„Ich befürchte eine Welle der Islam-Feindlichkeit“

Nach den Anschlägen in Paris zeigen sich auch die Muslime in Deutschland bestürzt. Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, verurteilt die Attacken mit deutlichen Worten. Im Interview befürchtet er eine neue Welle der Islam-Feindlichkeit.

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Herr Sofuoglu, wie schätzen Sie das Attentat von Paris ein?

Die Nachrichten aus Paris von der Anschlagserie sind bestürzend. Solch verheerende Angriffe zählen zu den schlimmsten Katastrophen, die in einem Land passieren können. Vor wenigen Wochen sind ja schon in Ankara bei Bombenattentaten über 100 Menschen ums Leben gekommen. Ich sehe da ähnliche Muster und angesichts der Grausamkeit in beiden Fällen befürchte ich, dass die Terroristen jegliches Gefühl der Menschlichkeit verloren haben.

In Paris hat sich der IS zu den Anschlägen bekannt. Ist das ein Kampf der Islamisten gegen den christlichen Westen? Dagegen spricht, dass auch bei den von Ihnen erwähnten Attentaten in der muslimischen Türkei offensichtlich IS-Terroristen die Drahtzieher waren.

Ich glaube das ist eher ein Kampf des IS gegen den Rest der Welt. Alle Menschen, die sich nicht den fanatischen Glaubengrundsätzen des Islamischen Staates unterwerfen sollen offensichtlich bestraft werden.

Werden die Anschläge Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen in Deutschland haben?

Ich befürchte, dass die Attentate von Paris eine neue Welle der Islam-Feindlichkeit hervorrufen werden. Im Moment herrscht in Deutschland wegen der Flüchtlingskrise sowieso eine sehr angespannte Situation und rechtspopulistische Gruppen wie Pegida oder die AfD werden das für sich ausnutzen. Sie werden sich in ihrer Anschauung und in ihren Argumenten bestärkt fühlen und damit auch noch lauter in der Öffentlichkeit auftreten.

Was können die Muslime in Deutschland nun tun?

Die Muslime und auch die muslimischen Verbände müssen sich nun ausdrücklich gegen die Gewalt richten. Es ist an der Zeit, dass klare Worte gegen den Terror des IS formuliert werden. Fehl am Platz wären jetzt besänftigende Sätze in der Art, dass der Islam im Grunde eine Religion des Friedens ist und solche Gewaltexzesse nicht gutheißt. Wir Muslime müssen den Terror jetzt entschieden und für jeden laut hörbar verurteilen.

Mit Hoffnung gegen den Terrorismus

Der Terrorismus muss an der Wurzel bekämpft werden. Polizei alleine reicht nicht. Entscheidend ist, den Menschen ihre Hoffnung wieder zu geben.  

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Kühlen Kopf bewahren

Nein – der Westen (was immer das sein mag) befindet sich nicht im Krieg gegen den Islam. Auch nicht umgekehrt. Die Terroristen, die in Paris über 100 Menschen in den Tod gerissen haben, mögen diese Sichtweise vertreten haben. Aber sie ist falsch. Und wir sollten uns hüten, eben diese Sichtweise zu übernehmen – es wäre ein kleiner Sieg der blindwütigen Islamisten. Allerdings: Die Pegida-Aufmärsche und der Blick in Twitter oder Facebook lässt erahnen, dass längst auch viele „Verteidiger des Westens“ sich in einem irgendwie gearteten Kriegszustand sehen.

Auch wenn es in dieser Situation schwer fällt, wichtig ist es, die Frage nach dem Warum mit kühlem Kopf zu beantworten und dann auch endlich die Konsequenzen aus den Antworten zu ziehen. Das wird schwer, denn es kommen einige sehr unangenehme Wahrheiten ans Licht.

Erschreckend wenig erreicht

Die erste Wahrheit ist: wir haben im Kampf gegen den Terrorismus erschreckend wenig erreicht. Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo waren alle relevanten Stellen vorgewarnt – wie konnte so ein Anschlag wie nun in Paris dann noch passieren? Das ist eine Frage, die nun die Politik und die Sicherheitskräfte beantworten müssen.

Und doch gibt es noch eine ganz andere Frage. Sie geht viel weiter und betrifft die Ursachen der Probleme. Die Spirale der Gewalt und des Hasses scheint sich bei den südlichen Nachbarn der EU immer schneller zu drehen. Mit den Anschlägen in Paris muss die europäische Gesellschaft erkennen, dass sie die Folgen von Diktatur und Chaos nicht länger ignorieren kann.

Die großen Hoffnung sind zerstoben

Die großen Hoffnungen des Arabischen Frühlings sind nun endgültig zerstoben. Europa beobachtet staunend und zunehmend hilflos die Entwicklung. Den Weg der Radikalsierung und Dämonisierung zu gehen hieße, in alte Verhaltensmuster zu verfallen. Angesichts der Entwicklung ist es aber an der Zeit, neue Ansätze zu wählen. Es ist an der Zeit, den Islamismus an der Wurzel zu bekämpfen. Das heißt aber auch, dass wir die Menschen in der Region endlich Ernst nehmen. Bisher war vor allem der arabische Raum vor allem eine Frage des Öls – die Demokratie stand nie im Vordergrund. Diktaturen wurden von uns akzeptiert und sogar unterstützt. Ist es verwunderlich, wenn die jungen Menschen in jenen Staaten mit ihrem Glauben an die Demokratie auch ihre Hoffnung verlieren und sich radikalen Kräften zuwenden?

Es gilt also, den Menschen ihre Hoffnung wieder zu geben. Das ist eine schwierige Aufgabe, sie ist aber die einzige Chance, den Terrorismus zu bekämpfen – und auch den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Beides liegt im ureigenen Interesse Europas und der Menschen in der arabischen Welt.

Trauern geht auch so: Dieser Pianist hat kurzerhand sein Klavier mit dem Fahrrad zum ‪#‎Bataclan‬-Theater geschleppt und spielt für die Anwesenden «Imagine» von John Lennon.

 

Zur Ehre der Frauen

Es war Guerilla-Akt der besonderen Art. Die Aktivistinnen der Feministinnengruppe „Osez le féminisme“ haben auf der Ile de la Cité im Zentrum von Paris unzählige alte Straßennamen ausgetauscht und mit den Namen von Frauen ersetzt. Sie wollten damit darauf hinweisen, wie wenige öffentliche Straßen oder Plätze nach Frauen benannt sind.

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Die im Jahr 2009 gegründete Gruppe „Osez le féminisme“ konzentrierte ihre Aktion auf das Gebiet rund um die Kathedrale Notre Dame. Der Name der Aktion: FémiCité. Die Gruppe unterstreicht, dass Frauen einen bedeutenden Anteil an der Geschichte hätten, der endlich auch sichtbar gemacht werden müsse. „Nur 2,6 Prozent der Straßen in Paris tragen den Namen einer Frau“, erklärt Marie Allibert, Sprecherin der Gruppe gegenüber der Zeitung „Le Figaro“.

„Osez le feminisme“ wählte für ihre Aktion die Namen von berühmten und weniger berühmten Frauen aus. So etwa auch den der amerikanischen Sängerin Nina Simone, die ihre letzten Lebensjahre in Frankreich verbrachte. Es sind aber auch weniger bekannte Namen zu lesen – zum Beispiel der von Elisabeth Jacquet de la Guerre. „Eine großartige Komponistin und Musikerin, die am Königshof des 17. Jahrhunderts wirkte, eine Zeit, als das Patriarchat wirklich dominant war“, erklärt Marie Allibert.

Ziel der Gruppe ist es, dass die Hälfte der Straßennamen in Zukunft Frauennamen tragen. Die Aktivistinnen wissen, dass sie mit ihrem Ansinnen auch ganz praktische Probleme aufwerfen – und haben auch eine Lösung dafür. Ihr Ziel es nicht unbedingt, dass Straßen umbenannt werden, um Frauen mehr Platz im öffentlichen Bewusstsein zu geben. „Wir könnten einen Place de la Nation – Simone de Beauvoir haben“, schlägt Marie Allibert vor. „Wir möchten, dass berühmte Plätze und symbolträchtige Orte diesen großartigen Frauen gewidmet werden.“