Ein kleines Licht am Ende des Corona-Tunnels in Frankreich

Der Gesundheitsminister spricht von einer „Form der Verlangsamung“ der Infektionszahlen. Geschäftsleute verlangen eine Lockerung des Lockdowns – doch die Regierung bremst diese Hoffnungen.

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Karte mit einem Vergleich der Übersterblichkeit in Frankreich

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Eine Schock-Zahl am Wochenende

Die Zahl ist ein Schock: am Wochenende wurde in Frankreich mit über 85.000 Corona-Neuinfektionen an einem Tag ein beunruhigender Rekord gemeldet. Am Montag folgte dann die Korrektur. Gesundheitsminister Olivier Véran erklärte, dass diese hohe Zahl auf einen Computerfehler zurückzuführen sei. Entwarnung konnte er dennoch nicht geben. Véran sagte, dass am Sonntag knapp 40.000 Neuinfektionen gemeldet wurden – allerdings seien wegen erneuter Probleme bei der Datenerfassung nicht alle Fälle registriert worden. Das heißt, die wirkliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.

Inzwischen zählt Frankreich mehr als 40.000 Corona-Tote und gehört damit zu den am schwersten von der Pandemie betroffenen Länder. Was den Verantwortlichen große Sorge bereitet ist die Tatsache, dass viele Kliniken im Land an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Fast 5000 Menschen liegen auf den Intensivstationen und jeden Tag kommen einige Hundert hinzu, doch es gibt insgesamt nur knapp 6500 Betten. Mehrere Patienten wurden aus diesem Grund bereits zur Behandlung nach Deutschland in die grenznahen Krankenhäuser in Saarbrücken und Völklingen verlegt. Immer wieder muss sich die Regierung herbe Kritik gefallen lassen, da nach der ersten Corona-Welle der schnelle Aufbau von 4000 zusätzlichen Intensivbetten versprochen worden war. Doch nun zeigt sich, dass nur ein Bruchteil wirklich realisiert wurde.

Ein sehr rigider Corona-Lockdown

Angesichts der Krise herrscht in Frankreich ein rigider Lockdown. Menschen dürfen nur eine Stunde pro Tag auf die Straße und sich maximal einen Kilometer von ihrer Wohnung entfernen. Auch sind die allermeisten Geschäfte geschlossen, offen haben etwa Lebensmittelgeschäfte und Apotheken.  

Trotz der täglich steigenden Zahlen sieht Gesundheitsminister Véran ein kleines Licht am Ende des Tunnels. Er spricht von „einer Form der Verlangsamung“ bei den Neuinfektionen. Es sei aber zu früh, jetzt schon Schlüsse für die kommenden Wochen zu ziehen. In den nächsten Tagen werde sich zeigen, ob diese Entwicklung anhalte. Tatsache sei aber, dass die Zahl der Menschen auf den Intensivstationen kurzfristig weiter steigen werde.

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Geschäftsleute wollen Corona-Lockerungen

Unterdessen werden die Forderungen der Geschäftsleute immer lauter, den Internethandel in Frankreich einzuschränken, so dass die im Netz präsenten Firmen nur noch die Dinge des täglichen Gebrauchs verkaufen dürfen. Auch solle der „Black Friday“ verboten werden, ein Tag, an dem der Handel die Kunden angesichts der nahenden Weihnachten üblicherweise mit Sonderangeboten lockt. Die Regierung äußert sich zu diesen Forderungen des stationären Handels nicht, macht aber Hoffnungen, dass Ende kommender Woche wieder alle Geschäfte in Frankreich öffnen könnten – wenn es die Corona-Zahlen zulassen.

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Karine Lacombe, Leiterin der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Klinik Saint-Antoine in Paris, warnt allerdings vor einer zu frühen Lockerung, zeigt sich aber „verhalten optimistisch“ im Bezug auf Weihnachten. Allerdings werde es kein „normales Fest“, erklärte sie in einem Interview mit dem Sender BFMTV, da es sich gezeigt habe, dass sich die Menschen bei Treffen im privaten Bereich besonders häufig anstecken würden. Sie setzt auf einen Lerneffekt bei den Franzosen, denn am Ende der Sommerferien zeichnete sich bereits die zweite Infektionswelle ab. Der Grund: viele Menschen haben sich bei Verwandtenbesuchen und Familienfeiern angesteckt.

Erste Corona-Patienten aus Frankreich in Deutschland eingetroffen

Die Corona-Pandemie in Frankreich kann trotz des rigiden Lockdowns kaum unter Kontrolle gehalten werden. Um die Situation in den Krankenhäusern zu entlasten sind inzwischen erneut sind Covid-19-Patienten aus der französischen Grenzregion Grand Est nach Deutschland verlegt worden.

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Das Krankenhaus in Metz-Thionville bereitet sich auf die Corona-Pandemie vor.

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Kliniken kurz vor Überlastung

Aus einer Mitteilung des Regionalkrankenhauses Metz-Thionville geht hervor, dass Patienten im kritischen Zustand nach Saarbrücken und Völklingen im Saarland gebracht worden sind. Zur Begründung hieß es, dass man auf diese Weise einer kompletten Auslastung der intensivmedizinischen Abteilungen auf französischer Seite zuvorkommen wolle.

Der französische Abgeordnete Christophe Arend schrieb auf Twitter von insgesamt acht verlegten Patienten. Wie ein Sprecher des französischen Krankenhauses sagte, handle es sich dabei um die ersten Verlegungen aus der Region Grand Est ins Ausland seit Beginn der zweiten Corona-Welle in Frankreich.

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Nach Angaben des Auswärtigen Amtes waren zwischen dem 21. März und dem 12. April insgesamt 130 Corona-Patienten aus französischen Krankenhäusern nach Deutschland verlegt worden.

Zahl der Betten wird erhöht

Zudem bereiten sich die Krankenhäuser in den besonders betroffenen Regionen darauf vor, weitere Patienten aufnehmen zu können. Nach Angaben eines Sprechers des Krankenhauses in Sarreguemines wird dort die Zahl der Betten aufgestockt. Ziel sei es, von neun auf 14 Betten zu kommen. Im Krisenfall können noch mehr Plätze bereitgestellt werden.

Der Sprecher erklärte:

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“Des unités de soins continus sont transformées en lits de reanimation. Ca se tend, mais on n’est pas encore, dans notre cas, au même niveau que ce que nous avons connu au printemps, quand l’hôpital fonctionnait avec 21 lits de réanimation.”

Sprecher des Krankenhauses in Sarreguemines

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Verlegung auch innerhalb Frankreichs

Verlegungen von Patienten finden allerdings auch innerhalb von Frankreich statt. Die regionale Gesundheitsbehörde Grand-Est kündigte den Transfer von Corona-Kranken aus der Region Auvergne-Rhône-Alpes auf die Intensivstationen in Nancy (6 Patienten) und Straßburg (4 Patienten) an. Während der ersten Epidemiewelle waren 330 Patienten aus Grand-Est mit Militärflugzeugen, Hubschraubern oder medizinischem TGV in andere französische Regionen und ins Ausland gebracht worden.

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Presseerklärung des Regionalkrankenhauses Metz-Thionville

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Frankreich schwer von Corona getroffen

Frankreich ist eines der am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder in Europa. Mit mehr als 58 000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden war am Donnerstag ein neuer Höchstwert in dem Land mit 67 Millionen Einwohnern erreicht worden. Zuletzt wurden außerdem knapp 450 Menschen innerhalb eines Tages auf Intensivstationen eingewiesen. Viele Krankenhäuser vor allem in den Ballungsräumen arbeiten bereits jetzt an ihrer Belastungsgrenze.

Frankreichs Premier: „Sind mitten in der zweiten Corona-Welle“

Frankreich erwartet nichts Gutes. Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, am Mittwoch eine Ansprache an sein Volk zu halten. Erwartet wird, dass er wegen der ständig steigenden Corona-Zahlen neue Einschränkungen verkünden wird.

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„Nichts darf ausgeschlossen werden“

Premierminister Castex hatte bereits angekündigt, die Verschärfung der Maßnahmen zu prüfen. „Nichts darf ausgeschlossen werden, wenn man sich die Lage in unseren Krankenhäusern anschaut“, sagte Premierminister Jean Castex am Montag im Radiosender Franceinfo. Er unterstrich auch noch einmal, dass sich Frankreich mitten in der zweiten „starken Welle“ befinde und wischte mögliche Lockerungen rundum vom Tisch. Allerdings, so der Premier, werde die Regierung versuchen, eine zweite landesweite Ausgangssperre wegen der Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft „mit allen Mitteln zu verhindern“.

Besorgt sind die Franzosen vor dem Beginn der Herbstferien Mitte Oktober vor allem, dass es zu Reisebeschränkungen im Land kommen könnte.

Corona-Warnstufe ausgeweitet

Inzwischen sind zwei weitere Städte in die höchste Corona-Warnstufe gehoben worden: Toulouse und Montpellier im Süden des Landes in Kraft. Damit gelten neun Ballungsräume und ein Überseegebiet als Hotspots: Neben Paris und dem Großraum Marseille sind dies bereits Lyon, Grenoble, Saint-Etienne und Lille sowie die Inselgruppe Guadeloupe in der Karibik. Mit der höchsten Warnstufe gehen strikte Schutzmaßnahmen einher: Unter anderem müssen Bars, Cafés und Sporthallen schließen, Restaurants dürfen nur unter Auflagen offen bleiben. Deutschland warnt derzeit vor Reisen nach Frankreich mit Ausnahme der Grenzregion Grand Est.

Scheinbar ungebremster Anstieg

Die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen steigt in Frankreich weiter ungebremst. Am Sonntag lag sie nach Angaben der Behörden bei mehr als 16.000 binnen 24 Stunden, am Samstag hatte sie mit fast 27.000 einen neuen Höchststand erreicht. Die Zahl der Coronavirus-Patienten auf den Intensivstationen wuchs auf 1483 und erreichte damit den höchsten Stand seit Mai.

Kleine Gesundheitsinfo:

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INFOS der französischen Regierung (französisch):

Link zu den aktuellen Zahlen

Link zu den Corona-Maßnahmen

Link: Was man über Corona wissen muss

Link zu einer Karte mit den Corona-Zonen

Reisen und Corona-Warnungen

Hier die Informationen des Rober-Koch-Institutes zu Ländern, die von Reisewarnungen betroffen sind.

Hier die Informationen des deutschen Gesundheitsministeriums zu Einreisen aus Risikogebieten

Hier die Informationen des Auswärtigen Amtes zu Corona-Warnungen

Höchste Corona-Alarmstufe in Paris ausgerufen

Bars und Cafés müssen wegen der rasant steigenden Infektionszahlen ab Dienstag schließen. Restaurants dürfen allerdings noch unter strengen Auflagen geöffnet haben.

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Massiv steigende Coroan-Zahlen

Paris ist nun Corona-Hochrisikogebiet. Da die Infektionszahlen zuletzt massiv gestiegen sind, wurde in der französischen Hauptstadt die höchste Warnstufe ausgerufen. Das bedeutet, dass von Dienstag an deutlich verschärfte Hygienevorschriften in Kraft treten. Das trifft vor allem die Besitzer mehrere Tausend Bistros und Cafés in Paris, die ihre Geschäfte für mindestens zwei Wochen schließen müssen. Sehr zum Unverständnis dieser Wirte dürfen hingegen Restaurants ebenso wie Kinos, Theater und Museen in Paris und im Umland vorerst geöffnet bleiben. Allerdings müssen diese sich an sehr ein strenges Hygieneprotokoll halten. Dazu gehört etwa, dass die Namen der Gäste aufgenommen werden, um eine Rückverfolgung der Infektionswege möglich zu machen. Das war bisher in Frankreich nicht der Fall.

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Studentenpartys werden untersagt

Geschlossen werden ebenfalls Clubs und Tanzsäle oder auch Fitness-Studios, Turnhallen und Schwimmbäder, Studentenpartys und jede Art von Festen sind nicht erlaubt. Auch Messen werden abgesagt, untersagt werden auch Großveranstaltungen mit mehr als tausend Teilnehmern. Besuche in Altenheimen sind streng reglementiert, Hörsäle in Unis dürfen nur noch zur Hälfte gefüllt sein.

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In Paris wurden nach Angaben der regionalen Gesundheitsbehörde zuletzt alle Warnwerte überschritten: Die Zahl der Neuansteckungen liegt bei 270 pro 100.000 Einwohnern,Es gebe täglich mehr als 3500 neue bestätigte Corona-Neuinfektionen im Großraum Paris – Unter Jüngeren sei diese Zahl sogar noch höher und liege bei rund 500, so die Gesundheitsbehörden Die Intensivstationen sind zu 35 Prozent mit Corona-Patienten belegt. In einigen Krankenhäusern sind die Ärzte dazu übergegangen, nicht dringende Operationen zu verschieben. „Wir müssen die Entwicklung jetzt bremsen, bevor unser Gesundheitssystem überlastet ist“, sagte der Pariser Polizeipräfekt Didier Lallement am Montag bei der Präsentation der Maßnahmen.

Lage wird ständig neu bewertet

Alle Verantwortlichen betonten, dass eine längerfristige Planung angesichts der Pandemie kaum möglich sei. Die neuen Maßnahmen gelten in Paris und den umliegenden Vororten vorerst für zwei Wochen und sollen dann neu bewertet werden. Vor allem Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris, sagte, dass es das Ziel sein müsse, nicht das tägliche Leben abzuwürgen. Die Bürger müssten geschützt werden, aber trotz der Einschränkungen in dieser „sehr ernsten Lage“ müsse der Alltag der Menschen weitergehen. Die Politiker appellierten am Dienstag noch einmal mit allergrößtem Nachdruck an die Franzosen, sich auf jeden Fall an die Hygieneregeln zu halten, anders sei die Pandemie nicht in den Griff zu bekommen.

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Sicher auch um erneuten Ärger zu vermeiden, hatte sich die Regierung am Sonntag mit Vertreterinnen und Vertretern aus Paris getroffen. „Die Stadt wird an der Seite des Staates stehen“, versicherte die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und dankte der Regierung für die partnerschaftliche Zusammenarbeit. Es werde Maßnahmen geben, um die wirtschaftlichen Schäden zu lindern. „Die Gesundheitskrise hat extrem harte Folgen“, mahnte sie mit Blick auf die Wirtschaft.

Höchste Corona-Werte bisher in Marseille

Die höchste Corona-Warnstufe galt bisher nur im Ballungsraum von Marseille und Aix-en-Provence. Mit fast 17.000 neu registrierten Corona-Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden hatte Frankreich am Wochenende einen neuen Höchststand seit Beginn der Pandemie erreicht. Zuvor hatte der Höchstwert bei mehr als 16.000 Fällen am 24. September gelegen. Die Zahl der Todesopfer seit Beginn der Pandemie stieg auf gut 32.200. Damit gehört Frankreich in absoluten Zahlen zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen Ländern Europas.

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Nach Deutschland aus einem Risikogebiet

Und das müssen nun bald alle beachten, die aus Paris oder einem anderen Corona-Risikogebiet in Frankreich nach Deutschland einreisen wollen.

Deutschland bereitet Neuregelungen zu Tests und Reiserückkehrern aus dem Ausland vor, die Bund und Länder Ende August grundsätzlich vereinbart hatten.
Eine neue Musterquarantäneverordnung, die das Innenministerium erarbeitet, sieht vor, dass Einreisende aus Risikogebieten nach der Rückkehr für zehn Tage in Quarantäne gehen müssen. Wer einen negativen Test vorlegen kann, soll sie frühestens nach fünf Tage nach der Einreise verlassen dürfen. Zum 1. November sollen digitale Einreiseanmeldungen kommen, um Daten schneller an Gesundheitsämter weiterzuleiten. Das Gesundheitsministerium plant zum 15. Oktober neue Regeln zu Tests, die stärker auf Ältere und Vorerkrankte, Pflegeheime und das Gesundheitswesen ausgerichtet werden sollen. Als Ergänzung sollen auch Antigen-Schnelltests verstärkt eingesetzt werden.

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Corona Frankreich: Oder ist es doch eine Frage der Disziplin?

Immer wieder dieselbe Frage: Was macht Deutschland besser in Sachen Corona? Eine befriedigende Antwort gibt es nicht – sie setzt sich allerdings aus vielen Faktoren zusammen. Fakt ist: in Frankreich sind wieder 10.600 Corona-Neuinfektionen innerhalb eines Tages verzeichnet worden und die Zahl der Toten liegt zum ersten Mal über jener vom Frühjahr.

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Viele Menschen auf engem Raum

Die Corona-Situation ist in Großstädten wie Marseille, Bordeaux oder Paris besonders ernst. Das lässt sich natürlich einfach damit erklären, dass dort sehr viele Menschen auf engem Raum leben. Infektionen können sich – vor allem im morgendlichen und abendlichen Nahverkehr – leicht weiterverbreiten. Die Métros sind eng und schlecht belüftet – ideale Bedingungen für ein Virus.

Eingewendet wird auch, dass Frankreich deutlich mehr Teste durchführt als noch im Frühjahr. Allerdings hinkt man mit der Auswertung der Tests sehr hinterher. Die Leute müssen stundenlang anstehen und bekommen ihre Ergebnisse dann viele Tage danach erst mitgeteilt. Experten beklagen, dass auf diese Weise Verdachtsfälle nicht schnell genug erkannt und isoliert werden können. Zu langsam auf jeden Fall, um Infektionsketten zu durchbrechen.

Kritik an der französischen Regierung

Beklagt wird auch ein Schlingerkurs der Regierung. Der Mediziner und frühere Gesundheitsdirektor William Dab kritisierte im „Journal de Dimanche“, dass Premier Jean Castex zuletzt keine wirklich starken Maßnahmen angekündigt habe, sondern nur Anpassungen. Castex wolle das Leben mit dem Virus und dem Wirtschafts- und Schulleben aussöhnen. Die Strategie Frankreichs ist immer noch nicht klar definiert – hatte man im Frühjahr noch eindeutig auf den zentralisierten Staat gesetzt und dieselben strengen Ausgangsbeschränkungen für alle verhängt, nimmt die Regierung jetzt die Regionen in die Pflicht.

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Scheitern der Quarantäne-Regeln

Doch nicht allein die Regierung kann an den Pranger gestellt werden – Probleme gibt es bei der Disziplin der Franzosen im Kampf gegen die Pandemie. Der wissenschaftliche Corona-Beirat in Frankreich hat kürzlich ein „Scheitern“ der Quarantäne-Regeln festgestellt. Auch Gesundheitsminister Olivier Véran räumte ein, die meisten Franzosen hielten sich nicht an die Selbstisolation.

Das ist zum Teil allerdings verständlich, denn viele Franzosen arbeiten in prekären Anstellungen und haben schlicht Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Auch ist es für viele schlicht nicht möglich, zuhause im Homeoffice zu bleiben. Sie arbeiten als Müllarbeiter, Parkwächter, Putzhilfen, in Supermärkten oder Restaurants.

Zu viele Partys werden gefeiert

Deutlicher wird die Kritik an den jungen Menschen und der eher bürgerlichen Schicht in Frankreich. Ähnlich wie in Spanien infizieren sich vor allem Jüngere mit dem Virus. Man geht davon aus, dass zu viel gefeiert wird. Vor allem im Sommer war das ein großes Problem. Schließlich mussten einige Gemeinden am Meer ihre Strände schließen, weil dort immer wieder Partys gefeiert wurden.

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In den französischen Medien merkt man außerdem an, dass der Mindestabstand in Frankreich bei einem Meter liegt – nicht wie in Deutschland bei 1,50 Meter. Und zur Begrüßung gehören eigentlich die Bise – also Küsschen – dazu. Auch wenn sich die Französinnen und Franzosen bemühen: Das berühmte Küsschen wegzulassen, fällt schwer. Laut Umfrage verzichten auf Wangenkuss und Händeschütteln nur noch 66 Prozent statt zuvor 92 Prozent. Laut Befragungen der nationalen Gesundheitsbehörde befolgen die Franzosen auch Ratschläge wie regelmäßiges Händewaschen inzwischen deutlich seltener als auf dem Höhepunkt der Krise Anfang April.

Nachlässiges Tragen der Maske

Auch beim Tragen der Maske werden die Franzosen immer laxer. Zwar wird von der Polizei hart durchgegriffen – die Strafe beträgt 135 Euro – doch man sieht immer mehr Menschen, die die Mund-Nase-Bedeckung nicht oder nur halb aufhaben.

Die Zeitung „Figaro“ berichtet dazu:

Près de 45.000 personnes ont été verbalisées pour non-respect du port du masque depuis le mois de mai en France, a déclaré jeudi 17 septembre le ministre de l’Intérieur Gérald Darmanin, devant une commission d’enquête sénatoriale sur la gestion de la crise sanitaire.

Probleme beim Corona-Tracking

Ein Problem ist die Nachverfolgung von Infektionsketten. Dabei sollte eigentlich die Corona-Tracking-App „StopCovid“ helfen, doch die ist – das muss man so deutlich sagen – ein Flop. Sie wurde mehr als zwei Millionen Mal runtergeladen und hat weniger als 200 Mal angeschlagen, was sogar von offizieller Seite als „lächerlich“ bezeichnet wird. In Restaurants und Bars gibt es keine Formulare, um Kontaktfälle zu identifizieren.

Frankreichs Kampf gegen die zweite Corona-Welle

Im ganzen Land steigt die Zahl der Infektionen stark an. Ein Grund: zu häufig werden die Abstandregeln missachtet. Nun greifen die Behörden zu zum Teil harten Maßnahmen.

Kein Fahrer der Tour de France positiv

Es gibt auch eine gute Corona-Nachricht aus Frankreich. Bei der zweiten Testwelle während der Tour de France ist bei keinem Fahrer eine Infektion festgestellt worden. Das Radrennen kann also ohne weitere Ausfälle in seine Schlussphase gehen. Erstaunlich ist, dass sich der Tour-Tross scheinbar unbeschadet durch ein Land bewegen kann, in dem die Pandemie wieder massiv um sich greift. Immer neue sogenannte Cluster mit Infizierten werden identifiziert, inzwischen ist das halbe Land zur „roten Zone“ erklärt, wo sich nach Angaben der Regierung das Virus „aktiv verbreitet“. In Frankreich sind rund 31.000 Todesfälle gemeldet. Am Wochenende wurde landesweit ein neuer Höchststand von mehr als 10.000 Neuinfektionen in 24 Stunden erreicht.

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Die 42 Départements, die inzwischen in Frankreich zur roten Zone erklärt wurden

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Marseille wird zum Corona-Hotspot

Zu den Corona-Hotspots zählt Marseille, wo seit Mitte August die Zahl der Neuinfektionen steil in die Höhe schnellt. Mit zuletzt 312 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschreitet Marseille den Corona-Warnwert von 50 um mehr als das Sechsfache. Die Behörden verhängten deshalb besonders scharfe Schutzmaßnahmen, Marseille wird damit zum Testfall für den neuen Umgang Frankreichs mit der Pandemie. Zur Sicherheit haben die öffentlichen Krankenhäuser von Marseille die Zahl der Notfallbetten für Corona-Patienten auf 139 aufgestockt, es gibt 32 Beatmungsplätze. Ein großer Teil ist bereits belegt.

Lockdown soll vermieden werden

Auf keinen Fall wird es aber einen erneuten generellen Lockdown geben. Das haben die französische Regierung und auch die Stadtverwaltung von Marseille mitgeteilt. Die Wirtschaft des Landes kämpft noch immer mit den Auswirkungen der ersten Ausgangssperre im Frühjahr, die unter anderem die Arbeitslosenzahlen drastisch steigen ließ. „Strafmaßnahmen helfen nur einen kurzen Moment“, ist die neue Bürgermeisterin Michèle Rubirola überzeugt. Die 64-jährige Ärztin setzt auf die Einsicht der Bürger, wie sie der Zeitung „Le Monde“ sagte. Das verfängt allerdings nicht bei allen. Für Kopfschütteln sorgten am Wochenende Fernsehbilder hunderter Fans des Fußball-Erstligisten Olympique Marseille, die am alten Hafen den Sieg über Paris feierten – ohne Sicherheitsabstände, viele ohne Schutzmasken. Schon im Sommer warten Virologen angesichts von überfüllten Stränden und Fußgängerzonen vor dem erneuten Aufflammen der Pandemie.

Große Sorge in den Altenheimen

Die Furcht vor einer zweiten Corona-Welle ist vor allem in den Altenheimen sehr groß. Anders als in Deutschland sind dort sehr viele Menschen an den Folgen einer Infektion gestorben. So sind etwa im südfranzösischen Sévérac-d’Aveyron zuletzt in wenigen Tagen sechs Senioren Opfer von Covid-19 geworden. Manche Einrichtungen haben sich bereits entschlossen, Besuche von Angehörigen stark einzuschränken oder sogar ganz zu verbieten. Grund dafür ist, dass sich zu viele Besucher nicht an die Hygieneregeln halten würden, erklärt ein Arzt. Sie würden die alten Menschen umarmen oder mit ihnen ohne Maske in einem engen Zimmer sitzen.

Universitäten im Corona-Fokus

Sorge bereitet den Verantwortlichen auch der Beginn des neuen Studienjahres. Die Befürchtung ist, dass Universitäten landesweit zu den neuen Hotspots werden könnten. Auch hier scheint weniger der Unterricht das Problem, sondern die privaten abendlichen Zusammenkünfte der Studenten und auch das Zusammenleben in größeren Wohngemeinschaften, bei dem nicht auf die Hygieneregeln Rücksicht genommen wird. Eine Fakultät in Reims wurde bereits geschlossen. Von den Universitäten in Nantes, Amiens, Nancy und Toulouse werden stark steigende Infektionszahlen gemeldet.

Inzwischen sind in Paris und anderen Städten wegen der angespannten Lage viele Großveranstaltungen abgesagt worden. In Paris fällt die internationale Kunstmesse FIAC aus, wie die Organisatoren mitteilten. Der französische Verwaltungsbezirk Nord mit den Städten Dünkirchen und Lille sagte wegen der „brutalen Beschleunigung“ der Infektionszahlen geplante Nachbarschaftsfeste sowie die Europäischen Tage des Kulturerbes an diesem Wochenende ab. Die Öffnung von Denkmälern und Kulturstätten zieht in ganz Frankreich normalerweise Hunderttausende Menschen an.