Kann ein Eisbecher rassistisch sein?

Kann ein Eisbecher rassistisch sein? Viele Internet-Nutze meinen ja – und haben ein Eiscafé an der französischen Côte d’Azur dazu gebracht, zwei Eisbecher von der Speisekarte gestrichen.

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Die Besitzer sind von dem Protest überrascht

„Wir sind keine Rassisten. Wir respektieren jeden!“, schrieben die Betreiber des Cafés Le Poussin Bleu in Saint-Raphaël bei Facebook. Die Eisbecher seien schon auf dem Menü gewesen, als sie das Café vor mehr als 30 Jahren übernommen hätten. „Naiv haben wir diese Eisbecher gelassen wie sie waren, ohne böse Gedanken. Sie reichen sicherlich bis in die Kolonialzeit zurück, aber die Vergangenheit hat das Frankreich von heute gemacht.“

Der Becher „Afrikanisch“ war mit einem Meringue-Bällchen mit Schokoladenüberzug und dicken roten Lippen verziert gewesen. Der Becher „Chinesisch“ war ein Zitronensorbet mit gelbem Meringue-Bällchen als Kopf und darauf gemalten schmalen Augen.

Die Besitzer schreiben auf Facebook, dass sie selbst Einwanderer seien und niemanden beleidigen wollten.

Ma famille est issus de l immigration, ma grand mère est arrivé jeune avec ses parents pour quitter la misère du sud de l Italie, mon grand père a fui le fachisme de Mussolini.

Ils ont travaillé dure dans le bâtiment pour lui, dans les ménages pour elles.

A l époque les italiens étaient traités de toute sorte de noms péjoratifs, « bons qu’à jouer de la mandoline » , « ritals », « macaronis » d ailleurs soit dit en passant personne n a jamais voulu interdire les pâtes du même nom !!!

Mes oncles, mon père ont acquis au prix de beaucoup de travail et de courage cet établissement, la carte des glaces, existait déjà , nous ne sommes pas « racistes » nous respectons tout le monde!

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Aufruf via Twitter zum Boykott

Am 20. Juli hatte es via Twitter einen Aufruf gegeben, Le Poussin Bleu wegen seiner rassistischen Eisbecher zu boykottieren. Bis Dienstag hatte der Tweet Zehntausende Likes und Retweets bekommen.

Doch nicht alle Internauten sind der Meinung, dass die Eisbecher verschwinden müssen. Viele zeigen auch ihre Solidarität mit den Besitzern.

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Nach einem „Sturm der Gewalt und Beleidigungen“ hätten sie sich entschieden, die Eisbecher von der Karte zu nehmen, teilten die Betreiber mit. „Afrikanisch und Chinesisch durch die sozialen Netzwerke zu Fall gebracht“, lautete die Überschrift des Beitrags. „Diese Eisbecher haben vielen Generationen von Familien unterschiedlicher Herkunft Freude gemacht. Wenn sie zuletzt ein paar Menschen gestört haben, dann tut uns das leid.“

Bildersturm in Frankreich – Dieses Mal trifft es Voltaire

Auch in Frankreich werden inzwischen Statuen beschädigt oder gestürzt. In diesem Fall hat es Voltaire und Hubert Lyautey getroffen. Beide Taten haben mit der Rolle der Männer während der französischen Kolonialzeit zu tun.

 

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Eine Statue von Voltaire ist in Frankreich mit roter Farbe begossen worden. Der Denker aus der Zeit der Französischen Aufklärung hatte einen Teil seines Vermögens mit dem Handel während der Kolonialära gemacht. Seine war eine von zwei Statuen in Paris im Zusammenhang mit der Kolonialherrschaft von Frankreich, die am Montag rot bemalt wurden. Die Aktion ereignete sich angesichts Forderungen von Anti-Rassismus-Aktivisten, Denkmäler zu Ehren von Persönlichkeiten abzubauen, die Verbindungen zum Sklavenhandel oder dem Kolonialismus hatten.

 

 

 

Die andere Statue war von Hubert Lyautey. Lyautey war in Marokko, Algerien, Madagaskar und Indochina tätig, als diese von Frankreich kontrolliert wurden. Lyautey war später Kriegsminister von Frankreich während des Ersten Weltkriegs. Die Statue befindet sich nahe dem Invalidendom, in dem sich das Grab von Napoléon Bonaparte befindet.

 

 

Die Aktionen kommen nach weltweiten Protesten, die von dem Tod von George Floyd in den USA am 25. Mai ausgelöst wurden.

Ein Text voller Wut über die weiße Ignoranz

Der Tod von George Floyd hat die USA erschüttert. Doch auch in Frankreich gehen nun die Menschen gegen die Polizeigewalt auf die Straße. Die Schriftstellerin Virginie Despentes prangert in einem offenen Brief den Rassismus in ihrem Land an.

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In Paris vor dem Justizpalast versammeln sich Zehntausende Menschen um gegen Polizeigewalt und Rassismus zu demonstrieren.

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Die Lücke zwischen gefühlter Wahrheit und Wirklichkeit

Virginie Despentes beginnt ihren offenen Brief mit einem Hinterhalt. „Wir in Frankreich sind keine Rassisten“, schreibt die französische Schriftstellerin – und man ist gewillt, zu nicken. „Aber ich erinnere mich nicht, je einen schwarzen Minister gesehen zu haben.“ Da schnappt die Falle zu! Despentes stellt die gefühlte Wahrheit gegen die Wirklichkeit – und da klafft in vielen Fällen eine abgrundtiefe Lücke. Aus diesem Grund überschreibt sie ihren Text, den der Sender „France Inter“ veröffentlicht hat: „Brief an meine weißen Freunde, die nicht wissen, wo das Problem liegt …“ Wobei die Schriftstellerin durch einige einfache Fehler ihren Gegnern Angriffsfläche bietet. So war etwa Christiane Taubira, geboren in Französisch-Guyana, vor einigen Jahren Justizministerin und die aktuelle Regierungssprecherin Sibeth Ndiaye stammt aus dem Senegal.

Hier der Beginn des offenen Briefes von Virginie Despentes:

En France nous ne sommes pas racistes mais je ne me souviens pas avoir jamais vu un homme noir ministre. Pourtant j’ai cinquante ans, j’en ai vu, des gouvernements. En France nous ne sommes pas racistes mais dans la population carcérale les noirs et les arabes sont surreprésentés. En France nous ne sommes pas racistes mais depuis vingt-cinq ans que je publie des livres j’ai répondu une seule fois aux questions d’un journaliste noir.

Die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit

Aus jeder ihrer Zeilen aber spricht der Furor über eine Gesellschaft, die sich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf die Fahne geschrieben hat und doch jeden Tag sehenden Auges zum Himmel schreiende Ungerechtigkeiten geschehen lässt. Angestachelt wird ihre Wut dadurch, dass angesichts des brutalen Todes von George Floyd in Minneapolis auch in Frankreich eine empörte Diskussion über Polizeigewalt vor allem gegenüber Schwarzen stattfindet – und von vielen Franzosen ignoriert wird, dass in ihrem eigenen Land wenn nicht dieselben, so doch ähnliche Probleme zu finden sind.

Der gewaltsame Tod von Adama Traoré

Deswegen bezieht sich Virginie Despentes in ihrem offenen Brief nicht auf den Tod von George Floyd im den fernen USA, sondern auf Adama Traoré, ein junger, farbiger Franzose, der 2016 in Polizeigewahrsam gestorbenen ist. Seine Schwester Assa hatte am Dienstag zu einer großen Demonstration in Paris aufgerufen – Zehntausende gingen auf die Straße. Der Fall weist Parallelen zum gewaltsamen Tod von George Floyd auf. Die Anwälte der Familie sagen, Polizisten hätten Traoré zu Boden gedrückt und ihm die Luft abgeschnitten. Gutachten der Justiz machen eine Herzerkrankung für den Tod verantwortlich.

Wenn Opfer zu Tätern gemacht werden sollen

Virginie Despentes klagt auch an, dass die schwarzen Franzosen von der weißen Mehrheitsgesellschaft immer wieder für ihre Misere selbst verantwortlich gemacht wurden. Man sei kein Rassist, schreibt die 50-Jährige, wenn man betone, dass während der Corona-Krise die Todesrate in dem berüchtigten Pariser Banlieue Seine Saint Denis sechzig Mal höher lag als im Landesdurchschnitt. Man erlaube sich zu sagen, „das ist eben so, weil sie sich schlecht verhalten“. Doch niemand fragt nach, unter welchen Lebensbedingungen die Familien in den engen Hochhausgettos leben.

Die Autorin, bekannt durch den Roman „Baise-moi – Fick mich“ und die Trilogie Vernon Subutex, schreibt weiter: „Ich kann nicht vergessen, dass ich eine Frau bin. Aber ich kann vergessen, dass ich weiß bin.“ Wer nicht weiß sei, habe diese Wahl in Frankreich nicht. Sie könne jeden Tag ohne Ausweis das Haus verlassen, bemerke die Polizei in der Stadt gar nicht. Aber: „Das letzte Mal, als ich um meine Papiere gebeten wurde, war ich mit einem Araber unterwegs.“

Keine Lösungen – aber sehr viel Wut

Virginie Despentes liefert keine Lösungsansätze, sie schleudert ihren Landsleuten ein wütendes Pamphlet ins Gesicht. Aus ihr spricht eine lange aufgestaute Wut. Es ist die Wut über die soziale Ungerechtigkeit im Land, die bereits die Gelbwesten in Frankreich auf die Straße getrieben hat. Es ist die Wut, die den Protest vieler Frauen angesichts der oft ungesühnten Gewalt von Männern gegenüber ihren Partnerinnen befeuert hat. Und es ist die Wut über den alltäglichen Rassismus in Frankreich. Und es ist vor allem die Wut gegenüber einer saturierten und ignoranten Gesellschaft, die in diesen Ungerechtigkeiten kein Problem sehen will.

Ist Alice Weidel fremdenfeindlich?

Hat sie oder hat sie nicht? Zwei Wochen vor der Bundestagswahl ist eine E-Mail mit rassistischem und demokratiefeindlichem Inhalt aufgetaucht, die angeblich von der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel stammen soll. Der Pressesprecher der Partei, Christian Lüth, spricht von „Fakenews“.

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Alice Weidel wurde immer als liberales Gegengewicht zu Alexander Gauland angesehen. Doch nun zeigt sich, dass diese offensichtlich nicht der Fall ist – im Gegenteil. Die schreibt in der Mail:

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„Der Grund, warum wir von kulturfremden Völkern wie Araber, Sinti und Roma etc. überschwemmt werden, ist die systematische Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft als mögliches Gegengewicht von Verfassungsfeinden, von denen wir regiert werden.“

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Über die berichtet die Zeitung  „Welt am Sonntag“ am Wochenende.

Die Mail, um die es geht, stammt aus dem Frühjahr 2013. Damals war Weidel noch nicht Parteimitglied. Sie begann laut Welt am Sonntag aber, sich im AfD-Vorläufer „Wahlalternative 2013“ zu engagieren. Der elektronische Brief soll an einen Vertrauten gegangen sein, der sich inzwischen offenbar mit Weidel überworfen hat.

Der Zeitung liegen nach eigener Darstellung eine eidesstattliche Versicherungen sowie weitere Aussagen vor, aus denen hervorgehen soll, dass die heutige AfD-Spitzenkandidatin tatsächlich die Urheberin der Mail ist.

Die Reaktionen auf die Mail sind sehr deutlich. Die meisten politischen Gegner fühlen sich darin bestätigt, dass das Führungspersonal am ganz rechten Rand des politischen Spektrums zu veroreten ist.

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Boris Palmer, grüner Oberbürgermeister von Tübingen, findet deutliche Worte für die AfD-Politikerin.

„Wer Andersdenkende als Schweine sieht und die Regierung als Marionetten sieht, sollte nicht im Bundestag sitzen. Und wenn diese Mail von Alice Weidel stammt, dann darf man sie mit Recht als Rassistin bezeichnen.“

Allerdings gibt es auch Stimmen, die der Realtität wohl sehr nahe kommen. Die Anhänger der AfD haben ein sehr geschlossenes Weltbild, die sich von solchen Meldungen nicht irritieren lassen. Im Gegenteil: der Zusammenhalt wird noch weiter vertsärkt.

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Genau in diesem Sinne reagiert auch Erika Steinbach. Die Veröffentlichung stößt bei ihr auf Empörung. Der Tweet mit zwei (roten!!) Ausrufezeichen spricht eine deutliche Sprache. Natürlich glaubt auch sie an eine Verschwörung und an eine Fälschung. Erst wenige Tage zuvor hatte sie bei einer Wahlveranstaltung in Pforzheim Werbung für die AfD gemacht.
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Und natürlich auch AfD-Pressesprecher Lüth macht das, was er tun muss. Er spricht von einre Fläschung.

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Wen Alice Weidel sich gegen die Veröffentlichung der Mail gerichtlich wehrt, werden Sachverständige untersuchen müssen, ob das Schriftstück echt ist. Allerdings denken sehr viele Anhänger wohl so wie Weidel. Ein User schreibt, er würde zwar nicht die Worte der AfD-Politikerin benutzen – aber Recht habe sie in der Mail dennoch.


NACHTRAG:

Am Sonntag (10.09.2017) stellte sich die AfD-Spitzenkandidatin live im WELT-Wahlchat den Fragen der Leser. Und die wollten von Weidel direkt wissen, ob diese Mail tatsächlich von ihr stamme. Hier die Berichterstattung aus der „Welt“ zu dem Thema:

►Szene ansehen: Weidels Reaktion auf die Vorwürfe

Weidel reagierte ausweichend und suchte zunächst nach den richtigen Worten. „Ich finde das einfach unfassbar“, sagte sie schließlich. „Zu diesem Thema habe ich gestern auch durch meinen Sprecher alles gesagt. Zwei Wochen vor der Bundestagswahl werde ich wirklich nicht über jedes absurde Stöckchen springen, das man mir hinhält, und diese plumpe Kampagne auch noch selbst befeuern. Das mache ich nicht.“

Auf die Frage, ob sie eidesstattlich versichern würde, dass die Mail nicht von ihr stamme, antwortete Weidel: „Das werden Sie sehen, was wir tun werden.“ Ihre Anwälte seien mit der Angelegenheit befasst. Weidel unterstellte, dass der AfD kurz vor der Wahl ein juristisches Verfahren aufgezwungen werden solle. „Ich werde mich daran jetzt nicht beteiligen. Man wird sehen, was da passieren wird.“ Den Fälschungsvorwurf des AfD-Sprechers Christian Lüth wiederholte sie nicht.