Buhrufe für Marine Le Pen – PR-Gau für die Rechtsauslegerin

Marine Le Pen ist Ablehnung gewöhnt. Aber diesen Auftritt hatte sich das dann doch anders vorgestellt. Beim Gedenken an General de Gaulle auf der île de Sein wurde sie von den Bewohnern unschön empfangen.

20.06.15-ile de seine

Marine Le Pen spaziert durch ein leeres Dorf

Es sollte ein PR-Coup werden. Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Rassemblement National, gedenkt an historischer Stätte dem General de Gaulle. Auf der île de Sein hielt sie eine kurze Rede und legte medienwirksam einen Kranz an einem Denkmal nieder. Soviel zur medialen Inszenierung, doch die Bilder, die dann die Runde machten, sind ganz andere.

Zu sehen ist, wie Marine Le Pen durch eine Geisterstadt spaziert. An ihrer Seite nur ihre eigenen Getreuen. Im regnerischen bretonischen Wetter legt sie einen Kranz nieder. Beim Rückweg zum Hafen geht sie an einer Gruppe von Einwohnern vorbei – die hat ihre jedoch den Rücken zugekehrt. Zu hören sind Buh-Rufe. Kurz zusammengefasst: dieser Besuch ist ein Fiasko. Der von ihr abgelegt Kranz wurde übrigens innerhalb von Minuten im Müll entsorgt.

 

Marine Le Pen beschuldigt die „Antifa“

Die Wut ist bei Marine Le Pen groß. Das sei eine Aktion der „Antifa“ gewesen, beklagt sich die Rechtsauslegerin und sie versucht zu erklären, dass auch sie das Recht habe, den 18. Juni feierlich zu begehen. Schließlich sei sie Nachkommin eines bretonischen Seemanns, der für Frankreich im Zweiten Weltkrieg gefallen ist.

„Je ne vois pas en quoi le fait de venir commémorer le 18 juin pourrait être de la part de quelque Français que ce soit une provocation. Particulièrement de la part d’une petite-fille de marin breton mort pour la France en 1942 et dont le nom est inscrit sur le monument aux morts d’une commune bretonne.“

 

Die Sache mit General de Gaulle ist kompliziert

So einfach ist die Sache allerdings nicht, denn der Rassemblement National – zuvor hieß die Partei Front National – hat ein eher gespaltenes Verhältnis zu General de Gaulle. Dazu muss man auch in die Familiengeschichte der Le Pens durchstöbern.

 Jean-Marie Le Pen, der Vater von Marine Le Pen, verspottete Charles de Gaulle stets als „Landesverräter“ und eigentlicher Erzfeind aller wahren Franzosen. Der Grund: der General gewährleistete einst den Rückzug Frankreichs aus Algerien. Auf Parteitagen des damaligen Front National wurden gerne auch Schweigeminuten für Jean Bastien abgehalten, einen rechtsradikalen Offizier und Organisator eines – misslungenen – Anschlags gegen De Gaulle. Bastien wurde deswegen 1963 hingerichtet.

 

Marine Le Pen wirft ihren Vater aus der Partei

Bei der Gründung des Front National im Jahr 1972 waren übrigens viele ehemalige Kollaborateure der deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg mit von der Partie. Auch alte Partisanen aus Algerien fanden damals eine neue politische Heimat.

Marine Le Pen aber hat sich, nachdem sie ihren Vater aus der Partei geworfen hatte, auch in Sachen Vorbilder neu orientiert. Sie beruft sich nun auf General Charles De Gaulle, den Exil-Führer des Widerstands gegen Hitler-Deutschland und späteren Staatschef. Doch auch wenn Marine Le Pen immer wieder mit ihren Anhängern an das Grab des Generals pilgert, haben die Franzosen den Hass nicht vergessen, der über Jahre von den extremen Rechten über den in Frankreich verehrten General niederging.

Die Île de Sein – eine sehr besondere Insel

Warum sich der Streit gerade auf der île de Sein hochkochte, muss man etwas zurück in der jüngsten Geschichte Frankreichs. Am 18. Juni 1940 verlas General Charles de Gaulle über die BBC seinen berühmten Appell, um die Franzosen zum Widerstand gegen die Nazis aufzurufen. Am 18. Juni finden in Frankreich auch heute noch viele Feiern statt, im Gedenken an die Kämpfer gegen die Faschisten.

Dabei spielt die Insel Île de Sein eine besondere Rolle. Die Einwohner waren besonders häufig in der Résistance zu finden. Unmittelbar nach dem Aufruf von Charles de Gaulle  – die Île de Sein war, anders als die übrige Bretagne, noch nicht von der deutschen Wehrmacht besetzt – legten alle männlichen Bewohner im wehrfähigen Alter, die im Zivilberuf Fischer waren, mit ihren Schiffen ab und schlossen sich den Streitkräften des Freien Frankreich an. Sie machten anfangs ein Viertel der Forces Navales Françaises libres („Freie Französische Marine“, kurz FNFL) aus und veranlassten de Gaulle zu der Bemerkung: „Die Insel Sein ist ein Viertel Frankreichs“.

 

 

Der Bürgermeister war gegen den Besuch

Didier Fouquet, Bürgermeister der Insel im Atlantik, hatte schon vor dem Besuch Marine Le Pens erklärt, dass die Politikerin nicht willkommen sei. Das ist doch nur ein PR-Coup von Marine Le Pen, um von sich reden zu machen, sagte er. Nun sprechen tatsächlich viele über den Auftritt der Rechtsauslegerin – allerdings auf eine andere Weise, als der womöglich lieb sein dürfte.

Marine Le Pens einsamer Kampf gegen den Präsidenten

Frankreich schart sich angesichts der Krise hinter Emmanuel Macron, nur die rechtsnationale Populistin weiß alles besser

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Marine Le Pen ist im Moment auf allen Kanälen zu finden

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Gemeinsam im Kampf gegen das Virus

In Frankreich macht der Begriff der „unité nationale” (nationale Einheit) die Runde. Präsident Emmanuel Macron wiederholt immer wieder, das Land befinde sich im „Krieg“ gegen das Coronavirus. Kritik von der politischen Konkurrenz ist angesichts dieser dramatischen Rhetorik selten, die rigide kontrollierte Ausgangssperre wird überraschend klaglos mitgetragen. Nur Marine Le Pen schert aus dieser Front aus und tut das, was sie am besten kann. Die Chefin des rechtsextremen Rassemblement National poltert mit wütendem Gestus durch die politische Landschaft. Im Fernsehen, Radio oder via Twitter bezichtigt sie die Regierung jeden Tag der Lüge oder wirft dem Präsidenten totales Missmanagement in der Krise vor. Allerdings gelingt es ihr nicht wie in der Zeit vor der Krise, mit ihren Tiraden auch Themen zu setzen.

Marine Le Pen stilisiert sich als eine Art Whistleblowerin, die schon früh vor der Krise gewarnt habe – aber keiner von den Verantwortlichen in Paris habe auf sie gehört. Der Rassemblement National sei schon immer für die Schließung der Grenzen eingetreten oder habe die Abhängigkeit vom Ausland bei der Produktion etwa von Medikamenten angeprangert. Wer ihr widerspricht oder klaffende Lücken in ihrer Argumentation aufzeigt, dem wirft sie vor, „Fake News“ zu verbreiten.

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Das Ziel ist Emmanuel Macron

All diese Angriffe dienen offensichtlich einem einzigen Ziel: sie sollen Emmanuel Macron nachhaltig schaden. Denn es gilt als sicher, dass Le Pen gegen den Amtsinhaber bei den Wahlen in zwei Jahren um den Präsidentensessel konkurrieren wird.

Allerdings muss die Politikerin erkennen, dass ich Katastrophenrhetorik nicht verfängt und die Beliebtheitswerte des ihr verhassten Staatschefs jeden Tag steigen. In der Krise scheinen die Franzosen ein ungeahntes Vertrauen in ihren forsch vorgehenden Präsidenten zu entwickeln. Im Gegenzug steht Marine Le Pen mit ihren Wortmeldungen oft als Besserwisserin da, die selbst keine effektiveren Maßnahmen zur Lösung dieser fundamentalen Krise bieten kann.

Le Pen und die große Verschwörung

Angesichts dieser Situation versteigt sich Marine Le Pen inzwischen in das Verbreiten von Verschwörungstheorien. „Es ist eine Frage des gesunden Menschenverstandes, dass sich die Franzosen die Frage stellen“, raunte sie dieser Tage in einem Interview mit dem Sender „France Info“ ins Mikrophon, „ob das Virus natürlichen Ursprungs ist oder aus einem Labor entkommen konnte.“ Mit solchen Aussagen bedient sie ihr Publikum, denn Studien zufolge sind vor allem die Wähler des Rassemblement National für Verschwörungstheorien empfänglich.

Inzwischen befürchten aber sogar Vertreter aus dem Rassemblement National, dass das aggressive Auftreten von Marine Le Pen der Partei mehr schadet als nutzt. Am Ende, so heißt es warnend, vertraue das Volk dem Zauberer mehr als dem Zauberlehrling.