwurf des Stillstandes?

Antwort: Das Prinzip des Idschtihad wird in unserer Zeit zu selten angewandt, weil es zu wenige Menschen gibt, die das notwendige Wissen dazu haben. Zu viele Muslime berufen sich auf den Koran und ignorieren, in welchem Zusammenhang, unter welchen Umständen und in welchem historischen Zusammenhang ein Vers offenbart worden ist.

Frage: Das heißt, auch eine Trennung von Staat und Kirche ist im Islam möglich?

Antwort: Die Trennung von Staat und Religion ist sogar erforderlich. Diese Trennung hat es in der Geschichte des Islam zudem schon oft gegeben. Und sie ist erforderlich, da sonst die Religion zu einer bloßen politischen Ideologie verkommt und von der Politik instrumentalisiert werden kann – wie das im Moment der ‚Islamische Staat’ demonstriert.

Frage: Glauben Sie an einen europäischen Islam?

Antwort: Ich glaube, wir brauchen europäische Muslime. Also Muslime, die versuchen, den Islam in Europa zu leben und so zu interpretieren, dass er der heutigen Zeit gerecht wird.

Informationen über Hizmet:

Wohl keine islamische Bewegung wird in Deutschland so gegensätzlich beurteilt wie „Hizmet“ (Der Dienst). Sie beruft sich auf den türkischen Prediger Fethullah Gülen und ist die am schnellsten wachsende Strömung unter Bürgern mit türkischen Wurzeln. Rund 300 Vereine betreiben 24 staatlich anerkannte Privatschulen und etwa 150 außerschulische Nachhilfeeinrichtungen. Offiziell gibt es in keiner dieser Einrichtungen eine islamische Unterweisung. Die Absolventen dieser Schulen bilden eine neue, in sozialmoralischer Hinsicht konservative Bildungselite, die den Kontakt zur Politik, zur Verwaltung und zur Öffentlichkeit sucht. Dazu wurde die Stiftung Bildung und Dialog ins Leben gerufen.

Der Gülen-Bewegung wird vom Verfassungsschutz in Baden-Württemberg vorgeworfen, dass einige Schriften, die Fethullah Gülen in der Vergangenheit publiziert hat, „inhaltlich zu einzelnen Bestandteilen der freiheitlich demokratischen Grundordnung im Widerspruch stehen“. Dennoch wird die Bewegung nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Denn es gebe „keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür, dass die ‚Gülen-Bewegung‘ gezielt Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung verfolgt“.