Frankreich trauert um den ewigen Zweiten

Die Rad-Ikone Raymond Poulidor ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Sein großes Schicksal war es, niemals die Tour de France zu gewinnen.

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Dem Radrennfahrer Raymond Poulidor wurde eine seltene Ehre zuteil. Nach ihm ist der Poulidor-Effekt benannt, wenn ein Verlierer sympathischer wirkt als der Gewinner. Der Franzose, der sein Schicksal des ewigen Zweiten mit großem Humor getragen hat, ist nun im Alter von 83 Jahren in seinem Wohnort Saint-Léonard-de-Noblat im Südwesten Frankreichs gestorben. Der Radprofi genoss in seiner Heimat einen besonderen Status und wurde von allen nur liebevoll „Poupou“ genannt. „Seine Heldentaten, seine Eleganz, sein Mut werden in unseren Erinnerungen verankert bleiben“, schrieb Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf Twitter.

Ein Schicksal bewegt die Welt

Raymond Poulidors Schicksal bewegte die Radwelt, weil es dem sympathischen Ausnahmeathleten nie gelang, die Tour de France zu gewinnen. Er wurde drei Mal Zweiter und fünf Mal Dritter. Dafür gewann er in den 60er und 70er Jahren bei bekannten Radrennen wie Mailand-San Remo, Paris-Nizza und bei der Spanien-Rundfahrt. Er beendete seine Laufbahn, nachdem er 1976 im Alter von 40 Jahren Dritter bei der Tour de France geworden war.

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Fehlte der letzte Ehrgeiz?

„Vielleicht hat mir der letzte Ehrgeiz gefehlt, auch wenn ich bestimmt immer alles gegeben habe“, sagte Poulidor einmal. „Aber es hat mir auch gefallen, dass mich alle mochten. Die Fans und die anderen Fahrer.“ Wie populär der Ex-Rennfahrer noch immer war, zeigten etwa seine Auftritte am Rand von Radrennen, an denen sein Enkel, der Niederländer Mathieu van der Poel, am Start war, der ebenfalls eine erfolgversprechende Karriere vor sich hat. Wenn Raymond Poulidor auftauchte, wurde er umlagert von Fans, die nach Autogrammen fragten. Van der Poel verbreitete am Mittwoch auf Instagram ein Foto, das ihn an der Seite seines Großvaters zeigt. „Immer so stolz“, schrieb der 24-Jährige und fügte ein gebrochenes Herz hinzu.

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Eddy Merckx rühmt den Konkurrenten

Rad-Insider rätselten schon seit einigen Wochen über den Gesundheitszustand von Raymond Poulidor. Nun hieß es, er sei bereits Anfang Oktober wegen „großer Müdigkeit“ ins Krankenhaus eingeliefert worden, sein Zustand verschlechterte sich, die Klinik konnte er nicht mehr verlassen. „Er ist an diesem Morgen von uns gegangen“, sagte Gisele Poulidor am Mittwoch. Auch sein größter sportlicher Konkurrent zeigte sich bestürzt. Der Tod Raymond Poulidors sei „ein großer Verlust, ein großer Freund, der geht“, sagte Eddy Merckx.

Muslime in Frankreich – fremd im eigenen Land 

Die Diskussion über den Islam spaltet die Gesellschaft. Die rechtsextremen Parteien nutzen das Thema geschickt für ihre politischen Ziele.

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In Paris sind viele Muslime auf die Straße gegangen, um gegen die Islamophobie zu protestieren.

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Die Enttäuschung der Muslime

Frankreich diskutiert über den Islam – wieder einmal. „Ich bin es leid“, sagt Monique, „ständig müssen wir uns dafür rechtfertigen, dass wir hier leben.“ Die junge Frau reagiert auf das Thema überraschend empfindlich. Sie arbeitet bei einer kleinen Immobilienfirma im schicken 16. Arrondissement in Paris, lebt als Französin, fühlt sich als Französin, zieht sich an wie eine Französin – und muss sich aber immer wieder anhören, dass sie im Grunde keine Französin sein kann. Denn sie ist Muslima. Ihre Großeltern sind aus Algerien nach Frankreich gekommen, schon ihre Eltern sind in Paris geboren. „Aber das alles zählt nichts“, sagt Monique.

Das Klima verschlechtert sich

Nach den Terroranschlägen 2015 hat sich das Klima im Land dramatisch verschlechtert. In den vergangenen vier Jahren sind in Frankreich bei Attentaten durch radikale Islamisten mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Nach jeder Tat beginnt die Diskussion von neuem. Dabei werden die immer wieder gleichen Themen miteinander vermengt: Islam, Zuwanderung, Radikalisierung. So auch nach dem jüngsten Anschlag Anfang Oktober in der Pariser Polizeipräfektur, bei dem ein muslimischer Mitarbeiter der Geheimdienste vier Kollegen tötete.

Die extreme Rechte schürt die Stimmung

Die extreme Rechte versucht diese Stimmung für sich auszunutzen und treibt das Spiel mit den Ängsten geschickt voran. So forderte im Regionalparlament von Dijon kurz nach den Morden in Paris ein Vertreter der rechtsextremen Rassemblement National eine Frau mit Kopftuch auf den Zuschauerrängen medienwirksam dazu auf, das Plenum zu verlassen. Sie war als Begleiterin einer Schulklasse im Parlament. In der aufgeheizten Stimmung wurde aus dieser Provokation eines Lokalpolitikers schnell ein landesweiter Skandal.

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Dass die Angst vor Überfremdung längst die Mitte der französischen Gesellschaft erreicht hat, zeigt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop, der zufolge denken acht von zehn Franzosen, dass der Säkularismus in Gefahr sei. Sie sehen den Islam zunehmend als Bedrohung für den französischen Lebensstil – öffentlich sichtbar durch das Kopftuch, dem Symbol einer vermeintlich radikalen Religion.

In den sehr emotional geführten Diskussionen fällt immer wieder ein Wort: Laizismus. Dieser müsse verteidigt werden. Doch sei nicht allen klar, was dieser Begriff wirklich bedeute, sagt Nicolas Cadène von der „Laizismus-Beobachtungsstelle“ der französischen Regierung. In Frankreich herrscht seit dem Jahr 1905 offiziell die Trennung von Staat und Kirche. Anders als von einigen Seiten suggeriert, erklärt Cadène, gehe es in diesem Gesetz aber nicht um den Schutz einer „mythischen Identität“ einer weißen und katholischen Kultur.

Die Diskussion um den Islam dauert schon Jahrzehnte

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Die Anfänge dieser Diskussion um den Einfluss des Islam liegen schon Jahrzehnte zurück. Erste wirklich sichtbare Reaktion war, dass es vor 15 Jahren Schülern verboten wurde, in Klassenräumen „auffällige“ religiöse Symbole wie das Kopftuch zu tragen. Sieben Jahre später wurden Schleier, die das Gesicht bedecken, per Gesetz von öffentlichen Straßen verbannt. In beiden Fällen sind formell zwar auch andere Kleidungsstücke oder Symbole verboten. Es wurde aber nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass die Regelungen vor allem auf Muslime abzielen.

Inzwischen hat die Diskussion über den Islam eine neue Schärfe erreicht – und selbst die extremsten Positionen sind längst hoffähig geworden. So orakelte der sehr populäre französische Journalist Éric Zemmour jüngst auf einem Treffen der rechtsextremen Marion Maréchal, der Nichte von Marine Le Pen, nicht nur über den die „totalitären Islam“, der dabei sei, die Demokratie zu zerstören. Ziel seiner Attacken waren auch die Muslime im Allgemeinen, deren Plan der „Bevölkerungsaustausch“ und damit die Übernahme Macht in Frankreich sei.

Eine Demo gegen Islamophobie in Paris

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Viele Muslime wollen sich diese Ausgrenzung im eigenen Land nicht mehr bieten lassen. In diesen Tagen gingen in Paris Zehntausende auf die Straße, um für mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft zu demonstrieren. Die meisten politischen Parteien sagten ihre Teilnahme allerdings in letzter Sekunde ab, da sich unter den Organisatoren des Marsches auch Gruppen befanden, deren Haltung zur Gewalt und zur Demokratie nicht ganz geklärt ist. Mit von der Partie waren schließlich auch radikale linke Organisationen und Gruppen, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen. Für die rechtsextreme Marine Le Pen, Chefin der Rassemblement National, war dies natürlich ein gefundenes Fressen. Sie wies süffisant darauf hin, dass die Zusammensetzung des Marsches zeige, wer sich hinter dem freundlichen Gesicht des Islam in Wahrheit verberge.

Jonathan Meese im Mode-Kosmos

Der umstrittene deutsche Künstler Jonathan Meese interpretiert in Paris das Schaffen von Karl Lagerfeld. Eine ziemlich spannungsgeladene Beziehung, die für den Betrachter – wie könnte es anders sein – einige Überraschungen bereithält.

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Jonathan Meese vor dem zentralen Bild seiner Ausstellung in Paris

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Ein Mensch zwischen Abscheu und Bewunderung

Lagerfeld – Mode – Paris. Das sind drei Begriffe, die eine fast vollendete Dreiklang bilden, scheinbar untrennbar miteinander verbunden. Diese drei Worte lösen Bilder von Anmut, Schönheit, Glanz, Reichtum aus – umrankt allerdings von einer gehörigen Prise Hybris. Doch plötzlich stört Jonathan Meese diese perfekte Harmonie, stapft mit fast kindlicher Naivität umher, hebt hier freudig lachend einen seidenen Rock und blick dort neugierig hinter die bunten Fassaden. Jonathan Meese, das Enfant Terrible der deutschen Kunstszene, der bei seinem Auftauchen nur zwei Gemütszustände auslöst: abgrundtiefe Abscheu oder allergrößte Bewunderung. Die Kategorie Gleichgültigkeit gibt es in seinem Fall nicht. Und dabei ist der Mann nach eigenen Aussagen nur auf der Suche nach Liebe – das tut er allerdings ziemlich hemmungslos.

Ein Galerist mit einer Nase für lohnende Skandale

So bricht also Jonathan Meese ein in den Mode-Kosmos, herbeigerufen von der Galerie Templon. Der Galerist Daniel Templon hat große Erfahrung und auch ein sicheres Händchen darin, in der Kunstszene für einen gewissen Aufruhr zu sorgen. Er war es, der Jean-Michel Basquiat, Roy Lichtenstein oder Keith Haring nach Europa geholt hat. Im Auftrag des Franzosen hat Meese nun eine Ausstellung über den im Frühjahr verstorbenen Modezaren Karl Lagerfeld erarbeitet. Entstanden sind in kurzer Zeit viele großformatige Bilder und einige Installationen – und er zeigt einmal mehr, weshalb er als notorisches Spielkind unter den deutschen Künstlern gilt.

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Eine Installation von Meese zum Thema Mode

Meese und Mode – passt das?

Dabei scheinen Meese und Mode auf den ersten Blick nicht allzu viel miteinander zu tun zu haben. „Ich liebe Mode“, beteuert allerdings der Künstler dann aus tiefstem Herzen bei einem Rundgang durch seine Ausstellung in Paris. Beim Deuten seiner Werke oszilliert er dann zwischen fast kindlich anmutenden Erklärungsmustern und philosophischen Sphärenflügen. Natürlich erklärt er in diesem Sinne auch die für ihn typische schwarze Adidas-Trainingsjacke kurzerhand zur Mode, zu einer Art modischer Uniform – aber natürlich eine unideologische, wie er sofort betont. Denn Ideologien sind für Jonathan Meese wie eine Art Pest, die es mit seiner Kunst zu bekämpfen gilt. Das sei der eigentliche Wert der Kunst, doziert er, dass sie in der Lage sei, alle Dinge von ihrem ideologischen Ballast zu befreien, damit das eigentlich Schöne in den Dingen dieser Welt wieder ans Licht komme. In diesem Sinne ist die Mode in den Augen von Jonathan Meese sozusagen die Schwester der Kunst, denn auch in der wahren, unideologischen Mode sei am Ende alles erlaubt.

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Hier im Podcast führt Jonathan Meese durch seine Karl-Lagerfeld-Ausstellung. Und natürlich erklärt er, was Mode mit Kunst zu tun hat: 

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Im Zentrum steht Karl Lagerfeld – die Ikone

Im Zentrum der Ausstellung in Paris steht natürlich der ikonische Karl Lagerfeld, der mit seiner Arbeit große Kunst vollbracht habe, betont der künstlerische Allesanpacker. Doch der Meister ist gezeichnet, hat auf vielen Bildern eine deutlich sichtbare Narbe im Gesicht. Auch das ist ein Topos, der immer wieder auftaucht: der Kampf gegen allerlei Wiederstände in dieser Welt, der tiefe Verletzungen an Körper und Seele hinterlässt. Dieser Hinweis ist bei Meese, der im Kunstbetrieb seit Beginn seines Schaffens ständigen Anfeindungen ausgesetzt ist, durchaus autobiographisch zu verstehen.

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Ein Besucher in der Galerie Templon

Karl Lagerfeld als Fixpunkt im Mode-Universum

Umringt ist Karl Lagerfeld im Meese-Mode-Universum von zahlreichen Mitstreitern wie John Galliano oder Yves Saint Laurent. Die Mode ist dabei allerdings nur ein einigendes Element, „das Faszinierende ist, dass alle diese Personen sehr konsequent und mit allergrößter Hingabe ihre Ideen verfolgt haben“, erklärt der Künstler. Aber wie nicht anders zu erwarten, dehnt Meese den Modebegriff fast bis zum Zerspringen und so tauchen etwa auch König Ludwig II. von Bayern, der Komponist Richard Wagner und natürlich Robespierre oder König Ludwig XIV. auf – schließlich ist man in Frankreich. „Sie alle waren prägend in ihrer Zeit“, erläutert er. Das will der Künstler natürlich nicht nur auf die Mode beschränkt wissen und schwärmt ziemlich ausführlich von den wunderbaren Schlössern den Bayern-Königs. „Früher haben ihn alle für verrückt erklärt und heute sind ihm alle dankbar für die schönen Dinge, die er hinterlassen hat.“

Meese sitzt zwischen den Stühlen

Viele Besucher der Galerie kommen natürlich aus der Modebranche und entdecken sich in den Werken durchaus wieder. Manchem gefällt, dass Jonathan Meese mit seinen Arbeiten ihrer Meinung nach der Haute Couture gnadenlos den Spiegel vorhalte, etwa die fast militärischen Hierarchien oder auch das verbissene Karrieredenken anprangere.  Andere wiederum – ebenfalls Betrachter vom Fach – vermissen den „Tiefgang“ in den Bildern und kritisieren, dass der Künstler von der wirklichen Mode am Ende eben doch nichts verstehe. Und da ist sie wieder, diese Kluft zwischen Anhängern und Verächtern der Meeseschen Kunst. „Ich sitze irgendwie immer zwischen den Stühlen“, sagt der umstrittene Künstler selbst über die Wahrnehmung seiner Werke und wirkt dabei reichlich erstaunt. Tatsächlich ist das aber ein Platz, an dem sich Jonathan Meese inzwischen vortrefflich zurechtfindet. ENDE-ENDE

Leckere Pilze aus der Tiefgarage

Lokal und biologisch produziertes Essen liegt im Trend. Das haben sich die jungen Macher eines Pariser Start-Ups zu Nutzen gemacht. Ihre Geschäftsidee floriert, die Restaurants reißen ihnen ihre Pilze förmlich aus der Hand.

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Pilze aus der Tiefgaragen-Zucht

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Ein Bauernhof im Untergrund

An der Porte de la Chapelle zeigt Paris sein hässliches Gesicht. Der soziale Wohnungsbau der 70er Jahre hat in diesem Viertel seine wüsten Spuren hinterlassen. Schwer zu glauben, dass zwischen diesen Hochhäusern an der Stadt der Zukunft gearbeitet wird. An der Abfahrt zu einer stillgelegten Tiefgarage wartet Jean-Noël Gertz, die Haare im Nacken zu einem hippen Dutt gebunden, um die Schultern eine dicke Fleece-Jacke, ein wichtiges Kleidungsstück bei seiner Arbeit. Der junge Mann telefoniert kurz mit einem Kunden, dann geht es hinab in die Unterwelt der Porte de la Chapelle. „Wir müssen zur Ebene Minus 2“, sagt Gertz und weist den Weg.

Die Luft wird merklich kühler, das Neonlicht verbreitet im Zusammenspiel mit den weiß getünchten Betonwänden einen unbehaglichen Endzeitcharme, schließlich versperrt ein schwerer Vorhang aus transparentem Plastik den Weg. Dahinter verbirgt sich „Cycloponics“, eine Farm rund 40 Meter unter der Erde, wo auf 9000 Quadratmetern Pilze und Chicorée gezüchtet werden.

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Jean-Noël Gertz ist einer der Initiatoren des Projektes und firmiert zwei Jahre nach dem Start als Geschäftsführer. „Die Geschäfte laufen gut“, sagt der studierte Bauingenieur, diese Saison konnten 25 Tonnen Pilze und 60 Tonnen Chicorée geerntet werden – Tendenz stark steigend. Inzwischen sind fünf Leute in der Firma fest angestellt und es gibt rund ein Dutzend Saisonkräfte.

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Die Pilze werden abgeholt

„Die Restaurants und kleinen Einzelhändler in Paris reißen uns die Ware förmlich aus den Händen“, sagt ein wuseliger Mann, der gerade einige Kisten Pilze auf seinen kleinen Wagen stapelt. Auf seinem Sweatshirt prangt das Label von „La Ruche qui dit qui“, einer Online-Plattform, die als Zwischenhändler lokale Lebensmittel vertreibt. „Alles hier ist bio und lokal – das sind die beiden Zauberworte,“ verrät er und macht sich wieder auf in Richtung Tageslicht.

Auf den ersten Blick sieht an diesem etwas unwirtlichen Ort allerdings nichts nach „bio“ aus. Die Zuchtanlage scheint aus einem drittklassigen Science-Fiction-Roman entsprungen. Wo früher Autos parkten, hängen heute lange Metallgitter auf denen längliche, viereckige Substratblöcke liegen. Darüber, knapp unter der Decke, verläuft ein Gewirr aus Rohren, aus denen Tag und Nacht in kleinen Schwaden Wasserdampf dringt und sachte nach untern sinkt. Aus den dunklen Blöcken darunter sprießen die hellen Shiitake-Pilze.

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Jean-Noël Gertz prüft die Qualität der Pilze

„Wir steuern die Anlage von Hand“, erklärt Jean-Noël Gertz. „Mehrere Male pro Tag wird kontrolliert, ob die Temperatur stimmt und der Feuchtigkeitsgrad in der Luft im Normbereich liegt.“ 300.000 Euro hat er mit einigen Freunden vor zwei Jahren in das Start-up investiert. Zuvor hatten sie einen Wettbewerb der Stadt Paris gewonnen, die eine neue Nutzung für die Tiefgarage gesucht hat. Dabei hatten die Verantwortlichen der Verwaltung allerdings nicht nur die Förderung der heimischen Bio-Wirtschaft im Sinn. Der Ort an der Porte de la Chapelle galt über viele Jahre als Hort der Kriminalität im Viertel, es wurden Drogen verkauft und die Prostitution florierte. Nach dem erfolgreichen Wettbewerb machten sich 15 kleine Firmen in der Tiefgarage breit – vom Fahrrad-Laden bis zum Aquarium-Händler – und auf diese Weise wurde die Kriminalität zumindest räumlich verdrängt.

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Nächstes Projekt: Pilz-Soße

Für Jean-Noël Gertz ist das Schnee von gestern, er denkt an die Zukunft , will den Erfolg nutzen und die Angebotspalette seiner Firma erweitern. Nächstes Projekt ist, in der Tiefgarage eine kleine Küche einzurichten, wo ein Teil der Pilze zu Soße verarbeitet wird. „Dann können wir auch die Pilze verwerten, die sich wegen ihres Aussehens nicht für den Verkauf eignen“, sagt er.

Auch versuchen die Macher von „Cycloponics“, den Kreislauf der Wiederverwertung ganz zu schließen, um der Bezeichnung „bio“ auch wirklich gerecht zu werden. Wenn die Substratblöcke, auf denen die Pilze wachsen, aufgebraucht sind, sollen sie in Zukunft aufgebrochen und mit Würmern durchsetzt werden, die dann neues Substrat produzieren, das wieder für die Pilzzucht verwendet werden kann.

IMG_3424Doch damit nicht genug. Jean-Noël Gertz und seine Partner wollen mit dem inzwischen erworbenen Wissen um die Pilzzucht expandieren und auch in anderen Tiefgaragen der Stadt ähnliche unterirdische Farmen aufbauen. Im 19. Arrondissement von Paris, in der Nähe der Métro-Haltestelle Crimée, plant der junge Mann auf knapp 2000 Quadratmetern Champignons zu züchten. Die seien empfindlicher als Shiitake-Pilze und man brauche dafür wesentlich besser überwachte klimatische und hygienische Bedingungen und auch ein Luftfiltersystem. Das sei an der Port de la Chapelle nicht machbar.

Doch nicht nur Jean-Noël Gertz ist zufrieden mit der Entwicklung. Ein alter Mann, der mit seinem Hund am Ausgang der Tiefgarage vorbeischlurft, nickt anerkennend. Dass da unten eine Art Bauernhof sein soll, kann er sich nur schwer vorstellen. Aber eines weiß er: „Ich kann mich noch erinnern, als hier die Drogendealer Autorennen veranstaltet haben“, sagt der Mann. „Nun ist es ruhig und es sind nette Leute hier – und das ist gut so.“

Klare Regeln für die Trottinette

Ein neues Gesetz regelt in Frankreich den Gebrauch von E-Scootern. Die angedrohten Strafen sind bisweilen ziemlich happig.

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Von der Lösung zum Hassobjekt

Der Wildwuchs hat ein Ende. In Frankreich stehen seit Freitag die Regeln fest, die für die Trottinette gelten. Jene E-Roller also, die anfangs als Lösung des Nahverkerhrsproblems gepriesen wurden und inzwischen für viele Menschen zum Hassobjekt geworden sind. Mit den neuen Regeln bekommen die E-Scooter nun auch offiziell einen Namen. Sie heißen: engins de déplacement personnel motorisés, kurz EDPM. Übersetzt in Behördendeutsch: Motorisierte Einzelpersonendeplazierungsmaschinen. Mit Betonung auf „einzel“ – es darf nur noch eine einzige Person darauf fahren.

Die Städte wurden förmlich überrollt

Eine Regelung des Gebrauchs der Trottinettes war in Frankreich dringend notwendig geworden, da die Gefährte invasionsartig die Städte überfluteten. Immer mehr Anbieter drängten vor allem in den Metropolen auf den Markt und schließlich herrschten fast anarchische Zustände. Die Lenker der E-Scooter sahen sich an keine Verkehrsregeln gebunden, es kam deshalb immer wieder zu schweren Unfällen, sogar Tote sind zu beklagen. In Paris etwa sind inzwischen rund 20.000 der Roller unterwegs. Da machte zuletzt auch das Gehen auf den Bürgersteigen zu einem wahren Hindernislauf, da die Trottinettes in der Regel ziemlich wild und rücksichtslos abgestellt wurden.
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Nicht zuletzt aus diesem Grund wurden in Paris bereits vor einigen Monaten strenge Richtlinien für den Gebrauch der E-Scooter eingeführt, die nun im ganzen Land gelten sollen. So muss die Höchstgeschwindigkeit der Gefährte auf 25 Stundenkilometer gedrosselt sein. Wer seine Trottinette zum Boliden aufbohrt und schneller fährt, der muss mit einer Straße von 1500 Euro rechnen. Zudem liegt das Mindestalter des Fahrers nun bei zwölf Jahren. Vorbei sind die Zeiten, in denen Grundschulkinder mit den Dingern den Schulweg unsicher machten. Auch darf nur noch in Ausnahmen auf dem Gehweg gefahren werden. Wer dagegen verstößt, muss 135 Euro berappen. Das heißt: die Trottinette gehören in der Stadt auf den Radweg oder auf die Straße.

Der Gehweg ist grundsätzlich tabu

Und wo kann das EDPM nach der Benutzung geparkt werden? Auch das ist nun geregelt. Grundsätzlich darf das Teil auf dem Gehweg abgestellt werden – wenn es nicht die Fußgänger behindert. Allerdings haben die Bürgermeister in Zukunft die Möglichkeit, den Trottinettes in ihren Städten extra Zonen zuzuweisen. Im Klartext: sollten beim Parken weiter anarchische Zustände herrschen, werden die E-Scooter an die Kette gelegt.

Der Blob, das Wesen mit den Superkräften

Er ist kein Pilz und kein Tier und verfügt über erstaunliche Fähigkeiten. Im Zoo von Paris wird ein Organismus gezeigt, der nicht nur die Wissenschaft fasziniert.

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Der Blob lebt – die Fähnchen zeigen an, wie schnell er sich bewegt. 

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Nacktschnecken lieben den Blob

Der Blob ist ein kurioser Kerl. Er ist kann fressen, ohne einen Mund zu haben, er hat kein Gehirn, ist aber dennoch lernfähig, der Blob hat 720 Geschlechter, kann sich fortbewegen und er ist unsterblich. Die Frage ist: wieso hat ein Wesen mit solchen Fähigkeiten noch nicht die Weltherrschaft übernommen? Audrey Dussutour hat eine sehr einfache Erklärung dafür. „Der Blob wird gefressen“, sagt die Forscherin aus Toulouse, die als eine der weltweit führenden Blob-Expertinnen gilt. Bei Nacktschnecken stehe der Blob ganz oben auf dem Speiseplan.

Genau betrachtet ist der Blob ein alter Bekannter. Seit Anfang der 70er Jahre steht er im Fokus der Wissenschaft, doch immer wieder werden neue Fähigkeiten des mysteriösen Wesens entdeckt. Im Zoo von Paris hat sich am Wochenende nun die Blob-Fangemeinde zusammengefunden und hing gebannt an den Lippen der Wissenschaftlerin, die ihre neusten Forschungsergebnisse preisgab. Nachdem die Frage nach der Weltherrschaft geklärt war, führte Audrey Dussutour ihre Zuhörer tief in die Geheimnisse des Lebens eines Blobs ein. Größtes Faszinosum: niemand kann mit Bestimmtheit sagen, was dieser Organismus eigentlich ist. Er ist keine Pflanze, aber auch kein Pilz, obwohl er Fruchtkörper ausbildet, zudem verhalten sich die Einzeller auch wie Tiere. Offiziell heißt der Blob heißt Physarum polycephalum. Seinen Namen verdankt er einem schlechten Science-Fiction-Film mit dem Titel „Blob – Schrecken ohne Namen“ aus dem Jahr 1958. Darin verschlingt ein außerirdisches Lebewesen alles, was ihm in den Weg kommt.

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Der Blob liebt Haferflocken

In diesem kulinarischen Zusammenhang verrät die französische Forscherin ein kleines Geheimnis. Der Blob liebt Haferflocken. Wie er seine Lieblingsnahrung erkennt, kann sie allerdings nicht genau erklären, denn der Organismus hat weder Augen noch Nase oder ein Gehirn, mit dem er die notwendigen Informationen verarbeiten könnte. Doch weil der Blob ein ziemlich gefräßiger Geselle ist, werden die Haferflocken dazu eingesetzt, die „Intelligenz“ des Organismus nachzuweisen. Denn der Blob findet ziemlich schnell den kürzesten Weg durch ein Labyrinth, an dessen Ausgang sich seine Leibspeise befindet. Und noch faszinierender: der Blob kann sich an den Weg erinnern, das heißt, er ist lernfähig. Zudem kann er das Gelernte an einen anderen Blob weitergeben.

Um das nachzuweisen hat Audrey Dussutour in ihrem Labor einen Blob für ein Jahr „schlafen gelegt“, wie sie sagt. Das ist eine weitere seiner erstaunlichen Eigenschaften, dass der Organismus über viele Jahre oder Jahrzehnte in einer Art „Winterschlaf“ überleben kann. Wird der Blob danach wieder aufgeweckt, erklärt die Forscherin, findet er sofort den einmal gelernten Weg durch das Labyrinth zu den Haferflocken. Verdaut wird das Futter mithilfe eines Enzyms, das das Lebewesen ausscheidet, Mund und Magen fehlen.

Der Blob hat seinen eigenen Charakter

Was es Audrey Dussutour besonders angetan hat, ist die Tatsache, dass der Blob offenbar eine Art Charakter besitzt. Um das zu beweisen, wurden zwei der Organismen – einer aus Australien, der andere aus Japan – in einer Petrischale auf Futtersuche geschickt. Während der Blob aus Australien sich erst einmal gemütlich in der näheren Umgebung „umgesehen“ hat, machte sich der japanische Blop sehr zielstrebig auf in Richtung Futterplatz. Der Organismus bewegt sich fort, indem er seine Außenwand nach außen stülpt. Dazu bewegt er das Plasma in seiner Zelle rhythmisch vor und zurück – wie das genau abläuft, ist bisher aber noch sein Geheimnis.

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Allerdings ist die Sache mit der Fortpflanzung sehr genau geklärt, sagt Audrey Dussutour, und enttäuscht dann die Phantasie mancher Zuhörer, die sich so ihre Gedanken angesichts der 720 Geschlechter gemacht haben. Das laufe nicht wie bei normalen Lebewesen ab, wo Ei- und Samenzelle miteinander verschmelzen. Der Blob überträgt Informationen direkt von einer Spenderzelle auf eine Empfängerzelle, erklärt die Wissenschaftlerin, was auf 720 verschiedene Arten passieren könne. „Von Geschlechtern zu sprechen ist also etwas ungenau.“

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Kinder lieben den Blob – wahrscheinlich wegen seiner geheimen Superkräfte!

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Nachgewiesen ist auch, dass der Blob kein grelles Licht mag. Aus diesem Grund ruht er im Zoo von Paris im Halbdunkel des Vivariums. Über eine interaktive Computeranimation werden die Fähigkeiten des Organismus beschrieben und eine Mitarbeiterin des Zoos steht Rede und Antwort. Vor allen Kinder sind von dem Organismus mit den „Superkräften“ fasziniert und löchern die junge Frau mit Fragen. Der Blob ruht derweil auf einem Ast und macht sich genüsslich über einen Fliegenpilz her. Aber vielleicht wartet er angesichts seiner faszinierenden Fähigkeiten nur darauf, im richtigen Augenblick die Weltherrschaft zu übernehmen – wenn die gefräßigen Nacktschnecken ihm endlich eine Chance dazu geben.

Feuerwehrleute gegen Polizei – das ist Frankreich heute

Bizarre Szenen vor der Assemblée National in Paris. Hochgerüstete Polizisten kämpfen mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Feuerwehrleute, die sich vor dem Parlament versammelt haben. Sie protestieren für eine bessere Bezahlung und höhere Renten. Ein Problem, das auch die Polizisten betrifft.

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Zwei Feuerwehrleute protestieren vor der Assemblée National in Paris

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Die Helden kämpfen für mehr Lohn

Immer wieder werden sie als Helden gefeiert, doch bei der Bezahlung hört die Verehrung auf. Die Feuerwehrleute haben sich zu landesweiten Streiks versammelt, um auf die Misere aufmerksam zu machen. Doch als sich ein Protestzug der Männer und Frauen in ihren Schutzausrüstungen der Assemblée National in Paris nähert, bekommt die Polizei den Befehl, die Leute aufzuhalten. Und die Polizisten kennen kein Pardon. Mit ziemlich rüder Gewalt gehen sie gegen die Feuerwehrleute vor. Doch die wollen nicht weichen, es gibt kleine Rangeleien, die in Prügeleien ausarten. Böller werden geworfen, Wasserwerfer kommen zum Einsatz und einige Polizisten versuchen mit Tränengas die Demonstranten zu vertreiben.

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Verständnis auf beiden Seiten

„Ich verstehe es nicht, dass die Polizisten so hart vorgehen“, sagt einer der Feuerwehrleute, „wir streiken doch auch für die.“ Aber er weiß auch, so sagt er, was es heißt, einen Befehl auszuführen. So kommt es am Rand der Demonstration immer wieder zu Gesprächen zwischen einzelnen Polizisten und Feuerwehrleuten. „Ich kann die Jungs verstehen“, sagt ein Polizist, „aber wenn sie ein Problem bereiten, dann müssen wir dieses Problem lösen.“

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Mit einem Wasserwerfer werden die Feuerwehrleute in Schach gehalten

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Die Fronten sind verhärtet

Ein Feuerwehrmann erklärt, dass sie nur den Politikern ein Schreiben mit ihren Forderungen überreichen wollten, doch sie seien nicht vorgelassen worden. Im Gegenteil, man habe die Polizei gerufen.

Nach einiger Zeit kommt ein Abgeordneter auf die Straße, um die mit den Männern zureden. Eine blau-weiß-rote Schärpe um die Schultern stellt er sich der Diskussion. Doch die Fronten sind verhärtet. Zu oft haben die Männer gehört, wie die Nation ihnen zu Dank verpflichtet sei. Zuletzt nach dem Brand in der Kathedrale von Notre-Dame hat sogar Staatspräsident Emmanuel Macron ihren Einsatz hervorgehoben. Doch gebracht hat es nach der Einschätzung der Männer nichts. Ihre Arbeit ist hart und gefährlich – aber verdammt schlecht bezahlt.

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Auch fordern die Feuerwehrleute einen besseren Schutz, wenn sie bei ihren Einsätzen angegriffen werden. Die Feuerwehren hätten chronisch zu wenig Personal, obwohl sie immer mehr Einsätze leisten müssten, so klage die Gewerkschaften.

Der Protest spiele sich allerdings nicht nur vor der Assemblée National ab, sondern auch auf dem Place de la République – und auch auf der Stadtautobahn. Dort versuchten die Feuerwehrleute mit Nebelkerzen den Verkehr lahmzulegen. Und natürlich kam auch dort ein Wasserwerfer und Tränengas zum Einsatz.

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