Kunst in Zeiten der Revolution

Im Literaturhaus Stuttgart diskutierten Künstler beim Change!-Festival darüber, welchen Einfluss Künstler auf den Verlauf von Protesten haben können.

Hier ein kurzer Youtube-Trailer zum Change-Festival

 

Die Wirkungsmacht von Kunst

Kann ein Pinselstrich eine Revolution auslösen, ähnlich dem Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Wirbelsturm verursacht? Eine unglaubliche Vorstellung. Dennoch wird immer wieder die zentrale Rolle der Kunst in Zeiten des fundamentalen gesellschaftlichen Umbruchs hervorgehoben. Beschrieben wird die ungeheure Wirkungsmacht eines Romans, eines Pamphlets, von Fotos, Karikaturen, Graffitis oder auch eines Liedes.

Nur Claqueure im Chaos

Das vergangene Vierteljahrhundert bietet die besten Möglichkeiten, Feldforschung zu betreiben. Seit dem Zerfall der Sowjetunion sind die Staaten in und um Europa nicht zur Ruhe gekommen. Zuletzt implodierten mit gewaltigem Getöse viele Staaten im arabischen Raum. Die Europäer hatten angesichts des Arabischen Frühlings eher die Rolle der Claqueure und interessierten Zuschauer eingenommen, doch die Schockwellen haben nun auch unseren Kontinent erreicht und die Folgen sind in den Städten zu spüren. Millionen Flüchtlinge haben sich auf den Weg gemacht, um bei uns ein besseres Leben zu finden und diese Menschen werden auch hier den Grundstein für eine vielleicht grundlegende Veränderung der Gesellschaft legen.

Viele Verbindungslinien

Die Veranstaltung im Literaturhaus Stuttgart hatte also eine ungeahnte Aktualität. Unter dem Titel „Change!“ diskutierten rund zweidutzend Schriftsteller, Künstler, Kuratoren und Kulturvermittler am Wochenende in verschiedenen Runden über die Rolle der Kunst im Umbruch. Eine gewaltige Herausforderung, sind die gesellschaftlichen Veränderungen auf den ersten Blick politisch, kulturell und historisch doch kaum mit einander zu vergleichen. Doch es gebe auch offensichtliche Verbindungslinien, unterstreicht Stefanie Stegmann, Leiterin des Literaturhauses. Die Kunst erobere sich durch Veränderungen immer neue Freiräume sich auszudrücken, beobachtet werde auch eine Re-Politisierung der Kultur.


Das Leben ungefiltert aufnehmen

Die Diskussionen machten deutlich, dass sich jeder Künstler diese neuen Freiräume auf seine eigene, sehr individuelle Weise erobert. Die Russin Viktoria Lomasko braucht das elektrisierende Chaos für ihre Arbeit, wie etwa die Proteste 2011/12 in Moskau mit all der aufgestauten Wut, der Bedrohung durch die Polizei und der Hoffnung auf Veränderung. Die Illustratorin will dabei sein, muss alles am eigenen Leib spüren. „In solchen Situationen spitzen sich die Gefühle extrem zu, man glaubt, man habe keine Haut mehr, man nimmt das Leben ungefiltert in sich auf“, beschreibt sie ihre Eindrücke.


Zwei Revolten erlebt

Viktoria Lomasko gegenüber sitzt ihr mentaler Widerpart. Nikita Kadan fixiert die junge Russin ruhig, als sie ihre Arbeitsweise beschreibt, seine Mine wirkt fast teilnahmslos und es ist kaum zu sagen, ob sie Staunen, Bewunderung oder Unverständnis ausdrückt. Aber er scheint jedes ihrer Worte tief in sich aufzusaugen. Der junge Ukrainer hat bereits zwei Revolutionen erlebt, aber er ist keiner, der auf den Barrikaden stehen will. „Kunst und Protest existieren nebeneinander her und manchmal treffen sie sich, weil die Zeit reif ist“, sagt der Grafiker. Was er damit meint, macht Kadan an einem Beispiel deutlich. Lange vor den Protesten 2013/14 auf dem Maidan hatte er eine verstörende Serie von Porzellantellern geschaffen, auf denen fast liebevoll gemalte Folterszenen abgebildet sind. Auf de Höhepunkt der Proteste, als die Sicherheitskräfte mit allergrößter Brutalität gegen die Demonstranten vorgingen, eilte der junge Künstler zu den Aktivisten auf den Maidan und verteilte die Teller. Das war sein Beitrag am Kampf, seine Art, den Menschen Mut zu machen, sich gegen das System zu stemmen – es war in seinem Sinne der Zeitpunkt, an dem sich Kunst und Protest trafen. Gerade durch die Distanz, die der Künstler zum Geschehen habe, erklärt Kadan, sei es ihm möglich, vieles genauer zu beschreiben und Dinge sichtbar zu machen, die unter der Oberfläche liegen. Für ihn ist Kunst eine vorsichtige, tastende Annäherung an das Sein hinter dem Schein.

Zwischen zwei Polen

Zwischen diesen beiden Polen, dem fordernd-revolutionären Aktionismus und dem zurückhaltend-beobachtenden Abwarten bewegt sich die Kunst in Zeiten des Umbruchs. Es ist eine zentrale Botschaft der Veranstaltung im Literaturhaus, dass es wichtige Verbindungslinien gibt zwischen allen Protestbewegungen – egal ob sich die Menschen im Maghreb, in Ägypten, Syrien, Russland oder der Ukraine gegen die Unterdrückung stemmen. Deutlich wurde allerdings auch, wie wichtig es ist, die gewonnenen Freiheiten in einer postrevolutionären Gesellschaft zu verteidigen und zu festigen. Gerade in dieser Zeit der Unsicherheit und Neuorientierung spielt die Kunst eine wichtige Rolle. Denn der offene Kampf für die Freiheit ist nur die erste Etappe auf einem sehr langen Weg in Richtung Demokratie.

Der Link zur Berichterstattung in der Stuttgarter Zeitung

Ein Interview mit der Kriegsreporterin Carolin Ehmke

Feridun Zaimoğlus Abneigung gegen Ethno-Zombies

Seit Jahrzehnten kommen Menschen aus der Türkei nach Deutschland, um hier zu arbeiten, eine Familie zu gründen und zu leben. Aus „Gastarbeitern“ sind Wanderer zwischen den Kulturen geworden. Im Literaturhaus in Stuttgart diskutierten der Schriftsteller Feridun Zaimoğlu und der Soziologe Yaşar Aydin über Migration und die große Lüge, mit der Deutschland  lange gelebt hat – oder heute noch lebt?

  Auf dem Podium: Moderatorin Sibylle Thelen, Feridun  Zaimoğlu und Yaşar Aydin (von links)

Ein Mann mit Ecken und Kanten

Feridun  Zaimoğlu ist  kein glatter Mensch. Er hat Ecken und Kanten, Brüche in der Biografie, er hat sich nie in die von der deutschen Mehrheits­gesellschaft vorgegebene Ordnung zwingen lassen. Aus seiner eigenen Sicht blickt der Schriftsteller auf die fast schon proto­typische Lebensgeschichte eines türkischen Einwandererkindes zurück. Aber schon hier beginnt das Problem. „Wenn wir zurückblicken, beginnen wir zu lügen“, sagt Zaimoğlu.

Dieser Satz ist wohlformuliert und der Schriftsteller lächelt erwartungsvoll vom Podium herab in den vollbesetzen Saal im Stuttgarter Literaturhaus. Er weiß, dass sich jeder im Publikum in diesen Sekunden auf die Suche nach den eigenen Lügen macht: wo er sich gegen den Anpassungsdruck der Gesellschaft durchgesetzt und wo er vielleicht nachgegeben hat. Ob er eher ein „Wanderer zwischen den Kulturen“ geworden ist – so der Titel der Podiumsdiskussion – oder doch eher zur Spezies der „Ethno-Zombies“ gehört. Das ist die Bezeichnung, die Zaimoğlu für jene Migranten parat hat, die in ihrer Integrationswut die eigene Identität verlieren.

15.06.17-dtf Mitorganisiert wurde der Abend vom Deutsch Türkischen Forum Stuttgart

Der wissenschaftliche Gegenpart

„Wir müssen uns loslösen von der Normativität“, erklärt dazu Yaşar Aydin. „Man muss dem Individuum überlassen, aus welcher Kultur es schöpft.“ Er war der ideale, wissenschaftliche Gegenpart des eher erzählerisch mäandernden Schriftstellers. Der  präzise formulierende Soziologe lehrt an der Universität Hamburg unter anderem zum Thema Zuwanderungspolitik.

Auf den ersten Blick gleichen sich die Geschichten Zaimoğlus und Aydins. Beide sind als Kinder mit ihren türkischen Eltern nach Deutschland gekommen und haben in der neuen Heimat Karriere gemacht. Und doch sind diese  Männer ein fast perfektes Beispiel für das, was Zaimoglu als „Einwanderungslüge“ bezeichnet. Sie sind nicht über einen Kamm zu scheren. Im Gegenteil, sie haben völlig verschiedene Charaktere, eine unterschiedliche Sozialisation und unterschiedliche Herangehensweisen an die Fragen, die sich ihnen stellen. Dennoch – oder gerade deshalb – kommen beide zum gemeinsamen Schluss: Die Entwicklung der Migration verlaufe nicht nach einem Einheitsschema, sei nicht linear – auch wenn die Mehrheitsgesellschaft das gerne so hätte. So ist der achte Themenabend in der Reihe „Bakis – Die Türkei im europäischen Dialog“ ein Plädoyer gegen den „formatierten“ Menschen, der im Sinne der Integration in eine  vorgegebene Ordnung gezwungen werden muss.

Auch die Forschung lag falsch

Auch die Wissenschaft habe in der Vergangenheit mit ihren Forschungen falsch gelegen, unterstreicht Aydin. „Lange wurde angenommen, man muss die eigene Kultur ablegen, wenn man sich integrieren will“, sagt er. „Heute aber ist klar, dass man sich nicht mehr entscheiden muss, woraus man seine eigene Identität zusammensetzt.“ Der Soziologe gibt zu bedenken, dass jeder Mensch sowieso viele Identitäten in sich trage. Er selbst habe die Rolle des Vaters, des Hamburgers, des Deutschen und auch des Europäers.

Diese sehr differenzierte Sicht auf die Dinge macht es für Yaşar Aydin allerdings  schwer zu definieren, wo seine eigene Heimat liegt. Das sei für ihn der Ort, wo er sich wohl fühle, die deutsche Sprache oder seine Freunde, erklärte der Soziologe. Zaimoğlu beantwortet die Frage nach  Heimat mit einem Wort: Norddeutschland. Er gibt zu, dass er mit solch einer kurzen Antwort in den Verdacht gerate, es sich zu einfach zu machen. Das sei aber nicht der Grund, die Erklärung sei eine ganz andere. Und dann formulierte Zaimoğlu, dem laut eigenem Bekunden viele sein Deutschsein nicht zugestehen, einen dieser ironischen Sätze: „Deutsch sein ist eben gut. Das Gegenteil ist mir noch nicht bewiesen worden.“

Informationen zu Feridun Zaimoğlu und Yaşar Aydın:

1964 im anatolischen Bolu geboren, lebt Feridun Zaimoğlu nach Stationen in München, Berlin und Bonn seit 1985 in Kiel, wo er als Schriftsteller, Drehbuchautor, Künstler und Journalist arbeitet. Sein 1995 erschienener Debütroman „Kanak Sprak“ sorgte für großes Aufsehen. 2014 erschien sein Roman „Isabel“.

Yaşar Aydın wurde 1971 im türkischen Artvin geboren und kam als Kind nach Hamburg. Der promovierte Soziologe ist derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg tätig und forscht zu Migrationsforschung, Zuwanderungspolitik und Nationalismusforschung.

Wie viel „Charlie“ verträgt die Türkei?

Tuncay Akgün zu Gast im Literaturhaus Stuttgart. Der türkische Karikaturist erzählt von seiner Arbeit, den Beschränkungen, den Schwierigkeiten, dem Kampf gegen die Mächtigen in der Türkei und auch den kleinen Erfolgen.


Besonders bedrückend sind seine Erinnerungen an den Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Er selbst ist Chefredakteur beim türkischen Satiremagazin Leman, die schon seit Jahren immer wieder enge Kooperationen mit den Kollegen von Charlie Hebdo hatten. Dabei wurden nicht nur Karikaturen ausgetauscht, immer wieder diskutierten die Zeichner über die eigene Arbeit – dass sie lebensgefährlich sein könnte, ahnte niemand. Deutlich wurde, dass Tuncay Akgün es noch immer nicht fassen kann, dass an jenem Tag in Paris seine Freunde kaltblütig ermordet wurden. Die Zukunft von Charlie Hebdo sieht er skeptisch. „Sie haben Charlie Hebdo ermordet“, sagt der Karikaturist. Dann fügt er aber leise hinzu: „Aber was sollen wir jetzt tun? Wir müssen weitermachen!“


Zu Gast war Tuncay Akgün auf Einladung des Deutsch-Türkischen Forums und des Literaturhauses Stuttgart. Im Zentrum des Abends stand die Frage: Wie viel Charlie verträgt die Türkei? Die Veranstaltung stand in der Reihe „BAKIŞ – Die Türkei im europäischen Dialog“.

Anlass für den Abend war die Lage der Medien in der Türkei. Einerseits bieten sie ein breites Meinungsspektrum, auch Karikaturen haben eine lange Tradition und es wird inzwischen sogar auf Kurdisch publiziert. Und doch muss ein entschiedenes Andererseits hinzugefügt werden: in diesem Land der Widersprüche sitzen Journalisten im Gefängnis, werden Webseiten gesperrt, kann die Justiz auf ein Arsenal von Gesetzen zurückgreifen, mit denen sich die Pressefreiheit einschränken lässt. Die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen, die seit einiger Zeit eine Rangliste der Pressefreiheit publiziert, vergleicht die Situation in 180 Staaten. Sie weist darauf hin, dass sich die Medienfreiheit in Europa weiter verschlechtert habe, etwa in Ländern Südosteuropas. Auch die Türkei ist in der Liste abgesackt: auf Platz 154.

  
Hier noch einige Informationen zu Tuncay Akgün. Er wurde 1962 in Istanbul geboren, begann 1981 für die Satirezeitschrift Gırgır zu arbeiten. Akgün wirkte als Zeichner und Redakteur für die Zeitschriften Fırt, Limon und Leman mit und ist besonders für die von ihm gezeichnete Figur „Bezgin Bekir“ bekannt. Heute ist er leitender Chefredakteur der Leman, der türkischen wöchentlichen Satirezeitschrift (Auflage 100.000 Stück).

Hier der Link zum Bericht im Literaturhaus

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Und hier noch ein Nachtrag zur Pressefreiheit in der Türkei:

Ein Gericht in der türkischen Hauptstadt Ankara hat die Zeitung „Hürriyet“ wegen Beleidigung von Präsident Recep Tayyip Erdogan zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Gericht entschied am Donnerstag, die Zeitung habe in einer Kolumne Erdogans „persönliche Rechte“ angegriffen. Es verurteilte den Verfasser Mehmet Yilmaz sowie die „Hürriyet“-Vorsitzende Vuslat Dogan Sabanci deshalb zur Zahlung von 20.000 türkischen Lira (knapp 7000 Euro) Schmerzensgeld an den Präsidenten, wie die Nachrichtenagentur Anatolia berichtete.
Die Kolumne war am 25. August 2014 und damit zwei Wochen nach Erdogans Sieg bei der Präsidentschaftswahl erschienen. Yilmaz rief seinen Lesern darin die Korruptionsvorwürfe gegen Erdogan und andere türkische Spitzenpolitiker ins Gedächtnis. Erdogans Anwälte hatten dafür eine Strafe von 100.000 Lira (35.000 Euro) gefordert. In jüngster Zeit mehren sich in der Türkei die Fälle, in denen der Präsident wegen angeblicher Beleidigungen gegen Journalisten, Blogger und andere vorgeht. Am 7. Juni wird ein neues Parlament gewählt. Nicht zuletzt deshalb nahmen die Spannungen zwischen Erdogan und der Dogan Media Group, Eigentümer der viel gelesenen „Hürriyet“, in den vergangenen Wochen zu.
„Hürriyet“ hatte sich am Dienstag heftig gegen die jüngsten Attacken des Staatschefs gewehrt. „Was willst Du von uns? Warum hast Du es auf uns abgesehen?“, hieß es im Leitartikel, in dem Erdogan offenkundige Ungerechtigkeit, Verzerrung und selektive Darstellung von Fakten vorgeworfen wurde.