Vincent van Gogh und das gelöste Geheimnis der Wurzeln

Forscher entdecken im französischen Auvers-sur-Oise den Ort, an dem der Künstler sein letztes Gemälde angefertigt hat. Der Ort entwickelt sich zu einer kleinen Pilgerstätte der Kunstfreunde. 

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Vincent van Gogh ist in Auvers-sur-Oise praktisch an jeder Straßenecke präsent

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Das Herz der Kunstfreund schlägt höher

„Ich sehe nichts“, klagt die kleine Marie. Ihr Vater hebt das quengelnde Mädchen ächzend auf seine Schulter, damit es über den mannshohen Bauzaun schielen kann. „Man erkennt nichts, nur viel Erde und ein paar alte Wurzeln“, lautet ihr vernichtendes Urteil. Exakt diese Wurzeln aber sind es, die das Herz der Kunstwelt im Moment einige Takte höher schlagen lassen. In Auvers-sur-Oise glaubt ein Forscher die Stelle entdeckt zu haben, wo der niederländische Maler Vincent van Gogh sein letztes Bild mit dem bezeichnenden Titel „Baumwurzeln“ gemalt hat. Nur wenige Stunden später hat er sich in dem nordfranzösischen Städtchen erschossen.

Das Museum bestätigt die Entdeckung

Kaum hatte das Van Gogh-Museum in Amsterdam den eher unscheinbaren Ort etwas oberhalb der Gemeinde in diesen Tagen als besondere Sehenswürdigkeit ausgezeichnet, setzte ein kleiner, aber nicht enden wollender Pilgerstrom von Verehrern des Meisters ein. Zupass kam dabei, dass die Entdeckung rechtzeitig zum 130. Todestag des Künstlers am 29. Juli 1890 bekanntgegeben wurde.

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Den Fund verdankt die Nachwelt eher dem Zufall – und der Corona-Pandemie. Wouter van der Veen, Direktor des Van Gogh-Instituts in Auvers-sur-Oise, nutze die Zeit der strengen Ausgangssperre in Frankreich dazu, in seinem Archiv zu stöbern. „Vor einigen Monaten hatte ich einige alte Ansichtskarten aus den Jahren 1900 bis 1910 sortiert, die einer alten Dame aus Auvers gehören“, erzählt der Wissenschaftler. Als er eine vergilbte Karte mit einem Radfahrer etwas länger in der Hand hielt, fiel sein Blick auf einen Ausschnitt hinter dem Mann, einen steilen Hang mit mehreren Bäumen. Wouter van der Veen: „Ich hatte den Eindruck, dass ich diese Wurzeln schon einmal gesehen hatte.“

Van Gogh – das lange verkannte Genie

Mitarbeiter des Amsterdamer Museums bestätigten anschließend den Eindruck. „Auf der Grundlage von Van Goghs Arbeitsweise und dem Vergleich von Gemälde, Ansichtskarte und dem heutigen Zustand des Hügelrandes kommen die Experten zu der Schlussfolgerung, dass es sehr wahrscheinlich um den richtigen Ort geht,“ heißt es in einer Mitteilung des Museums.

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Auf einem Spaziergang durch Auvers-sur-Oise wird deutlich, dass Vincent van Gogh sehr viele Motive aus der direkten Umgebung als Vorlage für seine Werke nahm. In den nur 70 Tagen, in denen der Künstler in dem Städtchen lebte, schuf er rund 80 Gemälde und 60 Zeichnungen. Von seiner Kunst leben konnte der Maler allerdings nicht, er war auf die finanzielle Unterstützung seines Bruders Theo angewiesen. Nur wenige seiner Werke fanden einen Käufer, der weltweite Ruhm und der Ruf eines Genies stellten sich erst sehr lange nach seinem jähen Tod ein.

Kleiner Rundgang durch die Welt von van Gogh

In Auvers am Ufer der Oise können die Einwohner vom späten Glanz des Künstlers allerdings sehr gut leben. Rund 500.000 kunstsinnige Besuchern kommen jedes Jahr in den Ort. An einigen markanten Stellen in den engen Gassen sind Kopien der berühmten Gemälde des Malers aufgestellt, die der Besucher direkt mit der Realität vergleichen kann. Die Gemeinde hat daraus einen kleinen impressionistischen Van-Gogh-Spaziergang zusammengestellt, der am Rathaus beginnt, die Kirche passiert und über eine steile Straße zu den von van Gogh auf unnachahmliche Weise verewigten Getreidefeldern führt. Dort, etwas oberhalb des malerischen Städtchens, liegt auch der kleine Friedhof, auf dem Vincent van Gogh und sein Bruder Theo Seite an Seite ruhen. Diese ganze Szenerie mit dem von Efeu umrankten Grab fügt sich zu einem stimmigen Bild, denn der Maler schrieb in einem seiner zahlreichen Briefe an den Bruder, dass dort auf der Anhöhe immer wieder eine große Melancholie und Einsamkeit von seinem Gemüt Besitz ergreife.

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Die Kirche von Auvers-sur-Oise ist von Vincent von Gogh verewigt worden

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Der Ort wird hergerichtet und konserviert

In diesen kleinen Van-Gogh-Rundkurs wird in Zukunft wohl auch die Stelle mit den „Baumwurzeln“ integriert werden. „Mich hatte es etwas verwundert, als vor einigen Tagen plötzlich Bauarbeiter den Hang mit einem Bauzaun abgesichert haben“, sagt ein Anwohner. „Aber jetzt ist mir alles klar. Wahrscheinlich wollte man das alles auch vor Souvenirjägern schützen, die auf der Suche nach einem besonderen Andenken sonst den ganzen Berg abgetragen hätten.“ Inzwischen hängen an der Bretterwand eine Kopie des berühmten Kunstwerkes und eine Vergrößerung der Ansichtskarte. Es benötigt einige Fantasie, doch mit einem Quäntchen guten Willens werden die Parallelen deutlich, zumal der größte Baum mit seinen offenliegenden Wurzeln noch erhalten ist. Von dort musste Van Gogh mit seiner Staffelei auf dem Rücken nur einige Schritte die enge Gasse hinabgehen, um zu der Herberge zu kommen, wo er ein Zimmer gemietet hatte.

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Auf dem Friedhof ruhen Vincent van Gogh und sein Bruder Theo 

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Im Moment sei alles noch etwas verdeckt, aber man werde die Stelle in den nächsten Monaten entsprechend herrichten und konservieren, erklärt eine Mitarbeitern im Tourismusbüro Auvers-sur-Oise. Dann kann den geneigten Besuchern, die durch das malerische Städtchen auf den Spuren des berühmten Niederländers wandeln, ein neues Highlight geboten werden.

Aufnahmen vom Rand der Gesellschaft

Eine Fotoausstellung in Paris erzählt vom abgeschnittenen Leben in den Banlieues dieser Welt. Sie bieten einen neuen Blick auf die verrufenen Orte.   

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Fotos von Monsieur Bonheur, ein Blogger und Fotograf aus dem berüchtigten Banlieue Seine-Saint-Denis vor den Toren von Paris

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Ein anderer Blick auf die verrufenen Orte

Was bedeutet es, nicht dazuzugehören? Ausgestoßen zu sein, mit dem Stigma durchs Leben zu gehen, am falschen Ort geboren zu sein? Elf Fotografen, die dieses Schicksal am eigenen Leib erfahren, haben sich dieser Frage gestellt. Ihre großformatigen Antworten hängen in den Magasins Généraux, einem modern-nüchternen Gebäudekomplex am Stadtrand von Paris. „BAN“ heißt die Ausstellung und spielt mit dem Wort Banlieue, das sind jene Vororte der großen französischen Städte, die scheinbar nur Hoffnungslosigkeit und Gewalt hervorbringen. „Ich will, dass die Menschen einen anderen Blick auf diese verrufenen Orte haben“, sagt Henrike Stahl, Fotografin und eine der Organisatorinnen der Ausstellung. Sie will vor allem das Bild korrigieren, das durch die tägliche Berichterstattung über Ausschreitungen und Verbrechen in den Köpfen der meisten Menschen zementiert ist.

Mit den Menschen Auge in Auge

Die großformatigen Fotos vom Leben in Banlieues aus der ganzen Welt sind die visuelle Ebene. Die Bilder hängen an langen Seilen von der Hallendecke und die Besucher können auf dieser Weise förmlich durch die Ausstellung schlendern. „Mein Ziel ist es, dass der Betrachter mit den fotografieren Menschen Auge in Auge steht, auf derselben Eben“, erklärt Henrike Stahl. Auf dem Betonboden neben den Bildern stapeln sich in kleinen Kisten kurze Texte, die den Fotos eine weitere Facette hinzufügen. Geschrieben sind sie von den Mitgliedern des Fußballclubs Red Star, der weitaus mehr ist als ein einfacher Sportverein. Die Jugendlichen aus dem verrufenen Pariser Vorort Seine-Saint-Denis haben die Chance, an kreativen Workshops teilzunehmen, sich mit Künstlern zu treffen oder andere soziale Angebote wahrzunehmen.

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Le gars de tess

„Ich war verblüfft, was diese jungen Menschen in den Fotos gesehen haben“, erzählt Henrike Stahl. So kam sie auf die Idee, die Jugendlichen ihre Einfälle aufschreiben zu lassen. Sie als Künstlerin löst mit ihren Porträts die Bewohner von Seine-Saint-Denis anhand ungewöhnlicher Inszenierungen ein Stück weit aus der alltäglichen Tristesse. Das wirkt fast poetisch, ohne dabei ins Lächerliche abzugleiten. Der dazugehörige Text eines Jugendlichen zum Foto eines stolz dreinblickenden jungen Mannes auf einem schwarzen Pferd vor einem tristen Plattenbau ist dann allerdings nah am harten Leben im Banlieue orientiert. „Je fais le gars de tess, mais en fait je suis un putain de romantique.“ Auf Deutsch etwa: „Ich mache einen auf schnellen Macker, aber eigentlich bin ich ein verdammter Romantiker.“

Dieser rüde, spöttische, aber sehr ehrliche Satz gefällt Henrike Stahl. Er eröffnet einen tiefen Einblick in das Denken der Jugendlichen in den Banlieues, wo Männer oft den Macho spielen müssen und Gefühle hinter einer großen Klappe versteckt werden. Die Kunst hat in diesem Fall etwas den Vorhang der Realität gelüftet und damit ihren Zweck erfüllt.

INFO: 

Fotoausstellung BAN, geöffnet nur samstags und sonntags, 11 – 20 Uhr, Eintritt frei, Adresse: Magasins Généraux, 1 rue de l’ancien canal in Pantin, noch geöffnet bis 16. August  

Fast alleine mit Mona Lisa

Der Louvre in Paris hat wieder geöffnet. Wegen der Corona-Regelung darf nur ein Bruchteil der üblichen Besucher das Museum besuchen.

 

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Fast einsam vor dem Louvre

Der Louvre in Paris hat den ersten Tag geöffnet und am Eingang wartet keine unendliche Menschenschlange. Vor der Pyramide im Innenhof des meistbesuchten Museums der Welt ist die Situation ungewohnt entspannt. Das Personal kontrolliert am Montag in der Sommersonne freundlich die Eintrittskarten der wenigen Besucher, einige Kunstliebhaber müssen abgewiesen werden, sie haben keine Online-Reservierung. Vier Monate hatte das Museum wegen der Corona-Pandemie geschlossen, nun wartet auf die Angestellten eine große Herausforderung. „Es ist sehr bewegend für all die Teams, die diese Wiedereröffnung vorbereitet haben“, sagte Direktor Jean-Luc Martinez. Im vergangenen Jahr drängelten sich 9,6 Millionen Menschen durch den riesigen Kunstpalast. Im Juli 2019 mussten einige Säle wegen Überfüllung sogar geschlossen werden.

 

 

 

Drastisch reduzierte Zahl von Besuchern

Wegen der Corona-Maßnahmen wird sich die Zahl der Besucher allerdings drastisch reduzieren. Knapp 30 Prozent der üblichen Besucherzahl wird Einlass zu den Kunstschätzen gewährt werden. Die Besichtigung der Säle folgt einem vorgeschriebenen Parcours, der vermeiden soll, dass sich die Kunstinteressierten kreuzen „Man wird unter anderem wieder die Säle der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts öffnen, die Abteilungen islamischer Kunst und italienischer Skulpturen“, erklärte der Louvre-Chef. Und natürlich den Zugang zu seinen Stars: der marmornen Schönheit der Statue der Venus von Milo und der Mona Lisa von Leonardo da Vinci.

Eine Eintrittskarte muss reserviert werden

Wer das Museum besuchen will, muss vorher im Internet eine Eintrittskarte reservieren – ohne geht gar nichts. Und auch in den Ausstellungsräumen selbst werden einige Regeln zu beachten sein. Die auffälligste ist die Zick-Zack-Absperrung vor der weltberühmten Mona Lisa, die an die Check-in-Vorrichtungen in Flughäfen erinnert. Orangefarbene Punkte am Boden signalisieren den Abstand, den die Besucher darin wahren müssen. Allerdings haben die wenigen Kunstliebhaber nun mehr als die üblichen 50 Sekunden Zeit, die Frau mit dem geheimnisvollen Lächeln zu betrachten.

 

 

Ein großes Loch im Budget des Louvre

Die Verantwortlichen in Paris erwarten angesichts der weltweiten Reisebeschränkungen in diesem Jahr allerdings keinen steilen Anstieg der Besucherzahlen. Dreiviertel des Publikums kommt in der Regel aus dem Ausland, vor allem aus den von Corona geplagten Ländern USA und China. Martinez hofft auf 3000 bis 4000 Besucher, im besten Fall 5000 im Sommer.

Die Schließung angesichts der Pandemie hat ein riesiges Loch in das Budget des Louvre gerissen, der sich zu 50 Prozent aus dem Verkauf von Eintrittskarten finanziert. Der Museumschef beziffert den Verlust auf rund 40 Millionen Euro. Der Louvre muss allerdings keine Insolvenz anmelden, denn Hauptgeldgeber ist der französische Staat.

Christo – der Paris-Verpacker

Das Centre Pompidou zeigt eine Schau des verstorbenen Verhüllungskünstlers, die er selbst noch vorbereitet hat.

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Gezeigt werden im Centre Pompidou auch Werke aus der Pariser Zeit in den 60er Jahren. Hier das eingepackte Pferd.

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Ein Jahrhunderkunstwerk ist im Entstehen

Wenn es in der Kunst Wunder gibt, dieses Projekt wird als eines in die Geschichte eingehen. Im September 2021 wird in Paris der Arc de Triomphe verhüllt werden. Das Monument wird für 15 Tage unter 25.000 Quadratmeter silbern schimmerndem Stoff verschwinden, allein diese Vorstellung hat etwas Gewaltiges. Zum Jahrhundertkunstwerk macht das Projekt aber seine Entstehungsgeschichte. Seit Anfang der 60er Jahr trug der Künstler Christo die Idee mit sich herum, das französische Wahrzeichen zu verpacken, bevor sie in diesem Jahr verwirklicht werden sollte. Doch dann geschah das Unvorhersehbare: die Corona-Pandemie stoppte die Vorbereitungen nur Wochen vor dem erfolgreichen Abschluss. Das endgültige Aus schien mit der Nachricht vom Tode Christos am 13. Juni gekommen, er war in New York kurz vor seinem 85. Geburtstag gestoben. Doch dann zeigte sich, was wirklich große Kunst ausmacht, die sich von ihrem Erschaffer löst und auf faszinierende Weise weiterlebt.

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„Christo und Jeanne-Claude – Paris!“

Die Pragmatiker unter den Kunstliebhabern können einwenden, dass der bis zu seinem Tod verbissen arbeitende Christo das Projekt akribisch vorbereitet hatte und die Umsetzung nur noch eine Art künstlerisches Handwerk darstellt. Sie können sich in einer Werkschau im Pariser Centre Pompidou allerdings auch vom Gegenteil überzeugen, dass dieses Projekt mehr ist, als nur ein paar Tonnen Stoff über ein Denkmal zu werfen. Unter dem Titel „Christo und Jeanne-Claude – Paris!“ ist der Arbeit des Künstlerpaares eine Ausstellung gewidmet, die nun auch zu einer Hommage ihres Wirkens geworden ist. Bei der Vorbereitung der Schau, die eigentlich bereits im März hätte eröffnet werden sollen, habe man noch eng mit Christo zusammengearbeitet, sagte Museumsdirektor Bernard Blistène bei der Eröffnung am Mittwoch im Centre Pompidou.

Die Pariser Jahre von Christo

Schwerpunkt der Ausstellung sind die Pariser Jahre des Künstlers und dessen Frau Jeanne-Claude. Christo war nach seiner Flucht aus dem kommunistischen Bulgarien in die französische Hauptstadt gezogen, wo er zwischen 1958 und 1964 lebte und seine in Casablanca geborene Partnerin kennenlernte. Zu sehen ist im Centre Pompidou auch ein Porträt von Jeanne-Claude – natürlich kunstvoll verpackt. Damals begann Christo die unterschiedlichsten Alltagsgegenstände zu verhüllen wie Dosen, Flaschen, Stühle oder, Kinderwagen. Er wollte zeigen, dass jedes Objekt einen Platz in der Kunst hat. Wie bei den meisten Vertretern des Neuen Realismus (Nouveau Realisme), die er in Paris kennengelernt hatte, ging es ihm darum, existierenden Dingen eine neue Wahrnehmung zu verleihen. Seine damals geborene Idee zu verwirklichen, nämlich den Arc de Triomphe zu verpacken, schien zu jener Zeit für den noch unbekannten Künstler eine verwegene Utopie.

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Ein sehr aufschlussreicher Dokumentarfilm

Zurück nach Paris kamen Christo und Jeanne-Claude in den 80er Jahren. Ihr Projekt, dem der weitaus größte Teil der Ausstellung im Centre Pompidou gewidmet ist: das Verpacken der Pont-Neuf hinter 40 876 Quadratmetern Polyamidgewebe. Zu sehen sind unzählige Skizzen und Fotos, die den mühsamen Weg hin zur Realisierung minutiös dokumentieren. Auch einige Bahnen des Stoffes werden präsentiert, Spanngurte und Winden. Besonderes sehenswert ist ein rund einstündiger Dokumentarfilm. Zu beobachten ist ein wie aufgedreht wirkender Christo, der wie besessen daran arbeitet, das Projekt zu verwirklichen. Als ihm gesagt wird, dass er die einfachen Pariser Leute überzeugen muss, zieht der Künstler kurzerhand durch die Straßen, spricht wildfremde Menschen an, setzt sich in Bistros an die Tische und bricht Diskussionen über den Sinn von Kunst im Allgemeinen und seinem Projekt im Speziellen vom Zaun. Unermüdlich erklärt er, dass es ihm beim Verpacken nicht um das Verstecken eines Gegenstandes gehe, im Gegenteil, sein Ziel sei es, dessen eigentliche Linien wieder sichtbar zu machen.

Vielsagend bis an den Rand der Komik

20.07.01-Christo02Vielsagend bis an den Rand der Komik ist die Rolle des damaligen Pariser Bürgermeisters und späteren französischen Präsidenten Jacques Chirac. Er steht der ganzen Geschichte sehr distanziert gegenüber und wagt es nicht, sich dafür stark zu machen. Der Grund: seine politischen Gegner könnten es ausschlachten. Doch als sich der Erfolg der Aktion abzeichnet, hat Chirac kein Problem, sich mit Christo im Scheinwerferlicht ausgiebig feiern zu lassen. „Ich habe den Eindruck, die Politiker spielen Pingpong und wir sind die Bälle“, entfährt es der entnervten Jeanne-Claude in einer Szene. 1985 wurde das Werk schließlich realisiert.

Christo liebte die Unabhängigkeit

Die Macher der Verpackung des Arc de Triomphe versichern immer wieder, dass Christo und dessen Frau Jeanne-Claude, die bereits im Jahr 2009 gestorben ist, ausdrücklich geäußert hätten, dass ihre laufenden Kunstaktionen auf jeden Fall fortgesetzt werden sollen. Noch im März fertigte Christo Zeichnungen des Pariser Projekts an und sicherte auf diese Weise dessen Finanzierung. Denn wie immer legte er großen Wert darauf, unabhängig von Sponsoren zu sein. Das nötige Geld kommt also auch in diesem Fall über den Verkauf von Drucken und Zeichnungen zusammen. Auch dieses profane, aber sehr wichtige Detail dürfte letztendlich dafür gesprochen haben, den Arc de Triomphe auch nach dem Tode des Künstlers zu verpacken.

Louvre sagt auf Druck von Nationalisten aus Bulgarien Ausstellung ab

Der Pariser Louvre hat nach Protesten von Nationalisten und Kirche eine Ausstellung über bulgarische Kunst abgesagt. Die nationale Bewegung IMRO-BNB nannte die Ausstellung eine Beleidigung.

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Eine Schau über islamische Kunst

Die ursprünglich für den Juni geplante Werkschau in der Abteilung für islamische Kunst sollte Arbeiten zeigen, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert entstanden sind, einer Zeit, in der Bulgarien unter osmanischer Herrschaft stand. Der Louvre will die Entscheidung im Moment nicht kommentieren.

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In Bulgarien wird der Islam oft mit der Jahrhunderte währenden osmanischen Herrschaft verbunden, die als „osmanisches Joch“ empfunden wurde. Erst im Jahr 1878 wurde das Balkanland autonomes Fürstentum. Bulgariens orthodoxe Kirche, der rund 80 Prozent der Bulgaren angehören, hatte erklärt, dass sie Nachfragen des Louvre nach Leihgaben nicht nachkommen werde.

Bereits vor zwei Wochen hatte das bulgarische Kulturministerium den Louvre wissen lassen, dass es angesichts der Reaktionen der Öffentlichkeit und der orthodoxen Kirche die Absage der Ausstellung wünsche.

Fragwürdiges Polit-Happening um ein Sex-Video in Frankreich

Mit einem Sex-Video löst der russische Aktionskünstler Pawlenski ein politisches Erdbeben aus –  doch mit seinem Verhalten verwirrt er die Franzosen. Auch weil er das Selbstverständnis der Gesellschaft in Frage stellt. 

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Ein cooler Typ oder einfach ein Egomane?

Lachen gehört nicht zu den Stärken von Pjotr Pawlenski. Mit versteinerter Miene blickt der hagere Mann auf allen Fotos meist direkt in die Kamera. Ganz Frankreich stellt sich im Moment die Frage, ob diese teilnahmslose Coolness nur gespielt ist, oder ob sich im Innern dieses Menschen wirklich jene egomanischen Abgründe auftun, die manche vermuten.

Tatsache ist: der Aktionskünstler hat französische Politik-Geschichte geschrieben. Mit der Veröffentlichung eines Videos hat er den Pariser Bürgermeisterkandidaten Benjamin Griveaux spektakulär aus dem Rennen gekegelt. Auf den Aufnahmen ist ein masturbierender Mann – offensichtlich Griveaux – zu sehen und einige Textnachrichten eindeutigen Inhaltes. Der Russe, der sich als „politischer Künstler“ bezeichnet, wollte Griveaux nach eigenen Angaben „Scheinheiligkeit“ nachweisen, da dieser sich im Wahlkampf immer wieder als makelloser Familienvater präsentiert hat. Pawlenski und seine 29-jährige Partnerin Alexandra de Taddeo wurden festgenommen, sind inzwischen aber wieder auf freiem Fuß. Ermittelt wird gegen beide wegen Verletzung der Intimsphäre und Verbreitung von Sex-Bildern ohne Zustimmung.

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Pawlenski genießt das bizarre Schauspiel

Irritierend ist, dass Pjotr Pawlenski das bizarre Schauspiel im Blitzlichtgewitter zu genießen scheint. Seine kurzen Erklärungen in Französisch mit sehr schwerem russischen Akzent sind der Hit in den Nachrichtensendungen. Dieser undurchschaubare Mann erweckt den Eindruck, dass ganz Frankreich gerade Teil eines wohlkalkulierten Politik-Happenings ist und Pawlenski persönlich darin Regie führt. Auch die Justiz scheint verunsichert, in welchen Kategorien sie diesen Menschen beurteilen soll – vielleicht spielen auch die Richter nur eine ihnen zugewiesene Rolle in einer bizarren Inszenierung. Ins Gedächtnis drängt sich die Szene, als Pawlenski sich seine Hoden in Moskau auf den Roten Platz nagelte und die herbeigeeilten Polizisten vor laufender Kamera zu hilflosen Statisten in einem skurrilen Schauspiel degradierte.

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Offensichtlich ist, dass diesem Mann nur schwer mit den normalen Mitteln des Rechtssystems beizukommen ist. Dass Pawlenski den als reichlich arrogant verschrienen Benjamin Griveaux wegen seines außerehelichen Fehltritts bloßstellen wollte, passt noch ins Denkschema vieler Zeitgenossen. Rache und Gerechtigkeit sind für einen normalen Menschen nachvollziehbare Kategorien. Auch Spekulationen, dass es sich bei der ganzen Sache um ein böses Komplott des Kremls handelt, um das politische System in Frankreich zu destabilisieren, werden immer wieder kolportiert.

Pawlesnki passt nicht ins System

Doch dann werden mögliche Erklärungsversuche sehr komplex. Angesichts der drohenden Gefängnisstrafe stellt sich am Ende sogar die Frage, ob eine Strafe für einen Menschen wirklich eine Strafe ist, wenn er diese Strafe gar nicht als Strafe im herkömmlichen Sinne erkennt?

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In der Bewertung dieses Spektakels schwingt bei den Franzosen auch ein Stück Enttäuschung mit. Damals, als der Künstler sich mit seinen spektakulären Aktionen im fernen Moskau gegen die russischen Autoritäten auflehnte, wurde er im Westen als Freiheitskämpfer gefeiert. Und nun? Wieso verspottet Pawlenski das Land, das ihm so großzügig politisches Asyl gewährt hat, fragen französische Kommentatoren. Wo bleibt die Dankbarkeit? Frankreich ist doch keine menschenverachtende Autokratie wie Russland.

Franzosen glauben an die Republik

Pawlenski sieht das anders und verwirrt damit seine Umwelt. Denn tief in ihrem Innern glauben die Franzosen an die freiheitlichen Werte der Demokratie und der Republik. Doch dieser asketische Mann sät genau dort die Zweifel, dass auch im hochgelobten Westen die Freiheit des Einzelnen womöglich nur eine vermutete Freiheit sein könnte.

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Gleichzeitig stößt Pawlenski – wahrscheinlich von ihm eher ungewollt – auch weitere Türen auf, die Einblicke in schaurige Welten bieten. Ist es erstrebenswert, wenn jeder ohne Rücksicht auf die Mitmenschen seine persönliche Freiheit egoistisch auslebt und konsequent nur nach seinen eigenen Regeln agiert?

Oder darf ein Kollektiv im Namen der Gerechtigkeit das Leben anderer Menschen zerstören? Ähnlich wie zu Zeiten der französischen Revolution, als die Köpfe der Herrschenden zu Tausenden für eine vermeintlich gute Sache rollten? Piotr Pawlenskis Aktionen werfen fundamentale Fragen auf, Politik, Justiz und auch die Gesellschaft müssen darauf Antworten suchen. Auf eine Idee kommt allerdings – zurecht – niemand, dass die Veröffentlichung des Sex-Videos Kunst gewesen sein könnte.

Hommage an den Schwarzmaler

Zum 100. Geburtstag von Pierre Soulages widmet Paris im Louvre und dem Centre Pompidou dem französischen Maler eine Doppelschau.

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Warum ausgerechnet schwarz?

Die Bilder von Pierre Soulages sind nicht einfach schwarz. Die raue, faserige oder auch glatte Oberfläche reflektiert das einfallende Licht, bisweilen tiefblau, oft in wilden Grautönen oder auch in einem alles verschlingenden Nachtschwarz. Der französische Künstler weist aus diesem Grund eine ihm immer wieder gestellte Frage weit von sich: Warum ausgerechnet schwarz? „Ich male nicht mit Schwarz“, erklärt er dann, „ich male mit Licht.“ Erst durch den Blick des Betrachters werde das Bild zum Werk vollendet. „In meinen Gemälden gibt es unendlich viele Sichtweisen“, sagt Pierre Soulages in einem Interview mit „Le Parisien“, „man verändert den Standpunkt und das Licht verändert sich ebenfalls.“

Eine sehr große Ehre für Pierre Soulages

Zu seinem 100. Geburtstag am 24. Dezember wird Pierre Soulages nun eine besondere Ehre zuteil. Frankreich feiert ihn mit einer Doppelausstellung. Erstmals widmet der Pariser Louvre dem Maler eine Retrospektive. Nach Pablo Picasso und Marc Chagall ist Soulages erst der dritte Künstler, dem eine solche Würdigung zuteil wird. Die zweite Schau wird im Centre Pompidou gezeigt.

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Ausstellung im prachtvollen „Salon carré“

Die Ausstellung im Louvre findet im prachtvollen „Salon carré“ statt, wo normalerweise italienische Malereien aus dem 12. bis 15. Jahrhundert hängen. Sie mussten 19 größtenteils monumentalen Werken weichen, die die künstlerische Entwicklung von Pierre Soulages markieren. Man habe mit wenigen Werken ein 80 Jahre währendes Schaffen illustrieren wollen, sagt Kurator Alfred Pacquement. Die Hommage im Centre Pompidou konzentriert sich mit 14 Arbeiten auf die Jahre 1948 bis 2002, darunter sind auch ältere Werke zu sehen, in denen die Farbe Schwarz noch nicht ganz die Bildfläche beherrscht.

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Unter den Exponaten der Retrospektive befinden sich seine ersten, ab Mitte der 1940er Jahre entstandenen Kompositionen wie die einzige erhaltene Nussbeize-Arbeit auf Leinwand. Einer der Höhepunkte ist allerdings ein sehr großformatiges Werk aus dem Jahr 2019. Kurator Alfred Pacquement habe es bei einem Besuch im Ateliers des Malers in Sète gesehen und sei bei dessen Anblick schlicht hingerissen, erinnert sich der Künstler. Ein Werk von solcher Wucht, aus den Händen eines 100 Jahre alten Menschen.

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Schwepunkt auf den Outrenoir-Werken

Ein Schwerpunkt der Doppelschau liegt auf den „Outrenoir“-Werke. Längst zur Legende ist der Schaffensprozess geworden, in dem Pierre Soulages praktisch über Nacht seinen Weg zu diesen Werken „jenseits des Schwarz“ gefunden hat. Nach mehr als 30 Jahren des Schaffens war der Künstler Ende der 80er Jahre an einem Wendepunkt angekommen. Nach eigenen Erzählungen arbeitete er damals an einem großformatigen Werk, das ihm nicht gelingen wollte. Wieder und wieder übermalte er das Bild, trug Schicht für Schicht der schwarzen Farbpaste auf, bis er sich erschöpft schlafen legte. Als er erwachte und das Werk erneut betrachtete, modulierte die faserige, wilde Oberfläche das Licht. „Darin habe ich einen neuen Typ der Malerei erkannt“, erinnert sich Soulages, einer Malerei jenseits des Schwarz, die die Seele des Betrachters berührt.

INFO: Beide Ausstellungen im Louvre und Centre Pompidou dauern bis zum 9. März, Eintritt 17 Euro, dienstags geschlossen

Jonathan Meese im Mode-Kosmos

Der umstrittene deutsche Künstler Jonathan Meese interpretiert in Paris das Schaffen von Karl Lagerfeld. Eine ziemlich spannungsgeladene Beziehung, die für den Betrachter – wie könnte es anders sein – einige Überraschungen bereithält.

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Jonathan Meese vor dem zentralen Bild seiner Ausstellung in Paris

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Ein Mensch zwischen Abscheu und Bewunderung

Lagerfeld – Mode – Paris. Das sind drei Begriffe, die eine fast vollendete Dreiklang bilden, scheinbar untrennbar miteinander verbunden. Diese drei Worte lösen Bilder von Anmut, Schönheit, Glanz, Reichtum aus – umrankt allerdings von einer gehörigen Prise Hybris. Doch plötzlich stört Jonathan Meese diese perfekte Harmonie, stapft mit fast kindlicher Naivität umher, hebt hier freudig lachend einen seidenen Rock und blick dort neugierig hinter die bunten Fassaden. Jonathan Meese, das Enfant Terrible der deutschen Kunstszene, der bei seinem Auftauchen nur zwei Gemütszustände auslöst: abgrundtiefe Abscheu oder allergrößte Bewunderung. Die Kategorie Gleichgültigkeit gibt es in seinem Fall nicht. Und dabei ist der Mann nach eigenen Aussagen nur auf der Suche nach Liebe – das tut er allerdings ziemlich hemmungslos.

Ein Galerist mit einer Nase für lohnende Skandale

So bricht also Jonathan Meese ein in den Mode-Kosmos, herbeigerufen von der Galerie Templon. Der Galerist Daniel Templon hat große Erfahrung und auch ein sicheres Händchen darin, in der Kunstszene für einen gewissen Aufruhr zu sorgen. Er war es, der Jean-Michel Basquiat, Roy Lichtenstein oder Keith Haring nach Europa geholt hat. Im Auftrag des Franzosen hat Meese nun eine Ausstellung über den im Frühjahr verstorbenen Modezaren Karl Lagerfeld erarbeitet. Entstanden sind in kurzer Zeit viele großformatige Bilder und einige Installationen – und er zeigt einmal mehr, weshalb er als notorisches Spielkind unter den deutschen Künstlern gilt.

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Eine Installation von Meese zum Thema Mode

Meese und Mode – passt das?

Dabei scheinen Meese und Mode auf den ersten Blick nicht allzu viel miteinander zu tun zu haben. „Ich liebe Mode“, beteuert allerdings der Künstler dann aus tiefstem Herzen bei einem Rundgang durch seine Ausstellung in Paris. Beim Deuten seiner Werke oszilliert er dann zwischen fast kindlich anmutenden Erklärungsmustern und philosophischen Sphärenflügen. Natürlich erklärt er in diesem Sinne auch die für ihn typische schwarze Adidas-Trainingsjacke kurzerhand zur Mode, zu einer Art modischer Uniform – aber natürlich eine unideologische, wie er sofort betont. Denn Ideologien sind für Jonathan Meese wie eine Art Pest, die es mit seiner Kunst zu bekämpfen gilt. Das sei der eigentliche Wert der Kunst, doziert er, dass sie in der Lage sei, alle Dinge von ihrem ideologischen Ballast zu befreien, damit das eigentlich Schöne in den Dingen dieser Welt wieder ans Licht komme. In diesem Sinne ist die Mode in den Augen von Jonathan Meese sozusagen die Schwester der Kunst, denn auch in der wahren, unideologischen Mode sei am Ende alles erlaubt.

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Hier im Podcast führt Jonathan Meese durch seine Karl-Lagerfeld-Ausstellung. Und natürlich erklärt er, was Mode mit Kunst zu tun hat: 

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Im Zentrum steht Karl Lagerfeld – die Ikone

Im Zentrum der Ausstellung in Paris steht natürlich der ikonische Karl Lagerfeld, der mit seiner Arbeit große Kunst vollbracht habe, betont der künstlerische Allesanpacker. Doch der Meister ist gezeichnet, hat auf vielen Bildern eine deutlich sichtbare Narbe im Gesicht. Auch das ist ein Topos, der immer wieder auftaucht: der Kampf gegen allerlei Wiederstände in dieser Welt, der tiefe Verletzungen an Körper und Seele hinterlässt. Dieser Hinweis ist bei Meese, der im Kunstbetrieb seit Beginn seines Schaffens ständigen Anfeindungen ausgesetzt ist, durchaus autobiographisch zu verstehen.

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Ein Besucher in der Galerie Templon

Karl Lagerfeld als Fixpunkt im Mode-Universum

Umringt ist Karl Lagerfeld im Meese-Mode-Universum von zahlreichen Mitstreitern wie John Galliano oder Yves Saint Laurent. Die Mode ist dabei allerdings nur ein einigendes Element, „das Faszinierende ist, dass alle diese Personen sehr konsequent und mit allergrößter Hingabe ihre Ideen verfolgt haben“, erklärt der Künstler. Aber wie nicht anders zu erwarten, dehnt Meese den Modebegriff fast bis zum Zerspringen und so tauchen etwa auch König Ludwig II. von Bayern, der Komponist Richard Wagner und natürlich Robespierre oder König Ludwig XIV. auf – schließlich ist man in Frankreich. „Sie alle waren prägend in ihrer Zeit“, erläutert er. Das will der Künstler natürlich nicht nur auf die Mode beschränkt wissen und schwärmt ziemlich ausführlich von den wunderbaren Schlössern den Bayern-Königs. „Früher haben ihn alle für verrückt erklärt und heute sind ihm alle dankbar für die schönen Dinge, die er hinterlassen hat.“

Meese sitzt zwischen den Stühlen

Viele Besucher der Galerie kommen natürlich aus der Modebranche und entdecken sich in den Werken durchaus wieder. Manchem gefällt, dass Jonathan Meese mit seinen Arbeiten ihrer Meinung nach der Haute Couture gnadenlos den Spiegel vorhalte, etwa die fast militärischen Hierarchien oder auch das verbissene Karrieredenken anprangere.  Andere wiederum – ebenfalls Betrachter vom Fach – vermissen den „Tiefgang“ in den Bildern und kritisieren, dass der Künstler von der wirklichen Mode am Ende eben doch nichts verstehe. Und da ist sie wieder, diese Kluft zwischen Anhängern und Verächtern der Meeseschen Kunst. „Ich sitze irgendwie immer zwischen den Stühlen“, sagt der umstrittene Künstler selbst über die Wahrnehmung seiner Werke und wirkt dabei reichlich erstaunt. Tatsächlich ist das aber ein Platz, an dem sich Jonathan Meese inzwischen vortrefflich zurechtfindet. ENDE-ENDE

Ungewöhnliche Milde für Pjotr Pawlenski

Russische Richter können auch milde Urteile fällen. Diese ungewöhnliche Erfahrung darf der Performance-Künstler Pjotr Pawlenski machen. Dafür, dass er die Tür der Geheimdienstzentrale Lubjanka in Moskau in Brand gesetzt hat wird er nur mit einer Geldstrafe belegt. Möglich gewesen wären auch viele Jahre Gefängnis.

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Milde für den Vater von zwei Kindern

500.000 Rubel, umgerechnet rund 6.900 Euro, muss Pawlenski bezahlen und kam nach dem Richterspruch sofort auf freien Fuß. Mit in das Urteil eingerechnet sind allerdings die sieben Monate Untersuchungshaft, die der Künstler absitzen musste. Aber nun hatte die Richterin offensichtlich Mitleid, weil er Vater von zwei Kindern ist.

„Der Ausgang des Prozesses war eigentlich unwichtig. Wichtig ist, dass wir während des Prozesses die Realität aufdecken konnten. Wir konnten sehen, dass man die Kultur mit Methode vernichten und sich dann auf dieser Grundlage selbst zum Kulturdenkmal erklären kann.“ Das zielte auf den Geheimdienst. Das Gericht befand Pawlenski nämlich für schuldig, mit der Tür zur berüchtigten Geheimdienstzentrale Lubjanka ein Objekt des Kulturerbes zerstört zu haben. Um diese Argumentation überhaupt erst zu ermöglichen, hatte der Staatsanwalt erklärt, die Lubjanka sei deshalb ein Kulturgut, weil dort in den 1930er-Jahren bekannte Künstler festgehalten wurden.

Keine Anklage wegen Terrorismus

Pawlenski seinerseits hatte darauf bestanden, wegen Terrorismus angeklagt zu werden. Er wollte mit seiner Aktion „Bedrohung“ gegen den Terror des Geheimdienstes protestieren. Und er wollte zugleich Solidarität zeigen mit jenen, die von der russischen Justiz als angebliche Terroristen zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, wie der ukrainische Filmemacher Senzow. Das hat nun nicht funktioniert. In dieser Hinsicht hat Pawlenski seine Freiheit gewonnen und damit haben ihm die Behörden einen Strich durch seine Rechnung gemacht.

Die Fans feiern Pawlenski

Seine Fans haben ihr Idol allerdings gefeiert. Sie priesen seinen Mut und seine Furchtlosigkeit, die den Staat in die Knie gezwungen hätten. Pawlenski sei von sokratischer Furchtlosigkeit, so sagte es in der wartenden Menge vor dem Gericht der Aktionskünstler Oleg Kulik. Er lebe so frei wie der Philosoph, im Wissen, dass wir im Leben schon gestorben seien, „und siegen können in Russland ja nur die Toten“. So kann man das Urteil natürlich auch interpretieren.

Hier ein Link zur Berichterstattung über Pawlenski

Hier ein Link, wie Pawlenski die FSB-Tür angezündet hat